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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-11-10 · 45 (10.11.1905) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
45 (10.11.1905)
Date
1905-11-10
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 45 Dr. Mocb s MocvenscvrM. Seite 715 der Arbeiterschaft und der Intelligenz eine Reihe von Kundgebungen. Der Jubel des Volkes wechselte ab mit den Forderungen nach weiterem Nachgeben seitens der Regierung, allgemeiner Amnestie und nach unverzüglicher Erfüllung der Versprechungen. Indessen organisierte die Gendarmerie eine Kontrerevolution, verteilte Proklamationen antisemitischen Inhalts und schürte die Volksleidenschaften. Die Agitation der Gendarmerie fand die Unterstützung der Militär- und Zivilbehörde, und gegen 4 Uhr mittags wurde das vor dem Rathause versammelte Volk von Artilleristen überfallen, die in das Volk einige Salven gaben. Die Zahl der Opfer ist nicht festgestellt. Die Artilleristen verfolgten die Menge weiter und beschossen mehrere Häuser, darunter die Redaktion der „Kiewskaja Otklili". Zwei Stunden darauf begannen Ausschreitungen gegen die Juden auf dem Podol- und Troitzki-Markt, wo die Juden die Mehrheit der Bevölkerung bilden. Geteilt in kleine Trupps, plünderten die Exzedenten ungehindert die jüdischen Läden. Am 19. Oktober morgens wurde ein systematischer „Pogrom" (Hetze) veranstaltet. Die in der Stadt aufgestellten Soldaten ließen die Exzedenten frei ihr Werk verrichten und beschränkten sich nur darauf, daß sie die sich wehrenden Opfer am Schießen hinderten. Fiel aus irgend einem Hause ein Schuß der Verzweiflung, so wurde das Haus vom Militär förmlich bombardiert und nachher der Plünderung übergeben. Die völlige Solidarität der Hooligans mit der Ortsbehörde ist festgestellt. Am 20. wurde der „Pogrom" in derselben Weise fortgesetzt. Die sich Wehrenden wurden erbarmungslos geschlagen, ihre Wohnhäuser von den Hooligans geplündert und ausgeraubt. Gegen den Polizeimeister bestehen viele Verdachtsmomente. Auch ist die Verantwortlichkeit des Generals Bessenoff festgestellt. Am 21. Oktober trat in der Stadt eine verhängnisvolle Stille ein; das Leben stockte. Aehnliche Pogroms fanden zugleich in vielen Städten unseres Generalgouvernements statt. Die jetzigen „Pogroms" zeichnen sich noch dadurch aus, daß auch die reichen Juden, die bisher unter dem besonderen Schutz der Behörden standen, nicht verschont blieben. Die Staatsanwaltschaft ist entrüstet über den offenen Raub, und heute begann das Nachforschen nach dem Verbleib des Geraubten. Von allen Zeitungen erscheint bloß der antisemitische „Kijew Lienin", der natürlich nur die Revolutionäre der Schandtaten beschuldigt. Viele Fälle haarsträubender Bestialität, wie Ausstechen der Augen, Herabschleudern ans dem fünften Stock und Schläge mit schwerem Eisen sind sestgestellt. Der Podolmarkt stellt ein furchtbares Bild dar. Ein weiteres Telegramm derselben Korrespondenz aus Petersburg vom Sonntag nachmittag 3 Uhr besagt: Aus Saratow, Kasan, Kiew, Odessa, Kischenew, Rostow, Minsk, Tomsk, Bachmut, Feodosia, Jarvslaw, Mariapol. Elisawetgrat und vielen anderen Plätzen liegen Nachrichten über Judenmassakres vor. Sogar in den offiziellen Berichten wird zugegeben, daß eine ungeheure Zahl von Personen ermordet oder verwundet wurde. Die Verluste an Werten sind unberechenbar. Jedenfalls aber gehen sie in die Millionen. Die reaktionären Elemente betreiben offen oder geheim die antisemitische Agitation. Die Stellung der Behörden ist zweideutig. Es werden hier in Petersburg bei der Regierung lebhafte Vorstellungen gemacht, und es liegen auch von ihrer Seite Versprechungen vor. Soeben läuft noch ein Telegramm aus Solotonosch ein; nahezu der ganze Ort ist zerstört, 500 Familien sind obdachlos, allenthalben übersteigt die Not alle Grenzen. Diese Meldungen, an deren Verläßlichkeit man angesichts der bisherigen offiziellen Mitteilungen zu zweifeln keinen Anlaß hat, tun dar, daß der Tschin und die Soldateska in Rußland sich wieder mit ihrem alten Hilfsmittel behelfen möchte. Damit nämlich, die Unzufriedenheit und Erregung der Muschiks auf die Juden abzulenken und selbst dabei noch ihren Schnitt zu machen. Vorderhand glückt ihnen das, wie die Depeschen zeigen, noch. Aber daß es ihnen nicht lange mehr glücken wird, ist gewiß. Denn die Revolution in Rußland ist diesmal zu allgemein, als daß es, wie bisher, gelingen könnte, sie durch eine Ablenkung der Volkserregung auf die Juden zu dämpfen. Das lehrt der Gesamtinhalt aller Meldungen über die Volksbewegung im Reiche des weißen Zaren. Judenhetzen in Riga. Kopenhagen, 6. November. Wie das Ritzau'sche Bureau aus Riga meldet, dauern dort die Judenverfolgungen, verbunden mit Zerstörung von Häusern und Plünderungen, fort. Die Schiffahrt hat begonnen. Die Arbeit in den Fabriken wurde wieder ausgenommen. Die Eisenbahnangestellten verharren jedoch im Ausstande. Die Judenmassakres in Kiew. Paris, 7. November. Nach Berichten aus Kiew wüteten dort drei Tage lang bestialische Judenhetzen mit Mord, Raub und Plünderung. Die Versuche der Juden, sich selbst zu schützen, wurden durch Gewehrsalven der Soldaten verhindert. Die jüdische Bevölkerung ist total ruiniert, das Elend grenzenlos. Paris, 7. November. Aus Kiew wird gemeldet: Der Vorsitzende des Semstwo, Baron Alexander Ginzburg, wurde am Donnerstag bei der Verteidigung seines Hauses gegen Plündererhorden so schwer verwundet, daß er gestern seinen Verletzungen erlag. Die Metzeleien in Kischinew. London, 7. November, lieber Bukarest wird hieher gemeldet: Die Metzeleien in Kischinew dauern ungeschwächt fort. Der Pöbel ist im Besitz von Artillerie und bombardiert die jüdischen Häuser. Auch die Truppen wurden durch Kanonenfeuer zurückgetrieben. Die ganze Stadt steht in Flammen. Löschversuche werden gewaltsam verhindert. Jn ganz Bessarabien wüten die schrecklichsten Greuel. Lemberg, 7. November. Viele jüdische Familien aus Odessa, Prosknrow, Schmerynka rc. flüchten sogar zu Wagen bis an die galizische Grenze. Sie erzählen, daß überall Polizeiorgane die Urheber der Judenmassakres sind. Den wohlhabenderen Juden wurde nahegelegt, sich freizukaufen. In dieser Richtung werde sowohl von höheren als auch von untergeordneten Polizeibeamten ein schwunghafter Handel betrieben. Wer bisher auf derartiges Anerbieten nicht einging, war rettungslos verloren. Höhnisch nahmen die Polizeichefs Beschwerden mit dem Bemerken entgegen, daß sich die Juden die Suppe selbst eingebrockt haben. Von den Verwaltungs- und Militärbehörden war kein Schutz zu erlangen, ja, es wurden den Juden Waffen, in deren Besitz sie sich befanden, abgenommen. An die Vertreter der Judenschaft in Petersburg wurden zahllose Telegramme mit der Bitte um Intervention bei der Zentralregierung gesendet. Die Judenmassakres in Bessarabien. B u k a r e st, 7. November. Die in den Hafenstädten Galatz und Braila eingetroffenen Meldungen enthalten entsetzliche Einzelheiten über die Ausbreitung des Aufruhrs in Bessarabien. In Jsmaila sind fast alle Wohnungen und jüdischen Geschäfte zerstört. In wilder Flucht jagen die überlebenden Einwohner auf rumänisches Gebiet hinüber. In der Nacht von Sonntag auf Montag steckte der Pöbel, welcher vom gewesenen Bürgermeister Balabanow von Jsmaila, einem verbissenen Panslavisten, geführt wird, die Stadt Calaraschi gleichzeitig von vier Seiten in Brand, so daß ein Teil der jüdischen Bevölkerung — man spricht von 1500 — den Tod in den Flammen fand. Die Manifestanten drangen bis nach Reni und Ungeni vor, wo der energische und entschlossene Militärkommandant die blutdürstige Horde zurückwarf. Um eine etwaige Verfolgung unmöglich zu machen, reißen die Exzedenten die Bahnschienen heraus.

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