Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-11-17 · 46 (17.11.1905) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
46 (17.11.1905)
Date
1905-11-17
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021602-3021649--14959-3039698
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 46 2H. Llocd's MocbenscdrM. Seite 736 Netel schläft schlecht. Vor dem Einschlafen studiert er den Talmud oder liest eine Zeitung; oder seine Augen werden matt, der Kopf liegt machtlos auf den Kissen, und noch immer flieht ihn der Schlaf. Dann schraubt er die Lampe kleiner, und den Versuch des Einschlafens aufgebend, beginnt er nachzudenken. Lange noch irren seine Augen auf den ihn umgebenden Gegenständen umher, bis sein Gedanke an einer Erinnerung hängen bleibt. Die vollkommene Stille wird nur durch das Atmen schlafender Menschen unterbrochen. In dem gedämpften, auf die Wände fallenden Lampenlicht, tauchen die alten Malereien in nebelhaften Umrissen auf . . . Auf der einen Wand ist ein purpurner, halb auseinandergeschlagener Vorhang gemalt, auf der anderen ein Gefäß mit einer riesengroßen Weintraube, etwas weiter ein grüner Vogel, der einen Zweig im Schnabel hält, dann eigenartige Blumen, Blätter und haufenweise aufgeschichtete Früchte. An der Stelle, 'wo die Falten des purpurnen Vorhanges eine Lücke lassen, hängt das Bild von Moses Montefiore. Wer ehrte den guten Juden, indem er dessen Bildnis dort aufhing? Diejenige, die in einem halb kindlichen, maßlosen Bewunderungs- und Gefühlserguß das weißhaarige Haupt des guten Juden auf diesem Bilde küßte, als Netel ihr von dem Leben, dem großen Herzen und dem großen Geiste desselben erzählte. Das kleine Kinderhändchen Esthers war es, welches das alte, verblichene Bildnis an dieser Stelle aufgehängt . . . Seit einer langen Reihe von Jahren kennt Netel die kleinsten Einzelheiten dieser Malereien und dieses Bildes, so wie er alles kennt, was sich im Alkoven vorfindet. Ihm ist, als ob an jedem dieser Gegenstände ein Teil seines Lebens haften würde. Die Weintraube erinnert ihn an seine Reisen in die ungarischen Weinberge. Diese Reisen haben ihm gar manchen Augenblick seines Lebens weggenommen, ihm aber dafür viele schöne Bilder vorgeführt, so daß Netel den Blick von ihnen nicht wenden würde, wenn er sich ihrer jetzt erinnern könnte. Aber er denkt sie nicht. Manchmal steigt vor seinem inneren Auge ein mit Waldesdickicht bedeckter Berg auf, dann wieder weite, grenzenlose, von Getreide vergoldete Flächen. Er erinnert sich, daß es in den Weinbergen so schön duftete . . . Und auch das denkt er, daß er während dieser langen Reisen sich die Zeit zu kürzen suchte, indem er zu Fuß ging; wenn er dann, ermüdet unter einem Baume, an einen Felsenrand oder auch nur im offenen Felde, ausruhte, so wünschte er häufig, sich nie mehr von diesem Orte trennen, nie in die Stadt zurückkehren zu müssen, sondern immer unter freiem Himmel bleiben zu können. Damals war er sehr jung; so vergaß er denn bald an diese Träume. Jetzt erinnert er sich ihrer wieder; er lächelt ihnen zu und es tut ihm leid, daß er nicht noch mehr Berge, Wälder und von wogendem goldigen Meere überströmte Ebenen gesehen hat. Die Malereien sind farblos und verblichen, aber die Zeit ist doch schonend mit ihnen umgegangen. Warum hat sie das Wesen, welches viele Jahre auf diese Bilder blickte, zu Grunde gerichtet und getötet? Warum ist Esther, die geliebte, gute, der Morgensonne an Schönheit gleichende Esther, die geliebte Frau, nicht mehr in diesem Hause? Warum ist nicht mal ihr Schatten dageblieben, ihr Bild, wenigstens die Spur ihres Fußes, das Echo ihrer Stimme! Als Netel sie zur Frau nahm, war sie fast noch ein Kind, er ein sehr junger Bursche; sie waren beide noch so unvernünftig, daß sie die große Liebe, die sie verband, weder würdigen, noch sie begreifen, noch sie in jedem Augenblicke fühlen konnten. Sie mußten damals so viel arbeiten, daß sie keine Zeit hatten, an sich zu denken; es genügte ihnen, daß sie ihre Anwesenheit fühlten, daß sie beisammen waren. Und doch konnte keine Frau schöner sein als Esther und schwerlich konnte es einen größeren Genuß geben, als neben ihr zu sitzen, sie anzusehen, ihrer Stimme zu lauschen, und dabei an der ganzen Welt zu vergessen. Manchmal erlaubte sich Netel von solchem Leben zu träumen, aber die Verwirklichung desselben schob er immer in die Zukunft hinaus. Er küßte Esther nicht mal, er liebkoste sie nicht, denn andere Gedanken beschäftigten ihn, und dazu hatte er keine Zeit. „Später werde ich Zeit haben", dachte er, „dann wird mein Kopf nicht so voller Sorgen sein". Mittlerweile jedoch war Netel alt geworden, Esthers Schönheit war verwelkt und sie selber gestorben, nachdem sie hienieden nichts als Arbeit und Mühsal kennen gelernt. Jetzt erinnert si i) Netel an alles: an die Farbe von Esthers Haaren, an das Lächeln seiner Frau, an das Lied, das sie an der Wiege des kleinen Wigdor gesungen, an die Kleider, die sie getragen, an die Bänder, mit denen sie sich mit Vorliebe geschmückt; er denkt, daß sie Glück nicht leiden konnte, und wie gut sie.zu einem kleinen, auf der Straße ansgelesenen und in ihrem Hause erzogenen Waisenmädchen war. Er sieht sie immer jung und kann sich nicht erinnern, wie sie aussah, als sie alt geworden war. Unter den Lidern des Greises blieb das Bild ihres schönen, in einem Walde von Haaren aus einem Kissen ruhenden Köpfchens; er sieht ihren schmächtigen, zarten, jungfräulichen, beim Atmen hastig und ungleichmäßig sich hebenden Busen; er sieht das leise Zittern, das im Schlafe bald über ihre Hände, bald über ihre Lippen fliegt ... Er denkt alles, und es ist ihm so leid um dies alles. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Studien zum Pseudo-Jonathan Targum. I. Das Targum und die apokryphe Literatur von A. Marmorstein. Pozsony, Adolf Alkalay ll. Sohn, 1905, 39". Das heilige Gottesbnch ist seit je der Gegenstand liebevollster Beschäftigung auf Erden. Wer kennt die Völker, nennt die Nationen alle, die um die Ehre sich bewarben, dasselbe ihr eigen zu nennen, ihre edelsten Ueberzcngnngen ihm unter- oder in dasselbe hincinzulegen. Um die Ehre der Zugehörigkeit des klassischen Sängers der Hellenen wetteiferten bekanntlich sieben hervorragende Slädte des Altertums. Doch um das Vorrecht der Teilnahme am geheiligten Gotteswort wogt der Wettbewerb von vielleicht siebenmal so viel Völkern. Es genagt der Hinweis ans die von dem gelehrten Engländer Walton herausgegebene Polyglotta (gedruckt London 1656—1657); ein Niesenwerk, welches außer dem hebräischen Urtext noch das Targum Onkelos, die samaritanische Uebersetznng in den originalen althebräischen Schriftlichen enthält; ferner die aramäische Uebersetzung des Jonathan nebst der sogenannten jerusalemischen Version derselben, die Septuaginta, eine arabische, eine persische und endlich eine äthiopische Uebersetznng. Im Vordergründe der wissenschaftlichen Diskussion stehen nun seit den ältesten Zeiten die Uebersetznngen des Onkelos und des Jonathan. Schon im Talmud Traktat Megilah 3 a begegnen wir einer Kontroverse nach dieser Richtung. Nach Anschauung R. Jermijas war die Uebersetznng des Onkelos ein Werk des griechischen Proselyten Akylas. Dem steht die Meinung Ravs gegenüber, laut welcher Esra dieselbe verfaßt hätte; und zwar entsprechend dem Verse Nehemia. Kap. 8, 8: „Und sie lasen im Buche der Lehre Gottes, erklärt und erläutert und sie verstanden das Wort. „Und sie lasen das Buch der Lehre Gottes"; dies deutet auf den heiligen Urtext; „erklärt" d. h. die Uebersetznng . . . Was nun die aramäische Uebersetznng des Jonathan, die den Gegenstand der vorliegenden Abhandlung bildet, betrifft, so gehen die Ansichten der bibliographischen Falscher weit auseinander. Unter den Gelehrten neuerer Zeit sind es Geiger. Bacher und Friedmann, die derselben ein älteres Datum als dem Targum Onkelos znwiesen; Vgl. Geiger, Urschrift p. 455 f. Friedmann, Onkelos und Akylas p. 47. Hingegen legen Z. Frankel in seiner Zeitschrift 1846 p. 110 und Baßfreund (Das Fragmententargum) der Uebersetzung des Jonathan eine viel spätere Entstehungszeit bei, als dem Onkelos-Targum. Wenn nnn Geiger die erstgenannte Ansicht in die apodiktischen Worte zusammenfaffen konnte, „daß wir es hier mit einem Targum, mit einem Bau zu tun haben, der sehr alte Grundmauern hat, aber mit einer Unzahl neuerer Zutaten versehen ist (s. Geiger gesamm. Schr. IV, 108), so blieb doch seine ebendaselbst S. 109 abgegebene Aeußerung, „wie schmerzlich es sei, daß uns keine Handschriften zu Gebote stehen, die uns einen klaren Blick in die schichtenweise Auflagerung dieses Targums werfen lassen", eine bedauerliche Lücke auf dem Gebiete der Quellenforschung des P s e u d o-J o n a t h a n. Dieselbe ward von den Fachgelehrten bislang als ein Desideratum empfunden worden. Der Verfasser unternimmt es nun, und zwar, wie gleich vorweg konstatiert sei, mit dem Aufwande gründlicher, wissenschaftlicher Mittel, diese Lücke zu ergänzen. Die Anregung zu seinem Unternehmen ersehen wir aus der lichtvollen Einleitung: Die Fragmente von Briefen, Testamenten, Legendenwerken über biblische Erzählungen und Midraschwerke finden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.