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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-11-10 · 45 (10.11.1905) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
45 (10.11.1905)
Date
1905-11-10
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 714 Dr. Dlocb's MLocbenscbrttl. Nr. 45 wurde, hat ehemals in den Straßen von Oran den maltesischen und spanischen Pöbel bei der Erstürmung und Plünderung der jüdischen Geschäfte angeführt. Dieser merkwürdige Beamte hat überhaupt eine bewegte Vergangenheit. Er ist ein gebürtiger Belgier, der nach seiner Desertion in der französischen Fremdenlegion Dienste nahm. Als er diese verließ, fand er eine bescheidene Schreiberstelle beim israelitischen Konsistorium. Da kam der Antisemitismus auf und Bidaine warf sich in seine schmutzigen Wellen, die ihn rasch emportrugen. Er gründete eine Zeitung, die durch ihre Nichtswürdigkeit eine gewisse Berühmtheit erlangte. So eröffnete er eines Tages eine Sammlung, um einem Pferd ein ruhiges Alter zu sichern, das einen jüdischen Offizier Namens Dreyfus abgeworfen und zu Tode geschleift hatte. Bidaine nannte dieses Roß in seinem Aufruf ein „edles Tier". Während eines Wahlkampfes zwischen den Republikanern und Antisemiten schrieb er: „Wenn die Liste des Konsistoriums gewählt wird, so wird es am Sonntag Abend in Oran nicht einen 'einzigen Juden geben, oder es wird doppelt so viel geben, da man sie entzweischneiden wird." Aber nach einiger Zeit verschwand der Edle vom Schauplatz seiner rühmlichen Tätigkeit, nachdem er mit Hilfe der ihm günstigen Gerichte vergebens versucht hatte, von seinen Gläubigern einen Ausgleich auf 175 Prozent zu erwirken. Er sah sich sogar strafgerichtlich verfolgt, doch verschaffte ihm die Proteftion eines hohen Richters die Einstellung des Verfahrens wegen angeblicher Verjährung. Ja, er bekam sogar eine Beamtenstelle in der Kolonialverwaltung, die er in der bezeichneten würdigen Weise ausfüllte. Rouanet meint mit Recht, daß der Geist, der die Negermaffakres hervorbringt, derjenige ist, der den Antisemitismus geschaffen hat. Leeds. (Errichtung eines jüdischen Frauenbades durch die Kommune.) Ein feierlicher Akt, der im wohltuenden Gegensatz zu dem in England immer mehr anwachsenden Fremdenhaß steht, fand am 25. Oktober in Leeds statt. An diesem Tage wurde unter großer Teilnahme der gesamten Bevölkerung vom Oberbürgermeister das mit einem Kostenaufwande von zirka 50.000 Mark errichtete, mit allem Luxus ausgestattete jüdische Frauenbad eröffnet. Mr. H. B. James, Vorsitzender der Magistratsabteilung für städtisches Eigentum, hielt eine Ansprache, in welcher er versicherte, daß die gastfreundlichen Einwohner von Leeds auch in Zukunft alles tun werden, um den aus weiter Ferne zu ihnen kommenden Juden das Leben so angenehm als möglich zu machen. Der Lordmayor behauptete in seiner Ansprache, England sehe die Fremdeneinwanderung sehr gern. Namentlich aber ist die christliche Bevölkerung von Leeds stolz darauf, eine Gemeinde jenes Volkes in ihres Mitte zu besitzen, das wegen seiner großen Vergangenheit alle Achtung verdient. Die städtische Verwaltung habe dieses Gebäude errichtet, um einem dringenden Bedürfniffe der jüdischen Einwohner zu genügen, und hoffe, daß diese Anstalt sich selber und ohne Zuschuß der Steuerzahler erhalten werde. Der Vorsteher der jüdischen Gemeinde, Mr. Paul Hirsch versprach im Namen der Leedser Judenheit, alles zu tun, daß das Frauenbad den städtischen Steuerzahlern nicht zur Last falle. Leeds zählt unter 430.000 Einwohnern gegen 20.000 Juden, so daß die jüdische Bevölkerung daselbst 4 66 Prozent ausmacht. Diese große Zahl der Juden erklärt die Liberalität des Leedser Magistrates nur zum Teil. Es gibt Städte mit einer weit größeren jüdischen Bevölkerung, deren Verwaltung nicht im Entferntesten daran denke, speziell jüdische Institutionen auf Kosten der Kommune zu errichten. Old England kann den anderen Ländern immer noch als Muster der Toleranz dienen. Die russischen Greueltaten. Unser Korrespondent schreibt uns aus Kiew: Was jetzt hier vorgeht, ist unerhört und spottet jeder Beschreibung. Die Kischinewer Greuel sind unbedeutende Scharmützel im Vergleich zu den Raub- und Mordtaten, die von einer von langer Hand organisierten und unter dem wirksamen Schutze von Behörde und Militär stehenden Bande verübt werden. Als die erste Nachricht von der Pseudo- Konstitution hierorts verbreitet wurde, sammelte sich das Volk in vielfachen Gruppen in verschiedenen Stadtteilen zu friedlichem Meinungsaustausch und in solchen Fällen üblichen Manifestationen an. Ohne jeden Anlaß folgte ihnen auf den Fersen bewaffnetes Militär, trotzdem im allerhöchsten Manifeste ausdrücklich die Freiheit von Versammlungen garantiert wird. Als sich die Menge an einem geräumigen Platze anschickte, ein Meeting abzuhalten, um das neue Ereignis zu besprechen, wurde ohne jede vorherige Warnung in dieselbe geschossen, wobei es mehrere Tote und Verwundete gab. Im Rathause versammelten sich Vertreter der besseren Klassen der Stadtbevölkerung, um über die Bedeutung und die zu erwartenden Folgen der neugestalteten Staatsverwaltung zu diskutieren. Im Nu wurde das Magistratsgebäude von Militär umzingelt, eine Abteilung drang in den Sitzungssaal und forderte das Publikum auf, den Saal zu verlassen. Der Protest der Versammlung gegen diese gesetzwidrige Forderung wurde mit einer Salve erwidert, die mehrere Tote und Verwundete zur Folge hatte. Allein dies war nur das Vorspiel zum eigentlichen Drama. Wie auf den Wink einer unsichtbaren Hand wuchsen plötzlich an drei Punkten der meist belebten Handelsstraßen wie von der Erde heraus drei Banden von halbbetrunkenen Individuen und begannen unter dem Schutze von bewaffnetem Militär und Polizisten die den Juden gehörenden Läden zu plündern. Die geraubten Gegenstände wurden zum Teil vernichtet, zum Teil auf Lastkarren geladen und fortgeschafft. Jeder Versuch seitens eines Juden, sein Hab und Gut zu verteidigen, ' wurde mit einem Todschlag beantwortet. Die christlichen Geschäftsleute standen ruhig am Eingänge ihrer Läden und schauten kaltblütig zu, wie ihre jüdischen Nachbarn geplündert und gemordet wurden. Um Mißgriffen vorzubeugen, wurden von einem Polizisten die plünderungsfähigen, d. h. die den Juden gehörenden Läden angewiesen, so daß sogar Karaiten von der Großmut der Plünderer bedacht wurden und verschont blieben. Von einem Fenster im dritten Stock in der Basseinstraße wagte ein Zuschauer auf einen Plünderer einen Schuß abzufeuern. Im Nu wurde das Haus von Militär umringt, auf jedes Fenster wurden einige Flinten gerichtet, so daß fast sämtliche Bewohner des Hauses ermordet und das Haus total zertrümmert wurde. Die Selbstschutz-Gesellschaft (Samooborona), welche in Kiew sehr gut organisiert ist, mehrere tausend Mitglieder zählt und jeden Angriff seitens der nichtjüdischen Bevölkerung zurückzuweisen imstande ist, versammelte sich außerhalb der Stadt, wagte aber nicht mit der vom Militär geschützten Bande den Kampf aufzunehmen, da in diesem Falle ein Sieg aussichtslos war. Die Raub- und Mordtaten dauern noch fort, der Stadtteil Podol steht in Flammen, die Lage ist äußerst ernst, die gesamte jüdische Bevölkerung Kiews ist der totalen Ausrottung preisgegeben, wenn nicht sofortige Rettung herbeieilt. Der General- Gouverneur Kleigels reichte seine Demission ein und das Schicksal der Bevölkerung ist provisorisch der Militärbehörde in die Hände gelegt worden. Mit Blut und Tränen schreibe ich diese Zeilen. Sobald ich mich einigermaßen beruhige, werde ich Ihnen ausführlicher und zusammenhangvoller schreiben. Jetzt ist mir dies unmöglich. Die allgemeine Deutung der Ursache dieser beispiellosen Greueltaten ist die Rache der absterbenden Bureaukratie, die letzten Zuckungen dieser vertierten, im Herzen getroffenen Clique, die in den Juden — diesmal mit Recht — die Urheber des „befreiten Rußlands" erblicken. Gleichzeitig begannen in Odessa Volksausschreitungen gegen die Juden. Die Berichte von dort lauten trostlos. A. Mirsky. * * * Die „Russische Korrespondenz" erhält ein am Samstag abends 10 ^2 Uhr in Kiew aufgegebenes. Telegramm, das geradezu grauenerregende Einzelheiten über die Judenhetzen in Kiew bringt. Wir entnehmen der uns zur Verfügung gestellten Meldung folgendes: Am 1. November, morgens, nach Bekanntwerden des Zaren-Manifestes, veranstalteten Studenten, Schüler, ein Teil

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