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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-12-01 · 48 (1.12.1905) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
48 (1.12.1905)
Date
1905-12-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 48 Dr. Bloch’s Jahrgang XXII. Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Judentums. Wim, 1 Dezember 1905. Lrsckeint jeden Freitag. Brief-Adresse: Hinten, IX/I, Verggasse 39. Telegramm-Adresse: Klocb's UHlocbenscbrift, HBlien. S-S Ti. ft. Po stjprrrftrlsscn-Amt Gfearlng-lDerftebr Nr. 810.976. Buirnfttion und Administration: Viru ix/l, Kerggasse Nr. 39. Telefon Nr. 14.847. ©-© ©---—» Vrxugsprri« für Vesterrrirh: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für's Ausland: Halbjährig lt> Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Tie 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. ©-Ä Inhalt: Leitartikel: Der Kampf des Proletariats für seine Rechtsgleichheit. — Der Zar, Graf Witte und Urussow. — Internationale Wohltätigkeit. — Brief eines russischen Gelehrten an einen Wiener Freund über die russischen Vorgänge. — Eine jüdische Jugendwehr. — Korrespondenzen: Zur Beteiligung christlicher Kreise an der Hilfsaktion für die russischen Juden. Berlin, Halle a. S., Frankfurt a. M.» Wiesbaden, Nürnberg, Kopenhagen, Brünn, Purgstall. Englisches und russisches Christentum. Proteste in New-Iork. Caruegie's wohltätige Hand. Beschluß des Stadtrates von New-Aork. Ein Gemeindetag der kroatischen Juden. 40jähriges Lehrerinnen-Jubilänm. Berlin. — Vermischtes: Hilfsaktion der „Israelitischen Allianz zu Wien." Wien. Spende für die Opfer der russischen Judenverfolgung. Einzelverein „Fünfhaus" des Verbandes Zion. Wien. Der Verein zur Bekleidung und Unterstützung alter Männer israelitischer Konfession. Augsburg, Wr.-Neustadt, Brünn, Boskowitz, Klattau, Prag. Andrychau, Wsetin, Paris. — Feuilleton: Welkes Laub. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Der Kampf des Proletariates für seine Rechtsgleichheit. Die alte Reichshaupt- und Residenzstadt Wien hat Dienstag den 28. d. M. ein denkwürdiges Bild dargebvten. Alle Arbeit ruhte, alle Fabriken waren gesperrt, alle Geschäfte geschlossen, jegliche Tätigkeit unterbrochen. Das Proletariat hat den Feiertag diktiert und die Bürger ohne Unterschied der Partei gehorchten ohne Widerstand. Gewaltig war der Eindruck der großen Demonstration für das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht. Die Ringstraße zwischen Schwarzenbergplatz und Schottentor, wo die Riesenmasse der Demonstranten wieder nach verschiedenen Richtungen auseinanderfloß, bot ein Schauspiel, das in ähnlicher Großartigkeit noch nicht in Wien, vielleicht überhaupt noch nicht zu sehen war. Es handelt sich nicht allein um die Zahl der Teilnehmer, die mit zweimalhunderttausend wahrscheinlich zu tief gegriffen ist; das Ueberraschende, Verblüffende, Unglaubliche war die Art, in der sich die Defilierung der enormen Volksmassen vollzog. Vor den Pforten des sterbenden Parlamentes defilierten die Massen, ein unendlicher Zug. unabsehbar, unentwirrbar. Man sieht die Bezirke mit den Tafeln und Fahnen, die Abgeordneten von der Parlamentsrampe sehen sich die Sache von oben an. Daszynski gibt einigen Landsleuten Aufklärungen, man versucht Schätzungen, zwanzig-, dreißigtausend bis jetzt, im ganzen wird es vielleicht eine Viertelmillion Menschen. Andere Abgeordnete stoßen neugierig zu ihren Kollegen. Erst wollten sie sich den „Spaß" ansehen. Und nun gewahren sie, daß es kein Spaß ist. Niemals noch, so lange die Welt besteht, ist ein solcher Zug in solcher Ordnung gesehen worden. Das zwingt auch die Spöttischen nieder, und sie starren hinab, hypnotisiert von den Menschenwogen, die an ihnen vorbeiziehen, die die Fahnen schwenken und sich im Fernen verlieren, um neuen Tausenden Platz zu machen. In unbarmherziger Monotonie entwickelt sich diese Symphonie des Schweigens. Abgezirkelt ist die Bewegung, man möchte an ein Uhrwerk glauben, das sie treibt, dieses Rot wirkt nicht grell und nicht aufreizend, es wirkt düster, fast schwarz in dieser ruhigen, erstarrten Menge, und doch wünschte man kein lautes Wort, keinen schrillen Rufe, keinen Sang und kein rohes Wort. So nur wird dieser Gigantenzug zur Majestät des Volkes, das nach dem Gesetz der geordneten Massen alle Gewalt niederzwingt, alle Läden schließt, einen Feiertag der Welt diktiert und in die Speichen aller Räder greift, weil sein furchtbarer Arm es will. Ein Reihe von Tafeln trugen folgende Inschriften: „9 adelige Faulenzer wählen einen Abgeordneten." Auf der anderen: „4200 Städter wählen 1 Abgeordneten." Dann wieder: „12.000 Bauern wählen 1 Abgeordneten." Ferner: „70.000 Arbeiter genießen die Wohltat 1 Mandats." Schließlich : „26 kapitalistische Ausbeuter wählen 1 Abgeordneten." Außerdem sah man Tafeln in einer Gruppe tragen, auf deren jeder ein Buchstabe sichtbar war, zusammen den Satz bildend: „Hoch das allgemeine Wahlrecht." In der Mitte einer Gruppe wurde ein großer, schwarzer Holzsarg getragen, dessen Deckel einen rotgemalten Totenkopf und die Aufschrift: „Die fünfte Kurie" trug. Wenn diesem Arbeiterzug unsere Sympathie unwillkürlich sich zuwendet, so geschieht es nicht, weil wir etwa von dem Siege dieser Partei einen besonderen Nutzen für die Lage der Juden in Oesterreich erhoffen. Das neue Parlament des allgemeinen und gleichen Wahlrechtes in Oesterreich wird vermutlich noch viel reaktionärer, klerikaler und fortschrittsfeindlicher sein als alle bisherigen. Allein, um was da gekämpft wird, ist nichts Geringeres, als die Idee der Rechtsgleichheit. Und überall, wo im Namen der Rechtsgleichheit ein Kampf geführt wird, begleitet das Judentum diesen Kampf mit aufrichtiger Teilnahme und Sympathie. So find denn auch heute unsere Wünsche auf Seite des österreichischen Proletariates in dem ruhmreichen Kampfe für seine Rechtsgleichheit. Der Zar^ Fürst Urnstow und Graf Mitte. „In zahlreichen Städten Rußlands wütet ein verkommener Pöbel gegen die Juden, viehische Ausschreitungen finden statt. Nach Tausenden zählen die unglücklichen Opfer. Man vergreift sich nicht nur an wehrhaften Männern — was den Mordbrennern unter die Hände kommt, wird abgeschlachtet, Weiber werden geschändet, Kinderleichen zerrissen, den Juden wird ihre Habe geraubt, das Haus über dem Kopf angezündet. Das losgelassene Gesindel verrichtet diese Heldentaten unter Beihilse

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