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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-11-10 · 45 (10.11.1905) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
45 (10.11.1905)
Date
1905-11-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 710 Dr. Dlocb s MocbenscdrtN. Nr. 45 alter, in einer Zeit allgemeiner Verrohung und drückendster Verfolgung niedergeschrieben wurden — was könnte nach dieser Verfahrungsweise nicht alles den christlichen Bekenntnissen imputiert werden.. Es wäre Wohl nicht schwer, den Beweis zu erbringen, daß ein Katholik, der sich streng an all das halten sollte, was zum Beispiel von den Kasuisten des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts gelehrt worden ist, in keinem modernen Staate geduldet, geschweige denn zu Aemtern zugelassen werden dürfte. Cohen rechnet auf den Staat, um für die gegenseitige sittliche Würdigung der Bekenner des Judentums die Einsicht, die Unparteilichkeit, die Sympathie heranzubilden, welche die Glieder des Staates in Eintracht verbinden muß. Ich glaube, er überschätzt an diesem Punkte die mögliche Wirksamkeit des Staates und unterschätzt die Wirksamkeit von Männern wie er selbst. Die Schädigung an Ehre kann der Staat abwehren, äußere Rechtsgleichheit aufrechterhalten oder schaffen. Unparteilichkeit und Sympathie können nur kommen, wenn die besten Männer und Frauen auf beiden Seiten sich in ihren ethischen Idealen zusammenfinden, wenn diese Ideale nicht bloß in Büchern stehen, sondern auch in das Bewußtsein der Massen eindringen, und wenn sich unbeschadet der Vergangenheit und ihrer Differenzen das Gefühl gemeinsamer sittlicher Ueberzeugungen, der Gedanke einer über die konfessionellen und nationalen Unterschiede hinausreichenden Humanität auf beiden Seiten befestigt. Nur mit diesem geistigen Erbe Lessings kann der unheilvolle Spalt überbrückt werden und als ein Hüter und Mehrer dieses Erbes sei Cohen herzlich willkommen geheißen!" Ci« Diplomat über den Antisemitismus. Sir Horace Rumbold, der frühere Botschafter Großbritanniens am Wiener Hofe, hat die Geschichte seiner Diplomatenlaufbahn in einem Memoirenwerk beschrieben, dessen dritter und letzter Band vor einigen Tagen erschienen ist. Der Verfasser äußert fich darin u. a. auch in sehr beachtenswerter Weise über die Frage des Antisemitismus. „Der Antisemitismus — sagt er — ist eines der ernstesten Uebel, an denen das öffentliche Leben in Oesterreich leidet, und es gibt in Wien keinen verderblicheren Einfluß als den des bigotten und herrschsüchtigen Bürgermeisters Dr. Lueger, der unglücklicherweise die fließende rhetorische Macht eines geborenen Demagogen besitzt. Der Wahnsinn seines leidenschaftlichen Kreuzzuges gegen die Juden ist durch die verheerenden wirtschaftlichen Resultate, die er zur Folge hatte, rasch offenkundig geworden. Die österreichische Regierung tut wohlweislich ihr Bestes, um den Antisemitismus im Zaume zu halten, dem sich auch der Kaiser stark widersetzt, da er denselben ganz richtig für unsittlich und gefährlich hält. „Ich werde in meinem Staate keine Judenhetze dulden", sagte er zum Rabbiner von Prag nach den antisemitischen Exzessen in Böhmen und Mähren, nach der bekannten Affäre von Polna." Morde durch Halsschnitt. In Hannover wurde der Lustmörder Postschaffner Bütter wegen Ermordung der Erna Schaare und Elsa Cassel zum Tode verurteilt; gegen den Schuhmacher Paul wurde wegen Begünstigung auf 272 Jahre Gefängnis erkannt. Wie bereits mitgeteilt wurde, zeigten die Morde die Symptome, welche bei den angeblichen Blutmorden Vorkommen sollen, nämlich Halsschnitt und Ausblutung der Leiche. Auch war anläßlich des Verschwindens der Elsa Cassel der Verdacht auf „die Juden" gelenkt worden. Wären die Verbrechen nicht in dem nüchternen, für solche Märchen kaum zugänglichen Hannover, sondern unter einer phantasiebegabteren Bevölkerung begangen worden, so hätte die „Volksstimme" die Untersuchung leicht auf eine falsche Fährte führen und den Mord leicht zu einem ungesühnten, räthselhasten machen können. Korrespondenzen. Aus der Plenarsitzung des Kultusvorftandes vom 5. November 1905 unter dem Borsitze des I. Vize- Präsidenten Herrn Dr. Gustav Kohn., Beginn der Sitzung 10 Uhr vormittags. Vor Uebergang zur Tagesordnung berichtet der Vorsitzende, daß in dem Befinden des erkrankten Präsidenten Herrn Dr. Alfred Stern eine wesentliche Besserung eingetreten sei und daß derselbe in kurzer Zeit wieder völlig hergestellt sein werde. Die Mitteilung wird mit lebhafter Befriedigung zur Kenntnis genommen. Mit Rücksicht auf den Bauzustand des Gemeindehauses I., Seitenstettengasse 4, welcher eine Weiterbelassung der im dritten Stockwerke dieses Hauses untergebrachten Gemeindebibliothek untunlich erscheinen läßt, wird die Verlegung der Bibliothek in das erste Stockwerk des Gemeindehauses II., Ferdinandstraße 23 beschlossen. Hierbei wird ausgesprochen, daß diese Verlegung nur als ein Provisorium anzusehen sei und die seinerzeitige Rückversetzung der Bibliothek im Auge behalten werde. Ueber Antrag der Kommission für Unterrichts-Angelegenheiten wird die Abhaltung von sechs, eventuell acht Vorträgen aus jüdischer Geschichte und Literatur für Erwachsene, weiters von sieben Vorträgen für die reifere Jugend in den Wintermonaten 1905/06 beschlossen. Das Zinsenerträgnis des Hayum S. Goldschmidt'schen Legates pro 1905 im Betrage von rund K 47.000 wird an die im Vorjahre beteilten Institutionen aufgeteilt. Nach Erledigung weiterer Stiftungs - Angelegenheiten, sowie nach Beschlußfassung über Personalien und Steuer-Angelegenheiten wird die Sitzung gegen 2 Uhr mittags geschlossen. Spenden. Von Herrn Dr. Alphons Thorsch anläßlich des Ablebens des Herrn Philipp Thorsch zur Verteilung an würdige israelitische Arme.... ..L 4000.— Von Frau Julie Trebitsch zur Erinnerung an ihren seligen Gatten Herrn Sigmund Trebitsch, für wohltätige Zwecke „ 1060.— Von Herrn Alfred Schwarz aus dem Nachlasse seiner Mutter, der seligen Frau Henriette Schwarz: Für den Frauen-Wohltätigkeitsverein, I., Seitenstettengasse 2 ....... L 200.— Für das israelitische Blindeninstitüt, Hohe Warte . . - - - -.„ 200.— Zur speziellen Verfügung des Herrn Oberrabbiners Dr. Güdemann für wohltätige Zwecke .... - - - - „150.— „ 550.— Von Herrn Ludwig Brettauer anläßlich der diesjährigen hohen Feiertage zur Verteilung an besonders Dürftige . „ 500.— Von Herrn Friedhofamtsleiter Wilhelm Freistadt und Friedhofsbeamten Herrn Heinrich Engel: Für die Chewra-Kadischa . . .... K 100.— Für die Armenanstalt . 100.— Für den Waisenverein .... . . . „ 100.— Für den Präsidialfonds für Armenunterstützungen -.100.— „ 400.— Von Herrn Moriz Edl. v. Kuffner anläßlich der diesjährigen hohen Feiertage für die Armen der Bezirke XVI und XVII . : . . . . -. „ 200.— Von Herrn Sigmund Mandl anläßlich der diesjährigen hohen Feiertage: Für die israelitische Armenanstalt ... X 50.— Für den Verein zur Beförderung der Handwerke unter den inländischen Israeliten . . „ 30.— Für das israelitische Blindeninstitut . - . „ 25.— Für das israelitische Taubstummeninstitut . „ 25.— Für den Verein zur Unterstützung und Versorgung hilfsbedürftiger Waisen. . . . . „ 50.— Für die israelitische Speiseanstalt - - . „ 20.— „ 200.— Von Herrn Sigmund Sorer für das israelitische Altersversorgungshaus . -.„ 160.— Von L. B. durch Herrn Dr. Alfred Berger zur Ausspeisung israelitischer Schulkinder in der Brigittenau . . . „ 140.— Von Herrn Emil Kallmann u. Co. anläßlich des Sterbetages der Frau Charlotte Kallmann zur Verteilung an verschämte Arme .... „ 100.— Von Herrn Präsidenten Dr. Alfred Stern für Arme...» 100.— Von Herrn Leopold Trebitsch für die Armenanstalt - . . „ 100.— Von „Anonymus" für die Armenanstalt.„ 60.—

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