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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-12-08 · 49 (8.12.1905) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
49 (8.12.1905)
Date
1905-12-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 49 Dr■ Bloch’s Jahrgang XIII. Zentralorgan für die gesamten IFnteressen des Judentums. Wien, 8 Dezember 1905. Lrsckeint jeden Freitag. Brief-Adresse: Mllen» IX/1, Werggasse 39. Telegramm-Adresse: Wlodd's MocLenscbritt, Mien. ' '-'-'MIL»-— .. Inhalt: Leitartikel: Ein Appell an die Negierung. — Bürgermeister Dr. Carl Lueger für die russischen Judenmassakres. — Die neuen v Landesgesetze und die jüdische Bevölkerung Mährens. — Von Dr. Theodor Herzl 31t Israel Zangwill. — Abgeordneter Doktor Straucher für jüdisch-nationale Autonomie. — Korrespondenzen: Aus der Plenarsitzung des Kultusvorstandes. Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis. Die Sonnenthal-Vorlesung. Ein Jmmortellenkranz. Budapest. Der Zentralverein zur Pflege jüdischer Angelegenheiten in Prag. Trauerkundgebungen für die Märtyrer in Rußland. Wie Judenhetzen inszeniert werden. Die Hilfsaktion für die russischen Juden. Anregung zum Beschaffen eines Teiles der Hilfsmittel zur Unterstützung unserer unglücklichen Glaubensbrüder in Rußland. Vermischtes: Kranzablösungsspenden zugunsten der Chewra-Kadischa in Wien. Jüdische Toynbeehalle. Brigittenauer israelitischer Frauen-Wohltätigkeitsverein. Literarischer Geselligkeitsverein jüdischer Mädchen „Moria". Für die russischen Juden. Jüdisches Museum. Wien-Ottakring, Floridsdorf, Mistelbach, Baden, St. Pölten, Linz, Nikolsburg, Prag. Tempelgrundsteinlegung. Jamnitz, Rachod, Gewitsch, Ledeö, Andrychau, Tarnopol. — Feuilleton: Welkes Laub. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Ä-O K. ft. Postfparftssten-Arnt G l e a r 1 n g - X> e r ft e b r INr. 810.976. Redaktion und Administration: Wien IX/1» Werggasse Nr. 39. Telefon Nr. 14.847 ©-ft Ä-« Bezugspreis für Sesterreich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'« Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. »-* Gin Appell an die Restiernng. Die Versumpfung des öffentlichen Lebens in Oesterreich, die durch den Nationalitätenhader und das Privilegienparlament herbeigeführt wurde, hat niemand schwerer büßen müssen als die Inden. Aller Haß der einzelnen Volksstämme und Volksschichten gegeneinander entlud sich vor allem auf die Häupter unserer unglücklichen Glaubensgenossen. Gab es in Böhmen einen Streit um Straßennamen und Firmenschilder, äußerte sich in Galizien die Unzufriedenheit mit dem Regiment der Schlachta, galt es in Wien für klerikale Bestrebungen Stimmung zu machen, so wurde immer wieder ein bischen gegen die Juden gehetzt. Ihre wirtschaftliche Abschlachtung, ihre allmälige Aushungerung war schließlich und endlich das offen zugestandene oder still betätigte Bekenntnis aller Parteien geworden. Nun tritt zum erstenmal seit dreißig Jahren wieder eine große politische Reform an die Völker Oesterreichs heran, die uns der tötlichen Stagnation des ganzen öffentlichen Lebens entreißen soll. Die Wahlrechtsbewegung ist plötzlich zur Hochflut angeschwollen, die bisher entrechteten und unterdrückten Volksklassen jubeln, und ihr Jubel äußert sich — in neuerlichen Judenhetzen. Der Kampf um das allgemeine Wahlrecht hat in Böhmen und Mähren mit antisemitischen Gewalttätigkeiten, mit Angriffen auf Leben und Eigentum der Juden eingesetzt. Wir wollen nicht große Worte gebrauchen, nicht mit der Phrase kommen, daß eine reine und heilige Sache durch solche Hetzen befleckt und geschändet wurde. Was sich in Prag, in Boskowitz, Austerlitz und Wischau ereignete, ist ja noch immer die natürliche Folge der jahrzehntelang betriebenen und von oben geduldeten Taktik, für alle sozialen und wirtschaftlichen Uebel, für allen politischen und nationalen Zank und Hader die Juden verantwortlich zu machen, die man allein als die Ausbeuter, als die Volksfeinde, als die Urheber des Pauperismus auf der einen Seite, aller Angriffe auf die bevorrechtete Stellung des Hochadels auf-der anderen Seite und zuletzt sogar aller Zwistigkeiten zwischen Cis und Trans hinstellt. Wir wollen, wie gesagt, .nicht pathetisch werden, aber die nüchterne Beurteilung der Tatsachen sagt uns, daß die Freiheit, welche für die bisher rechtlosen Klassen im Anzuge ist, neue und ernste Gefahren für die gesamte österreichische Judenschaft in sich birgt. In unserer vorigen Nummer haben wir ausgeführt, daß wir Juden unserer ganzen geschichtlichen Entwicklung untreu werden und alle Grundlagen unserer staatsbürgerlichen Existenz preisgeben würden, wenn wir nicht mit aller Kraft und Entschiedenheit für das allgemeine und gleiche Wahlrecht einträten. Die Sache aller Unterdrückten wird auch stets die Sache des jüdischen Volkes sein, selbst wenn wir nicht ohne Grund besorgen müssen, daß die bisher Unterdrückten alsbald die Reihen unserer Bedrücker verstärken werden. Aber der Grimm und Zorn all Derer, die durch die Wahlreform in ihrer privilegierten Stellung bedroht sind, wird sich wieder in erster Reihe gegen die Juden kehren. An bedrohlichen Anzeichen hiefür fehlt es wahrhaftig schon heute nicht. Die Aenderung der mährischen Landesordnung zwingt die Juden, sich in den deutschen oder tschechischen Wahlkataster einzutragen. Sie geraten damit in eine schiefe Stellung, sie werden hiedurch der einen oder anderen Nationalität aufgezwungen, obwohl die eine den Grundsatz: „Durch Reinheit zur Einheit", die andere das Prinzip: „Svüj k svemü“ proklamiert hat. Da aber durch die nationale Abgrenzung der Wahlbezirke der deutsche und tschechische Besitzstand gesichert ist. werden die Juden politisch entbehrlich und man wird von beiden Seiten nur umso heftiger den wirtschaftlichen Boykott gegen sie ins Werk setzen. Nicht minder düster sieht es in Böhmen aus. Wir erhalten aus verschiedenen Landesteilen Berichte über eine hochgespannte Erregung der unteren Volksschichten, die sich in feindseligen Absichten gegen die Juden äußert. In Galizien aber werden geradezu „Pogroms" nach russischem Muster vorbereitet. Jm„Wschod" wurde jüngst eine Aeußerung des Statthalters Grafen P o t o c k i zitiert des Inhalts, daß er bei weiterer Zunahme der Wahlrechtsbewegung für die Sicherheit der Jaden keine Garantie übernehmen könne. Berücksichtigt man die leidenschaftliche Erbitterung der Schlachta gegen die Wahlreformpläne des Kabinets Gautsch, so wird man die verhängnisvolle Tragweite dieser nach unseren Informationen wirklich abgegebenen Aeußerung des Grafen P o t o c k i ermessen. Man muß dabei nicht an eine mala fides des Statthalters glauben

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