Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 48 (1.12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 770 Dr. Dlocb's MocvenscbrtN. Nr. 48 Feuilleton. Welkes Kank. Einnerung aus einem alten Stadtteil, von Felix Vrodowski. Autorisierte Uebersetzung aus dem Polnischen von Malwina Blumberg (Fortsetzung.) „Meine arme Esther, wer gibt uns unsere Jugend wieder? Wo und wann werden wir die Liebe, von der wir nur zu schweigen verstanden, einmal aussprechen? Unser Leben war grau, und die Diamanten, die es erhellen konnten, hielten wir fest in der geschlossenen Hand." So hätte Netel sein Leid geklagt, wenn die Worte seinen Gedanken gehorsam gewesen wären. Hätte Esther gelebt, sie würde den kleinen Joel, den Sohn WigdorS, am liebsten von allen Enkeln gehabt haben. Der Knabe ist ihr ähnlich. Er hat ihre grauen, lebhaften Augen, welche eine empfängliche, in Güte und Sanftmut badende Seele wiederspiegeln; ihre formvollendete, feine Nase mit den beweglichen Nasenflügeln; den reinen, dunklen Teint, der manchmal bleich ist, und manchmal wie mit einem rosenroten Schimmer überdeckt; die durchsichtigen Pupillen, die kleinen, lveißen Zähne und den winzigen Mund. Wie einst in Esther, so gährt auch in diesem Knaben unausgesetzt etwas, das ihn bald hin- und herschleudert, bald in tiefes Sinnen versinken läßt; an Schönheit wird er Esther gleichen; ob auch an Güte? Dieser Gedanke verursacht Netel viel Unruhe. Warum sind Wigdor und Schclomoh nicht so, wie ihre Eltern waren? Warum wimmelt es jetzt von Leuten wie Glück? Ehemals gab es nicht so viele böse Menschen; und wenn die Eltern ordentlich und rechtschaffen waren, so gingen die Kinder in ihre Fußtapfen. Netel hatte es sich nie vorgestellt, daß man das Leben anders einrichten könne, als das seine eingerichtet war, daß man leben könne, ohne zu arbeiten. Plötzlich jedoch sieht er sich von einer Menge solcher Glücks umringt, und seine eigenen Söhne haben sich mit diesen neuen Daseinsbedingungen vertraut gemacht. Sie haben sie begriffen, in Anwendung gebracht, und heute wollen sie nicht glauben, daß man anders leben kann, und stehen ihrem Vater fremd gegenüber. Trägt er, Netel, die Schuld daran, daß seine Söhne nicht arbeiten, sondern von Wucher und Betrug leben? Wieso hätte er dem Vorbeugen können, sobald er nicht wußte, wann und wie die große Wandlung auf der Welt vor sich gegangen war? Heute weiß er nur, daß ihm Vieles mißfällt. Niemals hatte in diesem Hause das Weinen als Klage der Gedrückten geklungen, und jetzt werfen Wigdor und Schclomoh so viele dieser Armen zur Türe hinaus, weil sie kommen und bitten, daß man ihren Besitz nicht zur Deckung von Schulden verkaufen solle. Was soll man tun, damit Joel besser werde als sein Vater? Was soll man tun, damit Joel Berge, dichte Wälder und grenzenlose Flächen sehen und im Alter nicht bedauern solle, daß er keine Zeit gehabt hatte, jemanden zu lieben? Netel's Gedanken verirren sich in einer großen Unruhe und es überkommt ihn eine tiefe Wehmuth. Wieder sehnt er danach, seine Klagen vor jemanden ausschütten zu können! „Warum ist mein Alter nicht zufrieden und ruhig? was hat meinem Leben gefehlt?" Sabbath. Es naht ein stiller Winterabend. Gehen wir in das jüdische Stadtviertel. Den sanften Abhang des Hügels entlang zieht sich die Straße in die Niederung. Sie ist fast öde und wird mit jedem Augenblicke stiller. Manchmal noch knarren die Angeln bei einer hastig geschlossenen Ladentür, man vernimmt das laute Geräusch vorgeschobener Eichenstäbe oder das Knirschen eines Schlüssels, der von einem Mädchen, einem halbwüchsigen Burschen oder einem Greise, die sofort verschwinden, im Schloß umgedreht wird. Vor einer Weile herrschte hier ein reges Treiben; es ist kaum zu begreifen, in wie kurzer Zeit sie sich alle verstecken konnten, und wie eilig sie es hatten, kann man an den wenigen verspäteten, hastig dahinstürzenden Gestalten erkennen. Die Züge der Männer drücken fieberhafte Ungeduld und Eile aus, als ob nach einem beendeten Frohndienst ein anderer ihrer warte; die Mädchen hingegen sind voller Freude; sie fliehen, als jage sie der Frost, den sie nicht mögen, oder die Langweile, welche sie in den Läden gefangen hielt. Sie gehen Arm in Arm zu je zwei, drei oder vier in einer Reihe, zittern vor Kälte, stoßen einander, lachen, laufen und nehmen die letzten Reste des Trubels und Lebens der Straße mit sich. Oede. Dem Geiste eines zufällig hierher verirrten Wanderers scheint sie sonderbar und unerklärlich. Wo sind die Menschen, wo ist das Leben geblieben? Wessen mächtige Stimme hat die Bewohner dieses Stadtteils von ihrer gewohnten Beschäftigung ab- und an einen weit von hier entlegenen Ort gerufen, damit sie dort einer Stimme lauschen, die aus einer anderen Welt zu ihnen dringt! An dem bleichen Himmel strahlt der Vollmond in silberngelblicher Helle; die erste, leichteste, ungreifbare Dämmerung senkt sich auf die Erde; man kann sie nur darnach erraten, daß die Häuser sich in Klarheit abzeichnen, als habe eine unsichtbare Hand den Schmutz, die Flecke, die Zeichen der Vernichtung von ihnen gewischt. Hie und da sieht man durch die Fenster hellbrennende, vielarmige Leuchter. Die Reichen beginnen schon den Sabbath zu feiern, indeß die Armen die Arbeit noch nicht bewältigt haben. Man vernimmt das Rollen eines Lastwagens; ein alter Jude treibt sein Pferd mit Heftigkeit an. Bei einem Kellereingang rollen drei ebenfalls alte Juden mit großer Anstrengung ein schweres Faß eine Treppe hinunter. Sie hasten, schreien, stoßen ihre Last mit solchem Haß hinab, als wäre dieselbe ein erbitterter Feind, den man so rasch als möglich im Grabesdunkel verbergen müsse. Vielleicht schämen sie sich nur der verspäteten Arbeit am Sabbatheingang; bald werden sie beten. Sie sind alt, arbeitsmüde, arm, dunkel, aber mit dem Aufgebot ihrer letzten Kräfte strengen sie sich an, das Faß, in dem ihr armseliges Dasein hin und her flutet, wenigstens auf eine kurze Spanne Zeit in die Scheune der Ruhe zu rollen, und selber werden sie dann an die rätselhafte, „Tempel" genannte Stätte eilen und dort in die Betrachtung des großen Vorhangs sich versenken, welchen die Hände der Rabbiner zur Seite schieben, an den die Stimmen der Sänger sich brechen werden. Jenseits dieses Vorhangs ruht die Unendlichkeit und Unsterblichkeit. Auch diese Armen also lockt sie! Ihr Atem also war es, der über dieses Stadtviertel flog, das Leben verlöschte, den Schaum der täglichen, elenden, irdischen Mühen fvrtblies. Ach! ach! Netel betet ebenfalls und auch der kleine Joel betet. Wird die Hand des Rabbiners und die Stimme des Sängers wenigstens einen Saum, einen winzigen Saum des Vorhangs lüften, der die strahlende Helle bedeckt, jenes Glück, das nicht zu begreifen, jene Sonne, die so schön, wie ihr eigenes Leben häßlich ist! Eine kleine steinerne Brücke, gestützt auf eine über das schmale Flüßchen hinübergeworfene Wölbung, bildet das Ende der Straße. Weiter sieht man noch einige Häuser, die seitwärts von der Straße, in Reih und Glied am Fuße des Hügels stehen, dessen nackte rötliche Abhänge zwischen den Häusermauern schimmern. Auf dem Gipfel des Hügels — eine alte, alte Kirche. Hört ihr? Wieder ruft eine Stimme zum Gebet. Es ist das leise Silberstimmchen der gesprungenen Glocke, welches bittet, daß man das Abendgebet verrichten möge. Sieht man von jenem Hügel die Unsterblichkeit? Steigen wir hinauf. Man sieht die Stadt und den Sonnenuntergang. Unter dem auf der Hälfte des Himmels glühenden, scheidenden Sonnenball liegt die Stadt, das heißt eine ganze Menge von Steinstücken, Steintrümmern, und Steinklumpen. Es macht den Eindruck, als ob man an dieser Stätte einen Felsen zertrümmert und mit seinen Uebcrresten den Hügel und die ihm zu Füßen liegende Ebene übersäet hätte. Und der westliche