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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-11-10 · 45 (10.11.1905) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
45 (10.11.1905)
Date
1905-11-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite?08 Dr. Dlocb's Mocbenscbrttt. Nr. 45 und überall unser Recht fordern, dann werden wir dem deutschen Vaterlande und den deutschen Juden den größten und einen dauernden Dienst erweisen. Daß wir dazu berechtigt sind, deß sind wir gewiß, wenn wir uns an das laute und klare Kaiscrwort halten : Deutschland heißt Kultur, Freiheit für jeden in Religion sowohl wie in Gesinnung und Betätigung. Rechtsanwalt Dr. Auerbach (Frankfurt a. M.) behandelte ausführlich die Verhältniffe in Süddeutschland, die zwar dort etwas besser, aber auch keineswegs ideal seien. Die volle Gleichberechtigung, wie sie das Gesetz verlangt, ist auch dort noch nicht durchgedrungen. In Hessen gibt es allerdings in einer Reihe von Verwaltungszweigen eine vollständige Gleichberechtigung. so in technischen Fächern, an Schulen und Universitäten, im Subalterndienste. Doch versagt hat die Gleichberechtigung vollständig in der Justiz und in der allgemeinen Verwaltung. In Württemberg ist es etwas besser mit der Justiz, aber an den höheren Schulen gibt es keinen einzigen jüdischen Lehrer. Ir. Bayern ist die Gleichberechtigung in sehr vielen Verwaltungszweigen, vor allem auch in der Justiz ziemlich durchgeführt, wenn auch in gewissem prozentualen Verhältnis. Aber in den leitenden Stellungen gibt es keine Juden. Auch das Großherzogtmn Baden versagt bei der Besetzung der leitenden Stellen. Der Einfluß der norddeutschen Bureaukratie gewinnt in Süddeutschland immer mehr an Boden. Der deutlichste Beweis dafür ist die Zurücksetzung im Militärwesen. Wenn wir die Tatsachen betrachten, die die staatliche mißliche Lage der Juden in Deutschland ergibt, so verdichtet sich die Berichterstattung zur wuchtigen Anklage, erhoben im Namen des Gesetzes und der Menschlichkeit. Diese Anklage muß in uns peinliche Empfindungen auslösen, einerseits wegen der sittlichen Verwerflichkeit dessen, was wir anklagen, und anderseits, weil uns das Gefühl der Scham überkommt in Bezug auf die Begründung, die für die Versorgung unserer Rechte gegeben wird, weil diese Begründung unwahrhaftig und unstichhältig ist. Man stützt sich auf die Volksstimmung und ihr zuliebe will man die Zahl der jüdischen Beamten nicht vermehren. Wenn der Staat davon Nutzen zieht, daß die jüdischen Geisteskräfte als außerordentliche Professoren, als Honorarprofessoren die Jugend lehren, daß technische Unterbeamte in großer Zahl tätig sind, ohne in die leitenden Stellen zu kommen, und beim Militär die Juden nur die unteren Chargen besetzen dürfen, so liegt darin eine Ausbeutung des geistigen Kapitals, das Deutsche jüdischen Glaubens in sich tragen, und gegen diese Ausbeutung kann nicht genügend Front gemacht werden. Im Interesse des Judentums und des Staates ist auch die Taufe und die verderbliche Wirkung, welche dieselbe nach sich zieht, zu beklagen. Nicht nur die religiöse Gemeinschaft wird gesprengt, sondern auch die Unwahrhastigkeit hiedurch gefördert. In Tausenden von Familien wird durch die Taufe innerer Zwiespalt erregt, der ungeahnte verderbliche Folgen für den Staat hat, der sich auf die Familien zu stützen hat. Wenn wir anderseits uns die Frage vorlegen, ob wir nicht in den Jahren, seitdem die Emanzipation zur papierenen Kat geworden ist, auch diese verdient haben, so können wir auf das Ausland und zum Glück auch auf manches im Vaterland verweisen, daß die Juden in höheren Stellungen sich glänzend bewährt und befähigt gezeigt haben. Männer jüdischen Glaubens haben vereint mit christlichen Volksgenoffen der deutschen Kultur zum Siege verholfen. In Kunst und Wissenschaft, in Handel und Industrie haben sich die Juden sehr hervorgetan, auf den Schlachtfeldern haben sie dem deutschen Namen Ehre gemacht, und es waren auch Juden, die, von ihren christlichen Volksgenossen gewählt, mitgeschmiedet haben die rechte Form der deutschen Einheit. Dieser Blick auf die Vergangenheit muß uns stärken für die Zukunft und uns den Weg weisen. Unser Kampf muß vor allem sein der Kampf für unser Recht. Er muß liegen in der geistigen Mitarbeit an allem, was das deutsche Volk bewegt, aber neben der stillen Arbeit haben wir laut und offen unsere Rechte zu betonen und zu verlangen von jenen, die sie uns versagen. Wir betteln nicht mehr um Gnade, sondern unser Ruf nach unseren Rechten ergeht an diejenigen, die beschworen haben, die Verfassung zu achten und gewissenhaft zu beachten. Dieser Ruf kann nicht verhallen, weil er der Empörung und Entrüstung entstammt derer, die ihre Pflicht erfüllt haben und in ihren Rechten gkränkt sind." Auch diese beiden Referate, deren erstes wegen der mühevollen und sorgsamen Sichtung des umfassenden Materiales besondere Anerkennung verdient, wurden seitens der Versammlung mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Der Ausschuß brachte auch zu diesem Punkte eine Resolution ein, die folgenden Wortlaut hat: „Verfassung und Gesetz gewährleisten die Gleichberechtigung aller Deutschen ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses. Gleichwohl findet bei der Besetzung öffentlicher Aemter fast überall eine Zurücksetzung oder Ausschließung von Personen jüdischen Glaubens statt. Die Zurücksetzung entfällt in der Regel, sobald der Uebertritt zum Christentum vollzogen ist. Dieses Verfahren enthält eine Verletzung des bestehenden Rechtes. Es verstößt gegen die Gerechtigkeit, denn es schafft Ungleichheit der Rechte bei gleichen Pflichten. Es bedeutet eine sittliche Gefahr, weil von staatswegen der aus äußerlichen Gründen vorgenommene Religionswechsel gefördert wird. Es widerstreitet dem Staatsinteresse, weil Kräfte ausgeschaltet werden, die dem Staate Ersprießliches zu leisten gewillt und befähigt sind. Der Verband der deutschen Juden legt gegen diese festgesetzte Rechtsverkümmerung Verwahrung ein und beauftragt den Ausschuß, alle Maßnahmen zu ergreifen, die zur Beseitigung dieses Zustandes geeignet sein können. Die deutschen Juden hegen zu ihren rechtlich denkenden Mitbürgern das Vertrauen, daß sie ihnen im Kampfe für ihr Recht die Unterstützung nicht versagen werden." Vom Jahrmarkt des Lebens. Gloffcn zur Tagesgeschichte. Es ist die weltgeschichtliche Tragikomödie der menschlichen Dummheit, die sich jetzt in Rußland abspielt. Dummheit ist vielleicht ein zu milder Ausdruck, aber erstlich einmal ist Dummheit überhaupt inkommensurabel und es entzieht sich aller Schätzung normaler Vernunft, wohin sie schließlich geraten und wie weit sie ausarten kann, und zweitens ist nirgends gesagt, daß Dummheit gutmütig sein müsse. Sie kann Dummheit bleiben und verliert von ihrer Wesenheit nichts, auch wenn sie bösartig wird und ruchlos. Das. russische Volk erhält nach unsäglicher Unterdrückung eine Verfassung, etwas wie eine Freiheit. Es tagt; glorreiche Morgenröte nach endlos langer qualvoller Nacht — sollte man meinen. Die Juden haben Anteil an der neuen, der großen Errungenschaft. Sie haben sie miterkämpft, mit ihrem Blute miterkämpft. Das weiß die Welt und gerade die grimmigsten und erbarmungslosesten Feinde der Juden werden nicht müde, ihren Anteil an diesem endlichen Siege der Vernunft und Menschlichkeit grell zu beleuchten und zu beweisen. Nicht für sich allein haben die Juden gekämpft, gelitten, geblutet, sondern für die große, ganze, ungeheure Masse des russischen Volkes. Und das russische Volk? Es benützt die ersten Stunden und Tage der glorreichen Errungenschaft, um die Juden zu erschlagen. Jede Stunde bringt neue Hiobsposten. Die Phantasie erlahmt und wie gebrochen sinken ihre Flügel bei dem Versuche, all die Scheußlichkeiten sich zu vergegenwärtigen, die menschliche Niedertracht da in betäubender Fülle begeht. In Riga wird das jüdische Armenasyl von einer blutgierigen Menge demoliert. Immer dasselbe. Die Brutalität ist nicht nur grausam, sie ist feig. Sie sucht sich die Armen, die Schwachen, die Wehrlosen heraus. In Kiew decken die Leiber hunderter von Toten und Verwundeten das Pflaster der Stadt. Es sind durchwegs die Leiber mißhandelter und getöteter Juden. Von Kischenew wird gemeldet: Das jüdische Viertel gleicht einem Friedhofe; besonders groß ist die Zahl der getöteten Kinder. In Jsmailia in Beffarabien wurden die Häuser der Juden angezündet, die Habe der Juden geraubt, sie selbst massakriert. Betrunkene Feuerwehr-

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