Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 46 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 46 Dr. Llocb s Mocbenscbrttt. Seite 735 Trauerandacht in den Wiener Synagogen. In allen jüdischen Gotteshäusern Wiens wurde sodann m gleicher Stunde — um 4 Uhr nachmittags — eine Trauerfeier für die unglücklichen Opfer der Judenmassakres in Rußland abgehalten. Diese Trauerandacht gestaltete sich sehr weihevoll und tiefergreifend. Alle Gotteshäuser waren von Andächtigen gefüllt und in allen Tempeln behandelten die Seelsorger in ihren Trauerreden die entsetzlichen Ereignisse der jüngsten Zeit. Im Tempel in der Seitenstettengasse waren die hervorragendsten Vertreter der Wiener Judenschaft versammelt. Man sah dle beiden Vizepräsidenten Dr. Gustav Kohn und kais. Rat Hirsch mit den Mitgliedern des Vorstandes Salo Cohn, Professor Dr. S. Ehrmann, Architekt Oskar Marmorek, kais. Rat Leopold Sachs, Dr. Maximilian Steiner, Theodor Ritter v. Taussig, Hofrat Siegmund Taussig und kaiserlicher Rat Jonas Weil; in Vertretung der „Israelitischen Allianz" die Herren David Ritter v. Gutmann, Dr. Felix Katzau und Dr. Arthur Kuranda: ferner Bergrat Max v. Gutmann, Dr. Hermann Fialla, die Bethausvorsteher Anton Beck, Leopold Langer, Adolf Stiaßny, Albert Winterberg und kais. Rat Wilhelm, Hofrat Kamillo Kuranda, Handelskammerrat S. Steinhübl, Landesgerichtsrat Dr. Spitzkops, Professor Dr. Königstein, die kaiserlichen Räte Dr. Theodor Lieben und Wilhelm Anninger, die Vorstandsmitglieder der israelitischen Armenanstalt Josef Jelinek und Julius Wolf, Börserat Josef Beck, Gemeinderat Dr. Oskar Hein, Religionsschulinspektor Professor Dr. M. Kanitz, Industrieller S. Heit, Dr. Edmund Kohn, Dr. Albert Kuh, Dr. I. S. Bloch, die Direktoren Fischer und Heller, Dr. Emil Adler. Der Jnnenraum des Tempels tnrg Trauerschmuck, die Kanzel war schwarz drapiert, die Schäfte der Kandelaber schwarz umkleidet. Die Trauerrede hielt Oberrabbiner Dr. Güdemann, welcher betonte, daß dieser Andacht jeder gehässige Gedanke, jedes feindselige Gefühl fern sei, denn nicht anzuklagen, sondern zu beklagen sei die Gemeinde versammelt. Sie beklagen die von ruchloser Mörderhand Erschlagenen, die Väter und Mütter, die ihren Kindern, die Kinder, die ihren Eltern entrissen seien. Um 800 Jahre müsse man in der Geschichte zurückblättern, um in dem Judenschlachten am Rhein im Jahre 1096 ähnlichen Greueltaten zu begegnen. 800 Jahre hätten nicht genügt, um die Wiederholung eines solchen Schauspieles menschlicher Verwilderung zu verhüten. Selbst der grausamste Tod habe etwas Versöhnendes, wenn er auf dem Felde der Ehre, für Recht und Freiheit erfolgt ist; er dränge die Menschheit vorwärts auf dem Pfade der Aufklärung, oft über Leichen und Gräber. Hier aber haben die fürchterlichen Greuel den Schleier gehoben von einem System planmäßiger sittlicher Rückbildung, das man lange und schamlos genug für eine Notwendigkeit des Staatswohles, für eine Forderung der Rechtgläubigkeit ausgab. Wenn ein Erschlagener auf seinem Felde gefunden wurde, mußten nach jüdischem Gesetze die Aeltesten der nächsten Stadt beteuern, daß ihre Hände das Blut nicht vergossen haben - nicht, um sich von der Anklage unmittelbarer Blutschuld, sondern schon vor dem Gedanken zu rechtfertigen, sie hätten dem armen Verfolgten Nahrung und Schutz verweigert und ihn wehrlos der Mörderhand überliefert. Wem angesichts dieser Tausende Erschlagener die Schuld zuzuschreiben ist, bleibe dahingestellt, aber in Rußland gebe es welche, die sich davon getroffen fühlen sollten. Aus den Gräbern all dieser Tausende recken sich Hände auf, Almosen heischend für die Kinder, die Frauen, die Greise, die Tausende, die ihr Leben neu begründen müssen. — Nach der Rede wurde das Gebet für das Seelenheil der Gemordeten verrichtet. Im Leopoldstädter Tempel hielt Rabbiner Dr. Schmied!, im Tempel in F ü n f h a u s Rabbiner Dr. Max G r u n w a l d, im Tempel in Währing Herr Rabbiner Dr. Feuchtwangdie Gedenkrede. Eine Audienz beim Grafen Golnchowski. Das Präsidium der Oesterreichisch-Jsraelitischen Union, vertreten durch die Herren Siegmund Mayer und kaiserlichen Rat Wilhelm Anninger, ist bei dem Minister des Aeußern Grafen Golnchowski in Audienz erschienen und hat demselben im Hinblick auf die russischen Ereignisse, wie auch mit Rücksicht darauf, das selbst bei der größten Vorsorge unserer Regierung ein Uebergreifen der Bewegung nach Galizien nicht ausgeschlossen ist, die Erwägung unterbreitet, ob es nicht möglich wäre, durch die Initiative unserer Regierung die zivilisierten Mächte zu einer gemeinsamen Vorstellung bei der kaiserlich russischen Regierung zu veranlassen, damit dieselbe mit mehr Ernst, als sie bisher gezeigt hat, der von ihr selbst zugegebenen passiven Assistenz der Lokalbehörden in Rußland bei diesen blutigen Exzessen entgegentrete. Graf Golnchowski empfing die Herren in liebenswürdigster Weise, wies aber in seiner eingehenden Erwiderung auf die Schwierigkeiten einer Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines fremden Staates hin und auf die voraussichtliche Erfolglosigkeit eines solchen Schrittes, weshalb die österreichische Regierung es ablehnen müßte, an die anderen Mächte ein solches Ansinnen zu stellen. Er glaube sogar, daß ein solcher Schritt gerade eine entgegengesetzte, für die russischen Juden gefährliche Wirkung haben würde. Für die zahlreichen in Rußland lebenden jüdischen Staatsangehörigen Oesterreichs bieten nach den telegraphischen Berichten, die er unausgesetzt erhalte, sowohl die Botschaft als die Konsulate das Aeußerste auf und sei es das unausgesetzte Bestreben der Regierung, unsere Staatsangehörigen in ausgiebigster Weise zu schützen. Ein Uebergreifen auf Galizien befürchte er nicht und würden auch die Behörden dort sofort jedem Versuch, eine ähnliche Bewegung hervorzurufen, mit der äußersten Strenge entgegentreten. In dieser Beziehung dürfe die jüdische Bevölkerung in Galizien vollkommen beruhigt sein. * -i- * Der Präsident des Oesterreichisch-russischen Hilfsvereins, Herr Stephan D e w o n i c k i, hat an den Ministerpräsidenten Grafen Witte folgende Depesche gerichtet. Im Jahre 1901 habe ich unter dem Protektorate des inzwischen verstorbenen Botschafters Grafen K a p n i st einen Verein zur Erweisung von Hilfe an bedürftige russische Untertanen in Wien gegründet, welcher seitdem segensreich wirkt. Während des russisch-japanischen Krieges organisierte ich für Oesterreich Sammlungen von Spenden in Geld und Effekten für die russischen Kriegsverwundeten, stets waren es Juden, die als Philanthropen das Meiste für die armen Russen und die unglücklichen russischen Kriegsverwundeten opferten. Da in Rußland jetzt die Juden in barbarischer und schändlicher Weise schutzlos abgeschlachtet und ausgeraubt werden, ist man hier furchtbar enttäuscht und unsäglich betrübt über diese unmenschlichen Vorgänge. Die hiesige Intelligenz blickt vertrauensvoll auf Eure Exzellenz und erwartet mit Ungeduld das Aufhören des Blutvergießens der unschuldigen Opfer des vertierten russischen Pöbels. Können Eure Exzellenz mir nicht irgend welche beruhigende Aussichten zur Beschwichtigung der verzweifelten Stimmung der hiesigen Oeffentlichkeit zukommen lassen? Auf diese Depesche langte folgendes dringende Antworttelegramm des Grafen Witte ein: „Mit Hilfe wohlwollender Leute kommt bald eine Beruhigung. Alles Mögliche ist von der Regierung getan. Graf Witt e." Eine Sammlung in der russischen Kirche. Nach dem Sonntags-Gottesdienste in der russischen Botschaftskirche richtete Herr James K o p a n an die Anwesenden die Aufforderung, zu Gunsten der russischen Juden eine Kollekte zu veranstalten. Der Botschafter Fürst Urussow spendete 1000 Kronen. Das Gesamtergebnis der Sammlung betrug 1480 Kronen. Interpellation im galizischen Landtag. Lemberg. Im Landtage wurde die angekündigte von zahlreichen Mitgliedern sämtlicher polnischer Parteien Unterzeichnete Interpellation der Abgeordneten Dr. Rapoport, Dr. Löwenstein, Dr. Fruchtmann und Dr. Kolisch er an den Regierungsvertreter verlesen, welche folgendermaßen lautet: In den Städten der südwestlichen und mittleren Provinzen des russischen Reiches spiel-n sich seit einer Reihe von Tagen grauenerregende Ereigniffe ab. Aufgehetzte Volksmassen begehen an der jüdischen Bevölkerung Maffakres, denen bisher das Leben und die Habe von tausenden Unschuldigen zum Opfer gefallen find. Die Lage ist grauenhaft, das Unheil breitet sich von Tag zu Tag immer weiter aus, und es ist Tatsache, daß sogar nach amtlichen Enunziationen die Ruhestörungen nicht nur durch das passive Verhalten der dortigen Behörden, sondern auch durch die Mitwirkung der untergeordneten Regierungsorgane genährt und gefördert werden. In Erwägung, daß in den von den Ruhestörungen betroffenen Teilen des russischen Reiches zahlreiche Familien österreichischer Staatsbürger und insbesondere zahlreiche