Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 47 (24.11.1905)
- Date
- 1905-11-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3020846-3021602-3021650--14967-3039707- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 746 Nr. 47 Dr. Mocb s Mocbenscbrm. festen Glauben wiederaufrichten, den Glauben an die Menschheit, den Glauben daran, daß Tausende und Abertausende mit ihnen den Schme^ und Jammer fühlen, der sie getroffen und der in ihnen leider noch lange, lange nachwirken wird. Wir sahen die russischen Juden überall an der Spitze der Freiheitsbewegung ihr Blut vergießen für das allgemeine Wohl, für die Befreiung aus der Knechtschaft. Und nun wird ihnen die Rechnung gestellt — dahin ists mit allem Freiheitssinn. Sie fallen als die ersten bemitleidenswerten Märtyrer im Kampfe für die Befreiung der Menschheit. Wenn wir in unserem alltäglichen Leben erfahren, daß da eine Ueberschwemmung. dort eine Feuersbrunst Orte und Länder verheert hat, niemand von uns weigert sich, Opfer zu bringen und niemand fragt, für wen die Linderung des Leids bestimmt ist, ob für Juden oder Christen! Wenn Spitäler gebaut, Spitäler erhalten werden sollen, niemand von uns fragt darnach, wem es gitt. Es gilt Menschen. (Stürmische Zustimmung.) So stehe ich auf jenem Standpunkt, von dem ich ausgegangen, für die Menschlichkeit ist es, die heute den Ueberlebenden gegenüber zu betätigen unsere höchste Aufgabe ist.' (Beifall.) Und an diesem Werke sollten die Juden nicht allein arbeiten. (Stürmische Zustimmung.) Es war vorgestern am Abend, da kam eine Frau aus dem Volke in die Räume unserer „Israelitischen Allianz" und trug in der Hand ein Fünfkronenstück, das sie dem Beamten überreichte. Er nahm es, aber die Frau blieb stehen. „Für die Russen!" und sie stand noch immer vor ihm. Als der Beamte sie fragte, was sie noch wünsche, sagte sie: „Ja, eine Krone geben Sie mir zurück! Diese fünf Kronen sind mein Wochenlohn, und mit der einen Krone will ich die Woche über noch leben." (Stürmischer Beifall.) Wenn Eines, meine Hochgeehrten, uns mit Stolz und Bewunderung erfüllen kann, so ist es das Pflichtbewußtsein, das in diesen Aermsten von uns erwacht ist. Möge die Erkenntnis unserer Pflicht uns zum Bewußtsein kommen! Wenn Tausende und Abertausende sich zusammentun und jeder seine Aufgabe erfüllt, dann werden wir wenigstens die schrecklichste Not lindern können und in den Zurückgebliebenen Vertrauen zu ihrer weiteren Wstenz gefestigt haben. Vertrauen, daß wir uns in der Not finden als ein einig Volk von Brüdern. (Stürmischer Beifall.) Vielleicht war ich nicht der Berufene, das zu verdolmetschen, was wir alle fühlen. Die Einberufer der heutigen Versammlung forderten es, und ich folgte; lassen Sie mich zusammenfassen, was ich Ihnen zu sagen habe, in den Zuruf, der Sie nie verlassen möge, den Mahnruf: Erfülle jeder seine Pflicht! (Langanhaltender Beifall.) Architekt Oskar Marmorek. Ich werde es als Glück meines Lebens preisen, daß einer der hervorragendsten russischen Juden mir seine wärmste Freundschaft entgegenbringt. Es ist ein Mann mit schneeweißem Haar, der ein langes, schweres Leben hinter sich hat. Er ist Arzt und faßt diesen hehren Beruf nicht bloß als Verdienstberuf auf, sondern in der ganzen Größe, die in diesem Worte liegt. Seit jeher widmet er seine ganz l esondere Tätigkeit seinen Stammesbrüdern, denen er Arzt, Freund und Bruder in allen Stunden ihres schweren Geschickes war. Von Geburt mit einem goldenen Herzen ausgestattet, hat ihn das viele Leid, das er geschaut, noch milder und gütiger gemacht. . Als ich diesen Mann um das Befinden seiner Familie in diesen kritischen Tagen frug, antwortete er mir in einem Schreiben, das mit den Worten beginnt: „Verflucht der Tag, an dem der erste Jude Rußlands Boden betrat, Fluch dem Lande, das ein solches Volk hervorgebracht, Fluch der Regierung, die ein solches Volk gezüchtet hat. (Stürmische Entrüstungsrufe gegen die russische Regierung)." Der Professor schildert dann, wie er, von christlichen Freunden beschützt, aus einem Fenster fürchterliche Szenen mitansah, und was er nun schildert, ein Dante hat es in der Beschreibung der Hölle nicht anschaulicher gezeichnet. Es ist nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was er von dem Fenster der Wohnung aus gesehen, in der er von mildtätigen Christen ver- N«-ckt wurde, der auch den Christen seiner Stadt liebevolle und teuere Arzt. Dieser kleine Ausschnitt zeigt Bilder, wie sie kaum glaublich sind. Was muß vorgegangen sein, daß dieser edle Menschenfteund solche Flüche ausstoßen konnte! Aber nein, wir können, wir müssen anders handeln, wir müssen helfen und Rettung unfern Brüdern bringen. Auf die ersten Nachrichten hin eilten wir Juden in die Tempel, um zum Gotte Israels zu beten, daß er Trost und Hilfe bringe den Unglücklichsten unserer Brüder. Aber die Gefahr ist noch nicht vorüber. Denn noch hat sich das Bauernvolk nicht gerührt. Was bisher in Rußland vorgegangen ist, war das Werk der Bureaukratie, die sich in ihren Interessen bedroht fühlt, ja, war das Werk der höchsten Kreise. (Beifall.) Eine Horde von 90 Millionen Bauern steht noch im Hintergründe, die Bestie in ihnen wartet auf den Augenblick, um sich hervorzustürzen. Wenn die Bewegung aufs flache Land übergegriffen hat, was erwartet dann unsere Brüder? Kischenew, Homel, Schitomir, alle die Namen in der Märtyrergeschichte der Juden sind kleine Trunkenheitsexzesse gegenüber all dem, was jetzt vorgefallen ist, wo man die Opfer an Toten nach Tausenden, die Verwundeten nach Hunderttausenden zählt, wo die Zahl der zugrunde gerichteten Existenzen unüberblickbar ist und dreißigtausend Waisenkinder ohne irgendwelche Hilfe zurückgeblieben sind. Aber das jüdische Herz, das nie versagt, die jüdische Hand, die immer gibt, sie greifen auch hier ein — wir müssen es anerkennen. Aber wo sind die Anderen, für die wir so oft und so viel gegeben haben? Wir erwarten das Gleiche jetzt von ihnen und wir müßten an der Menschheit verzweifeln, wenn jene Andern diesmal nicht zu Hilfe kämen. Wie groß auch die Summen sein werden, die wir zusammenbekommen, es wird doch nur ein Tropfen in dem Meere der Not sein und kaum den ganzen großen Schaden ersetzen können. Sollen wir die Läden wieder mit Waren füllen, damit die Räuber sie bei nächster Gelegenheit wieder finden und plündern? Ist es nicht an der Zeit, daran zu denken, daß etwas mehr geschehen muß, die Solidarität, die man uns fälschlich zuschreibt, diesmal „bewußter., zu bekunden und positive Arbeit zu leisten? Unfern Brüdern wollen wir nicht bloß augenblickliche, sondern dauernde Hilfe bringen. Darum, Ihr Juden von Wien, haben wir Euch hieher gebeten nicht bloß zur Kundgebung Eueres Schmerzes, sondern auch zur Kundgebung Eueres Willens. Es gilt, Millionen von Existenzen, die direkt bedroht sind, vom Untergang zu retten, nach welcher Richtung es immer sei. Es ist nicht der Ort hier, über die Art dieser Hilfe zu sprechen. Aber ich denke an die vielen Juden, die unbedankt andern Völkern Vermögen und Kräfte widmen. Sie mögen doch dem eigenen Volke helfen, sie mögen raten, den Ausweg aus diesem schweren Kampfe mit uns suchen. Können und werden sich die Juden in Rußland ausleben? Gewiß wäre es schön, wenn der ersehnte Völkerfrühling früher käme, als die Juden erwarten können. Glauben die Juden in Rußland an diesen Völkerfrieden? Zu Tausenden ergreifen sie die Flucht aus ihrer Heimat. Wir haben es mitgemacht und in Ost und West verspürte man die Katastrophe. Aus vollen Händen mußten wir geben. Aber die Furcht ist begründet, daß die Geber des Gebens endlich müde werden und aufhören zu hoffen, daß das Danaidenfaß, genannt russische Auswanderung, zu erschöpfen sei. Da bleibt nichts anderes übrig, als sich zusammenzuschließen und an alle gutdenkenden Menschen, an Völker und Fürsten, an Parlamente und Regierungen zu appellieren, damit die Auswanderung in gesetzliche Bahnen geleitet werde und nicht tausende von Auswanderer auf dem Wege zugrunde gehen. In einer Zeit, da die Tore aller Länder, in welche die Juden bisher geflüchtet sind, sich zu sperren beginnen und sogar England und Amerika bald keine Asyle mehr sein werden, sollte sich jeder Jude die Frage nach dem „Wohin" stellen. Diese Frage muß gelöst werden, es muß ein Ausweg gefunden werden aus dem Hexenkessel, in dem die Juden leben, es muß gelingen, Menschen, die vor dem Untergänge stehen und nichts mehr, nicht einmal das nackte Leben zu gewinnen haben, annehmbaren Lebensbedingungen zuzuführen. Positive Rettung für die Juden in Rußland muß die Losung