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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-11-24 · 47 (24.11.1905) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
47 (24.11.1905)
Date
1905-11-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 47 Dr. Dlocb's Mocbenscbrttt. Sette 743 litäten der Majorität preisgegeben zu sein. Es ist trotz aller Leiden eine glorreiche Minorität, die ihre große Mission hat. Die Bildungs- und Sittengeschichte der Menschheit zeigt, wie das Judentum seine Mission erfüllt hat. Dessen wollen wir eingedenk bleiben, zumal in dieser traurigen Zeit. Je tiefer die Sonne sinkt, desto länger und tiefer werden die Schatten, und nun da die Sonne des Glücks für das Judentum gänzlich zu versinken scheint, da wird die brüderliche Liebe, die das unglückliche Volk verbindet und zusammeuhält, nur umso tiefer und umso größer. Das Leid schmiedet die Gemüter zusammen. Nie hat sich das großartige Gefühl der Solidarität im Leben und im Sterben, im Leiden und Dulden erhebender offenbart, als in diesen Tagen des namenlosen Unglücks und grenzenlosen Unheils. Auf dem ganzen Erdball, wo Juden wohnen, herrscht Trauer und die Entfernung schwächt da das Mitleiden nicht und auf dem ganzen Erdball, wo Juden wohnen, regt es sich zu Taten der Hilfe, zu Werken der Liebe. Von dieser Folge hatten sich die vertierten Unholde, die die Urheber all der Greuel waren, in ihren umnebelten Gehirnen nichts träumen lassen. Das Judentum steht in seinem tiefen Schmerze heute geschlossener und widerstandsfähiger da, denn je. Das Gedächtnis an die Gemordeten wird in uns fortleben. Derlei vergißt sich nicht. Die Unglücklichen, die ihr Leben lassen mußten, haben sich ein unsterbliches Verdienst errungen. Sie haben die Judenheit wieder geeinigt und sie damit in ihrem Unglück stark gemacht. Heilig sei und bleibe uns ihr Andenken.- ¥ * * Ein überaus charakteristisches Symptom für die Lage der russischen Juden ist ein anläßlich der jüngsten Judenhetzen in der bekannten liberalen Zeitung „Nowosti" erschienener Artikel Poljakvws, der deshalb eine dokumentarische Bedeutung hat, weil unseres Wissens hier zum erstenmale in einer russischen Zeitung auf die Isolierung der Juden und die völlige Unverläßlichkeit der anderen Fortschrittsparteien Rußlands in der Judenfrage hingewiesen wird. Die Vernichtung der Juden. Diese Zeilen schreibe ich nicht als ein Zeitungsschreiber, nicht als ein „russischer Journalist" — ich schreibe sie als ein Jude, der erschüttert ist von den Schrecken dieser Tage, in dem das Blut Hunderter gequälter Geschlechter sich empört, der ein elementares Bedürfnis fühlt, endlich einmal die ganze Wahrheit laut herauszusagen. Draußen fließt noch das Blut unserer Väter und Mütter, Brüder und Schwestern. Auf den Straßen unseres „Vaterlandes" werden die warmen Körper kleiner, hilfloser Kinder zertreten, die mit tastenden Händchen ihre toten Mütter gesucht haben. Ueberall Schrecken, Zerstörung, Brand — überall Blut, Blut, Blut. Es wäre Schande, angesichts dessen noch länger zu lügen oder es verschweigen zu wollen: Ihr, russische Liberale, Radikale und Sozialisten, ihr trägt mit Schuld an diesen Greueln! Ja, ihr, die ihr jetzt entrüstete Artikel schreibt, ihr, die ihr jetzt die „schwarze Bande" und die Gouverneure verflucht, ihr, die ihr jetzt über die Toten weint und — von den Lebenden schweigt! War es nicht eure graue Theorie, die behauptete, die Judenfrage sei nur „ein Teil der ganzen russischen Frage", und die euch den Vorwand gab, deshalb die spezifische Judenfrage totzuschweigen! Ihr wußtet wohl, daß die ganze russische Gesellschaft vom Antisemitismus durchseucht ist — vom brutaloffenen oder vom kulturell-maskierten, vom intellektuellen oder vom gefühlsmäßigen Judenhaß — ihr habt das wohl gewußt, und was habt ihr getan, um euer Volk von diesem totbringenden Uebel zu heilen? Wo sind die Artikel, aus denen man euren Schmerz über euer wildes Volk gehört hätte? Wo sah man eure Scham über früher Geschehenes, wo die Versuche, der Wiederholung solcher Schreckensszenen vorzubeugen? Ihr habt euch stolz in das Heiligtum eures „Programms" zurückgezogen, habt uns eure Doktrinen gepredigt, und das Volk überließet ihr den Kruschewans und Suworins! Was habt ihr eurem Volke geantwortet auf die Broschüren: „Nieder mit den Juden!" die man für eine Kopeke und sogar umsonst in allen Städten verteilt hat? Habt ihr vielleicht gemeint, daß wir verpflichtet seien, euer Volk aufzuklären? Oder habt ihr etwa gedacht, daß man uns mehr Glauben schenken wird als euch? Ihr entrüstet euch über die „schwarze Bande", und ich zweifle nicht an eurer Aufrichtigkeit^ Aber hätte denn die Mehrzahl eurer Anhänger, ihren Gefühlen entsprechend, anders gehandelt, wenn sie auf dem kulturellen Niveau der „schwarzen Bande" stünde? Was habt ihr nach den ersten Judenhetzen in den Achtziger- Jahren getan? Eure Volkskümpfer haben sich ganz aufrichtig mit den Hetzen abgefunden als mit den ersten Anzeichen der Unzufriedenheit des Volkes! Eure „Rußkia Wjedomosti" haben zwanzig Jahre lang schmachvoll geschwiegen, und nur Kischenew hat sie auf einige Tage davon abgebracht. „Man kann ja nicht mit der „Nowoje Wremja" polemisieren" — sagten die Leute, deren ganze Tätigkeit durch lange Zeit sich auf die Polemik mit den Tschinowniks beschränkte. Wo waren eure Spenden (wir brauchten euer Geld nicht!) für die von den Krawallen Betroffenen, damals als sogar die Aermsten der Juden ihre Groschen opferten für die Hungernden im Gouvernement Samara? Von Zeit zu Zeit habt ihr gnädigst verkündet, daß die Juden nützliche Bürger sein können, und daß es ungerecht und unklug sei, ihnen die bürgerlichen Rechte zu entziehen. Aber als die Juden selbst etwas lauter von ihren Rechten zu sprechen begannen, als es dem feinempfindlichen arischen Ohr angenehm war, da habt ihr es „Taktlosigkeit" genannt und habt sogar leise von „Unverschämtheit" gesprochen. . . . Eure ausländischen Apostel, der Gerechtigkeit, die Sozialdemokraten, haben ihr Anathema gegen den jüdischen „Bund" ausgesprochen, als er die Frechheit hatte, von einer jüdischen Nation zu reden. Wir waren für euch die Parias, denen man gern einmal wohlwollend auf die Schulter klopfte — und doch war in uns die revolutionäre Kraft, die den Anbruch der Freiheit beschleunigte. Ja, nun ist auch die Presse frei geworden. Und was für „unzensurierte" Nachrichten brachte sie am ersten Tage der verkündeten Freiheit? Von den Strömen jüdischen Blutes mußte sie berichten, die aufs .reue vergossen waren, von neuen Schandflecken in der Geschichte eures Volkes. Ich weiß — das ist die „schwarze Bande"! Ich weiß — das ist Plehwe! Und wer jetzt, Witte? Vielleicht Trepow? -Ich wage zu behaupten, daß Trepow, der wahrlich keine Patronen spart, diese Hetzen nicht inszeniert, nicht einmal veranlaßt hat, so wenig wie ihr, freilich aus anderen Gründen. Der letzte Urheber dieser Metzeleien ist die russische Gesellschaft, ist das russische Volk! Die antisemitische schwarze Bande ist nur der rohe Ausdruck eures verfeinerten Antisemitismus, wie einst die revolutionäre Garde nur der Ausdruck war des dunklen Bureaukratenhasses des Volkes — die „schwarze Bande" ist eure Hand, wie die revolutionäre Garde das Haupt des Volkes war. . . . Genug — ich habe gesagt, was ich. fühle, und was heute jeder Jude fühlt, der sich nicht selbst betrügen will. Was folgt daraus? Jetzt ist nicht die Zeit, daraus den Schluß zu ziehen. Jetzt find die Tage der Trauer, Tage schrecklichen Leidens, und umso schrecklicher, als man sich losreißen muß zur Organisation der Hilfe für die vernichteten Existenzen, für die Tausende, die mit einem Schlage in Not und Elend gebracht sind. . . . Möge dieser blutige Schrecken unsere Arme und Herzen stark werden lassen. Möge er uns Juden zu einem großen nationalen Kampfe vorbereiten! ¥ * * Der ruthenische Reichsratsabgeordnete Barwinski übersendet der „Neuen Freien Presse" eine Zuschrift des bekannten ukrainischen (ruthenischen) Schriftstellers Jefremow in dem russischen Blatte „Kiewskije Otklyki", welche wir hier wortgetreu reproduzieren.

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