Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 47 (24.11.1905)
- Date
- 1905-11-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 742 Dr. Biocb’s MlocbenscbrM. Nr. 47 über eine gesellschaftliche Aktion beraten und schlüssig würde, um finanzielle und volkswirtschaftliche Maßregeln gegen Rußland zu ergreifen." Das Komitee hat diesen Antrag als seiner Kompetenz nicht entsprechend abgewiesen. Wir empfehlen indessen unseren Glaubensgenossen im In- und Ausland, diesen Antrag weiter zu erwägen. In einem Briefe aus Odessa an die Redaktion dieses Blattes heißt es: „Tieftraurig für uns ist der Gedanke, daß die Waffen, die die russischen Soldaten gegen uns richten, zum großen Teil von dem G e l d e gekauft sind, das unsere jüdischen Glaubensgenossen in Berlin, Paris, London dem russischen Staat vorstreckten. Mit diesem Gelde wurden Mordbuben gegen uns gedungen, wurden die Revolver und die Patronen bezahlt, die man ihnen für das große Schlachten geliefert. Die europäischen Finanzmänner find so Mithelfer dieser Bluttaten gewesen. Sagen Sie es ihnen!" Die Anklagen gegen die europäische Diplomatie wegen ihrer Passivität gegenüber den russischen Greueltaten erscheinen eigentlich deplaziert, wenn die europäischen Finanzmänner nicht aufgehört haben, das russische Blutregime mit finanziellen Mitteln aktiv zu fördern. In menioriam. Darüber kommt kein Jude hinweg. Eine bewegte Zeit. Gruudstürzende Ideen drängen sich in die Erscheinung und streben unter tiefen Erschütterungen der Gesellschaft ihrer Verwirklichung entgegen. Ereignisse von geschichtlicher Bedeutung vollziehen sich in Nord und Süd, in Ost und West, Ereignisse, die wie gewaltige Felsblöcke abrolleu, die die Silhouette der Landschaft verändern und die ganze Konfiguration der modernen Gesellschaft förmlich umzuwandeln im Begriffe sind — und dock — es gibt nur Eines jetzt, was das Herz erfüllt, die Seele im Tiefsten bedrängt, den Geist zermartert mit der trostlosen, qualvollen Bemühung, den Ausweg zu finden, die Mittel zur Hilfe zur Linderung unausdenkbaren Elends. Nur das Eine, das Grauenhafte, das Entsetzliche — und darüber kommt kein Jude hinweg. Kein Jude. Es läge so nahe, es wäre menschlich so begreiflich zu sagen: kein redlicher Mensch, kein Mensch, weß Glaubens und Stammes er auch sei, sofern ihm nur ein fühlendes Herz in der Brust schlägt. Zu Zehntausenden wurden u schuldige, wehrlose Menschen hiugefchlachtet. Kann es etwas geben, was die moderne Menschheit, die sich so viel auf ihre Menschlichkeit zugute tut, tiefer erregen, empören, im Innersten aufwühlen müßte? Die ausschweifendste, förmlich zu Exzessen in aberwitzigen Vorstellungen unerhörter Grausamkeit aufgepeitschte Phantasie vermag sich Grelleres, Aufreizenderes nicht zu ersinnen, und dennoch ist cs der Jude allein, der mitleidet, sonst weit und breit Jndifferentismus, Teilnahmslosigkeit, kühle Gleichgiltigkeit. Die Menschheit ist geschändet worden, wie sie noch niemals bestialischer geschändet worden ist, und die geehrte außerjüdische Menschheit findet, daß sie das eigentlich nichts angehe. Das sollen die Juden nur unter sich ausmachen. Eine Katastrophe, wie sie die Weltgeschichte noch nicht gesehen, die doch zum großen Teil das Register ungeheurer Schandtaten ist, die doch hinsichtlich der Greuel, die sie zu berichten hat, die Nerven der Spätergeborenen wahrhaftig nicht verwöhnt hat, und die Menschheit findet, daß sie darüber ohneweiters zur Tagesordnung übergehen kann. Mit Verlaub, so steht die Sache doch nicht. Wir reden nicht davon, weil es allzu selbstverständlich ist, daß jede Ungerechtigkeit — und wie erst eine, die zehntausende von Blutopferu fordert! — eine gemeinsame Angelegenheit der Gesellschaft bildet, weil diese selbst durch eine solche in ihrem Lebensnerv getroffen wird, aber hier wird man doch gefälligst im Auge behalten müssen, daß es nicht Juden waren, die das grauenhafte Gemetzel unter Juden angerichtet haben, sondern Christen, Bekenner der Religion der Liebe. Wären die Mörderscharen aus dem Judentum hervorgegangen, dann hätte man ein Recht, zu sagen, daß hier eine interne Angelegenheit des Judentums vorliege, mit der es selber fertig zu werden habe. Es waren aber Christen, die gemordet haben, Menschen, die, wenn sie auch sonst nichts gelernt haben, doch in ihrer Religion unterwiesen worden sind, denen von ihrer Geistlichkeit erzählt worden sein mußte, daß sie Nächstenliebe zu üben, ja, daß sie ihre Feinde zu lieben hätten, wie sich selbst. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! In Wien wurde in diesen Tagen der fünfte allgemeine österreichische Katholikentag abgeyalten. Die Großen des Reiches und der Kirche waren erschienen und haben an den Beratungen teilgenommen. Sie kämpften für ein Ideal. Es galt, die Interessen des wahren Christentums zu vertreten. Christen hatten Unschuldige scharenweise gemordet mit viehischer Grausamkeit. Auch nicht ein Redner fand auch nur ein Wort, um die begangenen Schandtaten zu verurteilen, das eigene Volk zu ermahnen zur Menschlichkeit, die Nächstenliebe zu predigen, und wenn die Juden schon als „Feinde" gelten, daran zu erinnern, daß auch die Feinde zu lieben seien. Wer lacht da? Nicht über die hohen Herren des Katholikentages, —ein so blasphemischer Gedanke liegt uns fern, — sondern über uns selbst, ob der verstiegenen Idee, daß so etwas möglich gewesen sein sollte. Der Vertreter des Papstes, der nicht nur kirchlicher Würdenträger, sondern auch Politiker ist, hat es für angemessen erachtet, durch die „Neue Freie Presse", das große, in seinen Kreisen so sehr verfehmte Judenblatt, seinen Abscheu vor den begangenen Bestialitäten verkünden zu lassen. Das war die notgedrungene, durch die Umstände gebotene Reverenz vor dem Geist des zwanzigsten Jahrhunderts, aber damit war es auch genug — im Uebrigen wird dem Mittelalter die Treue gehalten. Der Katholikentag hat stattgefunden und eine christliche Frauenversammlung, sagen wir aus Achtung vor der christlichen Religion, eine Versammlung christlich-sozialer Frauen. Es wurde nicht ein Wort gesagt gegen den Massenmord, nicht ein Wort gegen Raub, Plünderung, Schändung, aber es fielen wieder viele und harte Worte gegen die Juden. Es ist klar und es würde nichts nützen, sich das zu verhehlen: Die Juden sind verlassener und vereinsamter, denn je in der weiten. Gotteswelt. Ihr großer Feind ist die Unbildung. Mit statistischer Präzision läßt es sich seststellen: Je tiefer und dichter die Unbildung, desto trauriger das Los der Judenschaft. Niemals erging es der Judenschaft schlechter, als in unseren Tagen. Das ist der Triumph unseres gepriesenen Zeitalters. Oesterreich ist im Verhältnis zu Rußland weit voraus. Dort wüten betrunkene Horden, bei uns schafft der Antisemitismus große Männer: Vergani, Lueger, Schneider, Bielohlawek. Weit und breit hat sich kein Arm erhoben zum Schutze der Gemordeten, zur Bestrafung der Schuldigen, und in einer Zeit, die schwerer und härter ist, als sie es jemals war, sind die Juden wieder einmal auf sich selbst gestellt, .ganz allein auf sich selbst. Sie bluten unter den Schicksalsschlägen, aber sie werden sich nicht verbluten. Sie leiden, wie noch nie ein Volk gelitten hat, aber sie werden sich kraft der allumfassenden Liebe und aufrechtgehalten durch das Brüderlichkeitsgefühl, das noch niemals versagt hat, auch weiterhin behaupten. In die Diaspora verstreut, eingesprengt in das taube Steinmassiv wie Fragmente edlen Gesteines oder jenes durchziehend wie Adern edlen Metalls, haben sie überall die erdrückende Mehrheit wider sich. Was beweist das? Zum mindesten den höheren Härtegrad, der sie zum Widerstand befähigte und vor dem Untergange bewahrte und des Weiteren, daß der Feingehalt ihrer Wesenheit gewiß kein geringerer ist, als der ihrer Umgebung, in welche sie ein tragisches Schicksal eingebettet hat. Seit zwei Jahrtausenden ist es das Schicksal des Judentums, überall in der Welt zur Minorität verurteilt und damit allen Bruta-