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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-11-17 · 46 (17.11.1905) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
46 (17.11.1905)
Date
1905-11-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 726 Dr. Mocv s Mocvenscbrttr. Nr. 46 aus dem Königreiche Galizien stammende Familien wohnen, in weiterer Erwägung, daß ihrem Leben und ihrem Eigentum eine so entsetzliche Gefahr droht, in Erwägung, daß die hohe Regierung als Regierung eines Rechtsstaates auch im internationalen Verkehr von ihrem Einflüsse stets Gebrauch gemacht hat und es Pflicht der Gerechtigkeit und der Zivilisation ist, Schritte einzuleiten, stellen die Gefertigten die Anfrage: Was beabsichtigt die hohe Regierung vorzukehren, um dem Leben und dem Besitze der in Rußland ansässigen österreichischen Staatsbürger einen wirksamen Schutz angedeihen zu lassen und auf die kaiserlich russische Regierung in der Richtung Einfluß zu nehmen, daß den in dem russischen Reiche an den Juden verübten Gewalttaten Einhalt getan werde? Lemberg, 13. November. Heute fanden hier Demonstrationen vieler jüdischer Vereine gegen die russischen Greuel statt. Man veranstaltete Umzüge, bei denen Tafeln mit hebräischen Aufschriften gegen die Judenhetzen herumgetragen wurden. Später wurden in den Synagogen und Tempeln Andachten für die Opfer der Judenmassakres abgehaltett. Der Verlauf der Demonstrationen war überall ein ruhiger. Eine Resolution der Lemberger Kultusgemeinde. Lemberg, 10. November. Die Repräsentanz der Lemberger israelitischen Kultusgemeinde hat in ihrer heutigen ad hoc einberufenen Plenarsitzung nachstehende, vom Präsidenten dieser Körperschaft, Reichsratsabgeordneten Dr. Emil Byk beantragte Resolution einstimmig zum Beschlüsse erhoben: „Die Schreckensnachrichten über Judenmassakres im größten Teile Rußlands, welche den Abscheu und das Entsetzen der ganzen gebildeten Welt Hervorrufen, wecken in den unmittelbaren Nachbarländern und ganz besonders in den weiten Schichten der jüdischen Bevölkerung dieser Länder weitreichende Teilnahme und hochgradige Erregung. Nicht bloß die Tagesblätter, sondern noch mehr die mündlichen und brieflichen Berichte von Augenzeugen bringen Details über die unwürdigen Greueltaten, sowie über die Zahl der Opfer, welche das Blut gerinnen lassen. Wohlorganisierte und bewaffnete Banden von zweifelhaften Existenzen aus der Hefe überfallen nicht bloß fremdes Hab und Gut, sondern vergießen Menschenblut mit kannibalischer Grausamkeit. Tausende und Tausende von Leichen der Gemordeten werden in den russischen Städten verscharrt. Die geraubten Waren werden von den Räubern öffentlich verkauft oder mit der Bahn nach entfernten Orten zum Verkaufe versendet. Die Stätten friedlicher Arbeit und schweren Erwerbes liegen in Schutt und Asche. Im Momente, wo in Petersburg die Wiedergeburt Rußlands durch Freiheit und Gleichheit verkündet wird, sitzen in den Zentralstellen neben den Männern von moderner Anschauung noch Anhänger der alten Schreckensherrschaft, und die ausführende Gewalt in den Gouvernements ruht ausschließlich in den Händen derer, in welchen die organisierte Bande der Uebeltäter ihre Beschützer zu sehen gewohnt ist. So tritt denn in der Flucht dieser - verdammenswerten Erscheinungen die erschreckendste und kaum zu fassende Tatsache zu Tage, daß die Wächter der Gesetze und der öffentlichen Ordnung ihre eigene Pflicht mit Füßen treten und den Frevlern, zum Hohne auf jede staatliche und menschliche Organisation zur Seite stehen oder sie sogar direkt anstiften. Gegen die schamlosen, planmäßigen und organisierten Massenverbrechen in den russischen Städten, denen Zehntausende von Juden zum Opfer fallen, muß zunächst die Judenschaft aller Länder selbst Angst- und Protest-Rufe erheben, den weithallenden Protestruf an das öffentliche Gewissen der ganzen gebildeten Welt, den Ruf der Klage an die Kultur und Gesittung des Menschengeschlechtes! Namens der galizischen Judcnschaft erhebt die autonome Vertretung der Lemberger israelitischen Kultusgemeinde diesen Ruf! Diese Missetaten bedeuten angesichts ihrer Schwere und ihres Umfanges einen Faustschlag gegen alle Gemeinwesen und können wohl ebensowenig als innere 9t n>- gelegenheit des russischen Staates angesehen werden, als die Greueltaten gegen die Christen auf dem Balkan wohl mit Recht als die Sache des ganzen zivilisierten Europa und nicht als innere Angelegenheit des türkischen Staates bezeichnet wurden. Die galizische Judenschaft wendet sich, geleitet von dieser Auffassung und im Hinblick darauf, daß auch vielfach österreichische Staatsbürger in ihrer körperlichen Integrität und an ihrem Vermögen geschädigt wurden, vertrauensvoll an die k. k. österreichische Regierung und speziell an den Herrn Ministerpräsidenten und den Herrn Statthalter in Galizien mit der dringenden Bitte, im geeigneten Wege Protest zu erheben, Abhilfe zu schaffen und für die Zukunft vorzusorgen." Die betreffende Denkschrift wurde dem Ministerpräsidenten Baron Gautsch auf telegraphischem Wege übermittelt. Lemberg, 14. November. Eine auf der Durchreise nach Berlin hier eingetroffene Advokatensgattin aus Jekaterinoslaw erzählte furchtbare Details von den Judenmassakres in der Stadt. Als die Dame Jekaterinoslaw verließ, bot die Stadt den Anblick grauenhafter Verwüstung. In den Straßen lagen schrecklich verstümmelte Tote und Verwundete und Trümmer von zerstörten Häusern und Geschäften. Es waren Tage des ungeheuersten Schreckens, die die Juden mitgemacht hatten. Die Metzeleien brachen unmittelbar nach der Verkündigung des Verfassungsediktes aus. Die „schwarzen Banden", angefeuert, unterstützt und geschützt vom Militär und der Polizei, wüteten ärger als die blutgierigsten wilden Bestien. Tage hindurch wurde gemordet und geraubt. Betrunkene Offiziere, die mit Dirnen durch die Straßen gingen, zeigten dem Mob, welche Geschäfte den Juden gehören. Eine Gesellschaft von Offizieren brach im Juwelenmagazin der Firma Sparberg ein und raubte es total aus. Die Kostbarkeiten teilten die Räuber unter sich. Die geschehenen Greueltaten sind unbeschreiblich. Die Mordgesellen packten kleine Kinder an den Füßen und rissen sie auseinander. Schwangeren Judenfrauen wurde der Bauch aufgeschlitzt und mit Mist gefüllt. In den letzten Tagen wurdest 185 ermordete Juden beerdigt. Mehr als fünfhundert Opfer liegen in den Spitälern mit abgehackten Ohren, Nasen und mit herausgeriffenen Zungen. Fünfzehnhundert Kinder sind zu Waisen geworden. Viele barmherzige Christen nahmen sich der verfolgten Juden an, mußten sie jedoch, um das eigene Leben zu retten, den Horden ausliefern. Am vorvergangenen Sonntag wurde an zwölf Stellen der Stadt Feuer gelegt. Das jüdische Viertel ist total abgebrannt. Der Schade zählt nach Millionen Rubeln. Erst am Montag der Vorwoche machte ein Befehl Wittes den Massakres ein Ende. Der Polizeimeister Neidhardt fuhr durch die Stadt und gab Ordre, das blutige Werk einzustellen. Er ließ an die Huligans je drei Rubel verteilen, worauf der größte Teil der Strolche nach dem Fabriksort Kamienskoje abreiste, um dort im Aufträge der Regierung ein Judenblutbad anzurichten. Das Begräbnis der jüdischen Opfer in Jekaterinoslaw gestaltete sich zu einer großen Manifestation. Die Leichen lagen in roten Särgen, denen der katholische Geistliche zusammen mit dem Rabbiner voranschritt, während ein langer Zug von Menschen, die an Stangen blutgetränkte Bandagen anstatt der Fahnen trugen, folgte. Kundgebung des Gemeinderates in Stanislau. Lemberg, 10. November. Der Gemeinderat der Stadt Stanislau hat in seiner gestrigen Sitzung eine Resolution angenommen, in der dem Mitgefühl für die in Rußland verfolgten Jaden und der Freude über den Anbruch einer freiheitlichen Aera in Warschau Ausdruck gegeben wird. Kundgebung des Krakauer Gemeinderales. Krakan, 13. November. Vor der heutigen Gemeinderatssitzung wurde hier das Petersburger Kommunique, betreffend Russisch-Polen, bekannt. Nach Eröffnung der Sitzung erhob sich der ganze Gemcinderat und Stadtpräsident Dr. Leo hielt eine Ansprache, in welcher er ausführte: Während jüngst in Russisch- Polen Freiheitshoffnungen emporblühten, drohen plötzlich Gefahren und schwere Prüfungen. Männliche Ruhe und ein ein-

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