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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-11-10 · 45 (10.11.1905) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
45 (10.11.1905)
Date
1905-11-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 45 Dr. Mocb's Mocbenscbrltt. Seite 713 Daß er tief in den Geist der jüdischen Kultur eingedrungen war, das konnte man sehen, wenn man von ihm, der kaum einiges Hebräische hatte notdürftig lesen lernen, Abhandlungen las. in denen er den Geist des jüdischen Gesetzes mit viel feinerem Verständnis darlegte, als die meisten, deren wissenschaftlicher Beruf es ist, in diesem Gesetze zu forschen. Denn obwohl er aller einseitigen Bücherweisheit abhold war, konnte er sich doch in die Wissenschaft vertiefen, und soweit jüdisches Wissen in deutscher, französischer, holländischer oder englischer Sprache zugänglich war, hatte er sich den Zugang zu ihr verschafft und mit einem merkwürdigen Instinkt stets das Wesentliche herausgefunden und das Nebensächliche beiseite gelassen. Dieser wissenschaftliche Instinkt war es auch, der ihn auf ein Gebiet leitete, wo er eigentlich Laie war. Er war juristisch forschend an den Prozeß Jesu herangetreten, der ihn vom Standpunkte des Judentums aus interessierte und war dabei allmählich zu historisch und philologisch außerordentlich interessanten und höchst wertvollen Resultaten gelangt, obwohl er in seiner übergroßen Bescheidenheit dieser Arbeit, die hohen wissenschaftlichen Wert hat, die Form populärer Aufsätze verlieh. Dabei konnte er, wie sein Buch über Chamberlain, seine kleine Schrift über Treitschke, seine Theorie des Wertes beweisen, die exakte wissenschaftliche Forschung mit einem wunderbaren Stile verbinden, in dem er, der feine Stilpsychologe, ein unübertroffener Meister war. Anschaulichkeit und Klarheit war das Charakteristischste seines Stiles und seiner Persönlichkeit. Das Mystische war und blieb ihm fremd. Deshalb war er, der feine Kenner und Liebhaber der Musik, der mit Andacht einer Negerkapelle zuhören konnte, ein Gegner jenes verschwommenen Mystizismus, der aus Wagners Schule hervorging und bei Chamberlain endet, der die Tatsachen seinem leerem Mystizismus anzupassen sich bemüht. Dr. Cohn war ein Gegner aller Verschwommenheit und deshalb vertrat er mit unerschrockenem Mute den jüdischen Standpunkt ehrlicher Gerechtigkeit gegenüber jener allgemeinen Liebe, die nur dazu angetan zu sein scheint, der Rücksichtslosigkeit Tür und Tor offenzuyalten Mit bewunderungswürdigem Feinblick für die Schönheit und stille Größe des altmosaischen Kulturbanes vertrat er die soziale Gerechtigkeit des Alten Testaments gegenüber der entsagenden Liebe des N uen, die nur zu oft Heuchelei zeitigen muß. Wie gewissenhaft er arbeitete, möge mau daran ersehen, daß er oft sich vor großen Arbeiten nicht scheute, um festzustellen, ob er eine von ihm in Aussicht genommene Behauptung wissenschaftlich rechtfertigen könnte. So hat er einmal, um festzustellen, ob seine Anschauung auf Tatsachen beruhe, wonach die bildenden Künste familienweise sich vererben, ganze Bände von Künstlerlexikeu statistisch ourchgearbeitet, ehe er zuließ, daß dieser Sah seines Manuskriptes als druckreif angesehen werden durfte. In diesem Sinne hat er, um sich ein genaueres Bild von der Jerusalemer jüdischen Bevölkerung zu verschaffen, während seiner Reise im Heiligen Lande eine jüdische Sterbestatistik veranlaßt und auf seine Kosten Herstellen lassen. Durch die Judenfrage zur Beschäftigung mit der Kriminalstatistik geführt, war er der erste, der auf die ausschlaggebende Bedeutung der Berufsstatistik für die Statistik der Verbrechen hinwies, ileberhaupt finden sich in allen seinen Arbeiten glänzende Bemerkungen, allgemeine Betrachtungen mit ganz neuen Schlaglichtern, die grell die Paradoxe der Erscheinungswelt beleuchten. In seinen geistreichen Bemerkungen, die er in Wort und Schrift gelegentlich hinwarf, finden sich ganz neue Gedankenreihen, deren Ausführung von hohem wissenschaftlichen Interesse sein wird. Von ihm ging viele geistige Anregung aus, und wer das Glück hatte, dauernd in seiner Nähe zu weilen, konnte sich auf die Dauer den Anregungen aller Art nicht entziehen, die von ihm ausgingen. Seines Wesens Kern war aber seine angeborene Liebe zu seinem Volkstum. Sein Judenstolz führte ihn unter die Vorkämpfer seines Volkes. Und er, der oft so stolz, für sich selbst vir! zu besch iden war, hatte auch einen hohen Mut. Ich erinnere mich da, daß er einmal von einer seiner Reisen in England zurückkam und auf einem Postamt in Belgien zufällig einem Streite mit beiwohnte, wo ein Jude in seiner Eigenschaft als Jude beleidigt wurde. Er hatte keinen Augenblick Bedenken, für die beleidigte Ehre seines Volkes einzutreten und war bereit, obwohl er ein grundsätzlick er Gegner des Zweikampfes war, ans dem Wege sich Genugtuung zu verschaffen, der merkwürdigerweise in Europa immer noch als der Weg gilt, die Ehre wiederherzustellen. Er hatte den Erfolg, daß der Beleidiger ihm volle Genugtuung auf einem anderen Wege leistete, der seinen, Dr. Cohns durchaus modernen Anschauungen entsprach. Dieser Jndenstolz führte ihn zur Begründung des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus, von dem er sich keine Besserung der sozialen und politischen Lage der deutschen Juden versprach, von dem er aber erwartete, daß er zur Rehabilitierung der jüdischen Volksehre beitragen müßte. Denn „wer sich fünfzehn Jahre einen Lump nennen läßt, der ist ein Lump"! In der ganzen Zeit seit der Begründung des Vereines hat er tätig mitgearbeitet und auch die zahlreichen Artikel und Notizen im Abwehrblatt, die nicht von der Redaktion stammen, die die jüdische Stammesehre anrufen, in denen der nationale jüdische Gedanke, und der Zionismus gerechtfertigt werden, entstammten fast ausschließlich seiner Feder. In demselben Sinne schrieb er die so hoch geschätzte Einleitung von Ludwig Jakobowskis Buch über den christlichen Staat. Mit seiner Stammesliebe hing aufs innigste sein reger Familiensinn zusammen. An seinem letzten Krankenlager saß die treue Gemahlin, pflegte ihn und wich keinen Augenblick von seiner Seite. Ich weiß nicht, was größer war, der Stolz des selbstbescheidenen Mannes auf seinen Vater oder auf seinen Heranwachsenden Sohn. Mit einer unendlich zärtlichen Liebe hing er an der greifen Mutter, die jetzt, nachdem sie kaum ihren Sohn Alexander verloren hat, nun um den Verlust des anderen Sohnes klagt. Mit warmer, heißer Liebe hing er an seinem Bruder und an seinen Verwandten und brachte seinen Freunden Beweise aufopferungsfähigster Freundschaft. In seinen Söhnen würden, so hoffte er, wenn sie zu Männern geworden seien, seine eigenen jüdischen und allgemeinen Ideale zu größerer Vollkommenheit gelangen, als in ihm selber. Sie würden sicher in seinen Bahnen wandeln Denn er war zwar ein feiner kritischer Kopf, der überall sogar die kleinsten Schwächen in Den Gedankenreihen fand, der aber in echt jüdischem Optimismus alles Gute von der Zukunft erwartete. So war er so sehr von dem Siege der Freiheit in Rußland überzeugt, daß er noch mit dem letzten Aufflackern des Bewußtseins sich nach den neuesten russischen Ereignissen erkundigte. Leider hat er das Freiheitsmanifest nicht mehr erlebt, das immerhin einen weiteren Schritt auch im jüdischen Interesse bedeutet. Von seinem jüdischen Stammesinteresse ausgehend, hatte er die große Arbeit sich aufgebllrdet. die er neben manchen anderen Lasten für die Alliance Jsraelite Universelle leistete. Bei seiner großen Arbeit im Bankgeschäft und bei seinem ausgebreiteten literarischen Interesse fand er die Zeit allein für diesen e ereilt, in dem er, ehe es eine zionistische Partei gab, allein eine Gesamtorganisation für das ganze jüdische Volk sah, so zu arbeiten, wie es kaum alle übrigen deutschen Komiteemitglieder, denen hierdurch nicht nahegetreten wird, zusammengenommen taten. Das war nur eine Fortsetzung jener Tätigkeit, die er schon damals begonnen hatte, als er allein von allen Teilnehmern der Delegiertenversammlung zur Beratung der Hilfsaktion für die russischen Inden (1891) sich bereit fand, unsere Studentenpetition zu befürworten, die als Lösung der Judenfrage die systematische Besiedelung Palästinas forderte. In den weitesten Kreisen aber hat sich Justizrat Heinrich Meyer Cohn einen unvergänglichen Namen durch seine einzigartige Wohltätigkeit erworben. Und doch wirkte er im Stillen, so daß selbst die allernächsten keine Ahnung von der gewaltig großen Armenpflege hatten, die er auf sich genommen hatte. Doch diente er so Manchem noch mehr mit seinem klugen, welsen Rat, als durch reiche Unterstützung. Sein Glück war, beglücken zu können. Wenn er einem jungen Paare zur Existenz verhelfen konnte, daun war er selig. In ihrem Glücke fand er sein eigenes. Wenn ein Student, der von ihm unterstützt wurde, das Examen bestanden hatte, dann strahlte er, als wäre ihm selber das größte Glück widerfahren. Abhold falscher Wohltätigkeit, bemühte er sich, Existenzen zu gründen. Er übte Wohltun mit Verstand und Ueberlegung. Tausende haben in ihm ihren Helfer verloren. Er, der nie daran dachte, daß ihm irgend jemand Dank wissen könnte, war für jede noch so kleine Gefälligkeit so unendlich dankbar. Wenn ihm aber jemand, dem er vor Jahren Geld geliehen hatte, — er verlieh so gern die Geschenke — etwas davon zurückzahlte, so war er so hochbeglückt, daß er am gleichen Tage mindestens das Doppelte und Dreifache weiterverlieh. Eine zarte Rücksichtnahme auf alle seine Mitmenschen zeichnete ihn aus. Er wollte niemand bemühen. Und dies ebenso wie seine Abneigung gegen alle Förmlichkeiten haben zusammengewirkt, daß er sich ausgebeten hat, daß er in aller Stille zur ewigen Ruhe eingebettet werden möge. Die Armen, die in ihm ihren Helfer fanden, haben unendlich viel verloren. Weit mehr aber seine Familie und wir, die wir das Glück hatten, dem seltenen Manne nahe stehen zu dürfen. In unserm frischen Schmerz könnte es uns vielleicht bedünken, daß das Schicksal ungerecht war, uns gerade diesen Mann so vorzeitig zu entreißen aus einem Geistes- und Gemütslebeu. das so unendlich reich war. Aber wir wollen da ckvar anerkennen, daß wir ihn besessen haben. Seine Freunde und alle, die ihn lieb hatten, fanden so selten Gelegenheit, dem anspruchslosen Manne auch nur einen Gefallen zu erweisen. Jetzt ist er uns so plötzlich entrissen worden, wo wir hofften, daß er noch lange in unserer Mitte weilen würde. Die Liebe, die er sich überall erworben, überlebt ihn Sein Andenken wird nicht aufhören; denn er lebt in unserer Liebe. Das jüdische Volk hat einen seiner besten und hervorragendsten Söhne verloren. Aber es wird seiner gedenken und die jüdische Geschichte wird unvergänglich den Namen nennen, der uns lieb und traut bleibt: Heinrich Meyer Cohn. Paris. In der „Humanittz", dem Blatte Jaurös', führt der Deputierte Rouanet eine Kampagne gegen die Verwaltung der französischen Kolonien in Afrika. Tag für Tag enthüllt er die gräßlichsten Mißhandlungen der schwarzen Eingebornen und seine Anklagen sind auf das vertrauenswürdigste Aktenmaterial gegründet, nämlich auf die Feststellungen der vom verstorbenen Forschungsreisenden Brazza geführten Untersuchung. Als ein interessantes Faktum hebt Rouanet hervor, daß einer der grausamsten Beamten ein gewisser Bidaine war, der ehemals der Führer der Antisemiten von Oran war. Bidaine der ganze Hekatomben von Pahum-Negern hinschlachtete und, wenn die Steuern nicht nach Wunsch einliesen, die Dörfer niederbrannte, wofür er mit einem raschen Avancement belohnt

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