Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 44 (3.11.1905)
- Date
- 1905-11-03
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021602-3021647--14921-3039658- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 44 Bi JSiocb a Mwcvenscdrin. Seite 703 Wissend, daß Zuspruch bei der fast Sinnesberaubten nichts fruchten würde; die Frauen jedoch versuchten allerdings, sie zu beruhigen, da es ihnen aber nicht gelang, bewachten sie die Unglückliche wenigstens, damit sie in ihrem maßlosen Schmerze sich nicht ein Leid zufüge. Die arme Frau war die Mutter des Josel Abramowicz Selski. Wahrend dieser Vorgänge aus der Straße waltete die Kommission im Innern der Duma weiter ihres Amtes; da jedoch der Lärm die Kommissionsmitglieder zu sehr belästigte, erteilte der Major den Befehl, die Volksmenge zurückzudrängen, was auch geschah. Dabei sprach der Major zu den übrigen Kommissionsmitgliedern: „Die verdammten Juden schreien am lautesten. Weiß der Teufel, woher das kommt, daß sie solche starke Lungen haben!" Der Bürgermeister der Stadt, der ebenfalls am Kommissionstisch seinen Platz hatte und der die Juden nicht haßte, sagte: „Die Juden schreien deshalb so laut, weil man ihnen am wehesten tut. Selski hätte ich nicht assentiert!" Der Major warf dem Sprecher einen wütenden Blick zu, erwiderte aber nichts. Die Sache war abgetan. Nicht lange darauf wurden die Neuausgehobenen nach dem Kriegsschauplatz geschickt. Josel Abramowicz Selski war ebenfalls unter ihnen. Mit der Mutter des Selski wurde es nun schlimmer und schlimmer; sie konnte sich von dem Schlag, der sie bei der Assentierung ihres Sohnes getroffen, nie mehr erholen; sie war und blieb geistesgestört. Die arme Frau kümmerte sich nicht mehr um ihren Haushalt, sondern saß tagsüber auf einem Platz und murmelte etwas vor sich hin. Horchte man, so konnte man deutlich die Worte unterscheiden: „Nein, es gibt keinen Gott! Sie haben mir meinen Sohn, meinen einzigen Trost geraubt!" Die Nachbarn brachten ihr zu essen; die Arme nahm nur sehr wenig zu sich, weshalb sie ganz Herunterkarn. So vergingen zehn« Monate. Da kehrte eine große Zahl Verwundeter in die Heimat zurück, unter ihnen war auch Josel Abramowicz Selski. Er war äußerlich ganz unversehrt geblieben, auch hatte ihn keine feindliche Kugel getroffen und doch war er mehr Krüppel als all diejenigen, die in die Heimat zurückgeschickt worden sind. Der Schreck hatte ihn zum ewigen Krüppel gemacht. Eine Kartätsche war neben ihm niedergegangen und der Schrecken darob hatte ihm die Sprache und den Verstand geraubt. Sp wurde er zu Muttern, zur gleichfalls geisteskranken Frau gebracht. Mit dieser ging aber eine große Veränderung vor. Zwar scheint ihr Geist noch immer umnachtet zu sein, allein sie stöhnt nicht mehr so schmerzlich, auch drückt ihr Antlitz nicht mehr den herzzerreißenden Kummer aus, sondern ihre Züge verraten vielmehr Glück und Zufriedenheit — sie hält den ganzen Tag über den Kopf ihres blöden Sohnes auf dem Schoß und ruft jedem zu: „Ja, es gibt doch einen Gott! Er hat mir meinen Sohn zurückgegeben!" , Wer vermag das Herz einer Mutter zu ergründen? Diese Freude der kranken Frau tut jedem empfänglichen Gemüt weher noch als ihr früherer Kummer. Und doch gibt es einen Gott! Neue Bücher. „Im Tale Saron." Gedichte jüdisch-religiösen Inhalts, sowie hebräische Gebete, Lieder, Sprüche und Bibelstücke in fteier poetischer Uebertragung von Max H e r s ch e l, Preis, elegant gebunden, 5 Mark. Der Verfasser hat mit nicht gewöhnlicher poetisch-r Kraft und mit feinem Geschmack aus der heiligen Schrift und aus dem Gebetbuch das Beste und Schönste mitgeteilt und in freier Uebertragung, die sich aber doch dem Wortsinn verständnisvoll anschmiegt, wiedergegeben. Viele Uebertragungen machen den Eindruck von Originalen, alle aber sind erfüllt von poetischem Geiste. Ein besonderes Verdienst hat sich der Verfasser dadurch erworben, daß er die großen Gedanken unserer Alten dem Empfinden der modernen Generation näher bringt. Möge das Buch überall Eingang finden, wo Sinn und Verständnis für unsere erhabene Tradition lebendig ist. Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden. Herausgegeben vom Bureau für Statistik der Juden, Berlin-Halensee, Westfälische Straße 46. Redaktion: Dr. Arthur R up Pin. I. Jahrgang. Heft 10. Oktober 1905. Inhalt:!. Abhandlungen. 1. B. G o l d b e r g, Wilna: Die Juden unter der städtischen Bevölkerung Rußlands. 2. Doktor A r thur R u p p i n, Berlin: Die Tätigkeit der Jewish Colonization Association. 6. Dr. Leo S o f e r, Wien: Ueber die Entmischung der Rassen. 4. Austritte aus dem Judentum und Uebertritte zum Judentum im Jahre 1903 in Deutschland. II. S t a t i st i s ch e s Archiv. Häufigkeit einiger jüdischer Namen. — Mischehen in Ungarn im Jahre 1903. — Die Juden in Egypten. — Frequenz der höheren Knabenschulen in der Bukowina. — Schulbildung in Viktoria (Australien.) III. Literatur. Dr. A. E ck st ein: Der Kampf der Juden um ihre Emanzipation in Bayern. Eingesendet. NI. Fried!änder. Die religiösen Bewegungen innerhalb d e s I u d e n t u m s i m Zeitalter Jesu. Preis Mk. 7.—. Verlag von Georg Reimer in B e r l i n, 1905. A. Marmor stein. Studien zum Pseudo- Jonathan T a r g u m. I. Das Targum und die Apokryphe Literatur. Preßburg 1905. Briefkasten. X.?). 3 Im Hinblicke auf Frankreichs Bestrebungen in Marokko erachtet cs das „Frankfurter Familienblatt" für zeitgemäß, daran zu erinnern, auf welche Welle Frankreich in den Besitz von Algier gekommen ist. Unter Kart X. war der algerische Jude Jakob Kohn-Bakri französischer Konsul in Algier. Als solcher batte er nnt dem Dey wegen einer Forderung der französischen Negierung zu unterhandeln. Bakri, welcher bei dem Tey persönlich vor'prc.ch, geriet mit diesem in einen Wortstreit. In der Hitze des Stre'tcs gab der Dey dem Konsul eine Ohrfeige. Die französische Negierung erblickte darin eine Beschimpfung Frankreichs und sandte ein Heer nach Algier, welches Stadt und Land eroberte und den Tey vertrieb. Es war das am 5. Juli 1830. Seitdem datiert die Herrschaft Frankreichs über Algier. Jakob Kohn-Bakri, dessen Ohrfeige Frankreich die große afrikanische Provinz Algier einbrachte und zur Begründung seiner Herrschaft in Nordafrika verhalf, starb, von Gläubigern gedrängt, am 23. November 1836 in Paris, während Spanien ihm 35 Millionen schuldete. K. L. „Die Christen nennen alles, was sie Gutes am Judentum und an den Jaden finden, christlich", sagte schon B. Auerbach in „Dichter und Kaufmann", Kap. 18. F R., Warschau. Die Kandidatur Sokolows, Redakteur der hebräischen Tageszeitung Hazefirah, zur Reichsduma ui Warschau findet die kräftige Unterstützung der polnischen Fortschrittspartei. Damit dürfte die Wahl dieses jüdischen Journalisten gesichert sein. Stud., Lüttich. Der rasch berühmt gewordene junge Bildhauer Raum Aronson, ein Schüler der St. Petersburger Arademie der Künste, hat auf der Ausstellung die große goldene Medaille erhalten. Seine ausgestellten Werke erregten die allgemeine Aufmerksamkeit, so daß er von dem Beethoven-Denkmalkomitee den Auftrag erhalten hat. seinen Entwurf zum Beethoven-Denkmal für das Beethoven-Mnseum plastisch auszuführen. Aufruf. Rascher als sonst ist Heuer die rauhe Witterung ins Land gekommen und umso bitterer empfinden den Mangel einer wärmenden Hülle aus dem Wege zur Schule die armen Schulkinder. Die Fälle, in denen wegen schlechter Schuhe Kinder die Schule meiden, gehören leider in unserem Bezirke nicht zu den Seltenheiten, und daß ungenügende Kleider bei ohnedies nicht gut genährten Kindern leicht verschiedene Krankheiten herbeiführen, ist eine unumstößliche Tatsache. Zwar ist es vor allein Elternpslicht, ihre Kinder gegen jegliche Unbill des Wetters zu schützen; aber — abgesehen von den unglücklichen Waisen — sind bei den schlechten Zeiten und bei der großen Teuerung viele Eltern in unserem notorischen Elendsbezirke bei bestem Willen leider nicht in der Lage, diese ihre Pflicht zu erfüllen. So kommt es, daß mehr als 500 arme Schulkinder in der Brigittenau guter Kleider