Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 45 (10.11.1905)
- Date
- 1905-11-10
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 716 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 45 Ueber die Zahl der ermordeten Juden zirkulieren fast unglaubliche Versionen. Tausende bessarabischer Juden sollen hingeschlachtet worden sein. Die Maffakres in Jsmaila. Bukarest, 7. November. Bei den Behörden liefen heute abends Telegramme ein, welche besagen, daß Jsmaila noch immer in Flammen stehe. Der Belagerungszustand wurde proklamiert. Militärpatrouillen halten die Ordnung aufrecht. Gestern abends wurden 66 Revolutionäre nach der Aufforderung, auseinanderzugehen, erschossen. Es hat sich eine Verteidigungsliga gebildet, 300 Familien, Christen und Juden, sind auf rumänisches Gebiet nach Satuenou übersiedelt. Die rumänische Regierung gestattete in Anbetracht der furchtbaren Ereignisse in Jsmaila den Eintritt der russischen Untertanen ins Land. Man befürchtet die Wiederholung der Maffakres, weil das Militäraufgebot ungenügend ist. Das im südwestlichsten Teile des europäischen Rußland gelegene Gouvernement Bessarabien, das im Nordwesten an Galizien und die Bukowina grenzt und dessen Hauptstadt Kischenew ist, zählt etwa zwei Millionen Einwohner, von denen die Hälfte Rumänen sind. Die Juden, deren Zahl ungefähr 170.000 beträgt, beschäftigen sich nebst den griechischen und armenischen Bewohnern vorwiegend mit Handel, der sich auf die Ausfuhr der' Produkte der Viehzucht, des Ackerbaues und Weinbaues erstreckt. Einzelheiten über die Judenexzesse. Berlin, 7. November. Aus Petersburg vom 7. d. wird der „Russischen Korrespondenz" berichtet: Allmählich gewinnt man ein etwas genaueres Bild von den Judenmetzeleien im Lande. Zwölf Jude« auf der Eisenbahn getötet. Petersburg, 7. November. Aus Kiew wird telegraphiert: Der gestern hier fällig gewesene Zug aus Odessa wurde in Rasdjelna angehalten. Zwölf Juden, die Passagiere des Zuges waren, wurden getötet, viele verwundet. Die Bahnverwaltung weigert sich, Juden Eisenbahnkarten nach Benderi, Odessa und Rosdeljna zu verkaufen, weil sie ihnen keinen Schutz gewähren kann. Die Greuel von Odessa. Aus Odessa wird einer Wiener Familie vom 2. d. M. geschrieben: „Vier Tage und Nächte leben wir nun in einer von Vandalen eroberten und der Plünderung preisgegebenen Stadt. Soeben teilt man mir mit, daß in der Umgebung des israelitischen Spitals Kinder und Frauen in Waffen hingeschlachtet werden, und das Militär sieht zu, wie die Polizei ihre Rache für den Umschwung der Dinge nimmt. Allgemein ist die Klage, wie es doch geschehen konnte, daß der kluge, alles vorhersehende Graf Witte, der die Polizei doch gut kennt, das Zarenmanifest publizieren konnte, ohne vorher die Maßregeln zum Schutze der in Rußland so sehr unterdrückten Völker getroffen zu haben. Es ist richtig, daß in den letzten Tagen Sorgen über Sorgen auf ihn einstürmten und daß er darum vielleicht an die Notwendigkeit vergaß, an die Ausschreitungen der Polizei zu denken. Aber wie dem immer sei. dieses Vergessen rächt sich in bitterer Weise. Die viertägige Schlacht übertrifft an Schrecknissen vielleicht manche Schlacht in der Mandschurei. Das freiwillige Sanitätspersonal hat bis jetzt buchstäblich mit Zehntausenden Toten und Verwundeten zu tun gehabt. Zahlreiche Lehrer, Studenten, Barmherzige Schwestern wurden auf offener Straße in Waffen niedergeschoffen und nicht ein einziger Polizist war während dieser Maffakres auf seinem Posten. Die meisten waren als Barmherzige Schwestern verkleidet mitten in dem Morden und beteiligten sich unausgesetzt an: Raube. Die Hooligans wurden bei ihren greulichen Taten von Polizei und Militär direkt beschützt. Man sah sogar Offiziere, die Plünderer anfeuerten. Gegenüber dem Hause des Stadthauptmannes drangen die Hooligans, ohne gehindert zu werden, in die Häuser ein. Schrecklick war der Augenblick, wo das Morden begann. Es wurde zu einer Art Feierlichkeit gemacht. Das Bild des Zaren wurde vorangetragen, dann folgten Träger mit Heiligenbildern, die Volkshymne wurde angestimmt und unter den Augen der Kosaken begann die Plünderung im Zentrum der Stadt. Man hörte Polizisten auf den Straßen einander zurufen: „Jetzt habe ich soviel, daß ich bis in das höchste Alter versorgt bin!" Die Greueltaten aber, die man verübte, erinnern direkt an das Mittelalter. Frauen, die sich in gesegneten Umständen befanden, und Kinder wurden, nachdem man sie vorher verstümmelt hatte, aus den Fenstern des dritten Stockwerkes geworfen. Hundertfach wurde den Leuten der Mund aufgerissen und hineingeschossen. Und es ist nicht wahr, daß es schwer gewesen wäre, den Maffakres ein rasches Ende zu bereiten. Soeben ist aus Petersburg ein Befehl eingetroffen, und das genügt, um den viertägigen Metzeleien sofort ein Ende bereiten. Die Stadt gleicht einem Schachtfelde. Verwundete und Ermordete liegen noch in den Straßen. Auf den Leichen liegen Klaviere, Möbel, Teppiche, Luster rc. Was mitzunehmcn war, wurde vom Pöbel fortgeschleppt. Tausende, die gestern noch reich waren, sind heute schon Bettler. Ein Student namens Abetiffow wurde von einem Polizisten untersucht. Trotzdem er nichts bei dem Studenten vorfand, schoß er ihn nieder. Sanitätsstudenten riß man das Zeichen des Roten Kreuzes herab und erschoß sie. Das gleiche Los traf die Barmherzigen Schwestern. Gegen zwei Polizei-Inspektoren, Iwanow und Schischkyn, wurde die Anklage erhoben, das sie besonders barbarisch vorgegangen seien. Man tut den Leuten unrecht, denn alles, was Polizei war, wurde in diesen schrecklichen Tagen zum wilden Tier" .... Berlin, 7. November. Die Judenverfolgungen haben in Odessa in der Nacht von Freitag auf Samstag einen noch grausigeren Charakter angenommen, als je vorher. In den Vorstädten von Odessa drangen gewaltige Pöbelhaufen, die von Polizisten begleitet waren, in die jüdischen Häuser und schlachteten die Insassen ohne Erbarmen ab. Männer und Frauen wurden niedergeworfen und mit Aexten geköpft. Kleinen Kindern schlug man an der Wand die Köpfe ein oder riß ihnen die Glieder ab. Die Straßen waren buchstäblich mit Leichen überstreut, die man aus den Fenstern geworfen hatte. Nach der Mordarbeit wurden die jüdischen Häuser dem Erdboden gleichgemacht. Die Gasse gleicht einem Blutmeer. Armen Kindern schlägt man Nägel in den Kopf, alten Juden wird die Zunge herausgerissen. Die jüdische Bevölkerung der Vororte Moldawanka, Slobotka uud Bugajiew ist buchstäblich ausgerottet worden. In den ärmsten Vierteln der Stadt kühlten die Mörder ihren Eifer durch Ermordung von Studenten. Vermischtes. Aufruf zugunsten der Opfer der russischen Judenexzesse. Eine neue furchtbare Katastrophe ist über unsere unglücklichen Glaubensgenoffen in Rußland hereingebrochen. Mit Entsetzen vernimmt die gesamte Kuliurwelt die grauenhaften Nachrichte« von den Maffenmorden und den verübten bestialischen Greueltaten. Unzählige Existenzen sind vernichtet worden, unermeßlich ist der durch die Verwüstung von Hab und Gut verursachte Schaden; Tausenden von Familien droht infolge dieser Ereigniffe der wirtschaftliche Untergang. Rasche und umsaffende Hilfe ist unerläßlich. Wir wenden uns daher an alle Glaubensgenoffen und andere Menschenfreunde mit der innigen Bitte, an der von uns eingeleiteten Hilfsaktion zugunsten der beklagenswerten Opfer der Katastrophe durch Widmung von Beiträgen mitzuwirken. Geldsendungen werden an die Adreffe unseres Bureaus Wien, I., Weihburggaffe 10, erbeten. Der Vorstand der „Israelitischen Allianz zu Wien". Hilfsaktion der „Israelitischen Allianz" für die Opfer der Maffakres in Rußland. Die der „Israelitischen Allianz" zugegangenen zahlreichen Privatmeldungen, telegraphische und briefliche Darstellungen über die furchtbaren, namentlich im Süden Rußlands verübten Greuel bestätigen leider in vollem Umfange die durch die Tagesblätter bekannt gewordenen Einzelheiten sowohl über die Massenmorde, die unter vollkommener Duldung und teilweise