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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-12-01 · 48 (1.12.1905) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
48 (1.12.1905)
Date
1905-12-01
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 48 Dr. Blocb s Wocbenscbrttt Seite 771 Horizont ist aus Gold, folglich ungemein schwer und senkt sich niedriger, immer niedriger aus die Stadt hinab; schon liegen die vergoldeten Wolken auf den Mauern und einigen Türmen, welche die ganze Kuppel zu stützen scheinen. Jenseits dieser Türme glüht der Hintergrund wie Feuer, sie selber sind jedoch schwarz und je mehr der Westen sie drückt, desto höher und mächtiger steigen sie empor. Unter ihnen versinkt die Stadt langsam wie in einem Abgrund; die Hand der Dämmerung verwandelt die menschliche Schöpfung in einen wesenlosen Schatten und zieht sie hernieder. Die Dächer, Wände, Schlote und Mauern sind kaum noch zu unterscheiden, denn — es steigt die Zahl der in Nebel gehüllten Gespenster. Noch ein Augenblick — und die Täuschungen des Tages sind zu Ende; man sieht keinen Sonnenuntergang, man sieht keine Stadt. Zu unseren Füßen haben sich viele, schattenhafte, ungelenke Gestalten versammelt; sie schmiegen und drücken sich aneinander und verschmelzen in Eines. . . . Solch einen Eindruck macht der Wald, wenn er in den Armen des Abends zum leisen Schlummer eingewiegt wird. . . . Literatur. Unmoderne Ethik. Nicht nur Bücher haben ihre Schicksale, auch Verfasser und Menschen überhaupt. Nicht immer der essentielle, ethische Wert ist es, der ein Buch zum „gelesenen" macht. Die Bücher der sogenannten Schundliteratur erleben bekanntlich die größten und zahlreichsten Auflagen, wogegen sich bei Büchern mit gediegenem Inhalt, so mancher Verleger die Finger verbrannte. Der gemeine Streber bringt es am raschesten und leichtesten zu einer Stellung im öffentlichen Leben und hat die Fertigkeit, die oberste Stufe der bureaukratischen Leiter im Sturmschritt zu erklimmen. Zu diesen Betrachtungen wird man angeregt.durch die Lektüre der „U n m o d e r n e n Ethik" von Dr. A. Eitelberg, Wien.*) Der Leser stutzt dieses sezessionistischen Titels wegen und erinnert sich, daß der Verfasser kein Neuling auf dem Büchermarkt ist. Eitelberg ist schon im Jahre 1892 mit seinem Buche „Unmodern ^Ansichten"**) aufden Plan getreten, das in weiteren Kreisen verdiente Beachtung gefunden und in der „Oesterreichischen Wochenschrift" einer eingehenden Besprechung unterzogen wurde. Was der Autor mit seiner „Unmodernen Ethik" bezweckt? Es ließe sich mit wenigen Worten sagen und man könnte aber auch ein neues Buch darüber schreiben, ohne sich des Vorwurfes des Wiederkauens schuldig zu machen. Im Vorwort sagt Eitelberg, er schildere die Gesellschaft, wie sie ist, er photographiere bloß, und das Lichtbild, das der Leser empfängt, läßt an Naturtreue nichts zu wünschen übrig. Wenn es richtig ist, daß dem Wissenden aus jedem Buche die seelische Physiognomie des Autors entgegenleuchtet, dann darf Eitelberg mit dem Eindruck auf den Leser zufrieden sein. Er meint, wer gewohnt ist, in jedem Buche nach neuen Gedanken zu schürfen, der klappe das seine lieber gleich zu, er werde nicht aus die Rechnung kommen. Hiebei können wir dem Autor den Vorwurf nicht ersparen, daß er mit seiner Bescheidenheit kokettieren wolle, denn seine „Unmoderne Ethik" fördert eine Fülle neuer Gedanken zutage, die modernen Büchelschreibern Stoff zu einigen Büchern zu bieten geeignet wären. Der beschränkte Raum dieser Blätter gestattet leider nicht, auf den reichen Inhalt der „Unmodernen Ethik" des Ausführlichen einzugehen und zwingt, die einzelnen Abschnitte mehr kursorisch zu behandeln. In dem Kapitel „Gottesidee" zieht Eitelberg gegen Lüge und Heuchelei zu Felde, er prägt hiebei die Sentenz: das ethische Bewußtsein ist die Schönheit der menschlichen Seele. Besonderen Eindruck macht die Schlußapostrophe, die dem Leser speziell zur Lektüre empfohlen *) „Unmoderne Ethik", Wien und Leipzig, Doktor A. Eitelberg. Verlag von Robert Coen, IX., Älserstraße 6, 1905. **) „Unmoderne Ansichte n" über die moderne Kultur, Wien Leipzig, Verlag von Wilhelm Altmann. Dr. A. Eitelberg. wird. In dem Abschnitt „Ethik" behauptet der Autor, in unseren Tagen über Ethik zu schreiben, sei die reinste Papiervergeudung, und da muß man ihm, ob man will oder nicht, vollkommen beistimmen. Jeder hat heutzutage seine eigene Ethik und legt sie sich nach eigenem Geschmack zurecht. Die Bestie im Menschen ist noch so blutgierig wie je, nur hat man ihr einen Maulkorb angelegt. Man prahlt damit, ex oeeickents lux, und dies sei falsch. Der Schein der modernen Kultur trügt und Bildung veredelt nicht den Charakter. Die Gesetze der Ethik werden vom Herzen diktiert, die Wenigsten aber besitzen ein fühlendes Herz. Kunst und Wissenschaft vertragen sich leider mit niedriger Gemeinheit. Auch der „Religion" widmet Eitelberg einen eigenen Abschnitt. Mit tiefster Empfindung und reinster Begeisterung schreibt er, wie er dem heiligen jüdischen Glauben angehängt — aber nur in seiner Jugend, dann sei er Philosoph geworden. Eitelberg ist wohl Jude geblieben, aber kein gläubiger Jude. Das Kapitel „Einiges über Religion", so lauter die Absichten des Autors auch sein mögen, ist die Achillesferse der „Unmodernen Ethik". In den folgenden beiden Abschnitten „Unsere Gesellschaft" und „Die zukünftige Gesellschaft" gibt der Autor ein getreues Bild der modernen sozialen Zustände in unserem Staate, wie sie sind, der Menschen, wie sie sind und wie sie sein sollten. Eitelberg zeigt hiebei eine seine Menschenkenntnis, um die ihn so mancher Staatsmann wohl beneiden darf. Was in der „Unmodernen Ethik" für die Leser der „Oesterreichischen Wochenschrift" von besonderem Interesse, ist der biographische Teil des Buches. Der Autor erzählt in demselben seine Leidensgeschichte. Eitelberg teilt in ebenso schlichter als rührender und ergreifender Weise sein eurrieulum vitae mit. Er stand seit seinem zwölften Lebensjahre aus eigenen Füßen, ohne Vater, ohne Mutter, ohne helfende Hand. Er aß lieber trockenes Brod und wollte sein eigener Herr sein. Um ein Stipendium bewarb er sich nie, brachte sich in den ersten Studienjahren durch ^„Lektionen" fort, später verhalf ihm seine Feder zu einem bescheidenen Auskommen. Wie man sieht, ein typischer Fall, wie er sich bei allen jüdischen Studenten armer Eltern Kind abwickelt. Eitelberg wird endlich nach großen harten Kämpfen Medecinae Doctor, wirft sich dem Spezialfache der Ohrenheilkunde in die Arme, erwirbt sich eine ansehnliche Klientel und als Spezialist Ansehen, Achtung und Anerkennung bei den Fachkollegen. Nachdem er sich über ein Bierteljahrhuudert mit der Ohrenheilkunde gründlich beschäftigte, mehr als sechzig Originalarbeiten, über siebzig lexikalische, als Originalbeiträge geltende Beiträge, ein Buch über Ohrenheilkunde und zahllose Revuen und Besprechungen versaßt hatte, welche Aufmerksamkeit und Beachtung der Fachkreise auf sich zogen, in den Fachzeitschriften gelobt und auch deren widerspruchslosen Beifall erntete, bewarb sich Eitelberg neuerlich um eine Dozentur für Ohrenheilkunde an der Alma mater Vindobonensis, nachdem eine frühere Bewerbung erfolglos geblieben war. Zu erwähnen wäre noch, daß Eitelberg nahezu zwei Dezennien als Otologe an der Wiener Poliklinik erfolgreich wirkte. Er hatte das Pech, daß dessen Gesuch um Habilitierung Hofrat Grub er zur Berichterstattung zugewiesen worden war. Man kennt ja die Gesinnung Grubers gegenüber seinen jüdischen Kollegen, seiner Abneigung gegen dieselben hat er nie einen Hehl gemacht. Eitelberg hatte daher nicht einen Promotor, sondern einen Scharfrichter. Unter dem Vorwand, Eitelberg sei ein Jude, habe in Galizien das Licht der Welt erblickt, sei daher ein e ch t e r polnischer Jude, der der deutschen Sprache nicht mächtig sei, kein korrektes Deutsch spreche und nach allen Regeln der Kunst „m a u ' ch l e", wurde seine dreimalige Bewerbung zurückgewiesen, allerdings wurde die Bitternis damit versüßt, daß dessen Arbeiten offiziell die vollste Anerkennung zuteil wurde. Wenn es ihn zu trösten vermag, so kann sich Eitelberg sagen, daß sein Fall typisch für alle jüdischen Bewerber um eine Universitätsdozentur in Oesterreich ist. Wer der Sache tiefer aus den Grund geht, wird die Motivierung darin suchen, daß die arischen Viertel-, halben und ganzen Nullen sich durch die semitischen

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