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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-12-01 · 48 (1.12.1905) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
48 (1.12.1905)
Date
1905-12-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 758 Dr. Dlocb s MlocdenscvrM. 5Kr. 48 der Behörden. Polizei und Militär säubern die Straßen, damit die Mörderbande nicht von wehrhaften bürgerlichen Verteidigern aufgehalten wird. Arbeiter, die zum Schutze der Juden herbeieilcn, werden vom Militär, das die Unordnung aufrecht erhält, nicdergeknallt, die plündernden Horden halten Heiligenbilder und Bilder des Zaren in den Händen und erfüllen die Luft mit Hurrahrufen auf Nikolaus II. Dies ist die Schilderung nüchterner Augenzeugen. Entsetzen ergreift ob solcher Greuel die ganze zivilisierte Welt. Der Abscheu macht sich allenthalben Luft und setzt sich auch in opferwilliges Handeln um. Millionen werden in kürzester Zeit zusammengebracht, um jene Opfer, die diese Massakres überlebt haben, und die Hinterbliebenen der Hingemordeten vor der allerbittersten Not zu bewahren. Während so die Empfindungen der ganzen zivilisierten Welt von Empörung zur Mildtätigkeit übergeleitet werden, erscheint nur ein Mensch, der Meistbeteiligte, völlig passiv. Das „gute Väterchen" sitzt in Peterhof und kein Wort des Abscheus, kein Wort des Protestes dagegen, daß die Mordbrenner durch ihr Hurrahgeschrei den Namen des Zaren zu schänden gewagt haben, wird von dem „guten Väterchen" gehört. Kein Manifest erscheint, das der Welt verkündete, wie der Zar über die unter dem Schutze der hohen Obrigkeit erfolgte Verwüstung von Heimstätten russischer Juden denkt. In allen Kulturländern der Erde werden Sammlungen veranstaltet; aber der Zar und die ganze zarische Familie halten sich von diesen Sammlungen ferne. Es mag sein, daß die russischen Großfürsten, die sich in Paris amüsieren, ihr Geld nöliger brauchen; aber, daß auch der Zar nicht begriffen hat, daß jedes natürliche Empfinden von ihm eine Beteiligung an diesen Spenden erwartet, ist ein charakteristscher Zug in dem Bilde des zarischen Despotismus." Diesen Bemerkungen der „Nation" ist hinzuzufügen, daß unseres Erinnerns auch in Kischenew, in Homel und in Schitomir gräßliche Judenmorde stattgefunden. Nikolaus II. hat noch nie einen Rubel, nie auch nur einzig Wort der Teilnahme für die unglücklichen Opfer übrig gehabt. Er schweigt, wiewohl in ruffischen Blättern die erwiesene Tatsache hervorgehoben wird, daß an die Mordgesellen in Odessa ein Taglohn von 60 Kopeken bis zu drei Rubel au sgezahlt worden. q- * * Unter der Ueberschrist: „Schier an Unglück", d. h. „Beinahe wäre ein Unglück geschehen", schreibt der Petersburger „Fraind" Nummer 233: „Aus Wien war eine erschreckende telegraphische Mitteilung gekommen, daß in der dortigen russischen Botschaftskirche für die jüdischen Opfer des russischen Judenmordens eine.Geldsammlung veranstaltet worden! Noch mehr! Der Botschafter Fürst U r u s s o w habe für die Juden eine Spende von 1000 Kronen gegeben! „Man begreift das allgemeine Entsetzen! Wäre diese Nachricht begründet, welch eine Schmach, welch eine Schande wäre es für Rußland, insbesondere für die hohe Regierung! „In der Tat. Da bemüht sich die Autokratie, die Juden in Bedrängnis zu erhalten, über sie den ganzen Zorn und die ganze Wut auszulassen, von Zeit zu Zeit sie zu dezimieren, auszumorden und zu verbrennen. Und in Wien sitzt der Botschafter, ein Diener des Zaren und will gar — den Juden helfen! Anstatt daß die Kirche segnen soll die patriotische Mordarbeit der ergebenen Hooligans und Polizisten, anstatt wie der Metropolit von Moskau Wladimir im Namen der Religion der Liebe zu erklären, man müsse die Juden hassen und ausrotten, wird dort in einer russischen Botschaftskirche Geld gesammelt zur Unterstützung der Juden. „Ein russischer Botschafter im Ausland muß nach Natur und Vernunft die russische Politik vertreten. Will er Notleidende unterstützen, so hätte er das patriotische Mordgesindel, die „schwarzen Hunderte", die Polizisten, die Kosaken mit einer Liebesgabe bedenken können, sie wissen damit was anzufangen, — den Juden gehören Nägel in den Kopf, Bauchaufschlitzen — nicht aber Geldunterstützung. „Die Wiener Meldung würde nichts geringeres bedeuten, als daß die festesten Stützen der Autokratie zu wanken beginnen! „Was tut Gott^? Ist bie ganze Erzählung unwahr! Die russische Telegraphen-Agentur beeilt sich mit einem Dementi, damit Gott behüte kein häßlicher Flecken haften bleibe auf der russischen Kirche und Botschaft in Wien. Die Petersburger Telegrafen- Agentur erklärt, nach ihr zugekommenenMitteilungen ist „die Wiener Meldung unrichtig!" „So ist unsere Regierung gerettet vor einem neuen Unglück! Und Rußland vor einem Schandfleck!" So weit der Artikel im „Fraind". Die Meldung von der 1000 Kronen-Spende des russischen Botschafters Fürsten U r u s s o w war in der „N e u e n F r e i e n Presse" und im „Neuen Wiener T a g b l a t t" zu lesen und stammte aus offizieller Quelle. Wir haben die Meldung in Nr. 46 notiert; sie ist in Wien auch nicht dementiert worden. Für st Urussow will eine günstige Stimmung vorbereiten, er handelte im Sinne der russischen Regierung, die im Ausland Wohlwollen für die unglücklichen Opfer ihrer Verfolgung heuchelt. In Rußland aber könnte die Meldung von der Spende des russischen Botschafters das niedere Volk zu der Meinung verleiten, die Ermordung der Juden sei gar nicht im Sinne und nach Wunsch des Zaren, kein patriotisches Werk mehr — eine solche Ketzerei wäre sehr unwillkommen, daher beeilt man sich, die „Wiener Mitteilung" für unrichtig zu erklären, den „Schandfleck", wie der „Fraind" sagt, abzuwaschen. So enthüllt sich der ganze Tric des Witt e'schen Regimes. * * * Die russische Presse macht Witte für Massakres verantwortlich. So schreibt die Petersburger Börsen-Handelszeitung „Birjewie Wjedomosti" : „1902 sagte Plehwe: „In Strömen jüdischen Blutes werde ich die Revolution ertränken" — und jetzt hat die neue Regierung das Testament Plehwes vollzogen. Denn anders ist es nicht zu begreifen, warum die Negierung den Mördern keinen Halt geboten hat, während sie die Studenten und friedlichen Arbeiter so energisch auseinander zu treiben versteht und es ihr dabei nicht aufs Schießen ankommt. Obwohl man zum Sprengen von friedlichen Versammlungen Polizei und Militär stets reichlich zur Verfügung hat, versagte der gesamte Regierungsapparat, als Tausende Juden einige Tage hindurch geplündert und ermordet wurden." Ebenso schreibt die Petersburger „Si Otecestwo": „Es unterliegt keinem Zweifel, daß an dem Blutvergießen sich die Regierung selbst beteiligt hat. Wenn die neue Regierung beweisen will, daß der Weg der Reformen zu Wirren führt, dann möge sie es laut sagen, damit das Volk wisse, daß die neue Regierung der Peitsche und der Knute, die vom Volke Vertrauen verlangt, bis aufs Messer bekämpft werden muß. Die Regierung darf aber nicht vergessen: wenn sie nicht gewillt ist, die Wut des Volkes zu beruhigen, werden die Novembertage furchtbare Folgen nach sich ziehen. — Aus den Gebeinen der Erschlagenen werden große Scharen von Rächern erstehen, und das Land wird sich so erschüttern, daß alles, was bis jetzt geschah, als angenehme Ruhe erscheinen wird. — Wir wollen der ganzen Welt Mitteilen, daß die Negierung, die den Frieden gegeben, ihn gestört hat durch furchtbare Schrecken, an die selbst die Revolution niemals gedacht hat." Der Petersburger „Fraind" Nr. 235 schreibt: „Das Anlehen im Ausland scheint ohne Hilfe der Juden nicht zu Stande kommen zu wollen. Die Regierung, deren Agenten das große Judenmorden in weitem Reiche so trefflich zu organisieren verstanden, erweckt im Ausland kein Vertrauen. Daraus erklärt sich, daß die Regierung im Ausland den Anschein von Judenfreund lichkeit sich gibt. Graf Witte „ist in tiefer Trauer" über das Leid der Juden — so läßt er persönlich den jüdischen Finanzleuten Amerikas mitteilen. Der Minister des Innern, D u r n o w o, dankt den jüdischen Philanthropen in England für die großherzigen Spenden zu Gunsten der unglücklichen Opfer der Verfolgung. Die russischen Telegraphen-Agen-

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