Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 46 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 36 Dr. Dlocbs Mocvens irirr. Seite 735 Waisenhauses, vom Synagogenvorstand und vom Repräsentantenkollegium. Nachmittags fand in den neuen Unionssestsälen in der Niepoldpassage ein großes Festmahl statt, bei dem die kulinarischen Genüsse und die geistvollen, erhebenden Tafelreden einander würdig waren. Berlin. (Dr. Karpeles über Karl Emil Franzos.) Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprach Dr. Gustav K a r P e l e s-Berlin über den deutschen Dichter der Juden, Polen und Ruthenen Halbasiens, Karl Emil Franzos. Sein Lebensbild und die hohe Bewertung seiner Dichtungen und landschaftlichen Charakterbilder stehen bei der Mehrzahl der Mitlebenden in frischer Erinnerung, da das Hinscheiden des Dichters am 28. Jänner 1904 Gelegenheit zu eingehenden Betrachtungen seines reichen Schaffens geboten hat. Trotzdem füllte Dr. Karpeles' Zuhörerschaft den Union-Festsaal über den letzten Platz hinaus, bis in den Vorsaal hinein, um den bekannten Heine-Biographen, Publizisten, einstigen Breslauer Theaterkritiker und Redakteur der Allgemeinen Zeitung des Judentums über Franzos sprechen zu hören. Den Grundzug im Charakter des im Jahre 1848 als Sohn eines Arztes an der russischen Grenze geborenen Deutsch-Oesterreichers findet Karpeles in dem stolzen Bewußtsein, ein Deutscher zu sein, und in der treuen Anhänglichkeit an sein jüdisches Volkstum. Dr. Karpeles stand dem Dichter, der sich Anfang der Achtziger-Jahre in Berlin niederließ, lange Jahre hindurch, bis zu dessen Tode, persönlich nahe und weiß aus dem Munde des Dahingegangenen, daß er mit Ueberzeugung am Judentum festhielt. Franzos kannte die Schwächen und Fehler des jüdischen Charakters, und er durfte sie schildern, weil er auch für die hellen Lichtseiten des jüdischen Geistes einen offenen Blick hatte. Selbst wo, wie in manchen Landstrichen Rußlands, die jüdische Bevölkerung auf einer tiefen Bildungsstufe steht, hat sie noch so viel Kulturwert in sich, daß ein Dichter mit dem warmen Herzen eines Franzos im Stande ist, ihre Wesensart in einem freundlichen und anziehenden Lichte darzustellen. Und weil Franzos ein gerechter Beurteilter des jüdischen Volkstums war, haben seine Kulturbilder aus Halbasien die merkwürdige Fernwirkung auf Freund und Feind ausgeübt. Leute, denen das Verständnis jüdischen Wesens fehlte, die sich im allgemeinen eher ablehnend als entgegenkommend zum jüdischen Volkscharakter stellten, haben Geschmack und Freude an den Dichtungen und Schilderungen Franzos' gefunden. Der Vortragende exemplifizierte auf Johannes Scherr, den er einen Antisemiten vor der Erfindung des Antisemitismus nannte, und der nach der Bekanntschaft mit Franzos' erster Kulturnovelle dem Dichter Bewunderung gezollt hat. Nicht glatt war der Anfang der Schriftstellerlaufbahn des jungen Juristen; das erste Manuskript kam von einem Dutzend Redaktionen, zuletzt beschmutzt, zurück, bis es in die Hände des feinsinnigen Verlegers Westermann in Braunschweig gelangte, der in seinem Leben mit Juden so gut wie noch nicht in Berührung gekommen war und der den dichterischen Wert des neuentdeckten Darstellungsgebietes für seine „Monatshefte" sofort herausfühlte. Franzos' Verdienst in der deutschen Literatur ist diese Entdeckung einer neuen Provinz, eines neuen Stoffgebietes, des Galizien, Podolien und Südrußland. Er war in jungen Jahren, da er manche Zurücksetzung als Jude erfuhr, der Ansicht, daß eine kräftigere Germanisierungspolitik den dortigen Ländern zum Segen geworden wäre. Aber auch wie die Dinge nun einmal liegen, hat er die feste Ueberzeugung gehabt, daß die jüdischen Glaubensgenossen dort, wenn auch erst nach Ablauf von Generationen, eine höhere Kulturstufe erringen werden. Der Vortragende ist der Ansicht, daß das Wort: Jedes Land habe die Juden, die es verdiene, heute schon auf Rußland nicht mehr passe, da die dortigen Juden für die miserablen Zustände zu gut sind. Dr. Karpeles teilte sodann von dem Roman aus Halbasien: „Der Pojaz", einiges mit; da der Antisemitismus inzwischen sich ausgebreitet hatte, ließ Franzos diese Arbeit vor zwölf Jahren ungedruckt liegen. Schließlich erfreute der Vortragende die Zuhörer durch mehrere Proben von dem köstlichen Humor und dem Witz, die Franzos in reichem Maße zu Gebot standen. London. In unserem Lande soll anfangs Dezember eine große Festfeier zur Erinnerung an den 250. Jahrestag der sogenannten Whitehall-Konferenz stattfinden. Nach dem Edikt König Eduards I. war es den Juden nicht gestattet, sich in England ansässig zu machen, und wenn diesem Edikt auch die gesetzliche Sanktionierung durch besondere Parlamentsakte fehlte, so bestand doch in der Praxis dies strenge Gebot. Im Jahre 1655 berief jedoch Oliver Cromwell, infolge einer besonderen Mission Menasseh ben Israels, eine Nationalversammlung (die „Whitehall-Konferenz") zum Zwecke der Beschlußfassung darüber, ob und unter welchen Bedingungen eine Rückkehr der Juden nach England gesetzlich zuzulassen wäre. Die ersten staatsrechtlichen Autoritäten der Zeit erörterten diese Frage in erschöpfender Weise, und auf Grund ihres Gutachtens sprach sich der Konvent dahin aus, daß eine gesetzliche Handhabe, die Juden von England fernzuhalten, nicht bestände. Was die Bedingungen der Wiederzulassung der Juden betraf, so kam die Konferenz zu keiner endgiltigen Entscheidung, aber Oliver Cromwell sanktionierte bald darauf kraft seiner eigenen Autorität und Verantwortlichkeit die Rückkehr der Vertriebenen. Diese Handlungsweise eröffnete den Juden neue Laufbahnen, indem ihr gesetzlicher Status im Lande festgelegt wurde, und seit dieser Zeit datiert die Gründung der anglo-jüdifchen Gemeinde. Die Whitehall-Konferenz tagte am 4. Dezember 1655 und danach am 12. und 18. desselben Monats. Man plant nun für diese Daten besondere Festlichkeiten in London, so ein großes Bankett am 4. Dezember, eine Ausstellung, Gottesdienste u. s. w. London. (Eine jüdische Gemeinde in Uganda.) Wie der Londoner „Jewish Chrvnicle" aus Nairobi, British-Ostafrika, geschrieben wird, wurde daselbst am Jom- Kippur im Logenhaus ein Gottesdienst abgehalten, der von den Herren Block und Rosenblum geleitet wurde und welchem vierzehn Personen beiwohnten. Am Abend des Jom Kippur wurde beschlossen, eine Gemeinde zu gründen. Herr Fein wurde Vorsteher, Herr Ratkind zweiter Vorsteher und Herr Harries Gemeindesekretär. In Ostafrika gibt es gegenwärtig 30 jüdische Familien, welche zum größten Teil Landwirtschaft und Viehzucht betreiben. London. (Nachfrage nach Juden.) Auch Austrialien, in welchem feit Jahrzehnten eine Arbeiterdemokratie herrscht, welche nach bekanntem Muster erst jede Zufuhr von Waren, dann aber auch die von Menschen systematisch ausschloß, beginnt allmählich sich von der törichten Politik der Absperrung loszusagen. Schutzzoll und Einwanderungsverbote haben nämlich ihre verderbliche Wirkung geübt und das schöne Land auf die abschüssige Bahn gebracht. Die meist aus Zöllen bestehenden Einnahmen der Commonwealth sind seit der Gründung derselben im Jahre 1901 von 12,105.878 Pfund Sterling auf 11,460.315 zurückgegangen. Hand in Hand mit dem Rückgang der Einnahmen geht ein relativer Rückgang der Bevölkerungsziffer. Zwar haben die 6 zu der Commonwealth vereinigten Staaten Australien in den letzten 4 Jahren noch eine Bevölkerungszunahme von 223.000 Seelen 14'80 pro Mille aufzuweisen. Allein abgesehen davon, daß selbst manche Länder im überfüllten Europa eine solche Bevölkerungszunahme aufweisen können, wird Australien aller Voraussicht nach selbst diese Ziffer nicht lange behaupten können, da die Geburten im Lande seit einigen Jahren konsequent zurückgehen. Ein weiteres Zeichen des Rückganges Australiens ist die wachsende Auswanderung. Die eigentliche Bevölkerungszunahme für die letzten 4 Jahre betrug nämlich nur 218.536. Es müßte also von dem erwähnten Ueber'chuß der Geburten über die Todesfälle in der Gesamthöhe von 223.009 Seelen, 4446 Personen ausgewandert sein. Da auch trotz allen Absperrungen alljährlich einige Tausend Immigranten ins Land dringen, so mußte die Emigration aus Australien noch weit größer sein und zwar so groß, daß durch sie die Gesamteinwanderung zuzüglich 4446 Personen aus dem Ueberschuß der Geburten über die Todesfälle wieder eliminiert werde. Man sieht auch, Schutzzoll und Absperrungssystem bieten keine absolute Garantie gegen die Not im Lande, welche den sorgfältig geschützten Bürgern den Wanderstab in die Hand drückt.