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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-12-08 · 49 (8.12.1905) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
49 (8.12.1905)
Date
1905-12-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 776 Dr. Dlocb's Mocvenscvrttl. Nr. 49 stadt ausübten (Kostet und Mißlitz) sind zugleich mit den zugehörigen Christenstädten in die Liste der Städte ausgenommen worden, so daß nach der abgeänderten Wahlordnung 22 Judengemeinden in der Städte- und 5 in der Landgemeindenkurie ihr Wahlrecht ausüben werden. Vom jüdischen Gesichtspunkte ist weiters die Neuerung von Interesse, daß in der Kurie der Städte, beziehungsweise Landgemeinden neben den wahlberechtigten Steuerträgern auch Honoratioren und unter diesen auch die Rabbiner in der Gemeinde ihres Wohnsitzes ohne Rücksicht auf die Steuerleistung das Wahlrecht ausüben können. (Fortsetzung folgt.) Uo« Dr. Theodor Herzt z« Israel Iaugwill. Von einem Nichtjuden. Schriftführer Abg. Graf B r a i d a verliest den Einlauf, in welchem sich nur folgende Anfrage der Abg. Sturm und Genossen an den Statthalter befindet: Beim Ausbruch des rusiisch - japanischen Krieges, ganz besonders aber in letzter Zeit häufen sich die r u s s i s ch e n Flüchtlinge an der österreichischen Grenze, welche zumeist, wenn nicht ausschließlich Juden sind und ohne Paß und Dokumente die Grenze passieren, um sich nach Wien zu begeben. Dem sicheren Vernehmen nach soll in einem Erlasse den Polizeikommissariaten aufgetragen worden sein, solche russisch - jüdische Flüchtlinge dem jüdischen Rechtsschutz- oder Volksverein zu überweisen. Da nun die gesetzlichen Bestimmungen dahin lauten, daß Ausländer, die ohne Paß die Grenze überschreiten und sich in Wien aufhalten, um Erwerb zu suchen, abzuschieben sind, stellen die Gefertigten an den Herrn Statthalter die Anfrage: Ist Seine Exzellenz gewillt, sofort zu veranlaßen, daß diese gesetzliche Bestimmung im Interesse der heimischen Bevölkerung mit aller Strenge gehandhabt werde? (Niederösterreichischer Landtag vom 24. November 1905.) Geehrter Herr Redakteur! Ich erbitte Gastfreundschaft auf Ihrer Tribüne. Ich möchte mich über einige jüdische Angelegenheiten, die mir am Herzen liegen, vor einem jüdischen Leserkreise äußern. Als Nichtjude habe ich mich deklariert, um Sie der Notwendigkeit zu entheben, Ihren eigenen Standpunkt in den einschlägigen Fragen, sofern er von dem meinigen abweichen sollte, erst umständlich zu motivieren. Dabei bleibt es ja Ihrem Ermessen anheimgegeben, entweder selbst Ihre Gegenäußerungen zu machen oder solchen von anderer Seite Aufnahme zu gewähren. Noch' aus einem anderen Grunde tat ich das: um von Vorneherein meinen Standpunkt zu markieren, der weder der jüdische, noch der christliche ist, sondern, wie ich anzunehmen geneigt bin, der allgemein menschliche. Das sollte mir nun allerdings ein Gefühl der Sicherheit vermitteln, aber ganz sicher bin ich deshalb meiner Sache doch nicht. Die Tatsachen mahnen zur Vorsicht. Ein Beispiel: Auf dem letzten Zionistenkongreß hat die überwiegende Mehrheit, also eine sehr ansehnliche Vertretung der Judenschaft, das Angebot Englands, das der Partei ein Königreich zur Verfügung stellte, abgelehnt. Für den Außenstehenden ist das unverständlich. In den zwei Jahrtausenden der Verbannung hatte sich dem Judentum eine solche Aussicht nicht eröffnet, — und dennoch abgelehnt, und nicht in momentaner Laune oder Verstimmung, sondern nach langer und eingehender vorheriger Ueberlegung. Ja, die Entschiedenheit der Ablehnung geht so weit, daß, wie ich gelesen habe, es nun von Parteiwegen untersagt ist, sich auch für die Zukunft an den Bestrebungen und Bemühungen um das ostaftikanische Projekt zu beteiligen. Wo es sich aber um den Mehrheitsbeschluß einer weitausgreifenden jüdischen Vertretung handelt, da ist geistige Beschränktheit der Erklärungsgrund, auf den ich zu allerletzt und wohl überhaupt nicht verfallen würde. Es muß also bei aller Unverständlichkeit doch eine andere Erklärung geben, nämlich die, daß jüdische Angelegenheiten aus jüdischem Empfinden, aus jüdischem Geist, aus jüdischem Nationalgefühl heraus beurteilt werden müssen. Und das ist es, was mich ein wenig unsicher macht. Wer das religiöse und nationale Gefühl da nicht aufbringt, wird auch nicht zum vollen Verständnis der Dinge vorrücken. So kann es wohl geschehen, daß trotz des allgemeinen menschlichen Standpunktes, auf den ich mir so viel zugute tue, bei Abwesenheit der treibenden religiösen und nationalen Motive in manchen Dingen meine Optik eine unrichtige, mein Urteil ein schiefes ist. Möglich; aber schließlich hält doch jeder seine Ueberzeugung für die richtige. Wenn ich nun endlich zur Sache gerufen werden sollte, so erwidere ich, daß ich mitten d'rin bin. Bisher schon sprach ich von dem, wovon ich sprechen wollte. Sehen Sie sich gefälligst das liebenswürdige Motto an, das ich an die Spitze dieser Zeilen gestellt habe. Man soll vor den russischen Juden, die in wohlbegründeter Todesangst das nackte Leben zu retten trachten, die Grenzen abschließen, und wenn sie doch durchgekommen sind, sie wieder abschieben, d. h. sie wieder nach Rußland zurückexpedieren, wo sie erbarmungslos erschlagen werden. Nach der Lehre Theodor Herzls ist der Jude selbst der Keimträger des Antisemitismus. Wo er hinkommt, bringt er den Antisemitismus mit. Ich unterschreibe die Lehre nicht vollständig, denn ich kenne zahllose Ortschaften in Steiermark und im glaubensstarken Tirolerlande, wo der Antisemitismus recht üppig blüht, obschon die Leute dort vielleicht noch niemals einen Juden auch nur gesehen haben. Es sind nur Volkserziehungsresultate des Ultramontanismus. Herzl verficht aber seine Theorie. In Rußland, in Rumänien, in Oesterreich herrscht der Antisemitismus; in Ungarn lauert er nur darauf, seine Herrschaft wieder anzutreten. In Deutschland besteht er als gesellschaftlicher Antisemitismus, der den Juden die gesellschaftliche und staatsbürgerliche Gleichheit entzieht. In Frankreich hat er wüste Orgien gefeiert, und England, der Hort der Gewissensfreiheit, beschäftigt sich mit seiner Alien-Bill. Es ist ein tragischer Zirkel wie mit dem ehernen Lohngesetz. Die Judennot treibt zur Wanderung, und die Wanderung erzeugt an jedem ihrer Ziele die Judennot. Aus diesen Prämissen schloß Herzl weiter: es gibt nur eine Rettung — den Zionismus. Das leuchtete ein, Vielen — sehr Vielen. Zu Tausenden strömten Anhänger seiner Lehre zu, und vielleicht sind es deren heute schon Millionen. Ursprünglich dachte Herzl nicht ausschließlich an Palästina, sondern überhaupt an ein „Freiland" oder ein „Neuland". Das Wichtigste war der eigene Herd und die eigene Scholle für das Judentum. Der Druck der jüdischen communis opinio, der sich sofort geltend machte, belehrte ihn darüber, daß es nur ein Zion gebe — in Palästina. Damals war das „Freiland" die Utopie, und so wurde Palästina das Ziel der Realpolitik. Dann kam — Herzl's Agitation hatte großartige Erfolge — das englische Angebot, und sofort verschoben sich die Dinge. Nun schien Ostasrika die Realität und Palästina zu den Utopien entrückt. Der Kongreß machte aber kurzen Prozeß und strich das Königreich von der Liste der aktuellen Begebenheiten. Es war ein Kongreß ohne Herzl. Es wäre müßig, darüber zu philosophieren, was wohl geschehen wäre, wenn es ein Kongreß mit Herzl gewesen wäre, ob Herzl den Kongreß oder der Kongreß seinen providentiellen Führer bezwungen hätte. Denn Herzl war für das englische Angebot, und man kann sich wohl denken, daß es nicht gestellt worden wäre, wenn er sich nicht dafür eingesetzt hätte. Bei Aktionen von solchem Belang informiert man sich doch vorher. Sein Herz hing daran, — ich weiß es aus seinem Munde, — und er war in einen schweren und tragischen Seelenkonflikt geraten, als er des gewaltigen Widerstandes gewahr wurde, der sich gegen die neue und anscheinend so verheißungsvolle Idee erhob. Als Herzl starb, — er starb auf der Höhe, von der aus er das gebrochene Auge noch mit der letzten Sehnsucht auf das

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