Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 46 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 46 Dr. Blockes Wochenfrtzrifr. Seite 723 Baron Günzburg sind überfallen und beraubt worden; ja manches Familienmitglied ist von den wilden und gedungenen Henkern verstümmelt worden! Von allgemein menschlichem Standpunkte ist es ja gleichbedeutend, ob Baron Günzburg oder Mechel Melamed erschlagen worden ist, aber daß in Rußland ein so angesehener Mann wie Brodski, Günzburg nicht mehr sicher sind vor so wilden Ausbrüchen, wo alle Polizeiorgane in ihren Taschen sich befinden, dann ist es schon sehr traurig bestellt. Mit anderen Worten, jeder Polizeipräsident „leiht" sich bei solchen Leuten immer Geld aus und man borgt es ihnen gern, um vor ihnen selb st geschützt zu sein. Wenn nun Träger dieser Namen auch unter den Beraubten und Erschlagenen sich befinden, ist es ein Zeichen, daß die hohe russische Obrigkeit nicht einmal das Gefühl, die „Ehrlichkeit" eines Räubers besaß, denn auch ein Räuber schont sein Opfer, so das von ihm verlangte Lösegeld erlegt worden ist. Das unschuldig vergossene Blut schreit zum Himmel und klagt uns Juden Alle an. Jawohl uns Alle. Wir sind Alle schuld an dem Unglücke unserer Brüder in Rußland! Was haben wir getan zur Befreiung, zur Linderung ihrer Not? Uns war es schon zu viel, wenn russische Flüchtlinge uns in Anspruch genommen haben, uns „belästigt" haben. Da sieht man, was Amerika vermag. Wie ein Mann erhoben sich unsere Glaubensgenossen und haben durch ihren Einfluß doch die Stimme der Gerechtigkeit erheben lassen, was nicht ohne Wirkung bleibt! Lemberg — Dr. Byk — hat recht getan, alle Städte, alle Kultusgemeinden müßten diesem Beispiele folgen! Aber schließlich jetzt müßten wir darauf bedacht sein, in allererster Reihe so schnell und so viel als möglich den noch am Leben zurückgebliebenen Opfern zu Hilfe zu kommen. Mögen wir nun noch so viel in Anspruch genommen werden — versagen wir uns so Manches, entbehren wir — aber unter st Litzen w i r die Armen und Hilflosen. Diese letzten Worte richte ich an meine Kollegen. So viel Einfluß hat noch jeder Rabbiner auf seine Mitglieder, dieselben zur tatkräftigen Unterstützung zu bewegen. Mir ist es allerdings nicht schwer geworden an einer Vormittagsstunde ca. 6000 Kronen aufzubringen. Kein Wunder wenn ein Mann wie R i ch e t t i sich der Angelegenheit so warm und teilnahmsvoll annimmt. Ueber die Wirksamkeit des Herrn Generaldirektors von Richetti, will ich bei einer anderen Gelegenheit noch berichten. Wenn ich mir nicht im Unklaren bin, daß Männer ä ln Richetti nicht eine häufige Erscheinung sind, so will ich doch meine Kollegen dringendst auffordern, ihr Gewissen zu beruhigen und ihre Pflicht zu tun. In meinem nächsten Berichte will ich des näheren erörtern, wie und durch wen das Geld verteilt werden soll. Vorläufig sammeln. Gespendet haben vorläufig die israelitische Kultusgemeinde 20.000 Kronen, ferner die Herren: Generaldirektor von Richetti K 1000.—; Fortanato von Vivante, Direktor der Unionbank 1000.—; Generaldirektor vom Lloyd, H. Frankfurter 500.—; Enrico Salem 500.—; Familie Brunner 1500.—; Handeskammerrat Leo Kalmus, hiesiger Vertreter der Oesterr. Israelitischen Union 300.—; Adolfo Mordo 300.—; Marco Bolaffio 200.—; Dr. Sanguinetti 100.—; Adolfo Luzatto 100.— - Oberrabbiner Melli 200.— und Dr. Brettholz 200.—. Mach dem großen Morde«. Die moderne Gesellschaft tut sich etwas zugute auf ihr fein differenzierendes Rechtsgefühl. Sie hat begriffen, daß die Gerechtigkeit nicht nur das Fundament der Staaten, sondern die notwendige Voraussetzung der ganzen Gesellschaftsordnung ist. Es ist der Triumph unserer Kultur, daß sie kein Unrecht duldet. Ein Justizirrtum rüttelt sie bis in ihre Tiefen auf, und die Gesellschaft kann lange nicht zur Ruhe kommen, wenn einmal ein armer Hascher als Mörder verurteilt worden ist, der vielleicht nur ein Todtschläger war. Und noch, eine andere hohe Errungenschaft unserer geläuterten Zivilisation: das tiefe Mitleiden, die Fähigkeit und die Willigkeit, fremdes Leid wie das eigene zu empfinden. Ein Sturm von Empörung braust durch die ganze gebildete Welt, wenn wieder einmal die Kunde herausdringt, daß irgend ein Kulturträger in seinem Tropenkoller einen oder den anderen Eingeborenen in fernen Weltteilen mißhandelt oder gar getötet, habe. Das sind erhebende Erscheinungen der Liebe, der allgemeinen Solidarität der Menschheit. Das ist der Segen der neuen Zeit. Im finsteren Mittelalter war es ganz anders. In Odessa und in Kiew und in hundert anderen Städten Rußlands liegen hunderte und tausende von unschuldigen Menschen ermordet ans der Straße, ihr Blut rötet das Pflaster, überschwemmt es. Und Europa, das so tief beunruhigt wird durch einen Justizirrtum, so tief erschüttert durch die Opfer einzelner unter pathologischen Umständen begangener Schandtaten, es steht ruhig bei Seite und lernt auf die angenehmste Art das Gruseln über Ereignisse, über welche, weit vom Schuß, es sich sonst weiter nicht aufregt. Die Erklärung: die Opfer der Atrocities sind Juden. Die Ausrede: man kann sich doch nicht in die „innere Politik" eines fremden Staates mischen. Und so wird die „innere Politik" fortbetrieben, das Morden währt fort vom Morgen bis zum Abend, vom Abend bis zum Morgen, vom Anfang der Woche bis zu ihrem Ende, und es ist nicht abzuseheu, wie lange es noch fortwählen soll. Niemals im Mittelalter haben sich die Schandtaten so gehäuft, niemals sind sie so arg, geschweige denn ärger gewesen. Das ist die Bilanz tausendjähriger Kultur. Die Bestie im Menschen ist weniger gezähmt, als sie es jemals war. Jede Stunde bringt Nachrichten von herzzerreißenden Einzelheiten, grauenvolle Schilderungen von unsäglichem Jammer. Wenn ein Erdbeben ganze Läuderstriche verwüstet und die Bevölkerung dezimiert, den Ueberlebenden unendliche Trauer bereitet, daun steht die Mitwelt erschüttert dabei und faßt sich schließlich in Ergebung. Man sieht sich etwas Unabwendbarem gegenüber, dem kalten ungeheurer Naturkräfte, gegen welche es keinen Schutz und keine Rettung gibt. Wenn eine mörderische Schlacht tausende und zehutausende von Opfern kostet, so beugt man sich den logischen und notwendigen Konsequenzen der gegebenen Prämissen. So lange der Militarismus noch bestebt und die besten Kräfte des Volkes aufsaugt, so lange man noch allenthalben Millionen von wehrhaften Männern darauf einschult, den „Erbfeind" zu bekriegen und den Massenmord nach allen Regeln der Kunst und Wissenschaft zu betreiben, so lange wirv mau auch die entsetzlichen Opfer der Schlachten in den Kauf nehmen müsseu. Es mußte sein. Das ist die Formel, die halbwegs Sinn in das Verfahren bringt und bei der man sich schließlich wohl oder übel zu beruhigen gezwungen ist. Wo aber ist der zureichende Grund, wo die beruhigende Formel, wo die elementare Naturgewalt, die die Erde erschüttert und die nicht mit sich Parlamentären läßt, wenn eine viehisch besoffene Horde, gefördert, beschirmt, beschützt von einer hohen Obrigkeit, über schuldlose Menschen herfällt und nicht eine Schlacht, sondern ein Schlachten beginnt, fortsetzt und zu Ende führt, Massenmorde von einer Scheußlichkeit und Bestialität, daß sie ihresgleichen nicht haben in der Weltgeschichte und in der Geschichte menschlicher Verruchtheit. Die Gemordeten sind Juden, jüdische Männer, jüdische Frauen, jüdische Greise, jüdische Kinder. Wenn nur halb so viel wilder Patagonier, nur ein Zehntel davon, so grausam, so bestialisch hingemordet worden wären, da dampften jetzt schon die Kriegsschiffe auf allen Meeren, alle mit demselben Ziel und mit demselben Zweck, die entmenschten Missetäter zu bestrafen, sie entsprechend zu züchtigen. Hier handelt es sich um Juden und Stille herrscht auf den Gewässern. Es gibt kein Recht und keine Gerechtigkeit für die Juden. Auf sich selber stehen sie ganz allein in der weiten Welt. Sie allein müssen sich gegenseitig Hort und Stütze