Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 47 (24.11.1905)
- Date
- 1905-11-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 47 Dr. Mocb s Mocbens örltt. Seite 745 man zwischen beiden immer einen großen Unterschied machen, nicht bloß bei ihren Lebzeiten, sondern auch wenn sie tot geschlagen werden. (Zustimmung.) Umso mehr ist es notwendig, daß wir das Defizit an Liebe und Gerechtigseit, das die Welt unseren verfolgten Glaubensbrüdern schuldet, aus Eigenem bestreiten. Man macht uns unsere Solidarität zum Vorwurf. Schlimm genug, daß man sie uns nicht vielmehr als Tugend anrechnet. Noch schlimmer, daß die Solidarität der Juden nicht schon längst durch die Solidarität aller Menschen ersetzt und überflüssig gemacht ist. Solange dies nicht geschieht, fühlt jeder Jude das dem Juden als solchem angetane Unrecht als ein ihm selbst zugefügtes, und es ist nur natürlich, daß, soweit Juden auf dem Erdenrund wohnen, fie alle, aber auch alle, das über die russischen Juden hereingebrochene Unglück als eigenes Unglück empfinden. (Lebh. Beifall.) Will man uns denn das Recht auf dieses Mitleid streitig machen? Man bestreitet uns manches Recht, und es gibt Viele, die uns alle Rechte, selbst das Recht der Existenz aberkennen möchten, was man in Rußland praktisch ausgeführt hat, aber das Recht auf das Mitleid mit jenen Unglücklichen, das Recht auf die Mittrauer über die so grausam hingeschlachteten Männer, Frauen, Greise, Kinder — das wird man uns hoffentlich zuerkennen. Dieses Mitleid und diese Mittrauer laut vor aller Welt zu bekunden, wie wir sie bereits in der stillen Zurückgezogenheit unserer Gotteshäuser bekundet haben, dazu haben wir uns hier versammelt. Ein gemeinsamer Aufschrei, in dem sich unser grenzenloser Jammer über das Unerhörte, an das alle Schrecknisse des Krieges nicht hinanreichen, Luft macht — das ist der Zweck dieser Versammlung. (Zustimmung.) Wer -wäre überlegt und berechnet genug, danach zu fragen, ob dieser Aufschrei etwas nützen kann und wird. Hat je ein Mensch, der sich auch nur eine Spur von Empfänglichkeit für fremdes Leid und Weh bewahrt hat und dem der Anblick einer Gewalttat einen Ausruf des Schreckens und des Abscheus erpreßt — hat je ein solcher Mensch in solchem Augenblick danach gefragt, ob dieser Ausruf nütze oder nicht? (Lebhafte Zustimmung.) Er ist der Ausdruck einer Reflexbewegung, der sich ganz von selbst aus der fühlenden Brust auslöst. Wir aber sollten diesen Aufschrei unterdrücken und nicht vielmehr vor der breitesten Oeffentlichkeit ausstoßen angesichts der Unmenschlichkeiten, die eine wilde Horde an unseren russischen Glaubensbrüdern verübt hat und die diejenigen, die sie hätten verhindern können und müssen, ruhig haben geschehen lassen, ja, mit teuflischer Berechnung als eine Ablenkung, zur Befriedigung der rohesten Instinkte selbst herbeigeführt haben? (Anhaltender Beifall.) Aber unser Aufschrei wird auch nicht wirkungslos verhallen. Auf welche Weise ist denn überhaupt altes, eingelebtes Unrecht jemals beseitigt worden? Auf welche Weise wurde der Sklaverei, der Leibeigenschaft, der Unterdrückung des Bürger¬ und Arbeiterstandes und unserem eigenen bürgerlichen und politischen Tiefstände ein Ende bereitet? Man hat wieder und wieder Notschreie ausgestoßen. Sie wurden lange überhört und mißachtet, wie von dem egyptischen Pharao, der trotzig ausrief: „Wer ist der Ewige, daß ich auf seine Stimme hören sollte?" Aber die Notschreie wurden immer lauter und lauter, fie kamen von allen Seiten und schwollen zu einem Donner an, der sich nicht mehr überhören ließ, und unter diesem Donner brachen Unrecht und Gewalt zusammen. So wird der Aufschrei aller Juden über die letzten Ereignisse in Rußland die Herzen der Menschen ergreifen, auch derjenigen, die ihn jetzt noch überhören oder überhören wollen. Denn das an einem Teile der Menschheit, und seien es auch nur dieJuden, begangeneUnrecht, macht sich über kurz oder lang in der ganzen Menschheit als eine krankhafte Erscheinung fühlbar, und fie muß darnach trachten, fie abzustoßen. Das ist ein Gesetz der Natur und Geschichte, wie es schon in den Worten der Bibel ausgesprochen ist: „Du sollst das Böse entfernen aus deiner Mitte". (Lebhafter Beifall.) Der berühmte Königsberger Philosoph Rosenkranz hat von der den.Juden eigentümlichen Asbestnatur gesprochen. Der Asbest heißt bekanntlich so, weil er unverbrennbar ist. Dieses schöne und treffende Bild findet in der Geschichte der Juden seine Bestätigung und in dem den Flammen trotzenden Dornbusch der Bibel sein uraltes Seitenstück. Ich möchte aber dieses Bild weiter ausführen. Der Asbest bildet wegen seiner Unverbrennbarkeit eine Schutzwehr gegen das Feuer. Auch in dieser Richtung läßt fich das Bild auf die Juden anwenden. Es ist ein verhängnisvoller Irrtum, zu glauben, daß man die Juden eines Landes ohne Schaden, ja zum Schutz der übrigen Bevölkerung vernichten kann. Das war die Politik Spaniens vor vierhundert Jahren, und ich brauche nicht auszuführen, wie schwer fich diese Politik gerächt hat. Auch in Rußland hat man das Feuer der Leidenschaften angezündet, um die Juden zu vernichten, aber sie find nur die ersten Opfer, fie werden nicht die letzten, nicht die einzigen sein. Auch von der Flamme der Gewalttätigkeit gilt das Dichterwort: „Wehe, wenn fie losgelaffen, wachsend ohne Widerstand, durch die volkbelebten Gaffen wälzt den ungeheuren Brand". Rußland macht gegenwärtig die Erfahrung von der Wahrheit dieses Dichterwortes. So hat fich noch immer das an den Juden begangene Unrecht durch sich selbst bestraft. Die Juden in Rußland zittern vor den entfesselten Elementen, aber sie zittern nicht allein, auch in den höheren Regionen beginnt man zu zittern. (Stürmischer, langanhaltender Beifall.) Das Judentum als geschichtliche Erscheinung wird seine Asbestnatur nicht verleugnen. Es ist unverbrennbar, unüberwindlich, ewig. Aber diese aus der Geschichte gewonnene Erkenntnis kann uns nicht abhalten von dem Aufschrei, von der Trauer über das unter unseren russischen Glaubensbrüdern angerichtete Blutbad, das keine Fabel, kein Märchen ist. Hochgeehrte Versammlung! Vier Jahrhunderte klingen mit, wenn man das Wort Judentum ausspricht, und in diesem langen Zeiträume hat es der zivilisierten Menschheit ihre größten Gesetzgeber, Glaubens- und Sittenlehrer und noch mehr geschenkt. Wir Juden dürfen also wohl, ohne uns zu viel herauszunehmen, ein Wort mit der Menschheit reden. Einmütig richten wir die Frage an fie, auch die Höchsten in ihr nicht ausgenommen, ob dieses jüdische Blutbad und sein roter Schein die Liebe wiederspiegelt, die zu besitzen sie sich rühmt, ob diese Grausamkeiten dulden und ruhig ansehen nicht ein ebenso großes Verschulden ist, wie sie begehen? Aber auch einmütig und voll Ehrfurcht erheben wir uns vor den Manen jener Erschlagenen und Hingemordeten, die ihr Leben nicht um den Preis der Verleugnung ihres Glaubens verkaufen wollten. Einmütig und voll Zuversicht stimmen wir ein in den alten Bekenntnisruf, mit dem fie ihrem letzten Atemzug getan: „Höre Israel, der Ewige unser Gott, der Ewige ist einzig." (Stürmischer, minutenlang andauernder Beifall und laute Zurufe der Begeisterung.) Kaiserl. Rat Rurieka. Hochgeehrte Trauerversammlung! Nach den Ausführungen, die wir soeben gehört und die unser tiefftes Innere erschüttert haben, weihten wir den Manen der so traurig Dahingeschiedenen den Tribut der Erinnerung und Menschlichkeit und einer anderen Empfindung müssen wir noch Ausdruck geben: der Ueberlebenden zu gedenken. Die Leidenschaften zu wecken, sei in diesem großen Kreise nicht weiter unsere Aufgabe. Die Leidenschaften find wach genug, wenn wir die furchtbaren Berichte lesen, die unaufhörlich von da draußen als Hiobsposten auf uns einstürmen, und wenn wir uns das gräßliche Bild vor Augen halten, wie gemordet, geplündert, gewütet wurde. Es geschah vor den Augen derjenigen, die den armen Opfern am allerteuersten waren. Viele haben fich zu ihrem Gotte geflüchtet, an den fie immer geglaubt haben, und in der Synagoge züngelten die Flammen über ihrem Kopfe auf und gemordet ward angesichts ihres Gottes! Da mag mancher Glaube an das höchste Wesen erschüttert gewesen sein. Und den grausam angesichts ihres Gottes Gemordeten blieb eine offene Frage in den letzten Zügen geschrieben. Wir werden den Dahingegangenen diesen Glauben nicht wiedergeben. Aber den Ueberlebenden können wir einen