Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-12-08 · 49 (8.12.1905) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
49 (8.12.1905)
Date
1905-12-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021602-3021652--15003-3039745
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 780 . Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Nr. 49 des Vereines für Krankenpflege und Unterstützung Handlungsangehöriger Jfraeliten S. Heit und Armenvorsteher Jofef Jelinek, der Präsident des Humanitätsvereins Dr. Edmund K o h n, Oberinspektor R. F. E n g e l u. v. A. m. Emil Jelinek. Ei» Jnrnrortellenkranz. Man weiß in Wien offenbar nicht, wen man dort vor wenigen Tagen zu Grabe trug, welch' edles Frauenherz zu schlagen aufgehört hat, nachdem es lange für die Unglücklichen und Notleidenden ihres Volkes, für alle Humanitären Bestrebungen und Hilfsvereine in warmfühlender Weise schlug. Frau Amalie N i r e n st e i n war die würdige Tochter ihres edlen Vaters, des Herrn Mayr Ritter v. Kallir, der vor etwa drei Dezennien die hervorragendste Stellung unter den Juden Galiziens und die führende Rolle einnahm. Ein Mann von Herz, Geist, Wissen und klarem Blick, unabhängig und energisch, wußte er sich schon zu Zeiten, als die Juden noch das Joch der Sondergesetze trugen, eine exklusive Stellung zu verschaffen, die nach ihm ungeschmälert sein Sohn, der Reichsratsabgeordnete Nathan Ritter v. Kallir, einnahm und in trefflicher Weise ausfüllte, während sein Ehrgeiz, sich nützlich zu machen, den Minderen beizustehen, den Unglücklichen zu helfen, Brosamen auszustreuen, wo es an Nahrung fehlte, auf diese seine Tochter überging, die lange das eoeur d’ange Brodys war, wo sie sich ein unvergängliches Monument in den Herzen der jüdischen Bevölkerung errichtete! — Glücklich in ihren Verhältnissen und in ihrer Familie, neidlos getragen von der Sympathie aller Schichten der dortigen Bevölkerung, stand Frau Amalie Niren stein stets in erster Reihe, wo es zu helfen galt, und hatte, wie später in Wien, eine offene Tür, ein offenes Herz und eine offene Hand für die vielen Bedürftigen, die ihre Milde anzog. Es war ein Trauertag für Brody, als es hieß, die alt eingesessene Patrizierfamilie übersiedle nach Wien; vorzugsweise beklagte man den Abgang der wohltätigen Dame, die so viel Gutes stiftete, allen frommen Vereinen angehörte, dem Spital, dann dem Siechen- und Waisenhaus, der Volksküche, der Kinderbekleidung und so mancher anderer Unterstützungsanstalt tatwillig Vorstand und unermüdlich im Helfen war. Aber auch aus der Ferne quoll der Born ihrer Gaben für die Institute und die bedürftige Bevölkerung ihrer früheren Heimat in reichem Maße. Sie betrachtete den Reichtum, den der Himmel in ihre Hand gelegt, als ein teilweises Vermächtnis zu Gunsten der Armen, das sie treulich hütete. Und selbst später, als Frau Nirenstein bei vorgerücktem Alter und abgenommener Gesundheit aus der Sonnenseite des Lebens immer mehr in das freudelose Dasein hinabstieg, wo das frohffte Herz in Egoismus verkalkt, wo die ganze Menschheit wie im Nebel immer mehr zurückweicht, das trübe Auge nichts mehr sieht, das taube Ohr nichts mehr hört von ftemdem Leid und fremdem Weh — die edle Frau bewahrte sich immer noch Einen Strahl aus ihrer sonnigen Vergangenheit, einen Strahl, der ihr bis in die Nacht des Grabes leuchtete, das W o h l t u n, welches ihr Lebensberuf und ihr Lebenszweck war! Alle, die die Verklärte kannten, haben sie verehrt und werden ihr ein pietätvolles Angedenken bewahren, das Generationen überdauern wird. Teplitz. Leo Herzberg-Fränkel. Budapest. (Zeichen der Zeit.) Unter diesem Schlagwort schreibt das „Neue Pester Journal": „Immer dunkler und dichter hüllen die Wolken das politische Firmament ein. Kein erlösender Strahl zeigt sich, der die Kraft hätte, das schwere Gewölk siegreich zu durchbrechen, schwarz und kalt sieht es um uns aus und es dünkt uns schier, daß die politische Polarnacht mit ihrer trostleeren Endlosigkeit begonnen hat. Und in der politischen Nacht wagen sich die lichtscheuen Gedanken und Absichten ans Licht. Je tiefer die Nacht sich senkt, um so häufiger und dreister kriechen die Tierchen hervor, die bisher den Glanz der Sonne gescheut haben. Besonders frech geberdet sich das konfessionelle Tierchen, welches die Zeit für gekommen zu halten scheint, in der es seinem Plaisirchen fröhnen kann. Und es wird umso dreister, als ffhm nicht bloß von keiner Seite die Gefahr des Zertretenwerdeüs droht, sondern der Kamm schwillt ihm noch umso stolzer, als er in dem großen Pelz der Koalition, in dem manches Ungeziefer haust, eine warme, schützende Hülle gefunden hat. Unter dieser Decke liegen gar sonderbare Schlafgenossen, von denen sich Genosse Klerikus und Genosse Demokrat am wenigsten vertragen und sich gegenseitig mit bundesgenössischen Fußtritten und prinzipienverwandten Rippenstößen anfreunden, so daß man des entzückenden Schauspiels froh werden kann, wie bald Vüzsonyi, bald „Alkotmäny" aus dem auf Kündigung gemieteten Monatbett der Koalition herausfällt und zu Vater Kossuth läuft, um flennend den schlimmen Bruder wegen seiner konfessionellen Unverträglichkeit zu denunzieren. Dabei geht es Vüzsonyi in der Regel am schlimmsten, denn wenn ihm Kossuth eine Beschwichtigungspastille zu schlucken gibt, muß er von den eigenen Anhängern den Vorwurf hören, daß es doch eine politische Betise war, als er den Bruderkuß auf die klerikale Lippe gedrückt hat, von der ihm nun jeden gottgegebenen Tag der roheste Hepp-Hepp entgegenklingt, bis er ihn zu dem Endpunkte seiner krausen Politik: dem Sprung aus der Koalition, drängen wird. Und auch aus anderen feuchtdunklen Winkeln des Landes kriecht das konfessionelle Gewürm hervor. Ein Zoltün hat sich mit Mühe und Not von dem Anwurf befreien können, daß er in einer Agitationsrede das Wort Kischenew mit verdächtigem Tonfall und klarer Beziehung auf jüdische Wähler, die nicht seine Wähler sind, ausgesprochen. Hier ein anderer Fall von dem Auftauchen des konfessionellen Insekts: Der Präsident der Szombathelyer Unabhängigkeitspartei bekannte sich jüngst, wie wir dies schon gemeldet haben, offen als Anhängerder Christlich-Sozialen. Diese Erklärung erregte bei den freisinnigen Elementen der Szombathelyer Unabhängigkeitspartei begreiflicherweise großen Resens und mehrere derselben verlangten auch die Demission des Präsidenten, weil sie die Zugehörigkeit zur Kossuth-Partei mit einem christlichsozialen Bekenntnis für nicht gut vereinbar hielten. Franz Kossuth, hierüber um seine Meinung befragt, sandte, wie das offiziöse Organ der Kossuth-Partei meldet, folgendes Telegramm an den Szombathelyer Parteipräsidenten: „In Anbetracht dessen, daß Sie sich offen zu den Prinzipien unserer Partei bekennen, sehe ich keinen Grund zu Ihrem Rücktritt, vielmehr bitte ich Sie, um Wirren zu vermeiden, in Ihrer Stellung zu verbleiben. Die christlich-soziale Partei verfolgt als politische Partei natürlich eine andere Richtung als die Unabhängigkeitspartei, aber ein Anhänger der Unabhängigkeitspartei kann selbstredend auf gesellschaftlichem Gebiete jene Bestrebungen der Christlich-Sozialen unterstützen, welche nicht politischer Natur sind und zum Programm der Unabhängigkeitspartei nicht im Gegensätze stehen." — Bisher hat alle Welt geglaubt, daß die Unabhängigkeitspartei durchaus von freisinnigen Tendenzen geleitet sei, während es von den Christlich-Sozialen offenkundig ist, daß sie reaktionärklerikale Tendenzen verfolgen, und daß dieserhalb eine unüberbrückbare Kluft zwischen den Anhängern dieser beiden Richtungen gähnt. Franz Kossuth scheint aber anderer Meinung zu sein, wie dieses Telegramm zeigt. Wie diese Vereinigung möglich ist, das klärt er allerdings nicht auf, sondern hüllt es wohlweislich in lauter Dunkelheit. Da aber in solchen grundlegenden Fragen Klarheit die erste Pflicht ist, sind wir wirklich darauf begierig, wie sich denn Franz Kossuth es vorstellt, daß Jemand gleichzeitig politisch freisinnig und gesellschaftlich reaktionär-klerikal sein kann. (Wegen Raummangels aus der vorigen Nummer unseres Blattes zurückgeblieben. A. d. R.) Der Zentralverein zur Pflege jüdischer Angelegenheiten in Prag hielt Sonntag den 3. Dezember 1905, nachmittags, seine diesjährige Vollversammlung ab, welche infolge der auf der Tagesordnung befindlichen Trauerkundgebung für die Opfer der russischen Judenmaffakres, einen besonders stattlichen Besuch aufwies. Der Obmannstellvertreter Herr Siegfried Liebers, welcher infolge Verhinderung des Obmannes Herrn kais. Rates Philipp F a l k o w i c z den Vorsitz führte, eröffnete die Versammlung, indem er der tiefsten Trauer um die Unglück-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.