Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 48 (1.12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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!»T. 48 Dr. Blocb's TWlocbenscbrift. Seite 761 der Tag, an welchem der erste Jude russischen Boden betreten. O, könnte ich Dynamit schreiben und Ecrafit sprechen, ich würde so lange sprechen und schreiben, bis es mir gelungen wäre, diese niederträchtige, nach Millionen zählende, zwar ein menschliches Antlitz tragende, doch nur den wilden Tieren gleichende „Tschornaja Sotnia“ (Schwarze Hundert) von dem Erdboden wegzufegen! Aber ach — was kann ich, was können wir allesamt anderes, als Tränen der Wut und der Ohnmacht vergießen! Der Modus, nach welchem die Judenmassakres in Szene gesetzt worden sind, war typisch für alle Städte. Der Plan war teuflisch ersonnen, teuflisch methodisch am Verkündigungstage der russischen Konstitution, des russischen „V ö l k er fr ü h l i n g s" durchgeführt. Am Nachmittage des 31./18. Oktober tauchten in einigen Stadtvierteln zu gleicher Zeit etwa 15—20 Strolche (Hooligans) auf, die, mit Axt und Stemmeisen bewaffnet, sich irgend einem Hause näherten, von dem sie im voraus ganz genau instruiert waren, daß darin Juden wohnen, oder einem Kaufladen, von dem sie wußten, daß er einem Juden gehöre. Die Treffsicherheit nach dieser Richtung hin ließ nichts zu wünschen übrig, schon aus dem einfachen Grunde, weil Polizisten, als „Hooligans" verkleidet, das Kommando übernahmen. — Die Zerstörungsarbeit beginnt; Fenster werden eingeschlagen, Türen krachen, die Möbel in den Zimmern werden zertrümmert, von den höchsten Stockwerken zu den Fenstern hinausgeschleudert; zertrümmerte Klaviere mit absichtlich zerbrochenen Tasten und zerrissenen Saiten fliegen durch die Luft und fallen zerschmettert zu Boden, kostbare Tapeten werden von den Wänden gerissen; Vasen, Spiegel aufs Pflaster geworfen und zu Scherben geschlagen ein Hexenkessel. Die in aller Eile geschlossenen Kaufläden werden mit Stemmeisen aufgebrochen und die darin enthaltenen Waren zur Straße hinausgeschleudert; das hochlöbliche herbeieilende Publikum wird höflichst aufgefordert, nach Belieben zuzugreifen. Alt und Jung, Knaben und Mädchen, Soldaten, Offiziere, Beamte, elegant gekleidete Damen, Dienstmädchen, Polizisten, Alle, Alle, die nicht Juden sind, beteiligen sich am Warenraub und greifen wacker zu. Eine Orgie, wie sie sich Belzebub nicht besser ausdenken könnte! Besonders eifrig wird auf Gold und Silber gefahndet und so manche zierliche Hand und so mancher unschuldige Busen der sogenannten „besseren Gesellschaft" schmücken sich mit gestohlenen Ringen, Armketten und Brustnadeln. . . . Schwere Stücke Tuch, Seidenstoffe, Teppiche werden auf dem Rücken oder auf Fuhren geladen und fortgeführt in Gegenwart, mit Bewilligung und unter Beteiligung des Militärs und der Schutzleute. Alles stiehlt! Manchmal ist es sogar rührend, zuzuschauen wie so ein altes Mütterchen unter der Last eines schweren, gestohlenen Wvllenstoffstückes keuchend, trippelnd davoneilt, als verrichte sie im Schweiße ihres Angesichtes ehrwürdige Taglöhnerarbeit; oder wie so mancher halbwüchsige Bursche, ein schwerbeladenes Bündel gestohlener Sachen tragend, von Zeit zu Zeit anhält, das Bündel auf den Boden setzt, um frisch Atem zu holen und sich auszupusten. Die Dieberei ist diesen Unglückseligen so ins Blut gedrungen, daß sie eben nichts Anstößiges finden an dem Raube, namentlich jüdischen Gutes . . Damit in das Straßenbild einige Abwechslung gebracht werde, betreibt ein Teil der Hooligans, zu je 2—3 Mann zusammengerottet, den Sport einer Judenrazzia, indem sie den Unglücklichen auflauern, überfallen und mit den Fäusten dermaßen bearbeiten, daß diese blutend und bewußtlos hinstürzen, oder, indem sie die Armen mit Pflastersteinen bewerfen, sobald sie rasch vorbeifahren oder von den Droschken herabzerren, um sie halbtot zu prügeln, durch Messerstiche zu verstümmeln, oder gar bei heranbrechender Dunkelheit, niederzustechen. Uebrigens wurde auf der Hauptstraße am hellen lichten Tage einem 50jährigen Juden der Schädel zerschmettert und selbst den zuckenden Leichnam verhöhnten diese Kannibalen . . . Solcher Fälle gab es viele. Dabei geschah es, daß auch Christen, deren Gesichter semitischen Ursprung zu verraten schienen, mißhandelt, resp. gezwungen wurden, das „Vaterunser" herunterzuleiern, um ihre rechtgläubige Christlichkeit zu dokumentieren. Und nun kommt das Unerhörteste, das Haarsträubendste, eine Schurkerei, vor welcher der raffinierteste spanische Inquisitor zurückgewichen sein würde. Einem jeden Rudel Wehrwölfe, Hooligans genannt, folgen Kosaken zu Roß oder Infanterie- Soldaten, in Reih und Glied postieren sie sich vor demjenigen Hause, welches ausgeplündert werden soll, sie kehren den Strolchen den Rücken zu, damit sie ja nichts hören und sehen und andererseits laffen sie nicht zu, daß irgend jemand aus dem Publikum diese Räuber in ihrem Handwerk störe. Sind letztere mit dem einen Hause fertig, so schreiten sie unter Militärschutz zu dem nächsten und das Spiel beginnt von vorne. . . . Wehe aber, wenn Juden sich zur Wehre setzen und aus den Fenstern oder den Dächern auf die Strolche schießen ... alsdann — o Gott! — alsdann wenden sich die Soldaten gegen das Haus, aus welchem geschossen wurde und entladen eine Salve von Flintenkugeln. Das Haus wird mit Mann und Maus zusammengeschossen. Spuren solcher Vandalenkunststücke werden noch lange unsere Stadt zieren. Die Rechtfertigung dieses Gebahrens seitens des Militärs ist noch viel niederträchtiger, als die Tat selbst, denn die Polizei- und die Militärchefs behaupten, die wehrlosen, zu Tode gehetzten Juden schößen auf das Militär und nicht auf die Strolche, was eine der infamsten Lügen ist, die ein Menschenhirn ersinnen konnte. Dabei geschah es, daß in denjenigen Stadtteilen, wo kein Militär zur Stelle war, die Juden wacker Stand hielten, einige Hooligans niederschossen und auf diese Weise die Plündereien abwenden konnten; erschienen aber Soldaten auf dem Kampfplatze, so war's mit dem Selbstschutz zu Ende und die Räuberei vollzog sich ungestört. Aus manchen Fenstern schossen eingedrungene Spitzel, agents provocateurs, oder die Hooligans selbst, um ein Blutbad anrichten zu können. Was die tapferen ruffischen Krieger auf den Schlachtfeldern der Mandschurei nicht erzielen konnten, das holten sie reichlich auf den Schlachtfeldern Judäas ein: Sieg auf Sieg, Raub auf Raub, Mord auf Mord. . . . Ich will Sie mit Detailfchilderungen nicht länger aufhalten, Ihnen nicht von den Schreckensszenen berichten, die in dunklen Nächten sich abspielten. . . . . . Die Haare müßten bei den Einzelerzählungen zu. Berge stehen . . . Flüchtig muß ich aber noch erwähnen, daß die Hotelbesitzer von den Juden, die sich in ihre Hotels flüchteten, doppelte, dreifache, zehnfache Preise erpreßten, daß viele russische Hausbesitzer für ein Kellerloch, welches sie den Unglücklichen als Unterschlupf zur Verfügung stellten, hunderte von Rubeln erpreßten. Es drängt mich aber, Ihnen zugleich mit freudiger Wehmut mitzuteilen, daß viele Christen, namentlich Studenten, ihr Leben aufs Spiel setzten, um die Unglücklichen zu schützen oder zu retten, daß viele Professoren, so manche Offiziere bittere Tränen der Schande und Verzweiflung vergoffen über die Verruchtheiten ihrer Glaubensgenossen, daß es so manchem von ihnen gelungen war, ganze Straßen vor diesen Räubern zu schützen und daß sie noch jetzt alles Mögliche aufbieten, um das Los der Geängstigten und Gequälten zu lindern. Auch verhält sich die gesamte Presse, mit Ausnahme der reaktionären, ganz musterhaft und drückt ihre Entrüstung nicht minder scharf aus, als wie ich es tue. Dank ihnen, diesen Edlen — man müßte ja in dem Glauben an die Menschheit ganz wankend werden, wenn es unter ihnen nicht eine Auslese braver, treuherziger, ehrlicher Seelen gäbe. Ach Gott! Wie gering ist die Zahl der Ehrenmänner im Vergleiche zur bestialischen, schadenfrohen, stockdunklen Masse . . . Diesmal wurden die Judenkrawalle von langer Hand vorbereitet und haben entschieden eine politische Unterlage. Da nämlich die Juden ihr gut Teil zum Befreiungswerke Rußlands beigetragen haben und bis jetzt beitragen, so find sie den Rückschrittlern, dem gesamten Beamtentum, ein Dorn im Auge. Aber noch eins sei betont: Aus dem erbärmlichen Ghettosumpf, aus dem Lande des Elends und des Jammers ist ganz