Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 46 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 738 Dr. Lwcb's Mlocbenscvrm. Nr. 46 Belgien und in den nordischen Ländern. Herr Ignaz Brieß ist auch ein warmer Freund der Schule, namentlich ließ er der deutschen Volksschule in Paulowitz seine kräftigste Unterstützung angedeihen. Die Armen und Dürftigen besitzen an ihm einen wahren Freund und Wohltäter. Mehrere wohltätige Stiftungen, die er hier errichtete, bekunden seine menschenfreundliche Gesinnung. Er stebt gegenwärtig im 7L. Lebensjahre und erfreut sich in unserer Stadt allgemeinster Hochachtung und Wertschätzung. Herr Ignaz Brieß ist ein treuer Anhänger des Judentums und nimmt regen Anteil an dem Wachsen und Blühen unserer Kultusgemeinde, die er bereits mit mehreren Wohltärigkeitsakten bedacht Hot. Möge es ihm auch ferner vergönnt sein, noch lange Jahre in Geistes- und Körperfrische im Kreise seiner Familie sich der allerhöchsten Auszeichnung wie der allgemeinen Wertschätzung seiner Glaubensbrüder und Mitbürger zu erfreuen. O. Wr.-Neustadt. (Trauung.) Sonntag den 19. November l. I., um fünf Uhr abends, findet im hiesigen Tempel die Trauung des Fräulein Elsa S ch i s ch a, Tochter des Kultusvorstehers Herrn Ignaz S ch i s ch a, mit Herrn Ingenieur Emil Ho ff mann statt. Pirrritz. Den 9. d. M. verschied Frau Anna Bretschneider, die fromme Gattm des Herrn Sälomon Bretschneider, Großökonomiebesitzers, Gemeiuderates, Kultusvorstaudsmitgliedes, nach langem, schwerem Leiden. Jedem Armen reichte sie ihre hilfreiche Hand und war deshalb durch ihre besondere Mildtätigkeit nicht nur bei der jüdischen, sondern auch bei der christlichen Bevölkerung ollgeniein beliebt und geachtet. Dies zeigte sich am besten bei dem imposanten Leichenbegängnisse, an welchem sich die Gemeindevertretung unter Führung des Bürgermeisters, fürstlich Kollalt'sche Beamtenschaft, Lehrpersonal, Gendarmerie und eine unabsehbare Menschenmenge beteiligte, Möge dies den Hinterbliebenen zum Tröste gereichen! Lobositz. Die k. k. Statthalterei in Prag hat den Rabbiner Salomon L ö w y zum Matrikenführer für die israelitische Matrikenstelle in Lobositz bestellt. Pilsen. Wie uns vom Vorstande der israelitischen Kultusgemeinde mitgeteilt wird, gelangt in dieser Gemeinde vom 1. September 1906 an der R a b b i n e r p o st e n zur Besetzung. Eine Dankkarte Roosevelt s. Aus Galgocz schreibt man uns: Kurz nach dem zwischen Rußland und Japan erfolgten Friedensschlüsse sandte die Präsidentin des Galgoczer israel. Frauenvereins, Frau Dr. Jakob Händler, an den Präsidenten Roosevelt ein in englischer Sprache abgefaßtes Glückwunschschreiben. Dieser Tage erhielt Frau Dr. Jakob Händler eine Visitkarte des Präsidenten Roosevelt, deren Couvert den Aufdruck „The White House“ und den Poststempel „Oysterbay" trägt. Auf der Karte selbst liest man in lithographierter Schrift die beiden Worte: „The President“ mit dem geschriebenen Nachsatze: „Thanks you heartily fer your congratulations“. (Herzlichen Dank für Ihren Glückwunsch.) Feuilleton. Welkes Kank. Erinnerung aus einem alten Stadtteil, von Felix Brodowski. Autorisierte Uebersetznng aus dem Polnischen von Malwiua Blumberg (Fortsetzung.) Netel ist alt, Netel ist unfähig, Netel ist schon einfältig wie ein Kind. So sagen die Leute, aber welche? Es war ein Schurke Glück, ein Betrüger Glück, oder, wenn ihr es lieber wollt, ein Wucherer Glück. Sein Vorname ist mir nicht erinnerlich. Dieser Glück nun, der ebenso wie Baum ein Jude, aber hauptsächlich ein Dieb und Taugenichts war, führte seit Jahren einen Prozeß mit Baum und zwar des alten Hauses halber. Ich weiß nicht, worauf er seine Ansprüche gründete, und wie mir scheint, hatte er gar keine Aussicht, die Sache vor Gericht zu gewinnen, aber er war der Schrecken des Hauses und Netels. Ersterem drohte er, daß er es kaufen und niederreißen würde, letzteren nannte er öffentlich einen unfähigen und dummen Menschen. Nichts auf der Welt ruft solch lautes Echo hervor, wie die Nichtswürdigkeit. Aus diesem Grunde begannen viele Leute zu wiederholen, das alte, gelbe Haus sei eine Schande für die Straße und Netel ein kindisch gewordener Greis. Wigdor und Schelomoh, die Söhne Netels, stellten dies nicht in Abrede; wer aber waren Wigdor und Schelomoh? Böse, beschränkte und schädliche Tiere. Die Zahl der Menschen, welche sie auf dem Gewissen hatten, die vor Verzweiflung gestorben und durch ihre Hände zum Verbrechen getrieben worden, war größer als diejenige der Opfer, die der ruchloseste, von dem Arm der Gerechtigkeit bestrafte Räuber hätte aufweisen können. Wigdor und Schelomoh waren niemals gerichtlich bestraft worden, was immer sie also tun mochten, taten sie mit solcher Ruhe, mit solchem Selbstbewußtsein, mit solch gutmütigem Lächeln, daß kein Verbrecher, wenn er nicht überzeugt wäre, daß seine Handlungen gut, gerecht und nützlich sind, jemals so hätte lächeln können. Sie waren so von der Gerechtigkeit ihres Vorgehens überzeugt, daß sie Wucher, Betrug, Eigennutz und Haß als Grundsatz, ja, mehr als das, als den einzigen, jedem Menschen innewohnenden Grundsatz betrachteten — insofern dieser Mensch kein verrückter Greis oder kein unerfahrenes Kind ist — als etwas, das keinem Zweifel unterliegt, worüber man nicht zu streiten, es nicht zu beweisen und niemanden davon zu überzeugen braucht, da es selbstverständlich und in der Natur der Dinge liegt. Netel z. B. zweifelte daran, und da er sein ganzes Leben nur ein Weinhändler, nicht aber ein Wucherer gewesen, war er im Stande, einen Arbeiter, dessen Handwerksgerät Wigdor für eine unbezahlte Schuld verkaufte, zu bemitleiden. Wigdor und Schelomoh fanden, daß dies eine unbegreifliche Verkrüppelung der Seele und behaupteten, dieselbe könne nur der Hinfälligkeit des Alters entspringen. Freilich war Netel alt, sogar sehr alt, aber sein Geist hatte unter seinem Alter nicht gelitten. Im Gegenteil. Seit wenigen Jahren erst hatte Netel seine Gedanken von einer Last befreit, welche dieselben fast während seines ganzen Lebens beschwerte; er gestattete ihnen frei zu arbeiten und quälte sich nicht mehr mit der Furcht, daß dies eine unnütze Zeitvergeudung. Das Alter störte ihn ein wenig in dieser verspäteten Tätigkeit, die Gedanken entschlüpften ihm und stoben in alle Windrichtungen auseinander, er mußte sich quälen, um sie zu verbinden und Licht in sie zu bringen,, aber er hatte jetzt viel Zeit dazu; er konnte denken, überlegen, sich besinnen, und Niemand rief: „Netel, du vernachlässigst deine Geschäfte!" Netel war Weinhändler. „Ich war ein armer Jude und mußte mich emporarbeiten", so beginnt der Faden seiner Erinnerungen, „zu Anfang war ich bei Fremden und ich arbeitete schwer, denn ich mußte mich ernähren und ich besaß nichts; dann arbeitete ich das Doppelte, denn ich hatte geheiratet; später kamen Kinder und da mußte ich wieder zwei- und dreimal so viel arbeiten, aber damals hatte ich schon ein eigenes Geschäft. Dann kam eine Zeit, da ich nicht mehr sorgen mußte, was ich und meine Frau und meine Kinder zu Mittag essen sollten; das Geschäft hatte sich bedeutend entwickelt, es ging gut, ich konnte es nicht aufgeben. So führte ich denn den Handel weiter, — es war ein ehrlicher Handel mit gutem Wein, alle wissen es, — bis zu dem Augenblick, da ich, alt geworden, aus Mangel an Vertretung ihn verkaufen mußte. Meine Söhne hatten keine Lust zu diesem Geschäft; ihre Köpfe waren voll von Spekulationen, die ihnen mehr einbrachten, als mir mein Handel. So steuerte ich sie denn aus und ließ sie tun was ihnen gefiel. Ich selber jedoch begann auszuruhen, denn das gebührte mir. Jetzt, wenn ich vor mich blicke, — so sehe ich mein Grab, und schaue ich rückwärts, so sehe ich ein langes, ehrliches, arbeitsames Leben, und doch habe ich keine Ruhe. . . Ja, ich, Netel Baum, habe ein reines Gewissen, aber die süße Ruhe habe ich nicht verdient, und wenn ich auf das Grab und dann auf mein Lel en blicke, so ist's mir leid um etwas und ich seufze und ich möchte mich vor Jemand ausklagen. . ." So hätte Netel sein Leben geschildert, wenn die Worte dem Rufe seiner Gedanken gehorsam wären und wenn Jemand ihnen zuhören wollte.