Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 48 (1.12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 76Ö Dr Llocd's Mocbenscbrtrr Sir. 4tz seiner Schwester, sah ihr tief in die tränenumflorten Augen und sprach: „Meine Rettung verdanke ich, wie ich Dir schrieb, dem Zufall, daß einer der Bluthunde, der unter Polizeilichem Beistand in meinem Laden einbrach, Gefallen an den da ausgestellten Juwelen fand. „Gibst Du mir all das, was ich da sehe", brüllte er mich an, „so magst Du Dich durch die Hintertür ins Freie retten! Bietest Du Widerstand, so haue ich Dich mit diesem meinen Kolben nieder!" Ich hatte tags zuvor mitansehen müssen, wie man dem einzigen Kind meines Bruders Banky beide Augen ausstach und den Vater gefesselt dabei stehen ließ, bis er ohnmächtig umsinkend das Bewußtsein verlor; dann schleppte man ihn hinaus auf die Gasse, sägte ihm beide Arme ab und zündete sein Haus an. Ich betrachtete es also noch als ein Glück, mit dem nackten Leben davon kommen zu können, flüchtete, verbarg mich mehrere Tage lang in einer fernen Vorstadt, wo ich bei einer mir befreundeten christlichen Familie Aufnahme fand. Mehreren meiner Kollegen gelang es, sich loszukaufen; der Eine hatte einem Polizei-Beamten zehntausend Rubel, ein Anderer einem Hooligan sechstausend Rubel gezahlt. Man gab ja gern das Letzte hin, um vor den wilden Horden, die unter militärischer Bedeckung die Stadt durchzogen, geschützt zu sein. Herzbrechend.war aber das Elend derer, die nichts zu opfern hatten, um der Beutegier der entmenschten Horden Einhalt zu gebieten. Man riß den Frauen die Kleider vom Leibe und jagte sie nackt durch die Straßen, zwang die Mütter unter Knutenhieben, ihre Kinder zu den Fenstern hinauszuwerfen, schnitt denen, die sich widersetzten, Hände und Füße ab und ließ sie, ohne sich weiter um sie zu kümmern, verbluten. Ströme roten Blutes flößen durch die Straßen; die entmenschten Bestien zwangen die jüdischen Kinder das Blut ihrer gemordeten Eltern zu trinken und verbrannten sie hernach. Militär und Polizei eiferten das Raubgesindel an, ihre Schuldigkeit zu tun; Studenten, die die Unglücklichen beschützen wollten, wurden niedergemetzelt, und wer ihnen zu Hilfe eilen wollte, erhielt Peitschenhiebe oder wurde erschossen. So sah es in unserem heiligen Rußland aus. Als ich — es sind heut acht Tage her — die Fahrt zum Bahnhof antrat — sah ich sechs Häuser lichterloh brennen; der Mob hatte sie angezündet, die Ausgangstüren versperrt; an den Fenstern standen händeringend die dem Tode Geweihten; es war ein Anblick, der einem das Blut in den Adern erstarren ließ. Am Bahnhof angelangt, Hunderte verstümmelter Juden, Viele, die ich ehedem als reiche Leute kannte, jetzt die Hand nach einem Almosen ausstreckend, um wenigstens die Fahrt zahlen zu können. Bis zur Station Rasdielnaja ging Alles leidlich; wir saßen zwar zehn in einer Bankreihe, die nur für fünf Personen bestimmt war, aber was half es? Man mußte froh sein, überhaupt befördert zu werden. Da plötzlich hielt der Zug auf freiem Felde. Von Gendarmen gefolgt, traten bärtige Männer ein und schlugen wie besessen um sich. „Tod den Juden, die unfern Zar ermorden wollen", riefen sie. Die Gendarmen nahmen wacker an der Mordarbeit und Beute Teil. Wie es mir gelungen, zu entkommen, ist mir noch heute ein Rätsel. Als die Mordgesellen sich entfernt, waren die Coupes mit Blutlachen gefüllt; man sah gräßlich verstümmelte Menschen, hörte herzzerreißendes Gestöhne. Die Toten blieben in Rasdielnaja zurück; mit den Verwundeten setzten wir die Fahrt fort. Der Russe schwieg. In Gedanken versunken saß er lange Zeit. „Du wirst besser tun", sagte ihm die Schwester, „der Ruhe zu pflegen; komm, laß uns hinauf ins Hotel gehen. Suche zu vergessen, was —" „Ja, wer vergessen könnte!" sagte der Russe. „Hunderttausende unserer Brüder sind um Gesundheit, Hab und Gut gekommen und fristen ein elendes Dasein. Wer wird ihnen helfen?" „Das ist die Frage", nahm der alte Oberst das Wort, „die wir gerade diskutierten, ehe Sie ankamen. Ich meine, die ganze zivilisierte Menschheit ist solidarisch verpflichtet, hier Hilfe zu bringen. Wer es nicht tut, ob Jud, ob Christ, macht sich einer unverzeihlichen Unterlassungssünde schuldig. Unsere großen, reichbegüterten Herren und Frauen sollen mit gutem Beispiele vorangehen und auch der Minderbegüterte soll fern Scherflein beitragen, das Unglück zu lindern, da blinder Religionshaß denen zugefügt, die schuldlos an all dem Elend sind, das sie betroffen." „Sie sind ein edler Mensch", sagte gerührt der Russe, „ich danke Ihnen vom ganzen Herzen für die Worte, die wie Balsam auf die Wunden wirken, die uns das Schicksal geschlagen; aber leider ist die Gemeinde derer, die wie Sie denken, nur eine kleine und unser Unglück wächst riesengroß an. Hunderttausende hungern, frieren, sind obdachlos, zu Tode gekränkt, da die, die ihnen im Leben teuer waren, der Mörderhand zum Opfer fielen." „Die Geschichte wird ihrer als Märtyrer ihres Glaubens gedenken", sagte ein Herr, der der Erzählung des Russen tiefbewegt zugehört; „was die Erde bedeckt, muß das Herz vergessen!" Das wird wohl auch in Rußland so kommen, aber die, die noch aus Erden sind, denen muß geholfen werden, daß sie wieder in geordnete Verhältnisse kommen. Unser Oberst hat Recht. Wenn ein Erdbeben in Calabrien, in Mexiko, in Guatemala ist, da regt sich die öffentliche Mildtätigkeit allüberall. Auch die Katastrophe in Rußland ist einem Erdbeben gleich, einem Herzbeben möchte ich sagen, und Hilfe im großen Maßstabe muß kommen. Mit Trauer-Meetings und Entrüstungs- Kundgebungen ist den Armen, die des Winters Kälte schutzlos preisgegeben sind und ihren Hunger nicht zu stillen wissen, nicht geholfen; der Zar, das große Rußland, muß Gelder flüssig machen, um dem Elend zu steuern und wer ein Herz in der Brust hat, gleichgiltig ob Jud, ob Christ, der bringe sein Scherflein, dann dürfte in absehbarer Zeit das große Unrecht gut gemacht werden, das blinder Fanatismus über unschuldige Menschen gebracht!" Als jetzt der Sonne letzte Strahlen das Firmament vergoldeten, war es uns, als seien die Bilder des Elends, die des Russen Erzählung vor unserem geistigen Auge erstehen ließ, in des Meeres Tiefen verschwunden. Die Worte jener Edelmenschen klangen uns noch lange wie eine der Sphären-Harmonie entnommene Musik in die Ohren. Ich glaubte Recht zu tun, sie hier wiederzugeben, hoffend, daß sie ein volltönendes Echo in den Herzen anderer Edelmenschen finden mögen. Jda B a r b e r. Krief eines russischen Gelehrten an einen Wiener Freund über die russischen Uorgiinge. ... Die Ereignisse der letzten Tage haben auf mich. dermaßen eingewirkt, daß mir das Blut in den Adern stockte und mein altes krankes Herz schier bersten wollte, so daß es mir an physischer Kraft gebrach, die Feder zu führen. Was wir in den letzten Tagen hier erlebt haben, spottet einer jeden Beschreibung, und was man in Odessa, Rostow, Elisabetgrad und unzähligen anderen Städten erlebt hat, kann nicht besser, muß vielmehr, laut Berichten noch schlimmer, viel schlimmer gewesen sein. Die jüdische Bevölkerung unserer Stadt war zwei langen, bangen Bartholomäusnächten und drei langen, bangen Bartholomäustagen ausgesetzt, und diese Zeit reichte vollkommen aus, um unsere Stammesgenossen total zugrunde zu richten, und selbst die Reichen mußten wie die anderen den Genuß des Beraubt- und Geplündert-Werdens auskosten. Das Elend ist namen- und grenzenlos. Gegen 100 Tote, gegen 300 bis 400 mehr oder weniger Schwerverwundete. Sämtliche Kaufläden, darunter Warenlager von 2-300.000 Rubel, wurden ausgeraubt; unzählige Judenwohnungen zerstört, Hab und Gut des Handwerker- und mittleren Kaufmannsstandes total vernichtet — das ist das Fazit der dreitägigen Zerstörungswut einer Abart des „bomo Spions", welche der Hyäne so blutsverwandt zu sein scheint. . . Verflucht das Land, das ein solches Volk gebiert! Verflucht die Regierung, die durch Jahrhunderte ein solches Volk gezüchtet hat! Verflucht