Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 44 (3.11.1905)
- Date
- 1905-11-03
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Süte 702 Dr. Dlocv's MocvenscvrM. Nr. 44 -Was Wunder auch! Wußten doch die Armen, daß sie gleich nach der Assentierung nach dem Kriegsschauplätze geschickt würden, und daß die japanischen Kugeln gut und sicher treffen, war ihnen allen bekannt. Die Volksmenge, die sich um die Stadtduma angesammelt hatte, war ein Gemisch von Bürgern, Bürgerinnen, vornehmen Herren und Damen, Bauern und Bäuerinnen, Juden und Jüdinnen. Sie alle standen dichtgedrängt nebeneinander und jeder debattierte mit dem, der gerade sein Nachbar war, und erzählte ihm offenherzig sein Leid, ohne erst zu prüfen, ob er auch seinesgleichen war. Der allgemeine Kummer hatte sie alle sich näher gebracht und der Schmerz, der sie alle gleich erfüllte, vereinte sie auch für eine Weile: in diesem Augenblicke kannten sie weder Standes-, noch Rassen-, noch Religionsunterfchiede. Vor der Majestät ihres Kummers fühlten sie sich alle gleich und so sah man manchen stolzen Bürger mit seinem ärmlich gekleideten jüdischen Nachbar seine Gedanken und wohl auch seine Klagen austauschen, wie nicht weniger mancher vornehme Herr oder manche Dame keinen Anstand nahm, einem Bauern oder einer Bäuerin das Leid zu klagen. Während so die Angehörigen der Stellungspflichtigen, beziehungsweise der einberufenen Ersatzrcservisten die Dumastraße und die angrenzenden Straßen füllten, waren diese selbst im Hofe der Duma versammelt und konnten in Folge Ueberfüllung des Hofraumes kaum atmen. So empfand es mancher im Hofe Harrender als eine Erlösung, wenn sein Name gerufen und er endlich in die inneren Räume des Hauses treten durfte. Er atmete da auf. Leider verging ihm der Atem bald wieder, sobald er vor die Assentkommission geführt wurde, denn die Roheit der Assentkommissions-Mitglieder verletzte die armen Leute, die fast dem sicheren Tode geweiht waren, besonders. Allerdings war die Aufgebrachtheit der Kommissionsmitglieder bis zu einem gewissen Grade sehr gerechtfertigt, denn die Vorgerufenen wiesen Verstümmelungen auf, welchen anzusehen war, daß sie absichtlich beigebracht worden waren. So sah man junge Bauern mit abgeschnittenen Ohren, zerschnittenen Sehnen an den Füßen und ähnlichen körperlichen Verunstaltungen. Allein es wäre doch für die Aermsten Strafe genug, daß man sie trotz der Verstümmelung assentiert hätte; damit aber begnügten sich die Mitglieder der Kommission nicht, wiewohl auch bezüglich ihrer gemunkelt wurde, daß sie, um nicht nach dem Kriegsschauplätze gehen zu müssen, manches Leiden simuliert oder auch sonst unlautere Mittel angewcndet hätten — sie begnügten sich also damit nicht, sondern verhöhnten die Unglücklichen in der rohesten Weise. „Du, Freund," sagte der Major zu einem Rekruten, dem das rechte Ohr fehlte, „Du brauchst Dich jetzt vor dem Krieg nicht zu fürchten, Du wirst den Kanonendonner überhaupt nicht hören." Einen anderen, der eine Sehne des Fußes durchschnitten hatte und nicht ordentlich gehen konnte, höhnte er mit folgenden Worten: „Dich wird man zur Reiterei geben, so wird Dir das Gehen erspart bleiben. Du könntest aber in Folge vielen Sitzens fettleibig werden; schadet übrigens auch nicht, wenigstens werden die Raben, wenn eine Kugel Dein feiges Herz durchbohrt, ein ordentliches Mahl haben." Unter ähnlichen Scherzen und Reden ging es immer fort und fort; die jungen Männer wurden gerufen und abgestellt, ohne daß die Unglücklichen recht wußten, was mit ihnen vorgehe — sie alle waren wie betäubt und ließen alles mechanisch über sich ergehen. Daß sie assentiert sind, wurde den meisten erst dadurch zum Bewußtsein gebracht, daß man ihnen, gleich nachdem sie aus dem Assentlokal geführt worden waren, die Köpfe ganz glatt schor. Besonders geistesabwesend und niedergeschlagen schien ein junger, schmächtiger Bursche von ungefähr achtzehn Jahren zu sein; wiewohl sein Name schon wiederholt gerufen worden war. gab er noch immer keine Antwort. Die starke Stimme des Feldwebels erdröhnte fast, als er, im Hofraume stehend, den Namen Josel Abramowicz Selski rief. Endlich stieß ein Bekannter den Burschen an und bedeutete ihn, daß er gemeint sei; jetzt erst meldete er sich mit einer Stimme, die im Gegensätze zu der Stimme des Feldwebels wie ein Kinderstimmchen erklang — Josel Abramowicz Selski wurde in den Assentsaal geführt, entkleidet und vor die Kommission gestellt. Da das spindeldürre Bürschchen entkleidet vor den Offizieren stand, regte sich etwas wie Mitleid im Herzen des Militärarztes und stumm deutete er mit einer Handbewegung nach dem Armen; offenbar wollte er damit sagen,- daß dieses Bürschchen denn doch etwas zu schwächlich sei, um assentiert werden zu können. Der Hauptmann jedoch erwiderte auf diesen stillen Einwand des Arztes laut: „Ach was, zum Kartoffelschaben wird er auch gut |citt! Es ist übrigens schade, kräftige Männer in der Küche zu verwenden, so nehmen wir auch schwächere an, damit die starken Männer dem Kriegsdienst nicht entzogen zu werden brauchen." Der Major lachte bei diesen Worten roh auf. „Na, weißt Du, Hauptmann, das gibst Du aber gut! Den Juden möchtest Du in die Küche stecken!? Der würde Dir ja sämmtliches Schweinefleisch verzehren. — Nein, für die Küche braucht man solche Individuen nicht; aber als Kanonenfutter oder aber um einen Graben auszufüllen, kann man solche Schmutzfinke noch immer brauchen. — Also assentiert! Josel Abramowicz Selski wurde abgeführt, geschoren und zu den anderen Rekruten hineingestoßen. Da der Raum, in dem die Rekruten sich befanden, schon stark überfüllt war, befahl der Major, sie in die Kaserne abzuführen, um für die noch zu Assentierenden Platz zu schaffen. Das Tor wurde geöffnet und unter militärischer Bewachung traten die Rekruten aus der Duma auf die Straße, um dem Befehle gemäß in die Kaserne geleitet zu werden. Als die draußen harrende Menge der jungen Männer mit den geschorenen Köpfen, dem Zeichen ihrer Assentierung, ansichtig wurde, brach sie in Weinen, Klagen und Schluchzen aus. Es weinten und jammerten nicht nur die Angehörigen der Rekruten, nicht nur Väter, Mütter, Frauen, Bräute, Geschwister, sonstige Verwandte, ja sogar Kinder der soeben assentierten Männer, sondern auch wildfremde Leute mengten ihre lauten Klagen mit den Schmerzensschreien und den Schmerzensrufen der Angehörigen, ein Anblick, der Steine hätte erbarmen müssen. Die Menge wollte die Rekruten zurückhalten, denn in ihrer Aufregung wußte sie nicht, was sie wollte und was sie tat, allein das Militär schritt energisch ein und die Rekruten, von allen noch die gefaßtesten, konnten den Weg zur Kaserne einschlagen. Am lautesten schrie und jammerte eine ärmlich gekleidete Jüdin. Ihre Verzweiflungsrufe drangen durch Mark und Bein und trotz der allgemeinen Verwirrung und Erregung wurde die arme Frau von der Menge bemerkt. Vor dem größeren Schmerz dieses Weibes trat der eigene Kummer etwas zurück, die Leute hielten in ihren Klagen inne und horchten auf den Verzweiflungsausbruch der Jüdin. „Nein", schrie sie, die Hände gen Himmel erhebend, „nein, es gibt keinen Gott, sonst hätte er es nicht geschehen lassen! Drei Söhne hatte ich; zwei sind im Kriege bereits gefallen, mein einziger Trost war der dritte, mein Josele. Nun haben sie ihn ebenfalls genommen, wo bleibt Gott? , Ja, ich frage euch wo ist Gott? Habe ich etwa nicht mein Lebenlang an ihn ge, glaubt, habe ich nicht zu ihm immer gebetet? Warum läßt es mein einziges Kind mir nehmen? Warum, warum? Nein, ergibt eben keinen Gott! . ." Bei diesen gotteslästerlichen Worten der armen Frau entblößte mancher gläubige Christ das Haupt und bekreuzte sich und mancher Jude richtete den Blick nach oben und murmelte das Sch'ma (das Glaubensbekenntnis der Juden), niemand aber wagte es, die Arme zurechtzuweisen. Es fühlte eben jeder mit der unglücklichen Mutter und wußte auch, was in ihrem Herzett Vorgehen mußte. Die Männer verhielten sich daher ganz ruhig,