Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 46 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 732 Dr. Blocb’s MocdenscbrM. Nr. 46 lichkeit ist, komme den Unglücklichen zu Hilfe. Für einen wahren ’ Menschen gibt es keine Juden und Christen, sondern nur Brüder und Menschen". Revolverattentat auf den früheren Gouverneur von Homel. M o h i l e w. Die Frau des Stadtrates E z e r s k y hat einen Anschlag auf den Gouverneur Klingenberg verübt und ihn durch zwei Revolverschüsse am Arm und im Unterleibe verwundet. Die Frau beging die Tat im Empfangssalon des Gouverneurs, in den sie sich unter dem Namen einer Baronin Meiendorf Eingang verschafft hatte. (Klingenberg war, bevor er nach Mohilew versetzt wurde, Gouverneur in Homel und wurde vor zwei Jahren direkt beschuldigt, die dort damals vorgekommenen Judenmaffakres begünstigt und sogar eingeleitet zu haben. Man erinnert sich noch an seinen zu jener Zeit vielbesprochenen Erlaß, in welchem er ankündigt, daß er Racheakte befürchten müsse und deshalb auf die Juden werde schießen lassen, die es wagen würden, sich ihm auf der Straße auf fünfzig Schritte zu nähern. Anm. d. Red.) Odessa, 13. November. Die größte Ueberraschung hat hier die Tatsache der Berufung eines Judennamens Abrahamsohn zum Hauptadministrator der Südwesteisenbahn an Stelle des zum Minister für Verkehrswesen ernannten Memeschajeß hervorgerufen. Studentendemonstration gegen das deutsche und russische Konsulat in Lemberg. L e m b e r g, 14. November. In den Abendstunden kam es heute zu großen Straßenkundgebungen der polnischen Studentenschaft gegen das reichsdeutsche Konsulat. Als Ursache werden die auch hier reproduzierten Meldungen englischer Blätter angegeben, daß Deutschland mit Rußland vereinbart habe, in Russisch-Polen einzurücken, falls Rußland nicht imstande sein sollte, die polnische Bewegung zu unterdrücken. Abends hielten die polnischen Studenten eine Versammlung ab, nach deren Schluß sie sich in zwei Gruppen, jede mehrere hundert Köpfe stark, teilten, um mit Fahnen von verschiedenen Seiten vor das deutsche Konsulat zu ziehen. In dem Gebäude des Konsulats befindet sich eine Polizeiwachstube, deren Mannschaft sofort kommandiert wurde, den Demonstranten den Weg zu versperren. Die eine Gruppe der Studenten, die nationale Lieder sang, wurde von der Wache bald zerstreut. Der zweiten Gruppe gelang es, näher heranzukommen. Aus ihrer Mitte wurden Gläser, Eisen- und Holzstücke geschleudert, wodurch die Fenster einiger dem deutschen Konsulat benachbarten Häuser zertrümmert wurden. Als die Demonstranten trotz Polizei gegen das Konsulat Vordringen wollten, kam es zu einem Handgemenge mit der Wache, in dessen Verlaufe von beiden Seiten Revolverschüffe fielen. Mehrere Studenten sollen verwundet worden sein. Der Kampf währte nahezu eine halbe Stunde. Schließlich behielt die Wache die Oberhand und vertrieb die Demonstranten, die dann vor das Mickiewicz-Denkmal zogen, wo patriotische Reden gehalten wurden. Die inzwischen immer größer gewordene Menge machte nachher dreimal den Versuch, vor das russische Konsulat zu gelangen, wurde jedoch von berittenen Polizisten zurückgedrängt. Statthalter Graf P o t o c k i erschien noch im Laufe des Abends sowohl im russischen als im deutschen Konsulat, um sich Bericht erstatten zu lassen. Beide Konsulate werden scharf bewacht um zu verhindern, daß die Demonstranten ihre ausgesprochene Absicht, den deutschen Reichsadler vom Konsulatsgebäude herabzureißen, ausführen können. In der Stadt herrscht große Aufregung. Mehrere Hundert Hörer des Polytechnikums und der Universität sowie Handwerker versuchten heute Abends vor drm russischen Konsulat zu demonstrieren. Die Polizeiwache trat ihnen jedoch in den zum Konsulat führenden Straßen wiederholt entgegen und trieb sie auseinander. Die Demonstranten zogen hierauf zum deutschen Konsulat, fanden aber auch hier die Zugangsstraßen versperrt, worauf sie die Polizeiwache mit Steinen bewarfen und mehrere Revolverschüsse abgaben. Die Wache mußte von der Waffe Gebrauch machen und zerstreute die Demonstanten. Mehrere Studenten und auch mehrere Wachleute wurden verwundet. Vor dem Mickiewicz-Denkmal sammelten sich die Demonstranten wieder in größerer Anzahl, gingen jedoch bald auseinander. Die Studenten zogen sich zu einer Beratung auf die Universität zurück. Schreckliche Judenverfolgungen in Rumänien. Berlin, 15. November. Aus London wird gemeldet: Nach verschiedenen übereinstimmenden Meldungen aus Bukar e st wurden bei einer Judenhetze in Bolgrad Greueltaten verübt, die selbst in Rußland ohne Beispiel da st eh e n. Die Hetze wurde vou Agitatoren veranstaltet, welche die Leidenschaften des Volkes zuerst durch aufreizende Proklamationen erregten. Auf ein gegebenes Zeichen begab sich der b l u t d ü r st i g gemachte Pöbel nach dem Juden viertel, woselbst Männer und Frauen an den entsetzlichen Mordbrennereien teilnahmen. Die mit Stöcken und Sensen versehenen Mörder stürmten die Häuser der Juden, worauf ein entsetzliches Morden begann. Die Menge riß jüdischen Mädchen und Frauen die Kleider vom Leibe und trieb ihre Opfer in nacktem Zu stände durch die Straßen, um schließlich noch schlimmere Untaten zu begehen. Die jüdischen Männer wurden zu Tode gemartert. Lebenden Menschen wurden die Glieder abgeschnitten, bis die Opfer an Verblutung starben. Viele Personen wurden unter dem Jubel der Zuschauer lebend verbrannt. Ein Rabbiner aus K i s ch e n e w, der sich dort zum Besuch aufhielt, kam auf schreckliche Weise um's Leben, die wütende Menge ergriff ihn, begoß ihn mit Petroleum und zündete ihn auf offenerStraße an; unter unsäglichen Qu alen gab der Arme seinen Gei st auf. Ein Attentat gegen die jüdischen Exportindustriellen. In einem Artikel mit der Ueberschrift „Pattai und Rothschild" (Nr. 31 der „Oesterreichischen Wochenschrift" vom 4. August d. I.), welcher davon handelt, daß der Salonantisemit Pattai unbewußt und ungewollt Lob und Preis Baron Anselm von Rothschild, dem Gründer der Kaiser Ferdinands-Nordbahn, gesungen, sagten wir: „Aber nicht nur im Eisenbahnbau waren die Juden Pioniere, auch auf dem industriellen Gebiete waren sie schaffend, bahnbrechend, richtunggebend. Alle die vielen Zweige neuer Industrien, deren Priorität sich Oesterreich vindizieren kann — in der „Oesterreichischen Wochenschrift" wurden sie in einer zahlreichen Artikelserie des ausführlichen behandelt — sie wurden von österreichischen Juden gegründet. Nahezu sämtliche Exportgebiete, welche die heimische Industrie, das heimische Gewerbe derzeit reichlich alimentieren — österreichische Juden haben sie mit unsäglichen Mühen und Opfern geschaffen. Und wie wurde es diesen österreichischen Juden dafür heimgezahlt! Doch darüber ein andermal." In einer der letzten Sitzungen des niederösterreichischen Landtages wurde von dem Dusel-Fusel-Abgeordneten Schneider ein den heimischen Export betreffender Antrag eingebracht, der zum besseren Verständnis dem Wortlaute nach zur Erbauung der Leser folgt: „Der Schaden, den die österreichische Industrie, speziell aber die Wiener Industrie und das Wiener Gewerbe durch die Gewissenlosigkeit gewisser Exporteure, insbesondere der jüdischen Exporteure erlitten hat und