Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 44 (3.11.1905)
- Date
- 1905-11-03
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 44 Dr. Llocb's linge in dieser Saison eine geringere gewesen. Während in den Vorjahren die Anstalt 115—120 Kinder beherbergte, haben diesmal nur r<4 Kinder Aufnahme gefunden. Bei allen Kindern war ein durchaus günstiger Heilerfolg zu verzeichnen. Die Gewichtszunahme der Kinder betrug durchschnittlich 3 bis 7 Pfund. Die segensreiche Anstalt, die auch in dieser schweren, sorgenvollen Zeit sich glänzend bewährt hat, wird durch milde Beiträge erhalten und ist der Förderung edler Menschenfreunde würdig. Nähere Auskunft erteilt der Vorsitzende Rabbiner Dr. Wilhelm M ü n z in G l e i w i tz. Galgücz. (Todesfall.) In der Nacht vom 27. auf den 28. v. M. verschied hier nach kurzem Leiden, eine der würdigsten und hochverehrtesten Frauen unserer Stadt, die Gattin des Direktors der Kreditanstalt und des Chefs des altbewährten Großhandlungshauses Herrn M. Leop. Eisler, Frau Lina Eisler, geb. B u ß t i n. Die Verblichene, von seltener, bescheidener Herzensgüte, übte in reichlichem Maße offene und geheime Wohltätigkeit, war Kontrollorin des hier schon feit mehr als einem halben Jahrhundert segensreich wirkenden israelitischen, wohltätigen Frauenvereines und bandelte während ihres ganzen Lebens im Sinne und im Geiste der jüdischen Religion. Die allgemeine Verehrung, welche die Hingeschiedene sich erworben, zeigte sich in der außerordentlich großen Teilnahme bei dem Leichenbegängnis. Allgemeine Rührung erweckten die Trauerreden, welche Herr Oberrabbiner Josef Rosenfeld, die Herren Edmund Eisler (Tyrnau), Bernhard Deutsch und Anton Eisler über die teuere Tote hielten. Bern. Nach einem Vortrag des Herrn D. Jochelmann, Direktionsmitglied der Jto, wurde hier ein „Verein J.-T.-O." gegründet. In den Vorstand des neuen Vereins wurden gewählt: D. Jochelmann (Präses), N. Schärf, C. Feldstein, S. Büchler und L. Friedmann. Stuttgart. Das von dem bekannten Spezialarzt für Lungenkrankheiten Dr. Hettinger vor einigen Jahren errichtete Sanatorium in Nordrach (Schwarzwald) geht am 1. November in den Besitz der Rothschild-Stiftung in Frankfurt a. M. über. Laut Stiftungsbestimmung soll die Anstalt (wie die von der gleichen Stiftung im Bad Soden am Taunus bereits errichtete) zur Aufnahme und Behandlung von Lungenkranken mosaischen Bekenntnisses dienen. Berlin. Zu seinem 86. Geburtstage ist Herr Sanitätsrat Dr. S. Neumann zum Ehrenmitglied der „Gesellschaft für soziale Medizin, Hygiene und Medizinalstatistik" ernannt worden. In der von den Herren Regierungsrat Professor Dr. Mayer, Vorsitzenden, und Dr. R. Lennhoff, Schriftführer der Gesellschaft, überbrachten Ehrenurkunde werden die Verdienste des greisen Gelehrten um die soziale Medizin in Deutschland, zu deren Begründern er gehört, und um die Statistik rühmend hervorgehoben, sodann die wichtigsten Schriften desselben genannt und auf die anerkennenden Worte verwiesen, welche Richard Boekh Neumann's Arbeit über die Statistik der Stadt Berlin widmet. Konstantinopel. Der hiesige israelitische Schneidergesellenverein hat sich in der zue F6lek, Galata, eine eigene Synagoge erbauen lassen. Die Einweihung derselben fand in folgender Weise statt. Die Einweihung nahmen Se. Eminenz der Chacham Baschi (Großrabbiner der Türkei) und Rabbiner Dr. Markus vor. Anwesend waren der Vertreter des Kultusministers, solche der Stadtverwaltung, der anderen jüdischen Gemeinden, der englischen Kirche; der Advokat M. Schoenmann begrüßte die hohen Gäste in türkischer Sprache. Der Großrabbiner zündete darauf das Ner tamid an, die Weihepredigt hielt Dr. Markus, der ein Gebet für den Sultan vor dem Araum Hakaudesch folgte. Der Chor „Lsen 86Üeorim roseboebsm" beendete die Feier. Die erheblichen Kosten für den Bauplatz und den Bau haben die jüdischen Schneidergesellen selbst aufgebracht, was hohe Anerkennung verdient. Vorstand der Gemeinde ist Herr M. Schoenmann. Mögen recht viele Glaubensgenossen täglich in diesem neuen Gotteshause beten. Es gereiche der Gemeinde zur Ehre, Gott zum Ruhme. Witte über die Judenfrage. Aus Petersburg wird gemeldet: Graf Witte empfing den Rechtsanwalt Adler, einen Verwandten des Londoner Oberrabbiners, und den Redakteur Sokolow. Witte gab offen zu, daß das Land sehr korrupt sei, man könne jedoch nicht mit einem Schlage die Korruption heilen. Die Portsmouther Verhandlungen MocbenscbrM. Seite 701 seien leichter gewesen, als die Verhandlungen, die er jetzt zu Hause durchzuführen habe. Was die jüdische Frage anbetrifft, so sei man allgemein darüber einig, daß die Ausnahmsstellung der Juden verschwinden müsse. Auf die Bemerkung Sokolows, daß die Duma den Juden volle Freiheit gewähren würde, bemerkte Witte, daß auch er dieser Gewährung zustimmen werde, da er zugeben müsse, daß die Juden gute Patrioten seien. Eine Folge dieser Freiheitsgewährung würde auch die Rückkehr der emigrierten russischen Juden sein. Feuilleton. Eine traurige Geschichte aus dem russischjapanischen Kriege. Von Dr. I. Rabbi nowicz (Mährisch-Weißkirchen). Fast möchte man meinen, daß die Ueberschrift dieser Zeilen ein Pleonasmus sei, denn jeder Krieg ist ja traurig und der russisch-japanische doch nur umsomehr, als er von besonderen Schrecken begleitet war und das Opfer einer außerordentlich großen Zahl von Menschenleben gekostet hat. Wozu also, muß man fragen, soll ausdrücklich hervorgehoben werden, daß die zu schildernde Begebenheit aus dem Kriege „eine traurige Geschichte" wäre? Eine solche Ueberschrift muß übrigens auch den Eindruck Hervorrufen, daß die Schilderung grau in grau sei, was doch gewöhnlich ein Fehler ist, da in solchem Falle die Farben gar nicht oder nur wenig sich abheben. Nun, mit unserer Begebenheit verhält es sich ganz anders. Das Grau dieser „traurigen Geschichte" ist derart grau, daß es selbst von dem grauen Untergrund des Krieges noch immer abstechen dürfte — es gibt eben Farben, die noch grauer als grau find. Im fernen Osten war neuerdings eine Schlacht geschlagen worden und die Russen waren es, die sie verloren hatten. In der ganzen zivilisierten Welt war der Ausgang der Schlacht bekannt und jeder wußte ihre schauderhaften Einzelheiten zu erzählen, nur in Rußland selbst kannte niemand den Ausgang und Verlauf des Treffens. Die offiziösen Berichte suchten eben die Wahrheit zu verhüllen, um einerseits das Volk nicht noch mehr, als es dies schon war, zu entmutigen und andererseits, um deffen Respekt vor der Staatsgewalt nicht zu untergraben. Das Volk ließ sich aber nicht täuschen. Es ahnte instinktiv die auf dem Kriegsschauplätze hereingebrochene Katastrophe und ihm bangte schon von vornherein vor den Dingen, die da kommen mußten. Das Volk sah deutlich, daß es noch andere, größere Opfer dem Moloch des Krieges werde bringen müssen und nur zu bald gingen diese Befürchtungen auch in Erfüllung. Nach der in Rede stehenden verlorenen Schlacht herrschte eines Tages in einer größeren Stadt in Russisch-Polen Schrecken und Verwirrung und vor allem eine sehr lebhafte Bewegung. Tausende von Menschen füllten die Straßen. Viele von ihnen liefen ganz ziel- und planlos hin und her, so die Verwirrung immer noch größer gestaltend. Die einen machten den Eindruck, als ob sie den Kopf verloren hätten, während die anderen fürchten mochten, denselben über kurz oder lang im buchstäblichen Sinne des Wortes verlieren zu müffen. Der Hauptstrom der Menschenmassen wälzte sich nach der Straße, in der die Stadtduma stand. Diese war im Nu von Tausenden umlagert; denn dort wurde über das Schicksal, ja über Leben und Tod aller jener entschieden, die noch zur Not die Waffen hätten tragen können — in der Duma befand sich die Assentkommisfion. Die eigenartige Bezeichnung für tauglich im Russischen klang an jenem Tage wie ein Todesurteil jedem in die Ohren.