Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-11-10 · 45 (10.11.1905) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
45 (10.11.1905)
Date
1905-11-10
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021602-3021648--14938-3039676
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 45 Dr JSiocb s tdocbenscbritt, Seite 719 Eigentum des Hauses. Das Haus war älter als sein Besitzer, es hatte Netel großgezogen und beabsichtigte, ihn unter seinen Trümmern zu begraben. Das Haus hatte eine zahlreiche Familie, und darin glich es Netel; aber die Familie des Hauses war mehr wert als diejenige Netel's, mit alleiniger Ausnahme vielleicht des kleinen Joel, der, so lange er der kleine Joel, wirklich viel wert war. Die Familie des Hauses bildeten alle Häuser des Stadtteils, welcher der älteste und größte unserer Stadt. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist er ebenso entstanden, wie die einzelnen Stadtteile auf der ganzen Welt entstehen; nachdem dies aber schon sehr lange her ist, erzählt man von seinem Ursprung wunderbare Dinge, die ungefähr soviel wert sind, wie. das Märchen vom Storch, der die Kinder bringt, d. h. sie sind des Wiederholens nicht wert. Soviel nur steht fest, daß der Stadtteil gleich bei seinem Entstehen den Gipfel des Hügels einnahm, denselben bis zum heutigen Tage innehat und obendrein auch auf den Seiten des Hügels sich ausbreitete. Man kann die Häuser dieses Stadtteiles als zu einer Familie gehörend bezeichnen, indessen muß man hinzufügen, daß es eine im Erlöschen befindliche Familie von veralteten Wesen, die den neuen Generationen ganz unähnlich sind. Hier sind alle ernst und in sich gekehrt. Das Innere erschreckt die heutigen Einwohner durch sein Dämmerlicht und durch die Kühle der langen, gewölbten, mit Steinen gepflasterten Flure, durch die schmalen, steilen Stiegen, durch die zahlreichen Holzbalkons, welche, über den dunklen, engen Höfen schwebend, den Eindruck von kleinen, in einen Abgrund blickenden Brücken machen. In den Krümmungen der Mauern, unter den Arkaden, im Flur, über den Türen, in den Fenstervertiefungen, in den bogenförmigen Nischen zu beiden Seiten der Korridore sieht man verstümmelte, verwischte, mit immer frischen Schichten von Kalk bedeckte Verzierungen und farblos gewordene Malereien. Erstere fallen durch ihre Einfachheit auf oder durch Ideen, die vermittest kindlicher Phantasie verwirrt sind; die anderen versinnbildlichen halbkindliche, keusche und naive Tränme. Aber diese Bruchstücke menschlicher Gefühle und Gedanken, diese Klänge eines schon begrabenen Lebens scheinen den Menschen heute unklar und wunderlich; sie erwecken ein beklemmendes Gefühl und den Wunsch, daß man sie vernichten möge. Darum blickt aus diesen Häusern, wenn man sie aufmerksam betrachtet, die tiefe Wemut des Alters hervor und der Ursprung dieser Wemut ist das Bewußtsein, welches die Mauern durchdringt, daß Niemand sie liebt, viele einen Widerwillen gegen sie hegen und daß ihren jetzigen Bewohnern das Leben nicht mehr so ruhig und heiter dahinfließt, wie es einst denen dahinströmte, die ohne Furcht vor der Stille der Wölbungen, dieselben über ihre reinen, ungetrübten Gedanken ausbreiteten. Solch' einen Eindruck machten die Gedanken der alten Mauern, wenn sie die erstorbenen Klänge in sich erweckten und stumm, traurig und hinfällig wie das Alter die Vergangenheit beweinten. Und sie empfanden dann ein Sehnen nach Ruhe und nach dem Grabe, welches das Leben, das einst in ihnen geblüht, bereits gefunden, und sie empfanden den Wunsch, denjenigen für immer aus dem Wege zu gehen, in deren Augen sie nur Gespenster des Alters, immer weniger Nutzen bringende baufällige Nester waren. Diese Trauer und die wehmütigen Wünsche waren besonders beredt an Tagen, da die Sonne alle Beschädigungen, alle Sprünge — die von Kalk entblößten Ziegeln, alles mit einem Worte lachend ans Licht zog, was die Menschen verkleben, malen, flicken wollten und was sich den Blicken unaufhörlich aufdrang, als ob die Mauern es absichtlich zeigen würden. Diese ausgehöhlten Steinmassen glichen Greisen, welche die dargereichte Arznei fortstoßen, da sie von der Notwendigkeit des Todes durchdrungen sind und denselben sehnsüchtig erwarten. Die Sonne verspottete sie und sie riefen ihr zu: „So bitte doch, daß man uns niederreißt, so bitte darum! Wenn der Abend den alten Stadtteil in Nebel hüllte und der Mond, über ihn dahinströmend, den umflorten Gebäuden die unklaren Umrisse riesengroßer Gespenster verlieh, dann wurde dieses stumme Rufen der Mauern noch durchdringender und wehmütiger. Es schien, als ob sie Jemanden beschwören würden, sie nicht zu wecken, sie nicht zum Leben zu zwingen, die Sonne nicht herbeizurufen, sondern im Gegenteil, die Lichter zu verlöschen und die Klänge des Lebens zu dämpfen. Und sie riefen, daß nicht die Nebel sie herzen und liebkosen, sondern der freundschaftliche Odem derjenigen, die sie einst geliebt, daß die Vergangenheit zurückgekehrt sei, um sie in den Schlaf zu wiegen, und daß sie nur noch in Nebel und'Grabesschweigen gehüllte Schemen seien. Solche Klänge erschreckten in den Abendstunden die Vorübergehenden, welche dann über die Dunkelheit der Straßen in dem alten Stadtteil und über das schlechte Pflaster klagten und behaupteten, daß die Häuser Räuberhöhlen glichen. Doch mit der wiederkehrenden Morgenröte kehrte auch das Geräusch und der Trubel menschlicher Tätigkeit wieder; dann blickten die schlaftrunkenen Mauern abermals unwillig auf die niemals verstummende, ewig bewegliche Lebenswelle nieder, und in deren Betrachtung versunken, dachten sie nach Art der Alten, daß diese Lebenswelle einst tief, tief und klar war, indessen sie jetzt flach, flach und trübe ist, und sie enthüllten die Spuren ihres Alters, mit der stummen Bitte: „Wozu find wir nütze, reißt uns doch schon nieder!" Unter den alten Kindern dieses Stadtteils war das kleine Haus von Netel eine greisenhafte Großmutter. Es hatte gar keine Verzierungen, war gelb, niedrig, schmal. Seine schwachen Wände hielten sich nur aufrecht, weil sie inmitten von Gebäuden standen, die zwar nicht neu. aber durch die Dicke der Mauern dauerhaft waren. Für Menschen, die sie bösen und unfreundlichen Auges betrachteten, hatte die Bescheidenheit dieses steinernen, an die mächtigen Schultern ihrer riesengroßen Söhne sich schmiegenden Greisin etwas Rührendes. In das Innere des Hauses gelangte man vermittelst einiger Steinstufen. Auf den ersten Stock mußte man auf Treppen klettern, die steil wie eine Leiter waren. Wer nicht hinunterfiel, der blieb unbedingt auf dem ersten Treppenabsatz stehen, um die daselbst befindlichen zwei Wandbilder zu betrachten. Das eine stellte den Kopf eines Ritters, das andere denjenigen eines Königs dar. Beide waren auf blauem Hintergrund gemalt und von einem grünen Reifen eingerahmt. Der Ritter besaß einem Helm und einen Federbusch. Das erhobene Vifir enthüllte sein Antlitz, dem er seit Langem einen kriegerischen Ausdruck zu geben bemüht war. Doch sah er gar nicht so schrecklich aus und bei Lebzeiten hatte er wahrscheinlich keiner Fliege ein Unrecht getan. Der König trug — wie Jedem begreiflich — eine Krone auf dem Haupt; zwei Streifen grüner Haare umgaben sein längliches, gelbes Gesicht und auf die Schultern herabfallend, ringelten sie sich zu zwei symmetrischen, runden Löckchen. Niemand wäre imstande, zu beschreiben, wie sanft der König dreinblickte und wie unglaublich gut er gewesen sein mußte, Noch einige gefährliche Sprünge und wir find bei Netel Baum. (Fortsetzung folgt) gitawhtr. Betrachtungen über die Behandlung der Schächtfrage von Leopold Mandl, Wien 1905, Selbstverlag, 61". Im Verhältnis zu der erstangezeigten Schrift beansprucht die vorliegende eine mehr aktuelle Würdigung. Sie bildet ein Ergebnis der inzwischen freilich selig entschlafenen Wiener Schächtfrage. Und dennoch bildet diese Frage eine beliebte ständige Nummer im Repertoire der Reaktion. Die Bösen schwinden dahin, aber das Böse, es bleibt konstant. Den Kampf gegen solche, die nicht alle werden, führen bekanntlich selbst höhere Mächte vergeblich. Aber eine Macht gibt es, die ihnen doch überlegen ist: Die Macht der wachsamen, energischen, wissenschaftlichen Widerlegung. Es ist notorische Tatsache, daß nur diese es war, der es vor Kurzem gelang, das beabsichtigte Attentat in Wien auf unser geheiligtes, ehrwürdiges und so humanes Schächtgebot rechtzeitig abzuwehren. Nach dieser Richtung gebührt der vorliegenden Schrift ein Ehrenplatz. Schon das treffende Argument gleich eingangs der Schrift, welches mit dem Gedanken operiert, daß unsere Thora regelmäßig mit der Humanität gegen jeglichen Fremden und Ausländer auch die Milde und Barmhezigkeit gegen vernunftlose Wesen (Tiere) verbindet, schon

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.