Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 46 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 46 Dr. Bloch's WochenfchrM Seite 729 daß es im eigensten Interesse Rußlands gelegen wäre, wenn solchen Schändlichkeiten ein rasches Ende bereitet würde. Selbstverständlich erfolgten diese Tleußerungen der Botschafter in der freundschaftlichsten Weise und gelegentlich der Besprechung der schwierigen Lage, in welcher sich das Land befinde. Graf Lambsdorff habe versichert, daß die neue Regierung mit aller Energie bestrebt sei, wieder geordnete Zustände herbeizuführen, und an die Behörden die strengsten Weisungen erteilt habe, um dieses Ziel ehemöglichst zu erreichen. Klansenburg. Angesichts der in Rußland gegen die Juden verübten furchtbaren Greuel, denen gegenüber Einem das Herz stille zu stehen droht und die Sinne fest vergehen, ist es selbstverständliche Pflicht Aller, und selbst der Kinder, an dem allenthalben eingeleiteten Hilfswerk für die Hinterbliebenen der armen Opfer teilzunehmen. Ich möchte daher anregen, von allen jüdischen Schülern auf allen Stufen w ö ch e n t l i ch mindestens 2 Heller durch die Lehrer, beziehungsweise Religionslehrer einheben zu lassen, uns diese so lange fortzusetzen, als es nottut. Die so von Kindern zufammengebrachten Gelder sollen in erster Reihe für unmündigen Kinder von Hingefchlachteten verwendet werden. Nach meinen im Jahre 1892 bei ähnlichem traurigen Anlaß gemachten Erfahrungen, über die ich seinerzeit in der Berliner „Allgemeinen Zeitung des Judentums" kurz berichtet habe, lassen sich auf diesem fast mühelosen Wege ohne besondere Opfer sehr schöne Resultate erzielen. Rabbiner Dr. M. Eisler. Berlin, 13. November. Für die notleidenden russischen Juden hat die A l l i a n c e I s r a e t i t e Universelle am 7. d. M. 100.000 Frcs. an das Komitee in Petersburg, am 8. d. M. 60.000 Frcs. an das Komitee in Odessa telegraphisch überwiesen. Ihre Sammlung für die Opfer der schmählichen Verfolgungen erbrachte in Paris allein 500.000 Frcs. Das Bankhaus Meyer Cohn, Berlin W., nimmt Beiträge für die Sammlung der Alliance entgegen. — Am 8. d. M. fand eine außerordentliche Sitzung des Zentralkomitees der Alliance statt, in welcher der Geheime Kommerzienrat Ludwig Max Goldberger in Berlin zum Mitglied des Zentralkomitees kooptiert wurde. Bilder a«s der jüdische» UoUrstragödie. Das zerschnittene Zarenbild in Kiew. Durch die gesamte antisemitische Presse Europas wanderte eine telegraphische Meldung aus Petersburg, wonach in Kiew im Saale der städtischen Duma am 18. Oktober ein jüdischer Rechtsanwalt Rainer eine Brandrede hielt und das Bild des Zaren aus dem Rahmen ausfchnitt. Nun wird jetzt, wie wir im „Hasman" lesen, durch Zeugen festgestellt, daß derjenige, Welcher das Zarenbild zerschnitten hat, ein gewisser W o s k o Gregoriew, einer der Hauptanführer bei den Judenmassakres in Kiew, war. Ein Brief ans Odessa, Berlin. Ein erschütternder Geschäftsbrief aus Odessa wird hier veröffentlicht. Ueber die Greuel der vergangenen Woche heißt es darin: „Von Schutzmännern, die in Frauenkleidung steckten, und auch von solchen, die nicht verkleidet waren, angeführt und von Soldaten beschützt, stürzten sich die wilden Bestien, die man mit Revolvern bewaffnet hatte, auf unschuldige und unbewaffnete Menschen und mordeten mit einer Wut, die auch das blutdürstigste Tier nicht kennt. Mit Beilen und Aexten wurde gearbeitet, um den Tag der Freiheit zu feiern. Den vorangetragenen Heiligenbildern und dem Bilde des Kaisers folgte eine Diebsbande, die von einem Friedensrichter aus dem Gefängnis befreit worden war und in der man durch Branntwein jedes menschliche Gefühl zu ertöten suchte. Die Taktik Kruschewans hatte große Erfolge zu verzeichnen. Säuglinge und ältere Kinder wurden vom zweiten und dritten Stock auf das Pflaster geschleudert. Einem Juden und seiner neunjährigen Tochter wurden beide Vorderarme bei lebendigem Leibe durchgesägt. Studenten, die die Unglücklichen in Schutz zu nehmen versuchten, wurden auf das grausamste niedergemetzelt. Frauen und Mädchen wurden massenhaft entehrt und faktisch hingeschlachtet. Das Resultat der fünf Bartholomäus-Tage und -Nächte bildet die Zahl von 10.000 Verwundeten und ungefähr 2000 Toten. Die Einzelheiten zu schildern, ist ganz unmöglich. Ich möchte nur noch hinzufügen, daß jüdische Passagiere auf Dampfern, die von Cherson nach Alexandrowo fuhren, über Bord geworfen wurden und in den Wellen jämmerlich zugrunde gingen. Das Elend ist grenzenlos. Tausende und Abertausende von Menschen sind tatsächlich bis aufs Hemd beraubt und dem Hunger und der Kälte preisgegeben. Ich selbst fühle nicht das Glück, mein Haus durch besondere Protektion gerettet zu sehen, mich drückt vielmehr der Schmerz über das allgemeine Unglück. Fünf ilttdzwanzigtauseud Familien sind ohne Unterkunft, ohne Kleider und ohne jede Mittel. Die große Armee der Hungernden ist nur provisorisch untergebracht in den zahlreichen Verpflegsuationen. wo man die Unglücklichen mit Nahrung und Kleidung notdürftig versieht. Doch reichen die vorhandenen Mittel nicht im entferntesten hin, um die dringendste Not zu bauuen. Deshalb ist eine rasche und ausgiebige Hilfe von außen erforderlich. Ich erlaube mir daher, mich an Sie im eigenen wie im Namen des hiesigen Wohltätigkeitskomitees zu wenden, ebenso im Namen all der tausende, die gestern noch wohlhabende Leute waren und die heute infolge der Massakre gezwungen sind, die Hand nach einem Stückchen Brot auszustecken. Ich bitte Sie flehentlichst, im Kreise ihrer Freunde und Bekannten eine Sammlung einzuleiten. Gott möge Sie dafür vor ähnlichem Unglück bewahren, wie es uns betroffen hat. Die Namen der Spender werden in hiesigen Zeitungen veröffentlicht werden. Durch vier Tage und Nächte hat die Polizei allen Leuten, die zu ihrer Selbstverteidigung Waffen besessen haben, letztere weggenommen und in Gemeinschaft mit Kosaken und mit dem Pöbel drei Viertel der Stadt und das das ganze Eigentum der Juden zerstört. Man hat alt und jung gemordet und hiebei Kinder, sowie Erwachsene, von den Balkons hinabgestürst. Man zahlt in Odessa mehr als dreitausend Verwundete und ungefähr tausend Tote. Die Zahl der Oadachlosen ist ungeheuer groß. Ganze Straßen und Plätze sind zerstört. Viele Straßen sind mit Blut bedeckt. Ueberall liegen Waren herum. Die Chuligans und verkleidete Polizisten haben unter militärischer Bedeckung Gegenstände aus Gold, Silber und andere Wertsachen darongetragen. Bloß die Uspenskajastraße ist wie durch ein Wunder verschont geblieben. Die Häuser, aus welchen teils Provokateure geschossen haben, sind durch Maschinengewehre zerstört worden". Ueberfall auf einen Zug mit jüdischen Flüchtlingen. C z e r n o w i tz. Vom Bahnhof Nikolajew ging ein Separatzug ab, um die jüdische Einwohnerschaft in Sicherheit zu bringen. Der Zug wurde in der nächsten Station überfallen. Sämtliche Juden wurden niedergemetzelt. Es spielten sich unbeschreibliche Jammerszenen ab. Lemberg, 10. November. In einem an feine Lemberger Familie gerichteten Briefe aus Odessa entwirft ein österreichischer Untertan eine furchtbare Schilderung der Odeffaer Schreckenstage. Militär und Polizei schritten an der Spitze des Raubgesindels und eiferten dasselbe zu Judenmetzeleien an, indem sie schrien: „Die Juden haben unfern Zaren ermordet und unsere Kirche beraubt!" Polizeiorgange ließen Juden abschlachten, während sie selbst Geld und Juwelen plünderten. Einzelnen Juden gelang es, sich mit mehreren taufend Rubeln loszukaufen. Ja sogar an der Beraubung der Leichen von Juden beteiligten sich Polizeiorgane. Greife und kranke Juden wurden in ihren Schlupfwinkeln aufgesucht und daselbst niedergemacht; Frauen und Kinder wurden unmenschlich massakriert. Sämtliche jüdischen Bäckereien wurden in Brand gesteckt. Die Polizei gestattete nicht, verwundeten Juden Hilfe zu leisten. Man rief immerfort: Kein Jude dürfe mehr am Leben bleiben. Die behördlichen Organe, die wegen ihrer Untätigkeit zur Rede gestellt wurden, beriefen sich ausdrücklich auf Weisungen aus Petersburg. Deutsche Kolonisten welche aus dem Chersoner Gouvernement nach Amerika auswandern, erzählten gestern auf der Fahrt durch Galizien, daß euch im Gouvernement Cherson die Judenmassakres große Dimensionen angenommen haben. Odessa, 13. November. Der Stadthauptmann General Neidhardt schrieb in feiner Zeitung „Wjedomosti Gradonotscholstwe" die Schuld an den jüngsten Vorgängen dem Stadthaupt und dem Vertreter des Stadtrates, dem populären Prof. Schiepkin, zu. Letzterer erklärt darauf in den hiesigen Blättern, daß er Neidhardt zur gerichtlichen Verantwortung ziehen werde.