Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 49 (8.12.1905)
- Date
- 1905-12-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 49 Dr. Wlocb's MocbenscbrM. Seitk 777 gelobte Land richtete, — da herrschte allgemeine Ratlosigkeit, wer sein Nachfolger werden solle. Der nächste Anwärter, Max Nordau, mit glänzenden Gaben nicht minder bedacht als Herzl, hatte sich um den Kopf geredet, als er mit seiner mächtigen Beredsamkeit für Ostafrika sprach. Er empfahl das Land als „Nachtasyl" für die bedrängten obdachlosen Massen. Die Vertreterder Massen wollten nicht. Man darf nicht gering denken von solcher Opposition, die weiter Drangsal und Not dulden will, nurZum nicht von einem religiösen und nationalen Ideal ablassen zu müssen. Noch ein Mann war auf dem Plane, der zur Nachfolgerschaft berufen schien — Israel Zangwill, ein Mann mit reinem, leidenschaftlichem Wollen, mit seiner hinreißenden Beredsamkeit. Wenn er in einer Frage das Wort ergriff, da wurde es förmlich Licht. Ein moderner' Kultur- und Geistesmensch mit echt altjüdischem Empfinden und mit einer Begeisterung für die jüdischen Ideale. Auch er ward abgetan. Denn auch er selbst hatte im brennenden Mitgefühl für die Leiden seines Volkes, in tiefem Erbarmen mit den unsäglichen Elend allerwärts dem Nachtasyl das Wort geredet, auch er war bereit, den drängenden Forderungen der Gegenwart eine historische Tradition zu opfern, wenigstens zeitweilig. Er ist nun völlig ausgeschaltet und von den Zionisten strikter Observanz beinahe in Bann getan. Er hält seine Fahne noch immer aufrecht, aber die eigentlichen Zionisten stehen unter dem Verbote, ihr zu folgen. Da versucht er es nun, auf eigene Faust und aus eigener Kraft und nur auf sich selbst^ gestellt das Werk aufzurichten, das vom Kongreß im Keine vernichtet worden sollte. Hier ein General ohne Armee, dort eine Armee ohne General. Hätte Zangwill die Organisation und die Machtmittel, die Herzl geschaffen, zu seiner Verfügung, dann ließen sich große Erwartungen an die Tatsache dieses impulsiven und großen Menschen knüpfen, aber auch so sind noch Hoffnungen berechtigt aus Zangwills Werk, gestützt durch eine tiefe Liebe zu seinem Volke, durch ein allumfassendes Erbarmen mit den Leidenden, angetrieben durch ein brennendes Verlangen, Hilfe zu bringen, und endlich beseelt durch einen starken' Willen und durch einen durchdringenden, klaren Verstand. Es war Herzls Lehre, daß der Zionismus sich nicht in Philanthropie verlieren dürfe. Und die Lehre war richtig, so lange sich dem Zionismus Palästina als einziger Ausblick darbot. Abstrakt genommen, mag sie überhaupt richtig sein. Ein Zionismus, der auf ein anderes Ziel, denn auf Zion gerichtet wäre, wäre kein Zionismus mehr. Das schließt aber nicht, aus, daß die Schaffung einer Heimstätte für die verfolgten Massen des Judentums ein schmerzlich empfundenes Bedürfnis und eine Aufgabe ist, wert der einmütigen Förderung durch die gesammte Judenschaft. Wird sich die Teilnahme der Judenschaft den Bestrebungen Zangwills zuwenden, dann wird auch diese erlösende Aufgabe erfüllt werden. Ohne diese Teilnahme allerdings nicht. Man braucht nicht erst die obenzitierte Interpellation des Abgeordneten Sturm zu lesen, um zu erfahren, wie es um die Juden in Oesterreich bestellt ist. Es steht nirgends in der Welt gut um sie. Gelänge es, einen starken Abfluß zu erzielen, so hätten nicht nur die Auswanderer den Vorteil, es stünde auch um die Zurückbleibenden besser. Allerdings — man sollte nicht Hoffnungen erwecken, die sich dann nicht oder nur unvollkommen erfüllen könnten. Aber um des Himmelswillen, besser ist bald etwas, als die stetige Todesangst und die Anwartschaft, heute oder morgen ausgeplündert und totgeschlagen zu werden. Es ist sehr fraglich, ob die Gegnerschaft gegen Uganda eine so hartnäckige geblieben wäre, wenn sich die blutigen Ereignisse der letzten Wochen vor der Beschlußfassung des Kongresses ereignet hätten. Keine Philanthropie! lehrt der Zionismus, vollkommen berechtigt von seinem Standpunkte aus, aber seine Nationalbank hat doch 2000 Pfund Sterling für die Opfer der Greuel in Rußland votiert. Wer könnte das mißbilligen? Und doch ist die Verwendung dieses Geldes satzungswidrig und doch ist das Prinzip durchlöchert worden. Die Dinge sind so weit gediehen, daß jetzt jede Aktion für die Juden von selbst zu einer philanthropischen wird. So ist die Lage der Juden in der Gegenwart. Hilfe tut not, und nicht die akademische Diskussion über Traditionen, so wertvoll sie auch sein mögen. Einem Menschen in Todesnöten muß man die hilfreiche Hand reichen, nicht aber ihn auf eine Zukunft verweisen und ihm wohlgemeinte Vorlesungen halten. Zangwill will das Nachtasyl schaffen, und wenn das auch nicht der reine Zionismus ist, so ist der Gedanke doch der Unterstützung durch das ganze Judentum wert. Nur so aber kann er auch verwirklicht werden. Wohlan denn, ihr Kardinäle, die ihr mit euren Mitteln zurückhieltet bei dem Werke Theodor Herzls; ihr Großen im Reiche Israels, die Bedenken, die ihr damals hegtet, find hier nicht mehr stichhältig, hier winkt eine große und erhebende Arbeit. Israel Zangwill hat das Seinige getan, auf ihr Kardinäle —! Abgeordneter Dr. Ktrancher für jüdischnationale Autonomie. Am Schluffe einer längeren Rede über das allgemeine und gleiche Wahlrecht sagte Herr Abgeordneter Dr. S t r a u ch e r am 4. Dezember: Wenn ich, hohes Haus, zum Schluffe, da ich den Ausführungen des Herrn Abgeordneten Dr. Skedl zum größten Teile zustimme, noch von meinem exzeptionellen Standpunkte einer Frage näher trete, so geschieht dies deshalb, weil ich einer starken und berechtigten Strömung in mehrfachen Schichten der jüdischen Bevölkerung pflichtgemäß Rechnung tragen muß. Es ist bekannt, daß derzeit in jüdischen Kreisen eine Bewegung herrscht, die dahingeht, auch die Judenschaft der nationalen Autonomie teilhaft werden zu lassen, sich im Zeichen der nationalen Autonomie und der Sozialreform zu organisieren. Die Judenschaft beansprucht sonach eine eigene nationale Vertretung im Parlamente als national-politische Individualität, als welche sie betrachtet werden will; die Zahl der der Judenschaft einzuräumenden Vertreter habe ihrer Volkszahl und wirtschaftlichen Kraft zu entsprechen. (Abgeordneter Daszynski: Will man Jargongymnafien oder nicht?) Darum handelt es sich nicht; es kann auch ein Volk bestehen, welches neben seiner eigenen Schrift- und Literatursprache im Umgänge, bürgerlichen Verkehre und in der Bildung die Sprache eines anderen Kulturvolkes gebraucht und dennoch eine eigene national-politische Individualität besitzt. Ich verweise diesbezüglich, wie es schon der Herr Abgeordnete Romanczuk getan hat, auf die Irländer. Die Forderung ist einmal da, ebenso ist der Wunsch und das Bestreben großer jüdischer Volkskreise nicht nur in Galizien und in der Bukowina, sondern auch im Westen Oesterreichs nach einer eigenen jüdischnationalen Sondervertretung im neuen Parlamente vorhanden. Die Tatsache besteht. Der Herr Ministerpräsident hat ja ausdrücklich in seiner Enunziation hervorgehoben (liest): „Die Regierung darf nicht die nationale Vertretung eines Volksstammes geradezu verkümmern, weil das Parlament dann nicht mehr das richtige Abbild Oesterreichs wäre und weil eine Wahlreform, die sich diesen Verhältnissen verschlösse, leicht wie eine bloße äußerliche Tünche abbröckeln würde." Die Juden bilden einen eigenen Volksstamm. Ob und in welchem Maße die von mir gekennzeichnete Richtung und Strömung berechtigt, praktisch realisierbar ist u. dgl., will ich vorläufig unerörtert lassen; ich rechne mit der Tatsache, daß sie besteht und daß mir mehrfach nahegelegt worden ist, diese Forderungen hier zu vertreten. Und wenn die Tatsache besteht, so glaube ich, daß es eine Forderung ist, der die Regierung bei der praktischen Verwirklichung der in Aussicht gestellten Wahlreform die verdiente Beachtung schenken möge. Ich weiß, daß die Besprechung einer derartigen Frage hier im hohen Hause nicht populär ist (Zwischenrufe) oder daß sie — gelinde gesagt — nicht gerne gehört wird. Das weiß ich ganz gut. Allein die Zeiten find ernst und die Judenschaft