Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 47 (24.11.1905)
- Date
- 1905-11-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 47 Dr. Dlocv s MlocbenscvrM, Seite 751 lichen Kosten" ausspricht, sind auch auf die Israeliten anzuwenden. Natürlich ist auch da von der finanziellen Möglichkeit jenes Maß abhängig, in welchem das Prinzip von Stufe zu Stufe verwirklicht werden kann. Außerdem erachte ich es im Geiste des zitierten Gesetzes vom Jahre 1848 für wünschenswert, daß die Israeliten für die weltliche Beziehungen besitzenden Angelegenheiten ihres kirchlichen Lebens eine die Religionsgemeinden umschließende höhere Autonomie ins Leben rufen. Ihre Bestrebungen auf diesem Gebiete will ich nicht nur unterstützen, sondern ich selbst gedenke Jnitiativschritte zu machen." „Du sollst nicht haben ein zwiefach Maß." Die „Frankfurter Zeitung" vom 22. Oktober 1905 schreibt unter der Überschrift: „Die deutsche Diplomatie und die Kutzowolachen." Das Eintreten der deutschen Diplomatie für die Kutzowalachen ist sehr bemerkenswert. Als vor einigen Jahren die Vereinigten Staaten von Amerika im Namen der Menschlichkeit zugunsten der verfolgten rumänischen Juden intervenierten, verhielt sich Deutschland völlig teilnahmslos, obgleich es eine der Mächte ist, die durch den Berliner Kongreß den rumänischen Juden die Gleichstellung mit der christlichen Bevölkerung gewährleistet haben. Als es sich aber in diesem Jahre um die Anerkennung der kutzowalachischen Bevölkerung als besondere Nation durch die Pforte handelte, unterstützte die deutsche Diplomatie sehr energisch Rumänien gegen das Patriarchat und der deutsche Botschafter in Konstantinopel gab sich große Mühe, die Anerkennung der kutzowalachischen Nationalität durchzusetzen. Warum diese verschiedenartige Behandlung zweier Volksstämme in fremden Staaten? Ist das eine Volk weniger unterstützungswürdig als das andere? Die Kutzowalachen waren früher mit ihrer Lage zufrieden und nur die rumänischen, von der Bukarester Regierung unterstützten Agitatoren, wie der berühmte Apostel Magarint, haben den heutigen Zustand herbeigeführt, damit Rumänien bei einer etwaigen Teilung Mazedoniens auch einen Anspruch erheben kann. Die Kutzowalachen wurden früher sehr gut behandelt und hatten dieselben Rechte wie die anderen mazedonischen Volksstämme, während die Juden in Rumänien so bedrückt werden, daß sie froh sind, wenn sie nur auswandern können." Berlin. Die „B.-Z. am Mittag" schreibt: Russenanleihe und Judenhetze. Die Bemühungen der hiesigen und der Pariser Hochfinanz zugunsten der russischen Staatspapiere werden erheblich durch Newyorker Meldungen über Proteste dortiger Finanziers gegen die Judenmetzeleien beeinflußt. Diese Proteste könnten die Einführung der neuen russischen Anleihe auf dem amerikanischen Markte verhindern, was alle bisherigen prinzipiellen Abmachungen über die neue Anleihe umstoßen würde. — Die große Bankfirma Kuhn Loeb u. Co., an deren Chef, Schiff, Witte ein (übrigens für die russischen Verhältnisse) charakteristisches Entschuldigungstelegramm, das sich auf die Ohnmacht der russischen Regierung berief, gerichtet hat, hat sich von Anbeginn an trotz aller Werbungen russischerseits von den Verhandlungen über die Russenanleihe ferngehalten und ohne die jüdischen Bankfirmen ist (ausgenommen die Transvaal-Kriegsanleihen) die Einführung fremder Anleihen in Amerika bisher unmöglich. Riga. (Wie Pogrome gemacht werden!) Freitag abends war bekannt geworden, daß „Hooligans" eingetroffen und Exzesse zu erwarten seien, die sich hauptsächlich gegen die Juden richten würden. Die Sozialisten (Letten) beschlossen jedoch, energisch den Angreifern entgegenzutreten. Sonntag mittags versammelten sich einige hundert Hooligans in der Moskauer Vorstadt und zogen dann unter Vorantragung eines Bildes des Kaisers und Absingung der Nationalhymne nach der entlegensten ärmsten Gegend, wo sich ein jüdisches Armenhaus befindet. Dort wurde in das Bild des Kaisers geschossen, von den Hooligans selbst, aber es wurde gesagt, daß die Juden aus dem Armenhause geschossen hätten. Bei dem Kampfe, der sich nun entspann, bekamen auch die Hooligans ihren Teil ab. Die Sozialisten nahmen sogar mehrere derselben gefangen. Auch haben daselbst Straßenunruhen stattgefunden, doch ist es nicht zu einer Plünderung und Beraubung der jüdischen Bevölkerung gekommen. Sonst wurde schon überall gearbeitet und die Eröffnung der Bahn wird auch täglich erwartet. Kiew. Im Nachhange zu meinem letzten Berichte will ich Ihnen noch folgende Einzelheiten mitteilen, die dartun sollen, daß die eigentlichen Urheber und Vollzieher des Pogroms die Polizei- und Militärbehörden waren und daß die Hooligans nur dekorativ auftraten, um die Herren Regierungsvertreter vor etwaigen Anklagen zu schützen. In der Funkuklejewstraße begannen die Hooligans ihr Plünderwerk etwas zu früh, d. h. bevor die Behörde „zum Schutze der Einwohner" erschien. Ein Schuß in die Luft seitens eines Mitgliedes des Selbstschutzvereines genügte, um die Plünderer in wilde Flucht zu setzen. Momentan wurde die Ruhe wiederhergestellt; der Fall wurde als eine übliche Ausschreitung von Trunkenbolden angesehen. In der Masilkowstraße trieben vier der Wache nicht angehörende Soldaten eine Bande Plünderer, die in einem Viktualiengeschäfte an der Arbeit waren, auseinander, während in der nächsten Nähe das speziell zum Schutze der Bewohner requirierte zahlreiche Militär nicht im Stande war, auch nur einen einzigen jüdischen Laden zu schützen. In der Alexanderstraße überfiel eine Horde Hooligans das einem Juden gehörende Haus Nr. 35 (Horenstein) und machte sich an die Arbeit, es zu plündern. Da erschien der Polizeikommissär Czeluskin und jagte die Bande auseinander. Ein lauter Schrei dieses Mannes genügte, um eine Menge Plünderer zu verjagen. Wie wäre es nun nach all dem zu erklären, daß die Kiewer Polizeibehörde, von mehreren Rotten bewaffneter Soldaten unterstützt, nicht imstande war, die geringen Scharen halbtrunkener Hooligans an ihrem Zerstörungswerke zu hindern? Uebrigens, nachdem die hohe Regierung selbst das Geständnis ablegte, daß die Behörde nicht ganz korrekt vorging, erscheint jetzt jede weitere Beweisführung als überflüssig. Wir wollen nun zusehen, wie die Justiz die Bestrafung der Regierungsorgane, die sich solch schwerer Verbrechen schuldig gemacht hatten, durchführen wird. In Kiew scheinen die Untersuchungsrichter ernst und energievoll die Sache in die Hände genommen zu haben. In den Zeitungen werden Aufrufe an die Bevölkerung veröffentlicht, die eingeladen wird, jeden Beweis der Beteiligung der Behörde an den Pogroms zurKenntnis derJustizbehörde zu bringen. Solcher Beweise liegen nunmehr unzählige vor. Hier einige Fälle: Der Sohn des Kiewer Polizeimeisters (bereits inzwischen demissioniert), ein Dragunoffizier, war nach Aussage mehrerer Augenzeugen an der Plünderung des Juwelenmagazins Warschaus eifrigst mittätig. — Ein Wachmann verpflichtete die Plünderer, von jedem beraubten Magazine einen Teil der Gegenstände für ihn separat zu legen, zu welchem Zwecke in einem weiten Hofe ein geräumiger Winkel ausersehen wurde, wo die „Zollsteuer" für den Herrn Wachmann gesammelt und nachher in seine Wohnung geschafft worden ist. — Ein Offizier, der eine Militärabteilung befehligte, antwortete auf die flehentliche Bitte, die Plünderer von einem jüdischen Laden zu verjagen: „Für Juden habe ich keine Soldaten." — Bei zahlreichen Läden beteiligten sich die Soldaten in Gegenwart ihrer Offiziere an den Plünderungen. Durchfahrende Juden wurden von den Soldaten angehalten und wer Lösegeld geben konnte, wurde freigelassen, sonst wurde er mißhandelt. — Ein mir befreundeter Student, Herr F., wurde von mehreren Soldaten umringt und mißhandelt. Als er ihnen seinen Geldbeutel anbot, antworteten sie: Das werden wir schon nachher nehmen. Der Student wäre zweifelsohne getötet worden, wenn er nicht auf einen glücklichen Gedanken verfallen wäre. Er warf den Inhalt seiner Geldbörse in die Luft. Die Soldaten fielen über das zerstreute Geld her und begannen es zu sammeln, inzwischen machte sich der arme Student davon. Solches und derartiges Material, welches die Beteiligung der Behörde und der Soldateska an dem Pogrom außer Zweifel läßt, häuft sich von Stunde zu Stunde, und falls es tatsächlich vor Gericht kommen sollte, wird sich vor der lauschenden Welt ein Panorama entrollen, das in den antiken Annalen der astatischen Despoten seinesgleichen sucht. Die Nachricht von Trepow's Demission hat wenig dazu beigetragen, die Geister zu beruhigen. Er