Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 46 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 722 Dr. Vlocb's Mocbenscvrm. Nr. 46 der Botschaft: „Also wird den Rindern dessen geschehen, der nicht auszieht hinter Saul und Samuel." Da fiel ein Schrecken vom Ewigen über das ganze Volk in# vpvq iKan und sie zogen aus alle wie ein Mann." * 4- 4- Botschasten kommen auch uns von unseren Brüdern aus Osten, daß jedem, der sie hört, die Ohren gellen und das Herz fich zusammenkrampft. Unschuldige, wehrlose Greise, Frauen und Kinder hat man geschlachtet, schamlos geschändet und verstümmelt, zu Tausenden und Abertausenden friedliche Bürger lebend in die Flammen gestoßen, die ihr Hab und Gut verzehrten. Die Augen hat man Unzähligen ausgestochen. In zahllosen Städten des weiten Reiches wurden sie an ein und demselben Tage überfallen und ausgemordet, unter tätiger Mithilfe derer, die zu ihrem Schutz verpflichtet waren: in weit auseinander liegenden volkreichen Zentren des Gewerbes, der Industrie, wie in den kleinsten. Dörfern und Ortschaften begann das Mordwerk gleichzeitig und wütete mit gleich schonungsloser Grausamkeit drei Tage hindurch! Und wohin die Kunde dringt, alle, gleichviel welchen Standes sie sind, welche Sprache sie reden, welchen Gott sie anrufen, sie alle, in deren Brust noch ein Funke glimmt warmblütiger Menschlichkeit, deren Herz noch nicht vertiert ist in blindem, wildem Menschenhaß, sie alle, das ganze Volk b'z inw'i nVip nK opn sie erheben laut ihre Stimme klagend und anklagend die unerhörten Greuel, 12m und sie weinen, weinen in Nord und Süd, in Ost und West. Als Menschen weinen sie, denn der Genius der Menschlichkeit soll zu Boden geschmettert und in den Staub getreten werden. Die Fackel der Freiheit, das Licht der Auftlärung will man auslöschen und ersticken in den Strömen des Blutes unserer armen Brüder. Und welches war ihr Verbrechen? Welches die Schuld, die sie so schwer gesühnt? Licht halfen sie bringen ihrem armen Lande, Licht in die Hörsäle wie in die Stätten harter Arbeit, Licht in die Verwaltung des Reiches, in das Leben der Völker, Licht in die Geister, in die Herzen, und dafür sticht man ihnen die Augen aus! Als Blutzeugen des Lichtes, der Auftlärung, der Freiheit sind sie gefallen, die Helden, und darum weinet um sie, Ihr alle, die Ihr Menschenantlitz traget, die Ihr zu dem Geschlecht Euch zählet, das nach dem Lichte ringt, für Euch alle sind sie in den Tod gegangen, weinet um sie, um Eure Brüder im Geiste! * 4- 4- Uns aber, uns, die wir hier um sie klagen, uns, die wir wohl noch nie so einig uns gefühlt, so einig in einem großen namenlosen Schmerze, uns sind sie mehr als Genossen im Geiste. Uns sind sie ja verwandt durch des Blutes heilige Bande, uns sind sie Brüder und Schwestern, die der Mordstahl blind entfesselter Volkswut ins Herz getroffen. Da schreibt mir mitten aus dem Blutbad ein Freund, der noch vor wenigen Wochen hier mein Gast war in trautem Verein sorglos geselliger Stunden und den ich verloren gab bei der Kunde, daß auch sein Wohnort ergriffen sei von dem Wirbelsturm der Mordlust. In herzzerreißenden Tönen schildert er das Todesgrausen, in dem er Tage lang, beraubt auch des Letzten, der Kleider selbst, mit den Seinen bei einem wackeren, nichtjüdischen Freunde verborgen, zu Gott gebetet und wie er dann das Haus der Eltern vorgefunden, bis auf die Wände ausgeraubt, besteckt mit dem teuersten Blute; wie sie zu Tausenden gefallen sind die armen Opfer, abgeschnitten von aller Außenwelt, wie in einen Käfig zusammengepfercht in ihre Gotteshäuser. Ja, der Geist des Mittelalters ist auferstanden, grausig wandelt er unter uns, in dem langen Winterschlaf ist seine Kraft erstarkt, Tausende fallen, wo einst Einzelne, allenfalls Hunderte verblutet sind. Jene Gebete, die man als unmodern bereits aus unseren Andachtsbüchern streichen wollte, jene von Todesbränden blutrot beleuchteten Notschreie und wimmernden Hilferufe der alten Märtyrer Israels, denen man die Eltern erschlagen, das treue Weib, das arme Kind zu Tode gemartert, — ja, jene unmodernen S e l i ch 0 t, sie sind wieder modern und zeitgemäß geworden. Wenn wir sie heut nicht hätten, wir müßten sie neu erfinden. Doch was sage ich: neu erfinden? Nur niederzuschreiben braucht man, was das Ohr erlauscht, all den Jammer und all das große, laute Klagen des Volkes, das da weit um seine Brüder, um sein Fleisch und Blut, und nur zu sammeln braucht man seine Seufzer, seine Tränen. 4- 4- 4- Das ganze Volk weinte. Nur einer weinte nicht, Saul, der König. In edler Zornesglut zerstückt er das Gespann und die blutenden Stücke sendet er durch ganz Israel. Fürwahr, auch wir sollten nur eines jener armen blutenden Opfer, unter Tausenden nur e i n armes, harmloses Kind, das vor den Augen der sterbenden Mutter erdrosselt worden, nur dieses eine blutende Opfer sollten wir ihnen zeigen, den Kalten und Stolzen in Israel, die sich so sicher dünken in ihren vornehmen Freundschaften, ihren hohen Palästen. An dieser blutenden Kindesleiche müßten sie Treue schwören, sie alle, die Fürsten des Geldes, die heute, selbst wenn der Todfeind Israels ihr Geld begehrt, mit Freuden ihm zu Diensten stehen und mit beschämender Findigkeit zu scheiden wissen zwischen Geschäft und Glauben und persönlicher Ehre. Und schwören müßten jene, die durch die Macht ihrer Feder die Meinung der Menge beherrschen und bestimmen und so gern, was ihre Brüder angeht, totschweigen, wenn nicht gar lieblos und gehässig darstellen. An der blutenden Kindesleiche müßten sie schwören, ihrem Volke treu zu werden wie Saul die einen, die Männer der äußeren Macht, wie Samuel die anderen, die Männer des Geistes. Aus den blutenden Wunden müßte ihnen in die Ohren gellen der Donnerruf: nrr-inn fö 'b« D'pwt -pna -an *np „Das Blut deines Bruders schreit zu mir von der Erde." Und wie Saul müßten sie, an der Spitze des ganzen Volkes, uns allen zurufen: Wer nicht auszieht hinter Saul und Samuel, wer nicht seinen Brüdern entschlossen sich anschließt, dessen Kindern wird es einst ergehen, wie es diesem armen Kinde geschehen ist. Wer von uns weiß sich denn so sicher vor dem grausen Geschick? Wie e i n Schrei des Entsetzens aus unser aller Kehlen emporsteigt, wie ein einziger großer gemeinsamer Schmerz unser aller .Herzen durchglüht, so möge auch ein gemeinsamer Entschluß in dieser Stunde in unser aller Herzen reifen! Auch an uns möge geschehen, was damals geschah in den Tagen Sauls. Ein heilsamer Schrecken vom Ewigen komme über uns alle! An dem Blute der Brüder mögen wir alle das heilige Gelübde tun: Treu zu stehen einer zum andern, treu und einig uns zusammenzuschließen zu engstem Verbände, treu zu pflegen unsere alten heiligen Erinnerungen wie daheim im Kreise unserer Lieben so dort, wo wir für diese Lieben zum Allmächtigen beten, für Weib und Kind, um die unsere Brüder jenseits der Grenze blutige Tränen weinen. Treu und einig lasset uns sein ,-inK issn im Anblick des Todes lasset uns werden wie ein Mann! Das Andenken unserer heiligen Märtyrer aber möge am Ruhmeshimmel Israels fortleuchten als segenspendendes Gestirn bis in die fernsten Zeiten! Z»r Hilfsaktion! Von Dr. Bretth 0 lz, Rabbiner in Triest. Gelähmt unter dem Eindrücke der schrecklichen Ereignisse, die in Rußland vor den Augen der „gesitteten Welt" noch stattfinden — stehen wir entsetzt, erschüttert, aber ratlos da! Die jetzt begangenen Greuel — so sie der Wahrheit der uns übersandten Telegramme entsprechen, spotten aller in den letzten Jahren verübten Verbrechen. Nicht einmal zu Chmielnicki's Zeiten, da verwilderte und erbitterte Horden für das ihnen seitens der LLlneirtn zugefügte Unrecht nach Rache lechzten, konnten grausamer ihr Spiel treiben, als es jetzt der Fall ist. Wer nur einigermaßen russische Verhältnisse' kennt, wem aus eigener Anschauung die russischen Sitten bekannt sind, der wird wohl die ganze Tragweite der Vorfälle beurteilen können. Brodski,