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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-11-17 · 46 (17.11.1905) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
46 (17.11.1905)
Date
1905-11-17
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 780 Dr. Blocb’s MocbenscbrM. Nr. 46 Eine Versammlung von Pädagogen beschloß, Witte telegraphisch zu verständigen, daß die Wiederaufnahme des Studiums nur dann möglich sei, wenn die Polizei der Kompetenz der Stadtverwaltung unterworfen und eine Stadtmiliz organisiert wird. Der erste russische Zeitungsbericht über die Schreckenstage von Odessa. Von den russischen Blättern, welche seit Beginn der Streikbewegung in Rußland entweder ganz ausbleiben oder äußerst unregelmäßig eintreffen, ist es die „Rußkoje Slowo", welche über die Massakres von Odessa den ersten Bericht veröffentlicht. Er ist zwar kurz, aber er gibt eine schauerliche Vorstellung von den blutigen Ereignissen. „Die blutigen Tage von Odessa stehen ohne Beispiel da. Es gibt keine Wohnung ohne bestialisch ermordete Leichen. Auf dem Dachboden eines Hauses fand man 36 Leichen mit durchschnittener Kehle. Kinder wurden entzweigeriffen, Greise zum Fenster hinausgeworfen. Es werden zahlreiche Leichen in den Kellern gefunden. Viele wurden durch Soldatenkugeln getötet und verwundet. Vorderhand sind folgende Daten über die Zahl der Getöteten und Verwundeten festgestellt worden: Im städtischen Krankenhause befinden sich 175 Ermordete und 425 Verwundete, im jüdischen Spital 109 Leichen und über 400 Verwundete, in der Klinik 60 Leichen und über 300 Verwundete. Außerdem befinden sich viele Tote und Verwundete in den sieben Hilfsstationen, deren Zahl jedoch noch nicht festgestellt werden kann. Von den Verwundeten sind schon viele ihren Verletzungen erlegen. Auf dem Wege zum Friedhof zieht sich eine endlose Reihe von Leichenwagen." Die Blätter erklären, nicht in der Lage zu sein, die wahre Ursache der Judenmetzelei bekanntzugeben. Der Stadthauptmann Neidhardt beschied die Redakteure der Blätter zu sich und sagte ihnen: „Machen Sie über die Angelegenheit ein Kreuz, sonst kann ich für die Folgen keine Verantwortung übernehmen." Eine Erklärung von Offizieren in Odessa. Odessa, 12. November. Eine Gruppe von Offizieren gibt in den hiesigen Blättern die Erklärung ab, daß alle ihre Bemühungen, die Unruhen zu unterdrücken und zum Schutze bedrohter Bürger einzuschreiten, von der Obrigkeit vereitelt worden seien. Folgende Privatbriefe aus Odessa werden in deutschen Blättern publiziert: Odessa den 5. November 1905. Mein lieber Sohn! Du wirst wohl begreifen, wie schwer es mir fällt, in diesem Augenblick über das Morden und Rauben, das seit 4 Tagen bei uns herrscht, viel zu schreiben. Wahrscheinlich werdet Ihr im Auslande mehr davon wiffen als wir, weil wir in diesen 3 finsteren Tagen hinter verrammelten Türen saßen und nichts sahen; nur das Geknatter der Gewehre hörten wir. Die Zahl der Toten und Verwundeten ist noch nicht genau bekannt, jedenfalls aber beträgt ihre Zahl mehr als 10.000 auf beiden Seiten. Unser einziger Trost in diesem großen Unglück ist der, daß unsere Volksgenossen, nicht wie in Kischinew. dem Schlachtvieh gleich niedergemetzelt wurden, sondern daß sie mit bewundernswertem Mute für die Ehre und das Leben ihres Volkes kämpften, wie es der Nachkommen der Makkabäer würdig ick. Es unterliegt keinem Zweifel, daß, wenn man gegen sie kein Militär gesandt hätte, sie ihren Feinden eine vollständige Niederlage bereitet hätten. Aber der Artillerie der Negierung waren sie nicht gewachsen. Ehre den gefallenen jüdischen Helden! Die Unsrigen sind wohl. Es grüßt Dich Dein Vater. Odessa, 4. November. Gestern war ich nicht imstande, euch zu schreiben oder zu telegraphieren. Denn es war unmöglich auf die Straße hinauszugehen. Die Haare stehen mir zu Berge, schluchzend muß ich die Feder wieder weglegen. Denn es ist unmöglich, darüber zu schreiben. . . . Das Blut stoß buchstäblich in Strömen. Auch jetzt ist die Straße mit Blutlachen und Leichnamen der Getöteten bedeckt. Ich begreife nicht, daß ich den Verstand nicht verloren habe, als ich aus dem Fenster die bestialischen Szenen beobachtete. Unaufhörlich wurden trauen und Kinder getötet, in den fernergelegenen Stadtteilen aber geschahen Barbareien, wie sie die Welt kaum gesehen hat. Man sagt, daß über 2000 Menschen getötet und 15.000 verwundet worden sind. Die überwältigende Majorität besteht aus Juden, aber man zählt auch sehr viele getötete und verwundete Christen, da die jüdische Schutzwehr (zu der auch Christen gehören) namentlich die Studenten sich voll Verzweiflung verteidigen. Mehr als die halbe Stadt ist ausgeraubt. Kischinew und alle anderen Massakres, die bis jetzt stattgefunden haben, sind ein Kinderspiel im Vergleich zu dem, was hier vorgefallen ist. * * * Odessa, 6. November. Waffenstillstand ist eingetreten — wie lange wird er dauernd Polizei und Militär scheinen an dem bisher vergossenen Blute noch zn wenig zu haben und drohen mit mehr. Als in Konstantinopel die armenischen Massacres stattfanden, schrie Pobjedonoszew und was zu ihm gehörte, daß die Menschlichkeit trauernd ihr Haupt verhülle; jetzt sind in Rußland Dinge geschehen, die die Bartholomäusnacht weit hinter sich lassen, und all diese jeder Beschreibung spottenden Greuel wurden von den offiziellen Stellen aus angestiftet und durchgeführt. In der Bartholomäusnacht fielen in Paris 2000, inr ganzen übrigen Frankreich gegen 20.000 Menschen den Mördern zum Opfer — was ist das im Vergleiche mit den gegenwärtigen russischeil Geschehnissen, wo bei uns in Odessa allein gegen 5000 Menschen ermordet und weitere 10.000 verwundet worden sind; Gestern beschied — wie bereits telegraphisch gemeldet — der Stadthauptmann Neidgard die Redakteure der hiesigen Zeitungen zu sich und sagte ihnen folgendes: »Ich höre. Sie wollen die Wahrheit über die bei uns vorgefallenen Massacres veröffentlichen. Nach dem Zarenmanifest kann ich Ihnen dies nicht verbieten. Es diene Ihnen aber zur Richtschnur, daß die Polizei und das Militär das als Beleidigung betrachten werden, und dann wäre ein neues Blutbad,. das noch viel mehr Opfer fordern würde, nicht zu vermeiden." Da jeder in Rußland weiß, was solche Worte aus dem Munde eines Polizeimeisters bedeuten, so entschlossen sich die Redakteure, an die Spitze der Zeitungen einfach nur die schrecklichen Worte hinzuzusetzen: „Wir sind gezwungen, über die Vorgänge zu schweigen." Wie denn auch anders? Ein hoher Beamter, der sich am 31. Oktober gerade bei Neidgard befand, erzählte, wie dieser erblaßte, als die Volksmenge nach dem Erscheinen des Zarenmanifests vor sein Amtsgebäude gezogen kam und unter Jubelrufen die Freigabe der politischen Gefangenen verlangte. Kreidebleich und kniezitternd trat Neigard auf den Balkon heraus und versprach alles, was man wollte; als er dann ins Zimmer znrückkehrte, sagte er: „Die Leute werden an mich denken!" und zwei Stunden später begann die Polizei, unterstützt von dem Militär, die Massacres .. . Hier einige Details ans dieser Zeit der schauderhaften Verbrechen: Der Offizier Kakowlaw, der an der Spitze seiner Patrouille durch die Straßen zog, sah, wie Kosaken ein Geschäft plünderten. Er befahl seiner Mannschaft, in die Kosaken zu schießen — dafür ließ ihn der Kommandant verhaften. Eine arme Oebstlerin flüchtete sich mit ihren drei kleinen Kindern in den Keller; ein Huligan drang ein und nahm ihr.acht Rubel ab; darauf bekam sie eine Nunnner. Zehn Minuten später kam ein zweiter Huligan und forderte ebenfalls Geld; als sie alles weggegeben zu haben erklärte, forderte er eine Bestätigung dafür, und als er die Nummer in ihrer Hand sah, ließ er sie am Leben. Oder es wurde einem Schneider, der sein Geschäft vis-ä-vis der Kosakenkaserne hat, der Laden geplündert und die Pelze, die er dort hängen hatte, zogen die Soldaten an und gingen ganz ruhig ihrer Wege unter dem Schutze der Offiziere. Gegen Bestechung wurden Geschäfte von der Polizei geschont, respektive mit besonderen Zeichen an den Türen und Fensterauslagen versehen, und wenn die Offiziere diese Zeichen erblickten, gaben sie den Berehl, weiter zu ziehen und andere Läden zu plündern. Gibt es bessere Beweise der vorhergegangenen Verabredung und planmäßigen Vorbereitung d Unter anderem wurde ein junger Student namens Eiienberg von einem Soldaten unter folgenden Umständen ermordet: Der Student warf sich in dem Hause, wo er wohnte, den eindringenden Soldaten entgegen und suchte sie von der Wohnung eines armen Schneiders abzuhalten. Darauf zerrten ihn die Soldaten auf die Straße und zerfleischten ihn dort buchstäblich mit ihren Bajonetten, und als seine Eltern, die mit vor das Haustor hinausgestürzt waren, bei diesem schrecklichen Anblick zu jammern begannen, schrie der Offizier des Detachements, zu dem die Soldaten gehörten: „Sie zerreißen einem die Ohren mit dem Geschrei!" und gab den Befehl, mit aller Wucht zu trommeln, um das Jammern der alten Leute zu übertäuben. Und solcher Dinge gab es in die tausende. Was will man mehr d Ein Polizeikommiffär telephonierte in die Lanzenbacher'sche Brauerei, die Arbeiter derselben möchten sofort in die Stadt kommen, da die Andersgläubigen die Orthodoxen hinschlachten. Auf dem Wege erwartete er die Arbeiter, verteilte unter sie Revolver und sagte: „Brüder! rasch, macht ein Ende mit den Hunden, ihr könnt jeder in ein paar Stunden hunderte Rubel verdienen!" Ein Gebot der Gerechtigkeit ist es aber auch, zu konstatieren daß es inmitten all der namenlosen Bestialität doch auch Züge von, Mannhaftigkeit und Edelmut gab, die in einer solchen Zeit um so stärker berühren, je grauenvoller der Hintergrund ist, von dem sie sich abheben. Ein Offizier, der mit seinem Truppenteil durch die Straßen marschierte — leider habe ick seinen Namen nicht erfahren können — erblickte hinter einem Haustore mehrere arme, junge Leute, die sich dorthin vor den Verfolgern geflüchtet hatten. Er gab ihnen sein Ehrenwort, daß er sie unter seinem Schutze an ihren Bestinimungsort begleiten wolle. Unterwegs begegnete er einem zweiten, ebenfalls einen Trupp führenden Offizier, der die Auslieferung der jungen Leute verlangte, widrigenfalls er schießen zu lassen drohte. Ohne zu überlegen, zog darauf der

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