Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 46 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 728 Nr. 46 Dr. Dlocb's Mocbenscbrttt Das Hilfskomitee für die russischen Jude«. London, 15. November. Gestern fand unter dem Vorsitze Lord Rothschilds eine Konferenz statt, in welcher über die Art der Verteilung der für die notleidenden russischen Juden gesammelten Gelder beraten wurde. An der Konferenz nahmen Delegierte aus Paris, Berlin und Petersburg teil. Die Konferenz beschloß, mit den Ueberweisungen an Baron Günsberg, der für die Verteilung des Geldes sorgen soll, fortzufahren, ferner die Entsendung einer aus drei Mitgliedern bestehenden Kommission, welche die von den Unruhen betroffenen Städte besuchen soll. Ferner wurde beschlossen, ein Zentral-Jnformations-Bureau in Berlin zu errichten, welches detaillierte Meldungen über die Bedürfnisse jeder Ortschaft sammeln soll, um eine den Verhältnissen entsprechende Verteilung zu sichern. England und die rufsifchen Greuel. London, 14. November. In einer gestern in der Memorial Hall abgehaltenen Versammlung von Juden, in der gegen die Ausschreitungen gegen die Juden in Rußland Protest erhoben wurde, wurde folgendes Telegramm des Premierministers Balfour verlesen: „Die Regierung Sr. Majestät hat mit Bedauern und Schrecken von den Judenmassakres gehört und bereits alle Maßregel ergriffen, welche geeignet erscheinen, das Ungemach zu lindern." Aehnliche Telegramme waren von Lord Rosebery, Chamberlain, Asquith, Lord Rothschild, den Erzbischöfen von Canterbury und Westminster und anderen angesehenen Persönlichkeiten eingegangen. Chamberlai» für jüdische Kolonisation. London, 14. November. Anläßlich der russischen Judenmafsakres wurde heute in London eine große Judenversammlung abgehalten, in der der Brief Josef Chamberlains an Herrn Langermann, Mitglied der internationalen jüdischen Territorial Association verlesen wurde. In dem Schreiben erklärt sich Chamberlain bereit, die praktischen Pläne der Befreiung der Juden aus ihren gegenwärtigen Lewen zu unterstützen. Dr. Herzl hätte auf ihn großen Eindruck gemacht und Herzl's Plan, eine große Judenkolonie unter britischem Protektorat zu gründen, seine Billigung gefunden. Er bedauerte, daß die Kommission das offerierte Land als ungünstig bezeichnete und in Basel die Zionisten die Idee ganz aufgaben. Umsomehr sei er erfreut, daß jetzt Langermann und dessen Freunde die Ideen Herzl's wieder aufnehmen, obgleich die Schwierigkeiten gewachsen seien. Die letzten Ereignisse aber machen das Auffinden eines Ausweges aus dem gegenwärtigen Zustand mehr als dringend; daher sei er gern bereit, allen seinen Einfluß geltend zu machen, um das Ansuchen der jüdischen Organisation an die britische Regierung, den Plan Herzl's eventuell mit Abänderungen in Erwägung zu ziehen, zu unterstützen. London, 13. November. Der „Standard" meldet aus Odessa: Der britische Konsul übergab gestern 10.000 Pfund Sterling, die Spende des Lord Rothschild für den Fonds zur Unterstützung jüdischer Waisen. Paris. Es hat sich hier ein Komitee zum Protest gegen die Niedermetzelung der intellektuellen Liberalen und Juden in Rußland gebildet. Dieses Komitee, an dessen Spitze Anatole France steht, wird einen Appell an alle demokratischen Vereinigungen Frankreichs richten und Montag eine Versammlung veranstalten. Protestkundgebungen in Paris. Paris, 14. November. (Meldung der „Agence Havas".) Die Liga der Menschenrechte und die Gesellschaft der Freunde des russischen Volkes hielten gestern ein Protestmeeting gegen die Massakres in Rußland ab. Es gelangte eine Tagesordnung zur Annahme, in welcher das Verhalten der russischen Regierung, die nichts unternommen habe, um den Massakres der Intelligenz und der Juden Einhalt zu tun, gebrandmarkt und das russische Volk ermutigt wird, auf dem von ihm zur Erlangung freiheitlicher Einrichtungen eingeschlagenen Wege auszuharren. New -N rk Die Gründung eines internationalen israelitischen Schutzbundes mit dem Sitze in New-Iork wird vielfach vorgeschlagen. Der Bund soll zugleich der Massenansiedlung jüdischen Proletariats in den amerikanischen Großstädten und der Zentralisation der Einwanderung entgegenarbeiten. Hilfskomitees. Berlin, 13. November. In fast allen größeren deutschen Städten haben sich Hilfskomitees zugunsten der russischen Juden gebildet. Das „Berliner Tagblatt" erhielt nachstehende Zuschrift: „Es ist an uns eine Reihe von Schreiben gelangt, in denen Christen in hochherziger Weise darauf Hinweisen, daß bei einem Unglück, wie es die Juden in Rußland betroffen hat. es nicht gerechtfertigt sein würde, sich um Hilfe nur an die eigenen Glaubensgenossen zu wenden. Wir werden natürlich mit innigem Dank die Gaben jedes edlen Menschenfreundes, der zur Linderung der Not in Rußland beitragen will, ihrer Bestimmung entgegenführen. Hilfsverein der deutschen Juden gez James Simon." New-Pork Die New-Aorker Israeliten setzten einen aus bekannten Bürgern bestehenden Ausschuß ein, um mindestens eine Million Dollars für die Opfer der russischen Judenmassakres aufzubringen. Erklärungen Wittes. Petersburg, 10. November. Einer Deputation der Stadt Minsk, die über ihren Gouverneur als Hauptschuldigen der Greuel vom 31. Oktober klagte und seine Entlassung sowie die Auflösung der Polizei und die Entfernung der Kosaken verlangte, antwortete Witte: „Ich benehme mich gegenüber Russen, Polen und Juden mit gleicher Gerechtigkeit, alle Schuldigen werden bestraft werden. Ich weiß, daß Ihr Gouverneur Kurlow ein unmöglicher Mensch ist, finde aber, daß eine Regierung notwendig ist, da keine ausländischen Emissäre, wie Wjera Saffulitsch, das Land regieren können." Frankfurt a. M., 10. November. Die Redaktion des hier erscheinenden -„Israelit" hat vom Grafen Witte folgende Depesche erhalten: „Zur Vorbeugung weiterer Unruhen werden alle vorhandenen Mittel angewandt. Eine Untersuchung ist eingeleitet." Eine Aeußerung Lord Lansdownes über die Judenhetzeu. London, 10. November. Lord Lansdowne sandte heute an Herrn David Wolffsohn, den Vorsitzenden des Exekutivkomitees der Zionistischen Vereinigung in Köln, folgendes Telegramm: „Ich habe Ihr gestriges Telegramm empfangen. Sr. Majestät Regierung bedauert tief die Leiden Ihrer Glaubensgenossen in Rußland und hat Grund, zu glauben, daß die russische Regierung jede Anstrengung macht, um die bedauerlichen Unruhen zu einem Ende zu bringen." Maßregelung des General Kaulbars und des Stadthanptmannes Neidhardt« Berlin, 14. November. Aus Petersburg wird gemeldet, daß nunmehr beschlossen sei, den Generalgouverneur von Odessa, General Kaulbars, abzusetzcn und den Stadthauptmann Baron Neidthardt vor Gericht zu ziehen. Als neues Stadthaupt ist General Grigoriew ausersehen, der in der Bevölkerung einen guten Ruf hat. Angebliche Einmischung Amerikas und Englands in die russischen Verhältnisse. Antisemitische Blätter melden: Petersburg, 14. November. In den letzten Tagen hatten der amerikanische und englische Botschafter lange Besprechungen mit dem Minister des Aeußern Grafen Lambsdorff, in welchen sie, wie von diplomatischer Seite verlautet, auf den „schlechten Eindruck" hinwiesen, welchen die „ungeheuerlichen" Vorgänge in Rußland in Amerika und England, wie überhaupt in der gesamten zivilisierten Welt gemacht hätten und betonten,