Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 48 (1.12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 48 Dr. Bwch*s Wochenschrifl. Seite 765 Menschen in der alten Welt Qualen erdulden, ohne ihnen Hilfe zu kommen." Nachdem Pastor Mac Arthur zu Ende gekommen war, erhob sich ein junger Mann namens I. George Dobserage, der in einer Verlagshandlung an Ost 23. Str. angestellt ist, und ließ sich folgendermaßen vernehmen: „Das Christentum steht nicht in Anklage. Es gibt zwei Klassen von Leuten in Rußland. Eine Klasse verabscheut und verfolgt die Juden; die andere kämpft für die Juden. Meine Eltern wohnten etlichen der Massakres von 1882 und 1883 bei, als, gerade wie jetzt, russische Juden von geborenen Russen in Schutz genommen wurden. Es ist recht gut, Geld hinaus zu schicken, aber es würde besser sein, wenn man ihnen Verteidigungsmittel, Waffen und Munition, hinausschickte." Diese Worte erregten sichtlich Aufsehen. Es ging ein Flüstern durch die Reihen der Versammelten und die Hälse reckten sich, um den kühnen Sprecher besser sehen zu können, aber Niemand wagte, Einspruch zu erheben. Rabbi Silvermann vom Tempel Emann El in 5. Ave. meinte u. a., daß Shakespeare, nur weil er den Juden nicht kannte, im stände gewesen sei, „Shylock" zu schreiben und auf diese Weise den Juden verhaßt zu machen. Es würde aber die Zeit kommen, daß die Juden, „die Macht hinter dem Thron" in Rußland bilden würden, nämlich dann, wenn ein Präsident an der Spitze stehen würde. Carnegies wohltätige Hand. Herr Isidor Straus erhielt von Andrew Carnegie einen Scheck von 10.000 Dollars für die Unterstützung der durch die in Rußland stattgehabten Massakres in Not geratenen Israeliten mit folgendem Schreiben: „Mein lieber Herr Straus. Ich bin nur zu sehr erfreut, Ihnen die Einlage als Beitrag zu dem Fonds für die Unterstützung Ihrer Glaubensgenossen in Rußland senden zu können. Die dort begangenen schrecklichen Verbrechen sind derart, daß sie einen dazu bringen könnten, den Glauben an die Menschheit zu verlieren, wenn uns nicht die Geschichte lehrte, daß ähnliche Schreckensszenen schon vorgekommen. Verlieren Sie den Mut nicht. Unter dem Gesetz der Evolution müssen wir langsam, aber stetig vorwärts gehen und schließlich die wahre Erkenntnis der Menschheit erlangen. Ihr aufrichtiger Adrew Carnegie." Beschluß des Stadtrates von Netv-Aork. Der Stadtrat nahm in einer seiner letzten Sitzungen einen Beschluß an, in welchem er seinem Abscheu betreffs der in Rußland begangenen Verbrechen Ausdruck verleiht und an Präsident Roosevelt das Ersuchen stellt, seinen Einfluß auszuüben, um diesen Scheußlichkeiten ein Ende zu machen. London. Die Regierung von Neu-Südwales telegraphierte an ihren Generalagenten in London. Sidney, 11. November. „In Bezug auf die Judenmassakres in Rußland bitte ich Sie, den jüdischen Autoritäten in London die Sympathien der Bevölkerung von Neu-Südwales, des Premierministers und des Finanzministers übermitteln zu wollen." Der Premierminister der Commonwealth, Mr. Deakin, teilte dem Mr. Littleton telegraphisch mit, daß zahlreiche Volksversammlungen, welche in ganz Australien abgehalten wurden, ihren Abscheu über die russischen Ereignisse ausgedrückt haben. Alle hohen Würdenträger in Australien haben den in den Synagogen abgehaltenen Trauergottesdiensten beigewohnt. Bei diesem Anlasse wurden in Sidney 1—200 Pfund gesammelt. Petersburg. Auch in den deutschen Kolonien Südrußlands haben Judenverfolgungen stattgefunden. Wie die deutsche „Odessaer Zeitung" mitteilt, sollen sich auf der Station Jgren die dortigen deutschen Kolonisten an den Judenverfolgungen beteiligt und — sich an jüdischem Eigentum vergriffen haben. Ebenso in Rybalsk, von wo dem genannten Blatte berichtet wird: „In Rybalsk ging es den Juden nicht besser, nur raubten da nicht Russen die Ware, sondern es fanden sich in Rybalsk Deutsche, die es taten. Ehe die Unruhen nach Rybalsk kamen, versammelten sich meistens lauter Rybalsker Landlose vor dem Laden des Juden und warteten mit Schmerzen, bis es losging. Der Jude versteckte seine Ware auf dem Dachboden. „Geh guck mal, Peter, ob se schun komme." „Ne se komme noch net." Nach einer Weile rief einer wieder: „Geh guck jetzt du, Joses." „Se komme, se komme", rief Joses. Bis die Ausrührer ankamen, hatten die Deutschen das Werk schon angefangen. Alles wurde zerschlagen. So begegnete ein Rybalsker Bauer einem Deutschen, der etwas auf dem Buckel nach Hause trug. „Na du hoscht wohl Kaffee im Sack." „Wu der Deuwel, wenn's nur Kaffee wär, des isch Pfeffer, den brauch ich zum Schweinschlachte." So hat jeder was nach Hause geschleppt, und einer sagte später: „Dumm ist der, der nix genumme hot, ich heb Mehl drei Kulle." — Unterdessen versammelten sich alle Juden an dem naheliegenden Flusse Ssamara, um weiter zu flüchten, aber der Pristaw (Polizeikommissär) gab Ordre, daß kein Jude übersetzt wird. (!) (Es muß bemerkt werden, daß über den Fluß nur eine Bahnbrücke geht, Fuhrleute und Fußgänger müssen bei Tag und bei Nacht mit einer Fähre übergesetzt werden. Die Fähre wird von der Scmstwo unterhalten.) Zum Unglück der Juden regnete es, man hörte ein Geschrei und Gejammer der Kinder, alle halb nackt. Es war himmelschreiend, Steine hätten sich erbarmen mögen, aber von nirgends Hilfe. So versteckten sich die Juden auf dem Felde und im Walde. Als die Zerstörungen zu Ende waren und kein Jude mehr zu sehen war, verlangten die Gauner (die Provokatoren der „Schwarzen Hundertschaft") von den Deutschen 17 Fuhrwerke. Eine Zögerung war nicht möglich, sie stießen viele Drohungen aus, so mußten die Deutschen sie nach Jgren zurückfahren. Jetzt hieß es, die Juden sind weg, nun geht's an die Deutschen. Von Verteidigung keine Rede. Ein Jude versteckte sich mit seiner Familie im Dorfe Billersfeld, das fünf Werst von Rybalsk entfernt ist. Als die Russen dies hörten, sagten sie ganz einfach: „Ihr Deutsche, versteckt nicht den Juden, es wird schlimmer, morgen kommen wir zu euch." Bei Nacht und Nebel entfernten die Billersfelder den Juden aus dem Dorfe. Am anderen Tage kamen nach Jgren aus der Stadt (Jekaterinoslaw) Kosaken, welche die Ruhe wieder herstellten. Leider viel zu spät. Viele Juden wie auch Russen sind verwundet, mehr Weiber und Kinder als Männer, und viele, viele tot. Alle Hospitäler in der Stadt find überfüllt." Ein Gemeindetag der kroatischen Inden. Sonntag den 21. November vormittags um dreiviertel 11 Uhr fand im Agramer jüdischen Gemeindehause die angekündigte Versammlung der Vertreter der jüdischen Kultusgemeinden des ganzen Landes statt. Anwesend waren die Herren Oberrabbiner Dr. Hosea I a c o b i, Vorsteher Jofip Siebenschein, Sekretär Jofip R e n d i, Abgeordneter Dr. Ljudevit Schwarz, die Vorstandsstellvertreter Dr. G o l d m a n n und Lav. Königsberg (Zagreb), Rabbiner Dr. S. U n g a r und Dr. Hugo Spitzer (Osijek), Ebenspanger (Bjelovar), Jakob K o h n (Brod), Marko Bauer (Cernik), Rabbiner Dr. Lazar Roth, Adolf K o h n (Djakovo), Jakob H i r s ch l e r (Kaprivnica), Marko B r e y e r (KriLevci), Vilim S ch e y e r (Ludbreg), Jofip F l e i s ch m a n n (Mitrovica), Rabbiner Sam. Winter und Makso Fischer (Naschice), Dr. V. Reiner (Karlovac), Rabbiner Dr. M. M a r g e l und Makso Steiner (PoLega), V. Reiß (Sisak). Oberrabbiner Dr. Jg. E r n st, Adolf P l a ch t e, Alb. Broch (VaraLdin), Rub. Salomon N e u m a n n (Vinkovci), Oberrabbiner Dr. Julio Diamant (Bukovar), Mavra Binder (Zemun). Vorsteher Jofip Siebenschein begrüßt die Versammlung namens der Zagreber jüdischen Gemeinde, worauf er zum Vorsitzenden und zu Stellvertretern Dr. Hugo Spitzer (Osijek) und Adolf P l a ch t e, zum Schriftführer Sekretär Jofip R e n d i, zu Berichterstattern Dr. Spitzer und Dr. Dragutin G o l d m a n n gewählt werden. Die Verhandlungen wurden ausschließlich in kroatischer Sprache geführt.