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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-11-24 · 47 (24.11.1905) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
47 (24.11.1905)
Date
1905-11-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 744 Dr. Dlocb's Wochenschrift Nr. 46 Jefremow über die Judenmaffakres. Wird das Gericht, wird Strafe kommen. Wird allen Menschen Wahrheit frommen? Das kommt! Sonst bleibt die Sonne stehen. Die schlechte Welt wird untergehen. Scvcenko. Das erste freie ukrainische Wort „auf unserem nicht eigenen Boden" wäre es ganz natürlich, mit Freiheitshymnen und glänzenden Zukunflshoffnungen zu beginnen. Es schiene so, als ob ein aus dem Gefängnis Entlassener nicht von anderen Gefühlen ergriffen werden könnte, als von Gefühlen grenzenloser Freude. Es schiene so, als ob seinen Lippen nichtanderes entschlüpfen könnte, als Worte des Segens in diesem Momente, in welchem er aus den langjährigen Fesseln befreit wurde. Allein wir geknechteten Ukrainer sind von keinen anderen Gefühlen durchdrungen, als von Gefühlen tiefer Wehmut und grenzenloser Entrüstung. Schreckliche Ereigniffe der letzten Tage haben jedes freudige Gefühl gedämpft, die Gefühle der Freiheit verscheucht und in sehr weite Ferne gerückt, jene Gefühle des frohen Glückes, welche nach langen Tagen der schweren Unterdrückung sich eingestellt haben. Das alte Regime, welches seit langer Zeit bereits den Stempel der Verachtung und des Zerfalls getragen, hat beim Rückzuge von seinem Posten ein blutiges Fest gefeiert, vielleicht das letzte, aber auch das verächtlichste. Das Blut starrt in den Adern, wenn man bloß zurückdenkt an diese blutigen Tage der Tollheit und des Schreckens, ohne Lichtstrahl menschlichen Sinnes und menschlichen Gefühles. Für diese Schreckenstage darf man nicht die Volksmassen beschuldigen, welche man absichtlich in Unwissenheit und Sklaverei gehalten, denen man auch den schwächsten Lichtstrahl der Volksaufklärung vorenthalten hat, welche systematisch auf Abwege gedrängt und gegen ebensolche arme und unglückliche Volksschichten gehetzt wurden. Wenn man von diesen Volkshaufen behaupten kann, daß sie „nicht wußten, was sie anstisteten", so darf man auf solche Hinweisen, welche gewußt, sehr gut gewußt haben, was und zu welchem Zwecke dies alles inszeniert wurde, ^.ies waren alle jene, welche mit vollem Bewußtsein verschiedene Lügen ausgestreut haben, welche den unwissenden Pöbel gegen unschuldige Menschen aufgehetzt haben, das sind jene, welche sogar in den schändlichen Tagen der Tollheit und des Schreckens sich des entsetzlichen Haffes und der grausamen Kainstaten nicht enthalten konnten; das sind jene, welche Ordnung und Ruhe schaffen sollten, anstatt dessen aber ruhig den von dem aufgehetzten Pöbel Verübten Grcueltaten zusahen oder die Wehrlosen mit bewaffneter Ha«V an der Verteidigung hinderten. S i e sind verantwortlich für das vergossene Blut, für das unermeßliche Unrecht, welches in den letzten Tagen in Kiew und anderen Orten der Ukraine unschuldigen Opfern angetan wurde. Die Geschichte wird diese Kainz und Judasse furchtbar brandmarken, und sie werden ewige Schande und Spott ernten. Aber wir dürfen nicht das Urteil bloß der Geschichte überlassen. Es soll auch ein anderes, strenges Urteil ehestens gefällt werden, solange blutige Spuren noch nicht verschwunden sind, solange diese Spuren nicht verwischt wurden von denjenigen, die dies brauchen. Man soll zu Gericht sitzen nickt über einzelne Personen, nicht über einzelne Verbrecher , sondern über unsere ganze Vergangenheit — über das ganze System der Unterdrückung und der Knechtung. Dieses Gericht wird klar darlegen, daß es keme Rückkehr gibt und geben kann zur Vergangenheit, daß zwischen dem Vergangenen und Kommenden eine große Kluft besteht, daß man neue Wege wandeln und ganz neue Lebensverhältniffe schaffen muß. Das soll ein Gericht sein, damit auch die mit Blindheit Geschlagenen einsehen dieses unselige Unheil, Unrecht und Verbrechen, welches an uns verübt wurde. Wir Ukrainer haben ohne Zweifel am meisten von dieser Unbill und Knechtung zu ertragen gehabt, denn damit, was anderen widerfahren, war unsere Qual nicht erschöpft. In den demokratischen Idealen der ukrainisch-ruthenischen Nation und ihrer Intelligenz erblickten die Söhne der Finsternis und der Knechtung eine große Gefahr und sie haben dagegen ein Mittel ersonnen, welches niemand in der ganzen zivilisierten Welt seit Philipp II. und der Inquisition gewagt hat anzuwenden. Sie haben ein Mittel ersonnen, um die Volksseele zu ertöten, . indem sie den einzigen Volksschatz, das freie Wort der ukrainischen Nation, ttt Ketten geschlagen haben.*) Ueber 40 Jahre lastete dieser Alp auf der ukrainischen Nation Die hervorragendsten Söhne der ukrainischen Nation, welche zum Wähle ihres Volkes wirken wollten, mußten im Vereine mit den freiheitlich gesinnten Nuffen kämpfen und leiden und sehnten sich nach Freiheit, wie jedes lebendige Wesen nach dem Sonnenlicht. Nun sind die ersten Tage dieser Freiheit von grausamen Verbrechen umdüstert. Wir, die wir so viel unmenschliche Bedrückung ertrugen, vermögen die zugefügten Greueltaten um so mehr zu beurteilen und verlangen ein Gericht an den Verbrechern. Wir sind tief davon überzeugt, daß das Gericht und die Sühne kommen wird, daß Wahrheit wird auf Erden unter den Menschen. Ansonsten bleibt die Sonne stehen, Die schlechte Welt wird untergehen. Graf Witte und die Juden. Graf Witte läßt die Nachricht verbreiten, daß er den wichtigen Beschluß gefaßt hat, die Grenzen des jüdischen Ansiedlungsrayons aufzuheben. Den Juden wird das freie Wohnrecht in ganz Rußland mit Ausnahme der beiden Residenzen gewahrt werden. Für das Wohnen in den Residenzen wird eine besondere Erlaubnis . erforderlich sein. Die Eröffnung dieser wichtigen Entscheidung, durch welche den Millionen von armen Juden, die im Westgebiete eingepfercht sind, andere Existenzmöglichkeiten geboten werden, steht angeblich in der nächsten Woche bevor. Das passive Verhalten Wittes während des dreitägigen Judenmordes gibt alle Ursache, derlei Nachrichten mit Vorsicht und Skepsis aufzunehmen. Die Trauerversammlung im Sofiensaal. Die Wiener jüdischen Korporationen veranstalteten Sonntag im Sofiensaale eine Trauerversammlung für die Opfer der russischen Judenverfolgungen. Der Riescnsaal war dicht gefüllt und auf deu Galerien war eine große Zahl von Damen zu sehen. Von der Saaldecke herab flatterten schwarze Trauerflaggen. Das Podium und die Rednertribüne waren schwarz verhängt. Die jüdischen Studentenverbindungen waren in Farben erschienen. Der Versammlung wohnten unter anderen bei: Abgeordneter Dr. Ofner, die Gemeinderäte Moritz E l t b o g e n, Dr. Oskar Hein und K l e b i n d e r, die Mehrzahl der Wiener Rabbiner, die Mitglieder des Kultusvorstandes Landau, Architekt Marmorek, kais. Rat Sachs, Dr. Spitz er, Dr. Maximilian Steiner, Kommerzialrat Gottlieb T a u s s i g und kais. Rat Weil, Gremialpräsident Pollak von Parnegg, Vizepräsident Isidor Popper. Komponist Ignaz Brüll, Dr. H. Fi all a, Dr. Albert Kuh und Professor Doktor K ö n i g st e i n. Die Versammlung eröffnete namens der Einberufer der Vizepräsident ^de? „Oesterr.-Israelitischen Union", kais. Rat A n n i n g e r. Als erster Redner ergreift das Wort Oberrabbiner Dr. Güdemann: Hochgeehrte Versammlung! Es sind gerade sechs Jahre Her, da waren wir in einem großen Saale so wie heute versammelt, und er war wie dieser bis auf den letzten Platz gefüllt. Es war ein außergewöhnlicher Vorgang, und was gab dazu Veranlassung? Es galt, feierlichen Protest zu erheben gegen die Beschuldigung, daß die Juden zu rituellen Verrichtungen Menschenblut gebrauchten und zu diesem Zweck Christenkinder mordeten. Wir haben damals nachgewiesen und mit einem feierlichen Eid beteuert, daß an dieser Blutbeschuldigung kein Fünkchen Wahrheit, sondern daß sie eine Ausgeburt des Aberglaubens und der Lüge ist. Was uns heute hier zusammenführt, ist ebenfalls vergossenes Blut, aber leider kein erdichtetes und erlogenes, sondern das in erschütternder Wirklichkeit zum Himmel schreiende Blut unserer unglücklichen russischen Glaubens- und Stammesgenossen. So seltsam sind die Wege des Schicksals! Vor Jahren mußten wir uns verteidigen gegen die Beschuldigung des Mordes. Heute aber sind viele tausende unserer russischen Glaubensbrüder selbst von ruchlosen Händen hingemordet. Die Rollen sind vertauscht: statt wie früher als Verteidiger, könnten wir jetzt als Ankläger auftreten. (Beifall.) Aber das sei ferne. Wie die Blutbeschuldigung, so heftet sich die Beschuldigung an unsere Fersen, daß wir nach dem Gott der Rache rufen. Beides mit gleichem Unrecht. Unsere Religion lehrt uns Unbill leiden und nicht erwidern und den göttlichen Richter nach seiner Weisheit walten zu lassen. Sollen wir menschliche Hilfe, die Hilfe der Staatslenker anrufen? Es liegt allerdings die Frage nahe, ob sie sich selber helfen können? Zu keiner Zeit ist das Psalmwort so wahr gewesen, wie heute: „Vertraut nicht auf Fürsten, auf den sterblichen Menschen, bei dem keine Hilfe ist". Soviel ist zudem gewiß: das Unglück der Juden an sich wird die Diplomatie nicht in Bewegung setzen. Daß diese für das vergossene Blut der russischen Juden aus eigenem Antriebe Rechenschaft fordern sollte, wie es in anderen Fällen geschehen ist und geschieht, dazu müßte erst das messianische Zeitalter oder jener Zustand der Menschheit angebrochen sein, den unser verewigter Landsmann und Glaubensgenosse Mosenthal so schön mit den Worten schildert: „Und alle werden einen Gott verehren, der sie schuf, und Christ und Jude werden Menschen sein." Bis dahin wird

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