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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-12-01 · 48 (1.12.1905) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
48 (1.12.1905)
Date
1905-12-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 762 Dr. Dlocb's MlocbenscbrLN. Nr -48 wider Erwarten eine „Passionsblüte" entsprossen, ein bis dahin nicht gekanntes Geschlecht junger Makkabäer in Jakobinermützen, Leute, die zur Erlangung ihrer Freiheit und Rechte ihr Leben gerne cinsetzcn, vor Gefängnis, Sibirien und Galgen nicht zurückschrecken, vielmehr ihren Peinigern mit Bomben und Revolvern kühn entgegentreten. Das verrottete russische Beamtentum, diese vielverzweigte Schurkenbande, welche bis nun die Juden als eorxus vivo, als res nullius, als Zigeunerbande von oben herab verächtlich behandelte und wie eine Zitrone ausprcßte, konnte solche Juden am wenigsten vertragen und in ihrem Kampfe auf Leben und Tod, den sie gegen diese Reformpartei ausgenommen, ergießt sie ihre ganze Wut und Rache, vorläufig gegen die vogelsreien, durch kein Gesetz geschützten Juden. Der Kampf, der zwischen Reform und Rückschritt entbrannt ist, dürfte noch lange wahren; wir sind mitten im Stadium der Anarchie und laste ich noch die große Frage offen, wer für's erste Sieger bleiben wird. Denn die freisinnige russische Partei bildet vorläufig eine gar zu dünne Schichte an der Oberstäche des feuer- und schwefelspeienden Berges, „russisches Volk" genannt, und weiß Gott, ob im Falle einer Lavaeruption nicht die russische Intelligenz mit Mann und Maus hinweggefegt werden wird?! Das Bauernvolk (gegen 90 Millionen Menschen) hat auch noch das letzte Wort nicht gesprochen und mir bangt's davor und cs überfährt mich einer Schauer, wenn ich an diese fürchterliche, rohe, unberechenbare, mächtige Naturkraft denke. Auf alle Fälle befindet sich in dieser Jnterimsperiode unser unglückseliges Volk zwischen zwei Mühlsteinen, und ich fürchte, daß es zerrieben werden wird, bevor noch in Rußland Ruhe und Ordnung hergestellt, bevor noch ein Rechtsstaat aus dem chaotischen Zustande entstehen wird. . . . Die Lage ist ernst, ja — verzweifelt! Sollten die europäischen und amerikanischen Juden sich wiederum an einer Hilfeleistung beteiligen wollen, so täten sie allerdings ein gottgefälliges Werk; die momentane Not ist grenzenlos; Hunderttausende von Existenzen sind vernichtet. Radikale Hilfe würde aber damit nicht geleistet werden, wenn auch die Unterstützungssummen Millionen beträfen. Vor ein bis zwei Jahren — Kischenew, Homel, Schitomir; jetzt bis 20 bis 30 eingeäscherte oder geplünderte Judenstädte. Wie lange neue „Pogromi" auf sich werden warten lasten, wer weiß es? Tagtäglich laufen Depeschen mit Hiobsposten über Raub, Mord und Brandstiftung aus unzähligen Städten ein. Das Geben hätte mithin kein Ende und man würde des Gebens zu guterletzt müde werden, weil das Geld in ein Danaidenfaß fiele. ... Es ist meiner Anschauung nach jetzt sehr ernst, daran zu denken, daß alle Wohltätigkeitsvereine der gesamten Judenheit, die „Jca", die „Bnei-Brith", alle, alle sich eng zusammenschließen, um eine plan- und zweckmäßige Emigration einzuleiten, wie sie voriges Jahr in Frankfurt am Main in Aussicht genommen worden ist, damit die jahrein jahraus nach Rußland fließenden Gelder nicht unnütz vergeudet, sondern prod uktiv verwendet werden. Wir müssen das, ach so unglückliche, zu Tode gehetzte, elende und zugleich eminent kulturfähige Ghettovolk aus den Klauen eines Ungeheuers retten, welches nur zerstören und nichts schaffen kann, welches bereits tausend Jahre lebt und bis nun noch nicht den geringsten Befähigungsnachweis geliefert hat, daß es ein Kulturstaat werden könne, vielmehr in allen annektierten Grenzländern alle Kultur mit Stumpf und Stiel ausgerottet und die Knute, nur die Knute zur Alleinherrschaft gebracht hat. Ich glaube und hoffe, daß unsere westlichen Glaubens- und Stammesgenoffen Herz und Verstand genug besitzen, um die Judenfrage, diese allein in der Welt als ungelöst dastehende Judenfrage, die jetzt so brennend geworden ist, ernst und herzhaft anzupacken und wenigstens dem Beginn einer Lösung entgegenzuführen .... Die bevorstehende Arbeit wäre zwar lang und schwer; aber meiner Ueberzeugung nach viel weniger schwer und lang, als diejenige Arbeit, die getan werden müßte, damit die Juden sich häuslich als v o l lberechtigte Bürger in Rußland einrichten. Am Tage der Verkündigung der bevorstehenden Konstitution hat das Gros des russischen Volkes gezeigt, was es von einer „V o l k s v e r b r ü d e r u n g" hält. Sollen denn die russischen Juden, selbst bei einer anbrechenden, neuen, freien Aera die aussichtslose Mission übernehmen, den unendlich großen, russischen Augiasstall von dem durch Jahrhunderte angehäuften Mist zu säubern? Welcher Herkules wäre dafür geschaffen? Die Zukunft der russischen Juden liegt, meiner tiefen Ueberzeugung nach und trotz Versicherung glaubensseliger Assimilations- und bereits halb verrusster Juden — außerhalb Rußlands. Schon jetzt erreicht die jährliche Zahl der Auswanderer einen starken Zuwachs; sollte daher erstere noch größere Dimensionen annehmen, so ließe sich fast mit mathematischer Genauigkeit Jahr und Tag angeben, an welchen der letzte Jude den russischen Staub von den Schuhsohlen abwischen könnte . . . Vor 25 Jahren habe ich zum erstenmale am eigenen Leibe russische Judenkrawalle durchgekostet. Die damaligen Judenhetzen waren aber bloß ein Kinderspiel, gemütliche Trunkenbolds-Exzeßchen im Vergleiche zu denjenigen, die sich jetzt abspielen; nach dieser Richtung hin haben unsere lieben Russen eine kolossale Evolution, enorme Fortsch itte entfaltet. Seit 1881 habe ich mich für Judenkrawalle sozusagen „spezialisiert", das heißt, meine Zeit, meine Kraft einer Sisyphusarbeit gewidmet, die darin bestand, zerstörte Existenzen wieder aufzurichten, damit sie aufs Neue zerstört werden. Die Judenkrawalle sind zu einer koree majeur geworden! Gott! — es ist Zeit, höchste Zeit, daß sich die gesamte Judenheit endlich einmal zu einer positiven Tat aufraffe, daß wir endlich einmal beginnen, positive Werte zu schaffen, anstatt geplünderte Kaufläden neu einzurichten; daß wir endlich einsehen, wie wenig wir von den europäischen Regierungen zu hoffen haben, die seit jeher mit solch philosophischer Ruhe und Kaltblütigkeit den Metzeleien zuschauen, welche an Juden in Rußland und Rumänien verübt werden und die andererseits eine solche Hyperempfindlichkeit an den Tag legen, sobald dieselben gegen Armenier und Mazedonier von der Türkei ausgehen . . . Ach Gott! Wenn die Juden nur einstimmig, aufrichtig und opferwillig wollen würden,' sie könnten es erreichen, daß das gequälte Volk auf irgend einem freien Boden sich menschenwürdig einrichte und auslebe. Eine jüdische Iitgendmehe. Das Institut der Jugendwehren hat sich in den meisten größeren Städten Deutschlands längst eingebürgert, ähnlich besteht in England ein jüdisches Jünglingskorps, über dessen Leistungen die Londoner „Jewish Chronicle" fast in jeder Nummer Rühmliches zu melden weiß. Diese „Jewish Lads Brigade" ist eine militärische Vereinigung von englischen, jüdischen Knaben geschaffen, organisiert und bis zu seinem Tode von dem Col. Albert S. W. Goldsmid sel. And., in der Absicht, der Heranwachsenden Generation vom Kindesalter an Ordnung, Nettigkeit und Lehrbegriffe einzuflößen. Indem sie diese achten lernt, soll sie für ihre Gemeinschaft davon Zeugnis ablegen. Es ist dies die erste Vereinigung dieser Art. Jüdische Knaben können in einem Alter von 12 bis 16 Jahren als Mitglieder ausgenommen werden, bis zum 18. Jahre darin verbleiben, wenn sie den Rang eines „Sergeants" erreichen, für das Alter der Oberoffiziere ist keine Grenze festgesetzt. Gegenwärtig bestehen drei Regimenter: das „London Regiment", welches aus den Bataillonen und Kompagnien des Londoner Bezirkes gebildet wird, das „Northern Regiment", ähnliche Einheiten von Nord- und Zentral-England enthaltend, und das „Kolonial-Regiment", bestehend aus den Kompagnien in Kanada und Südafrika. Als Ergänzung des Infanterie-Dienst-

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