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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-12-01 · 48 (1.12.1905) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
48 (1.12.1905)
Date
1905-12-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 48 Dr. Moeb's MocbenscbrM. Seite 759 turen senden in alle Welt Mitteilungen über Bestrafung hoher Administrativbeamter, über strenge und energische Mittel, welche die Regierung ergriffen habe zum Schutz der jüdischen Bevölkerung — wiewohl wir in Rußland von all den schönen Sachen nichts wissen und nichts bemerken. Mit einem Wort, man bemüht sich, vor Europa den.Glauben zu erwecken, als wären die russischen Regierungsmänner voll Wohlwollen für die Juden. Was uns, die russischen Juden, anbelangt, so erachten wir alle Vertröstungen und Versprechungen, ja selbst die angebotenen kleinen gnädigen Erleichterungen — nachdem man unser Blut durch ganz Rußland in Strömen vergossen — als eine Beleidigung, eine dreiste Zumutung an unsere Naivität. Man will die Finanzmänner in Europa und Amerika durch schöne Worte fangen, uns in Rußland wird man nicht narren, wir wissen den Wert aller schönen Worte v?n höchster Regierungsstelle zu taxieren. Und es will uns scheinen, daß allen politischen Manövern erheuchelter Judenfreundlichkeit, welche die Regierung des Grafen Witte im Ausland spielen läßt, der Erfolg versagt bleiben wird. Unsere Brüder im Ausland fühlen unser Unglück und werden es sich zweimal überlegen, Geld herzugeben, das eventuell an die Jndemnörder verteilt werden soll. In London führte Lord Rothschild am 14. d. M. den Vorsitz in einer Konferenz, in der die Art der Verteilung der Unterstützungsgelder beraten wurde. In derselben waren vertreten: die „Anglo Jewish Association" durch die Herren Claude Montefiore und Hermann Landau, der „Board vs Deputies" durch Herrn Rabbiner S. Singer, das „Russo Jewish Comitee" durch Herrn N. S. Joseph, der „Hilfsverein der deutschen Juden" durch Herrn Dr. Paul Nathan-Berlin, die „Alliance Jsraelite Universelle" durch Herrn Leven jun. und außerdem waren die Herren Leopold v. Rothschild-London und Feinberg - Petersburg anwesend. Die Erregung aller Delegierten über die an den russischen Juden verübten Greuel war so lebhaft, daß Lord Rothschild erst nach geraumer Zeit das Wort zu ergreifen vermochte. Es habe sich, führte der Referent aus, nach verschiedenen Experimenten herausgestellt, daß man auf schriftlichem Wege zu einer internationalen Organisation des dringend gebotenen Hilfswerkes nicht würde gelangen können, ohne daß wcnigstens eine einmalige persönliche Aussprache der hervorragendsten Organisationsleiter erfolgt ist. Aus diesem Grunde habe der Lord die Deputierten nach London geladen. Um die Verwendung der in der ganzen Welt gesammelten Unterstützungsgelder in Rußland einheitlich gestalten zu können, wurde auf Antrag des Dr. Nathan beschlossen, ein Bureau in Berlin zu errichten, das sämtliches Material über die Ereignisse in Rußland aktenmäßig zusammenstellt, um auf Grund dessen seine Vorschläge über die Höhe sowie über die rechtmäßige Verteilung der Unterstützungen zu machen. Die Genehmigung der Vorschläge erfolgt durch ein ständiges Komitee von Vertrauensmännern der Hauptorganisationen in den verschiedenen Ländern. Die Auszahlung der Gelder wird durch Vermittlung des Lord Rothschild erfolgen, der während der Sitzung die Notierung einer Millionenspende verkündete, die durch die anwesenden hervorragenden englischen Finanzmänner eine bedeutende Erhöhung erfuhr. Gleichzeitig erklärten die anwesenden hervorragenden englischen Finanzmänner, daß für längere Zeit an die Unterbringung einer russischen Anleihe nicht zu denken sei. Auch die anwesenden Vertreter aus Rußland, Frankreich und Deutschland stimmten darin überein, daß auf die russische Regierung ein Druck unbedingt dadurch ausgeübt werden müsse, daß, soweit jüdisches Kapital in Betracht kommt, ihr eine Anleihe in Zukunft unmöglich gemacht wird. Dieses Prinzip wurde unter stürmischem Beifall zum Beschluß erhoben. Zustimmungskundgebungen waren von den österreichischen, italienischen, amerikanischen Juden und anderen eingetroffen. Dr. Nathan ist sofort nach Beendigung der Konferenz nach Berlin zurückgereist, um hier die Organisation des russischen Zentralnachrichtenbureaus in die Wege zu leiten." Eine aus den Herren Dr. Nathan, Carl Stettauer-London und Feinberg bestehende Kommission wird sich nach Petersburg begeben, um an Ort und Stelle die erforderlichen Informationen einzuholen und die zweckmäßige Gestaltung der ganzen Aktion vorzunehmen. Internationale Wohltätigkeit. Wir saßen vor dem Cafe Ouarnero, ließen die Blicke weit hinaus auf das blaue Meer schweifen, freuten uns der milden Luft, der belebenden Sonnenstrahlen. — Eine Russin, die seit Wochen in unserer Gesellschaft war, erhob sich plötzlich, eilte, da das von Fiume kommende Schiff eben in den Hafen einlies, dem Landungsplatz zu: sie erwartete ihren aus Odessa kommenden Bruder, der wie durch ein Wunder dem Gemetzel entronnen war und heute eintreffen sollte. An unserer Tafelrunde bildete das Unglück der russischen Juden das Tagesgespräch. „Schändlich! Entsetzlich!" rief ein alter Herr, die Zeitung, in der er eben gelesen, weit von sich weg schleudernd; „sollte man es glauben, daß im Jahrhundert der Aufklärung, der Humanität solche Zustände möglich sind! Wie blutdürstige Tiere sind sie über die Wehrlosen hergefallen, denen man tags zuvor die Waffen, die sie sich zur Selbstverteidigung beschafft, sortgenommen; sie haben Frauen geschändet, Kindern in Gegenwart ihrer jammernden Eltern die Gliedmaßen abgeschnitten, Greise aus den Fenstern geworfen, und wenn sie halbtot unten anlangten, mit Petroleum begossen und verbrannt! So haben ja wohl kaum die wilden Horden im dreißigjährigen Kriege gewirtschaftet!" „Beruhigen Sie sich, Herr Oberst", sagte ein junger, hier zur Kur weilender Franzose; „die öffentliche Mildtätigkeit regt sich; man sammelt in aller Herren Länder und wird die Wunden zu heilen suchen, die blinder Fanatismus geschlagen!" „Man sammelt!" sagte der alte Oberst entrüstet. „Ich habe verfolgt, was gesammelt wird und wer die Geber find! Da sehen Sie" — er wies auf das heute erschienene Blatt der „Neuen Freien Presse", — 40 Spenden von Juden, nur eine von einem Christen und dieser hat nicht einmal den Mut, seinen Namen zu nennen! Ich las wieder und wieder die Notiz: „Ein Christ 200 Kronen" und fragte mich: „Wie viel Millionen sind von Juden gespendet worden, wenn es galt, Not zu lindern, sei es bei elementaren Ereignissen, sei es, um humanitäre Zwecke zu fördern?" Wie oft habe ich gelesen, daß die Rothschild, Königswarter, Oppenheimer, Thorsch und wie die reichen Juden alle heißen, Hunderttausende mit dem Motto „ohne Unterschied derKonfessionundNationalität" testiert haben und hier, wo es gilt, dem unsäglichen Unglück, das wilde, ausgestachelte Horden armen, wehrlosen Juden zugefügt, durch tatkräftige Hilfe zu begegnen, da läßt sich die christliche Nächstenliebe, die nie Anstand nahm, jüdisches Geld für ihre Zwecke zu verwenden, nicht blicken!" Das ist beschämend und" — „Sehen Sie", unterbrach der junge Franzose, „dort kommt unsere Russin am Arm eines Herren, vermutlich des längst erwarteten Bruders aus Odeffa! Der soll uns erzählen, wie es dort aussieht!" Frau R. stellte ihren Bruder, den Juwelier Chaskel Kuten vor und schien überselig, den schon tot Geglaubten wieder zu sehen. „Wenn Sie nicht gerade ruhebedürftig sind", sagte der alte Oberst, „so verweilen Sie ein Viertelstündchen in unserem Kreise und stärken sich an einer Tasse Mocca von der überstandenen Seefahrt!" „Ruhebedürftig?" fragte Kuten; Du lieber Gott, werden meine Nerven überhaupt noch zur Ruhe kommen, nach Allem, was ich den letzten Wochen mitgemacht? Ich habe die Nacht in einem Hotel in Fiume zugebracht und bin nicht müde; aber Ruhe ist mir ein unbekannter Begriff". Er nahm die Hand

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