Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-11-10 · 45 (10.11.1905) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
45 (10.11.1905)
Date
1905-11-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021602-3021648--14928-3039666
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 45 Dr. Mocb's MocbenscbrM. Seite 709 leute helfen bei den Brandlegungen. Polizei und Militär leisten keine Hilfe — den Juden. In Odessa wurden sämtliche jüdischen Geschäfte gestürmt, ausgeraubt, zerstört. Die Stadt gleicht einem Schlachtfeld. Die Zahl der verwundeten und ermordeten Juden zählt bereits hundertfünfzigtausend; das ist der russische Völkerfrühling, und so geht es in hundert anderen Städten. Europa erfährt diese Dinge, genießt die Sensationen der Greuelnachrichten zum Frühstückskaffee und zum nachmittägigen Schwarzen und wartet gespannt auf die Fortsetzungen, die vielleicht noch Aergeres zu berichten haben werden. Europa, der Kontinent der geläuterten Zivilisation, hat die Wehleidigkeit verlernt und die öffentliche Meinung hat sich das Mitleid abgewöhnt. Mit stumpfer Gleichgiltigkeit wird die Kunde der Schandtaten hingenommen, und es sind ausschließlich die jüdischen Herzen, in welchen die Scham brennt und der Gram wühlt, die entsetzliche Bitterkeit aufsteigt, der Zorn sich regt und das tiefe, tiefe Mitleiden. Das ist die vielgeschmähte jüdische Solidarität. Die Juden haben keinen Freund auf dem weiten Erdenrund; sie müssen sich allein Trost und Stütze, Freund und Helfer sein. Das ist der einzige Rückhalt, den sie haben. Keine Klage darob! Dieser Rückhalt macht sie stark. Er ließ sie zwei Jahrtausende der Verfolgung und Bedrückung überdauern, er wird ihnen auch weiterhin Kraft und Zuversicht leihen. Die Juden werden zu Hunderttausenden gemordet. Wie setzt man sie aber nun doch ins Unrecht? Wenn man derlei erfahren will, dann frage man nur bei edlen Antisemiten an. Es ist ja nicht leicht, alle notorische und beglaubigte Wahrheit einfach umzustülpen mit auch nur einiger Aussicht, dann doch noch gläubige Gemüter zu finden. Die bequemste Methode ist freilich nicht anwendbar. Die Tatsachen so umzulügen, daß einfach behauptet wird, die Juden hätten in Rußland eine großartige Christenverfolgung veranstaltet, hätten christliche Häuser und Läden geplündert und angezündet, hätten christliche Männer und Frauen, Greise und Kinder mißhandelt und grausam ermordet, das ging doch nicht an, weil selbst die willigsten und gläubigsten antisemitischen Gemüter da doch die Gefolgschaft versagt hätten. Es mußte anders gemacht werden. Beim edlen Vergani darf man anfragen, wie so etwas zu machen ist. Nach seinem hochedlen Organ verhält sich die Sache nämlich so: Die Plünderer und Mörder sind vollkommen unschuldig; sie haben nur das Vaterland beschützt und Väterchen Zaren Nikolaus gegen die Juden verteidigt. In Kiew beispielsweise. Man höre nur, wie das Organ Verganis die „Wahrheit" — die Anführungszeichen sind von Vergani — in Kiew sich berichten läßt: „Der jüdische Rechtsanwalt Rainer erschien am Balkon der Duma und redete zum Volke, das in dichten Reihen sich auf der Straße angesammelt hatte; er brachte dem Hause Romanow ein Pereat aus, beglückwünschte das befreite Judenvolk und gab der Hoffnung Ausdruck, daß bald die Zeit kommen werde, wo die „russischen Hunde" — (die „russischen Hunde" druckt Vergani fett) auswandern müßten, ganz wie in früheren Zeiten die „jüdischen Brüder". Zu dumm — nicht wahr? Aber offenbar noch immer nicht übermäßig dumm für ein antisemitisches Lesepublikum. Dann allerdings! Nun wird alles erklärlich. Das brave, zarentreue, russische Volk geriet in eine nur allzu berechtigte Aufregung, ging hin und ermordete die Juden. „Das Auftauchen der revolutionären Bande mit ihren roten Fahnen, ihren revolutionären Liedern und ihre Beschimpfung der Zarenbilder und die Brandrede Rainers, das alles entfacht in allen Klassen der russischen Bevölkerung eine schreckliche Wut." Die stilistischen Eigentümlichkeiten dieses Satzes halten wir einem Blatte zugute, dessen Hauptschriftleiter der bedeutende Schriftsteller E. Vergani ist. „Sie betrachtet die Juden als die Schuldigen und tatsächlich befanden sich in der Duma zum großen Teil nur Juden und Jüdinnen. Vollständig zerstört wurden die prächtigen Häuser und Komptoirs der jüdischen Millionäre Baron Ginzburg, Halperin, Brodski, Laizant. Die Polizei und das Militär waren nicht imstande, das Zerstörungswerk zu verhüten, da die Straßen dicht mit gaffenden Publikum überfüllt waren und das Einschreiten mit Waffen unschuldige Menschenopfer gefordert hätte." Besonders beachtenswert ist da die rührende Sorgfalt, mit welcher darauf geachtet wird, daß nur ja kein unschuldiges Menschenopfer gefordert werde, während eine viehisch besoffene Meute an der Arbeit ist, hunderte von schuldlosen Menschen zu ermorden. Besonders beachtenswert ist weiters die phänomenale Dummheit, die bei dem antisemitischen Publikum vorausgesetzt wird und die unumgänglich notwendig ist, um all die Albernheiten zu glauben, die einem jüdischen Rechtsanwalt in den Mund gelegt werden. Sonst ist doch die Dummheit das letzte, was die Antisemiten den Juden vorwerfen, und nun soll ein jüdischer Rechtsanwalt und Volksredner so daher geredet haben! Wir fürchten sehr, daß die Belastungsprobe der Gläubigkeit selbst eines antisemitischen Publikums hier doch eine zu schwere war. Immerhin mag es seinen Wert haben, einem antisemitischen Publikum solche Märchen zu erzählen. Denn wozu die rohe und ungebildete Masse, sofern sie nur ordentlich fanatifiert worden ist, gebracht werden kann, das zeigt sich zur Evidenz an den Untaten des russischen Pöbels. Wer weiß — wenn nur ordentlich gearbeitet wird — was bei uns noch zu erreichen ist. Der rote Schein in Rußland ist also vorläufig nicht der Abglanz des flammenden Morgenrotes der Freiheit, sondern der Widerschein des vergoffenen unschuldigen Blutes. Es gehört die volle Verblendung einer absterbenden Gewaltherrschaft dazu, darüber eine besondere Befriedigung zu empfinden. Es zeigt sich immer deutlicher, daß diese Herrschaft zu lange gezögert hat mit ihrer Kapitulation. Die Geschichte lehrt, daß Revolutionen mit verspäteten Konzessionen nicht mehr zu begegnen ist. Auch die große französische Revolution war so nicht auszuhalten. Das Ende kennt man. Der russische Hof nimmt die Judenmassakres nicht tragisch. Eine nicht allzuferne Zukunft dürfte zeigen, ob dieser Hof als solcher noch Gelegenheit haben wird, festzustellen, wo die Geister, die er rief, Halt machen werden. Professor Jodl über Professor Hermann Cohen. Professor Friedrich Jodl, der Ordinarius für Philosophie an der Wiener Universität, schließt eine Besprechung des Werkes von Prof. Hermann Cohen: „Die Ethik des reinen Willens" in der „Neuen Freien Presse", in welcher er dem Werke seine volle uneingeschränkte Anerkennung zuteil werden läßt, mit folgenden beherzigenswerten Bemerkungen: „Man kann sich leicht denken, wie auf einen so hochgestimmten Geist, der zugleich überzeugter Vertreter des Judentums ist, die in der Gegenwart so beliebten gehässigen Angriffe gegen das Judentum wirken. Unter dem Begriff der Ehre spricht Cohen zuerst von diesen Dingen, und dieser mächtige Affekt zittert in seinen Worten fühlbar nach. Für ihn handelt es sich bei diesen Angriffen nicht um die Ehre einer atavistischen Gemeinschaft, sondern um eine lebendige Volksgenoffenschaft, welche sich als echte Vertreterin eines sittlichen Ideals von hoher Bedeutung fühlt. Einem engeren Kreise in Wien ist der geistvolle Vortrag noch in Erinnerung, in welchem Cohen vor einigen Jahren seine Auffassung des jüdischen Prophetentums dargelegt hat. An diese Gedanken knüpft auch die vorliegende Arbeit mehrfach an. Die Propheten find es ihm, welche den Gedanken von der einstigen Einigung der Menschenwelt zuerst aussprechen. Dies ist ihm der wahre Sinn der messianischen Idee, und darauf beruht der Fortbestand des Judentums, sagen wir genauer, das ethische Recht seines historischen Fortbestehens, daß es den Staatenbund der Menschheit vorbereitet, daß es in der messianischen Idee die Menschheit vereinigt, daß eine Art von wahrhafter Allheit durch die geschichtliche Idee vertreten wird. Gewiß, das find nicht allgemeine Auffassungen des Judentums von heute, sondern nur Gedanken eines auserlesenen Kreises. Aber ist denn der Abstand dessen, was als Christentum im Munde und Herzen der Massen ist, von den vornehmsten Geistern der christlichen Welt so viel geringer? Und wenn man, nach einer heute beliebten Methode, das Judentum beurteilt und richtet durch Anführung von Sätzen oder Lehren, die im Mittel-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.