Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 46 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite '?24 Dr. Llocb's MocbenscbrM. Nr. 46 stiu, und sie sind es gewesen in den Jahrhunderten und Jahrtauiendeu der Verbannung, der Schmach, der Unterdrückuug. der Rechtlosigkeit und grausamen Verfolgung. Sie sia) es gewesen und sie werden es sein. Was sie in hundert G'nerattonen unter Leiden, wie sie noch kein Volk der Welt «rouldet hat, aufrecht erhielt, das war ihr Vertrauen auf ihren Gott und ihr Vertrauen auf sich selbst. Der Gang der Sitten- und Bildungsgeschichte lehrt, daß es so bald nicht besser werden wird. Die Hoffnung ist laugsichtig, aber das jüdische Volk ist im Kern doch zu gesund und lebenskräftig, als daß es sie aufgeben sollte. Noch wirkt in unverminderter Kraft in ihm die Bejahung des Willens zum Leben, und all die blutigen, sich stets erneuernden Epochen der Leiden haben es nicht zu der Waffenstreckung, zur mut- und energielosen Verneinung des Willens zu bringen vermocht. Mit solcher Lebenskraft wird auch der fuseldurchtränkte Fanatismus der Bestialität nicht fertig werden. Tatlos und vielleicht nur ein wenig bedrückt von dem eigenen Schamgefühl, steht die gebildete Welt Europas und Amerikas den unerhörten Greueln gegenüber. Eine reine Freude über sie empfindet nur der Antisemitismus und zumal da, wo er am tiefsten steht, in Oesterreich. Nirgends sonst, wo Menschen wohnen, höchstens die russischen Bezirke ausgenommen, wo die vertierten Rotten gegen wehrlose Menschen hausen, bereitet das ungeheure, weltgeschichtliche Unglück soviel Befriedigung wie bei den Antisemiten Oesterreichs. und zumal bei jenen, die sich gutka'holisch geberden. Der päpstliche Nuntius in Wien hat sich zwar sehr unzweideutig ausgesprochen. Er verdammt die Schandtaten als Mensch und als Priester. Er erklärt es für die Aufgabe aller Priester, wo immer solche fanatische Regungen entstehen, sie im Keime zu ersticken. Er fordert Mitleid und tiefstes Erbarmen für die unglücklichen Opfer und bezeichnet es gerade in Oesterreich als die hohe Pflicht der Diener der Kirche, liebevoll, mildernd und besänftigend auf die streitenden Teile einzuwirken. — Der Nuntius hat eines vergessen, daß in Oesterreich der Katholizismus eine Enclave des Antisemitismus geworden ist Das im übrigen so papsttreue Organ des österreichischen Klerus scheert sich in diesem Punkte nicht um die Meinungen des Nuntius. Täte es das, so verlöre es seine Abonnenten. Es spricht unentwegt von den Metzeleien in Rußland nur als von dem Züchtiguugswerk, das das russische Volk an dem srechgewordenen Judentum vollzieht. Selbstverständlich treibt es Ehren-Verganis Volksblatt noch ärger und fast ebenso selbstverständlich ist es, daß es dabei wieder einmal ganz gehörig reingefallen ist. Einen Tag, bevor der Nuntius sich äußerte, haben einige führende Geister wie Prof. Sueß u. A. ihre Meinung über die Schandtaten in Rußland abgegeben. Auf die stürzt sich das „Deutsche Volksblatt" natürlich sofort. „Es ist ein treffliches Beispiel dafür, welch geistige Verwüstung die ständige Lektüre jüdischer Blätter erzeuge, wie maßlos ungerecht und parteiisch sie macht." So spricht das Organ Verganis über Geister wie Sneß u. A. Und nun fügt es das Mißgeschick, daß am nächsten Tag der päpstliche Nuntius auf den Plan tritt und dasselbe sagt, nur noch schärfer und deutlicher: „Schämen bis ins tiefste Innere ihrer Seele sollten sich die Herren!" ruft Vergani. Wir meinen, der päpstliche Nuntius wird sich schämen, und er hat auch Ursache dazu. In Frankfurt a. M. hat ein Hilfskomitee einen Auftuf erlassen zu Gunsten der unglücklichen Judenfamilien in Rußland. Der Aufruf trägt Unterschriften: Oberbürgermeister Dr. A d i ck e s, Geh. Regierungsrat Bürgermeister Dr. Varrentrapp, Pfarrer F. Battenberg, Pfarrer Dr. Dechent, Ober-Konsistorialrat Pfarrer Doktor Ehlers, Anton Matti, Sekretär des katholischen Charitas-Verbandes. Die österreichischen Christen können für das tragische Geschick verfolgter Judensamilien kein Mitleid aufbringen. Vom Jahrmarkt bes Lebens. Trauerkmidgeburrg des Wiener israelitischen Kultusvorftandes. Mittwoch den 15. November fand eine öffentliche Plenarsitzung des israelitischen Kultusvorftandes unter Vorsitz des ersten Vizepräsidenten Dr. Gustav K o h n statt. Der Vorsitzende eröffnete die öffentliche Plenarversammlung mit folgender Absprache: Geehrte Kollegen! Die heutige öffentliche Sitzung, welche leider in Abwesenheit unseres erkrankten Präsidenten Herrn Dr. Alfred Stern abgehalten werden muß, ist der Trauer gewidmet. Wir wollen in dieser Trauerversammlung zum Ausdrucke bringen die tiefe Entrüstung, den furchtbaren Abscheu, das schmerzliche Entsetzen, welche uns ob der grauenhaften Morde und Plünderungen, die an unseren russischen Glaubensbrüdern begangen wurden, erfüllen und die alle diejenigen erfüllen sollten, welche sich Menschen nennen, ohne Unterschied der Konfession. Wir wollen Ausdruck geben dem Befremden, daß von anderer Seite nur vereinzelt der Aufschrei des Schmerzes, der sittlichen Entrüstung und Empörung sich vernehmen ließ, dem Befremden Ausdruck geben, daß unsere Regierung und die Mächte, welche bei Greueln von geringerem Umfange einzugreifen stets für gut befanden und befinden, in diesem Falle in stillschweigender Passivität sich verhalten haben und noch weiter verhalten. Wir wollen es versuchen, in dieser öffentlichen Trauerversammlnng das schlafende öffentliche Gewissen aufzurüttelu. Sie wissen, sehr geehrte Herren, daß wir heute nachmittags Trauergottesdienste in allen Bethäusern unserer Gemeinde angeordnet und veranstaltet haben. Wir wollen aber in dieser öffentlichen Trauerversammlung auch eine Resolution fassen, welche alle diese Gefühle, alle die Wünsche, die uns Juden infolge dieser gräßlichen Vorfälle erfüllen, zum Ausdrucke bringen. Ich bitte um die Verlesung der Resolution, von welcher ich hoffe, daß die gesamte Judenheit nicht zögern wird, sich derselben und den darin zum Ausdrucke gebrachten Empfindungen und Wünschen anzuschließen. Erster Sekretär kaiserl. Rat Dr. Th. Lieben verliest hierauf nachstehende Resolution: „Wir Vertreter der Wiener Judenschaft haben uns heute versammelt, um im Namen derselben öffentlich Ausdruck zu geben der aus tiefstem Herzen quellenden Empörung über die Duldung jener erschütternden Vorgänge in Rußland, welche gegenwärtig die ganze zivilisierte Welt mit Schrecken und Entsetzen erfüllen. Nicht mit jenen wollen wir rechten, welche in tierischer Verkommenheit ihrem Blutdurste und ihrer Raubsucht fröhnen; unsere Anklage gilt vielmehr jenen Faktoren, welche durch skruppellose Auswühlung der Volksleidenschaften, durch unerhörte Nachgiebigkeit gegenüber dem Terrorismus fanatisierter Banden an entsetzlichen Greueltaten sich mitschuldig gemacht und sich als die intellektuellen Urheber furchtbarer Schandtaten mit unausrottbarer Schmach beladen haben. In unsagbarem Schmerze um die hingemordeten Märtyrer, in angstvoller Sorge um unsere unglücklichen Brüder in Rußland rufen wir die Mächte an, sich, wie sie es wiederholt bei anderen Anlässen getan haben, im Namen der Zivilisation, des Rechtes und der Gesittung zu gemeinsamer Aktion zu vereinigen und die russische Regierung mit allem Nachdrucke an ihre Pflicht zu mahnen, dem wahnwitzigen Treiben, welches die schrecklichsten Vorgänge mittelalterlicher Barbarei in den Schatten stellt, Einhalt zu gebieten." Die Resolution wird einstimmig angenommen und zum Zeichen der Trauer die Versammlung geschloffen.