Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 49 (8.12.1905)
- Date
- 1905-12-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 774 Dr JBiocb s Mocvenscbrttr. Nr. 49 — er hat „eine Tatsache" konstatiert, und das ist nun umso schlimmer. In den letzten Tagen hat das Jnstizministerium gegen die Verbreitung eines Ritualmordbildes einschreiteu müssen, das in tausenden Exemplaren in die galizische Landbevölkerung hinausgetragen wurde. Solche Agitationen reden eine deutliche Sprache. Wie immer sich dasSchicksal d e r-W a h l r e f o r m gestalten mag, ob ihr Erfolg den Ingrimm der bisher Privilegierten, ob ihr Mißerfolg die Wut des um seiueHoffunngeu getäuschten Proletariats auslösen wird — in jedem Falle wird man auf die Juden l.osschla gen. Wir wenden uns mit einem ernsten Appell an die Regierung! Die bedrohlichen Anzeichen, die wir hier vorgeführt haben, können ihr nicht unbekannt sein. Es ist ihre Pflicht, beizeiten für ausreichenden Schutz, für energische Sicherung des Lebens und Eigentums der Juden vorzusorgen. Sie ist rechtzeitig gewarnt, auf sie fällt die Verantwortung, wenn die Wahlrechtsbewegung sich in blutigen Exzessen gegen die Juden entlädt. Herr von Gautsch hat sich im Herrenhause als ein tapferer Mann erwiesen. Hoffentlich bekundet er sich auch als ein Mann von Umsicht und Vorausblick, der seine Machtmittel kennt und sie wohl auzuwenden weiß. Die Gefahr ist groß und sie steht dicht vor uns — videant Consules! Bürgermeister Dr. Carl Kueger für die russischen IudenumssaKres. Herr Dr. Carl L u e g e r, der Bürgermeister der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien ist als Verteidiger der russischen Indem massakres aufgetreten, er hat für die russischen Judenmörder, welche an Greisen, Frauen und Kindern die entsetzlichsten Verbrechen verübt haben. Worte der Rechtfertigung gefunden. Da Herr Dr. Carl Lueger der einzige Bürgermeister einer Großstadt aus dem ganzen Erdenrund ist, welcher sich mit den Anführern der russischen Mordbande solidarisch erklärt, so verdienen seine Worte, welche er am 5. d. M. in einer christlichsozialen Wählerversammlung in der Donaustadt im Franz-Josefs- Land gesprochen, in der Erinnerung festgehalten zu werden: „Das Manifest des Zaren von Rußland war das eigentliche Signal für die Ereignisse, die sich in der letzten Zeit bei uns in Oesterreich und in Wien zugetragen haben. Charakteristisch ist, daß, solange nur Großfürsten und andere maßgebende Persönlichkeiten in Rußland, umgebracht und gemordet wurden, man nur immer nicht so sehr von den Ermordeten als von den Mördern, den Märtyrern ihrer Ueberzeugung, sprach und schrieb. In der letzten Zeit ist nun einzelnen russischen Volkskreisen eingefallen, daß das, was die Juden und ihre Verbündeten, die R volutionäre, in Rußland treiben, doch etwas zu stark ist und so entstanden plötzlich die sogenannten Judenhetzen und Judenverfolgungen, und da hörten in den großen Blättern die Mörder auf, Märtyrer zu heißen, weil die Opfer Juden waren und ganz Europa und Amerika, die ganze Welt, wo Menschen wohnen, wurden in Bewegung gesetzt und aufgefordert, die russischen Juden zu schützen. Es hätte Amerika zugunsten der russischen Juden direkt eingreifen sollen, dann ersuchte man auch Deutschland, eine Aktion diesbezüglich einzuleiten, und das alles nur, weil es sich jetzt um die russischen Juden handelte, während man bei den früheren Opfern der Bewegung nicht eure Miene verzog, ja die Mörder sogar als Märtyrer ihrer Ueberzeugung verherrlichte. Damals war noch nichts von Schutzmaßnahmen gegen die Mörder zu lesen, damals war die Bewegung eine ideale und die Mörder im Rechte, wenn es sich aber um die Juden handelt, dann soll die Welt aus den Angeln gehoben werden. Wenn es sich gewissen Leuten darum handelt, sich vom Zaren und anderen Leuten zu befreien, dann ist dies Ziel ein Ideal, wenn aber das Volk sich befreien will von den Tyrannen und den revolutionären Elementen, dann soll es von dieser Erde vertilgt werden. (Langanhaltende Zustimmung und Entrüstungsrufe.) Ich warne, sagte Dr. Lueger, speziell die Juden in Wien, nicht auch so weit zu gehen wie ihre Glaubensgenossen in Rußland und sich nicht allzusehr mit den sozialdemokratischen Revolutionären einzulasicn. Ich warne die Juden nachdrücklichst; es könnte vielleicht das eiutreten, was in Rußland eingetreten ist. Wir in Wien sind Antisemiten, aber zu Mord und Totschlag sind wir gewiß nicht geschaffen. Wenn aber die Juden unser Vaterland bedrohen sollten, dann werden auch wir keine Gnade kennen. Vor diesen traurigen Folgen will ich gewarnt haben. (Minutenlanger, demonstrativer Beifall.) Wenn man uns predigt Ruhe und Geduld, so wollen wir diese Lehren gerne befolgen, aber nur dann und unter der Bedingung, wenn diese Lehren auch von anderen befolgt werden.. Die Ruhe nur immer von uns zu verlangen ist ungerecht, man soll sie von allen verlangen, auch von jenen, die scheinbar ruhig sind, für die Unruhen aber das Geld geben. Das führt mich auf die Frage, wer eigentlich für diese sozialdemokratischen Demonstratio en und Aufzüge das Geld hergibt. So ein Zug kostet sehr viel Geld und die Arbeiter sind ohnehin genug ausgebeutet. Wer gibt also d.s viele Geld her für die Fahnen, Embleme, Drucksorten, Fahrten u. s. w. Das alles kostet ja horrendes Geld. Der Adel gibt' es den Sozialdemokraten gewiß nicht, weil er ja in den verschiedenen Aufrufen nur als Faulenzer und sattgefressenes Gesindel tituliert wird. Tie Geistlichkeit gibt es gewiß auch nicht her, denn wir alle wissen ja, wie sie von der Sozialdemokratie behandelt wird. Die Fabrikanten, die Geschäftsleute und Gewerbetreibenden, sie alle leiden unter dem sozialdemokratischen Terrorismus, die werden das Geld gewiß nicht hergebe», und die Bauern geben es den Sozialdemokraten schon ganz gewiß nicht. Es bleiben also nur die Großkapitallsten (Rufe: Juden!) übrig, welche einzig und allein in der Lage sind, den Sozialdemokraten so große Summen zn bieten, und wenn ich frage, warum.? dann sage ich. die Sozialdemokraten sollen dazu benützt werden, u » zunächst die Christlich-Sozialen vom Boden der Stadt Wien wegzufegeu. Deßhalb auch das Frohlocken der Juden bei den jüngsten Demonstrationen der Sozialdemokraten. Die Juden sollen aber ja nicht zu früh frohlocken." Das Urteil des Herrn Dr. Karl Lueger über die russischen Vorgänge überlassen wir der gesitteten Gesellschaft Europas zur Beurteilung. Wir fühlen uns solidarisch mit den unglücklichen Opfern und gönnen ihm gerne die Solidarität mit den „russischen Helden". Seine Worte werden ihm noch Jahrzehnte hindurch aus den Sohlen brennen. Allein auch seine Drohungen gegen die Wiener Juden erschüttern uns nicht sonderlich. Der Bürgermeister weiß so gut wie andere vernünftige Leute, daß die Zahl der an der sozialistischen Bewegung beteiligten Juden verschwindend klein ist gegenüber den Bataillonen der Christen, und es sieht daher verteufelt nach Desparation aus, wenn er sich gegenüber den unliebsamen Massenkundgebungen christlicher Arbeiter auf die Juden besinnt und diesen mit russischen Szenen droht. Und wir wissen seit Langem, daß, wenn es auf unfern Herrn Bürgermeister ankäme, die russischen Szenen in den Straßen der Stadt Wien sich längst abgespielt hätten. Durch seine Getreuen hat er sich wiederholt als eine Art österreichischen Plehwe hohenorts insinuieren lassen. Sein Wort vom „Hängen und Köpfen" ist in aller Erinnerung, stellt sich würdig an die Seite des „Schußgeld"-Antrages seines getreuen „Freundes" Meister Stampiglius. Wenn er indeß vermeint, durch bürgermeisterliche Drohungen jenen Teil der Juden einzuschüchtern, welcher in den Reihen der sozialdemokratischen Partei steht, so dürfte er hier eine Enttäuschung erleben. Er hat sich in der Adresse geirrt. Die Wiener Juden haben das Gruseln bereits verlernt. Die „bürgermeisterliche" Ankündigung ist für uns eine Mahnung, auf die eigene Sicherheit nunmehr ernstlich bedacht zu sein; jeder Wehrfähige muß einen Waffenpaß lösen Das Wort: „lieber feig als dumm" wurde zwar in Wien gesprochen und hat eine gewisse Notorität erlangt. Der Urheber, welcher das Wort geprägt hat, stammt allerdings von einer bei einem entsetzlichen „Judenbrennen" „bekehrten" Klosterneuburger Jüdin, ist aber derzeit der. „allgewaltige Herr von Wien". Die neuen Kandesgesetze und die jüdische Bevölkerung Mährens. Von Dr. Theodor Haas (Brünn). Schon seit Langem waren unsere gesetzgebenden Körperschaften auf legislativem Gebiete nicht so produktiv wie in den letzten Tagen der Landtag der Markgrafschaft Mähren. Mit einer überraschenden Vehemenz wurden Gesetze beschlossen, welche eine radikale Neugestaltung der Verhältnisse im Lande zu schaffen und insbesondere der sie kreierenden Körperschaft eine total geänderte Physiognomie zu verleihen geeignet sind. Die aus dem Jahre 1861 stammende Landesordnung und Landtagswahlordnung wurden in wesentlichen Bestimmungen