Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 46 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 46 Dr. Bloches Wochenschrift. Seite 731 erstere den Revolver und erklärte, anlegend: „Dich schiebe ich zuerst nieder, wenn ihnen ein Haar gekrümmt wird", und den Revolver aut den anderen gerichtet, stand er so lange da, bis sein Detachement mif den jungen Leuten vorübergezogen war. Nun aber noch ein einziges Bild, das mehr sagt, als alles, was ich hinzuzufügen vermöchte: Als das städtische Spital bereits ganz von Verwundeten, und zwar zumeist Juden, überfüllt war, erklärte das dienende Personal, es wolle nicht mehr arbeiten, weil die meisten Juden wären. Der Direktor Dr. Sabanjejew wendete sich darauf an einen der Diener mit den Worten: „Also nimm diesen Juden da, trage ihn in den Hof und töte ihn." Der Diener antwortete betroffen: „Das tue ich nicht" und ehenso jeder andere, an den sich der Direktor mit der gleichen Aufforderung wendete. Daraufhin richtete Sabanjejew an die Leute endlich die Frage, warum sie den Juden ihre Hilfe verweigern wollten, worauf er zur Antwort bekam, die Polizei hätte ihnen Mitteilen lassen, daß sämtliche russisch-orthodoxen Angestellten im jüdischen Spital vergiftet worden wären! Darauf entschloß sich Direktor Sabanjejew, seine gesamte Dienerschaft noch an demselben Tage partienweise, und zwar persönlich ins jüdische Spital zu führen, wo sie sich durch Augenschein von der Unsinnigkeit der schrecklichen Verleumdung überzeugten. Alle ihre Genossen wurden gesund und heil befunden, und am Abend war das gesamte Personal des städtischen Spitals wieder in voller Tätigkeit. Dieser eine Fall ist aber, wie ich glaube, ein wahrhaft klassischer. Er zeigt, wie die Polizei, blutdürstig in einem Maße, das alle Vorstellungen übersteigt, in ihrem Raffinement so weit gegangen ist, sogar die unglücklichen Verwundeten der Hilfe zu berauben! Die Urheber der Massaeres von Odessa. Ein Oesterreicher, welcher seit dreißig Jahren in Odessa lebt, sendet uns nachstehende Zuschrift über die blutigen Ereignisse von Odessa, welche die wahren Ursachen der jüngsten Metzelei in der bekannten Hafenstadt am Schwarzen Meere beleuchtet: Die Plünderungen. Verwüstungen und schrecklichen Mordtaten, welche in Odessa in den Tagen vom 31. Oktober bis zum 4. November verübt worden sind, wurden von den obersten Spitzen der Zivil- und Militärbehörden arrangiert. Die mehr als hinreichenden Truppen, über welche die Militärverwaltung von Odessa verfügt, wurden nur dazu verwendet, um die organisierte Selbstwehr zu vernichten und die Plünderer bei der Teilung der geraubten Beute zu beschützen. Hätte man aber die Selbstwehr an ihrem Rettungswerk nicht gehindert, so wären viele Menschenleben und Güter der Vernichtung entrissen worden. Als am 4. d. M. früh die Mörderbanben wiederum zu morden begannen, wurde die Ruhe in zehn Minuten wiederhergestellt, und zwar geschah dies in folgender bezeichnender Weise: Der - Polizeichef in Begleitung von Soldaten erschien am Tatorte und richtete an die Plünderer die Worte: „Kinder, der Unterhaltung muß nun ein Ende gemacht werden! Wollt ihr nicht aushören, so werdet ihr nicht beschützt werden." Und im Nu zog sich die Bande zurück. . . . Die Haltung der Behörden den Massaeres gegenüber wurde aber von oben dekretiert. Denn nach derselben Schablone wurden die Bluttaten in ganz Rußland verübt. Odessa betrauert jetzt 25.000 vernichtete Existenzen, viele Tote und zahlreiche Verwundete. Ueberfall auf Züge mit jüdischen Flüchtlingen. In den Personenzügen, welche zwischen Kiew und Odessa verkehren, sind in den letzten Tagen von den Agenten der „Schwarzen Hundertschaften" an vielen jüdischen Flüchtlingen Morde verübt worden. Im Personenzuge, welcher am 4. d. M. nach Odessa abging, sind 10 Leichen und 20 Verstümmelte und Verwundete gefunden worden. Der Zug wurde in der zwischen Odessa und Kiew liegenden Station Rasdielnaja von einer Mörderbande überfallen und durchsucht, wobei sämtliche jüdische Reisende und auch Studierende durch Revolverschüsse und Dolchstiche getötet wurden. Umsonst flehten die Unglücklichen um Hilfe und Schutz bei den Eisenbahnbeamten und bei dem Stativnschef. Die Gendarmen, welche auf der Station den Wachdienst besorgen, nahmen an den Massaeres lebhaften Anteil. Bis jetzt sind jedoch noch keine Maßnahmen getroffen worden, um die Schuldigen zu eruieren und sie dem Gerichte zu übergeben. Judenverfolgungen in Akkerman. London, 13. November. Aus Bukarest wird gemeldet: In der Stadt Akkerman, in der Nähe von Odessa, die gestern wieder der Schauplatz von Judenverfolgungen war, wüten Brände. Die Teilnahme der Polizei an den Massaeres Berlin, 13. November. Aus Petersburg wird der „Russischen Korrespondenz" berichtet: Aus der Provinz mehren sich die Nachrichten von der Anteilnahme der Polizei und der Behörden an den Maffacres. In Repschetza, 42 Werst von Homel, verteilte der Garnisonschef Flinten an den Mob zum Angriff gegen die jüdische Bevölkerung. Aus Homel kamen 30 Mann zur Unterstützung der Juden, sie gerieten aber in einen Hinterhalt und hatten 9 Tote und 21 Verwundete; die ganze Stadt ist ausgeplündert, ebenso in der Umgegend die Orte Possowka, Unetscha, Semenobka, Dobrjamka, Beresma. Ausgeplündert ist Reich und Arm, so daß keine Sammlungen in diesen Orten möglich find. Einschreiten des Militärs gegen die jüdische Selbstwehr in Warschau. Warschau, 13. November. Gestern abends sammelte sich in der Ostrowskastraße eine größere Menge Israeliten an, um einen befürchteten Angriff von antisemitischer Seite abzuschlagen. Militär zerstreute die Menge und gab hiebei eine Gewehrsalve ab, durch die neun Personen getötet wurden. Wien. Von Herrn Dr. Weißenberg in Elisabethgrad, welcher laut dem Bericht des hiesigen jüdischen Museums in der letzten Nummer der „Oesterreichischen Wochenschrift" diesem Institut neuerdings kostbare Gegenstände aus seiner Sammlung zugewendet hat, erhielt Herr Rabbiner Dr. Grunwald einen Brief, aus dem die folgenden Zeilen allgemeines Interesse verdienen. .8. XI. 1905. Hochgeehrter Herr Doktor! Was wir hier am vorigen Dienstag und Mittwoch durchlebt haben, läßt sich nur mit den Leiden der Juden während des ersten Kreuzzuges oder des schwersten Todes vergleichen. Und dazu noch das Gefühl eines Käfigdaseins, da weder die Bahn noch der Telegraf funktionierten. Jetzt herrscht Ruhe und alles kommt ins alte Geleise. Aber Post und Telegraf bringen eine Hiobsnachricht nach der anderen. Wie es fich jetzt herausstellt, ist kaum ein Flecken verschont geblieben und überall, wo Juden wohnen, wurden sie geplündert, vergewaltigt und getötet. Alle diese Greuel durchflogen ganz Rußland, einem Wirbelsturme ähnlich, in der kurzen Spanne Zeit vom 17. bis zum 22. Oktober alten Stils. Hier in Elisabethgrad zählen wir 15 Tote und etwa 100 verwundete Juden, welche im Vergleich mit denjenigen von Odessa und Rostow als winzige zu bezeichnen sind. Mein Haus ist verschont geblieben, ich mit den Meinigen hielten uns bei einem befreundeten Christen auf. Mein Elternhaus ist bis auf die Wände beraubt und zerstört, so daß ich meine Eltern und Geschwister in fremder Wäsche bei mir beherberge. Sie werden nach dem Obigen wohl begreifen, wie es mit meiner seelischen Ruhe ausfieht, jedoch hoffe ich mich in Bälde wieder zu fassen, falls die endlich so laut und feierlich verkündete Freiheit nicht leeres Wort bleiben wird. Falls im Auslande eine .... objektive Schilderung der letzten Ereignisse in Rußland erscheinen wird, so werde ich für die Zusendung derselben (unter Kreuzband) sehr dankbar sein. Mit vorzüglicher Hochachtung Ihr leidender Bruder Dr. S. W e i ß e n b e r g. Gorki gegen den Antisemitismus. Petersburg. Gorki veröffentlicht in seinem Blatte „Revoluzijonnaja Roßija" einen Artikel, in welchem es unter anderem heißt: „Die schrecklichen Gewalttaten, die gegen die Juden verübt werden, find die Schmach Rußlands und erregen die Empörung der ganzen Welt. Menschen, die fich Christen nennen und an den Gott der Liebe glauben, morden die Mitglieder des Volkes, welchem Christum entstammte. Schmach und Fluch über diese Kains. In wem ein Funke von Mensch-