Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 44 (3.11.1905)
- Date
- 1905-11-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 44 , •-*** MAinaK».-^ i «LxMjKSEEMIWW^ Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite ss? sondern auch zu Dutzenden an die Großpächter auf dem Lande gerichtet hat, an Leute wie Fischer, Costiner, Inster, Bermann, Gutmann, Krasusselsky und hundert andere, deren Kulturen in der nördlichen Moldau mehrere Millionen Francs repräsentieren. Er verweigert ferner auch den angesehensten Juden in Botosani, die sich ins Ausland begeben wollen, die Pässe. So wurde letztens dem reichen, achtzigjährigen Schneyer der Reisepaß verweigert, weil er keinen Ausweis darüber vorgelegt habe, daß er dem Militärgesetz genügt hätte! Aber es ist unmöglich, alle Aeußerungen eines überspannten Machtbewußtseins aufzuzählen, durch die sich Herr Vasescu seit dem Regierungsantritt seiner Freunde hervorgetan hat. Auf Bitten mehrerer Glaubensgenossen, die ich in Botosani sprach, teile ich nur noch folgende Tatsachen mit: 1. Herr S. Brief aus Costesti hatte das Recht zum Aufenthalt in dieser Gemeinde von der Zentralverwaltung selbst erlangt. Der Präfekt Vasescu annulliert diese Erlaubnis entgegen dem Geist und dem Buchstaben des Gesetzes, das allein dem Richter Vollmacht hierzu gibt. 2. Eine Witwe, seit 40 Jahren Einwohnerin des Dorfes Ostopceni-Ciuru (Jijia), wurde brutal hinausgetrieben trotz guten Führungszeugnisses der Ortsbehörde. 3. Pincu Cohen aus Cerun erhielt einen Ausweisungsbefehl durch die Bezirksbehörde, nachdem er von Herrn Juretz, dem Gehilfen des Bürgermeisters, barbarisch mißhandelt worden war. Cohen liegt seit einigen Tagen im Hospital, für sein Aufkommen ist wenig Hoffnung. 4. Alle Juden, die auf den Gütern der Bojaren in welcher Eigenschaft immer angestellt sind, müssen ihre Wohnsitze aufgeben, sofern sie nicht einen neuen Aufenthaltsschein beibringen; dieser wird ihnen jedoch, wohlgemerkt, unter den nichtigsten Gründen verweigert. So ging es selbst dem bevollmächtigten Administrator des Großpächters Costiner. Der Maire, der von dem Präfekten Vasescu gewonnen war, beantragte die Ablehnung seines Gesuches. Dennoch stimmte der Gemeinderat für Genehmigung, aus Achtung für Costiner, der nicht nur beträchtliche Steuern zahlt, sondern auch als Wohltäter weit bekannt ist. Vasescu annullierte nichtsdestoweniger diese Entscheidung unter dem Vorwände, daß der Petent den Besitz eines Kapitals von 1000 Francs nicht nachgewiesen habe. 5. Die Zahl der jüdischen Familien, die gegenwärtig Ausweisungsbefehle erhalten haben, beläuft sich auf 283. Im Departement Dorohoi haben die Behörden besonders die armen Juden aufs Korn genommen, die auf den Gütern des ehemaligen liberalen Präfekten Pilat angestellt find. Auch Herr Pilat ist während seiner Amtsführung mit den Juden nicht sehr zart umgesprungen. Die Zeitungen verzeichnen folgende Drohung Pilat's, die er an die Adresse der Konservativen gerichtet hat: Heute verjagt Ihr meine Juden, morgen verjage ich die Eurigen." Judenhetze in Odessa Aus Odessa wird gemeldet: Etwa fünfzig verkleidete Polizeibeamte begaben sich am 1. November nachmittags in Begleitung einer Rotte von angeblich bestochenen Leuten nach dem Vorort Moldawanka und plünderten in der Dalnitzkaja mehrere jüdische Läden. Als auf die Hilferufe der Krämer eine größere Anzahl Arbeiter herbeieilte, erschienen Kosaken, die sich schon bereit gehalten hatten, stürzten sich auf die Menge und feuerten mehrmals. Infolge dieses Vorganges bemächtigte sich der Bevölkerung der ganzen Stadt außerordentliche Furcht vor der Polizei und den Kosaken, seitens deren sie Uebergriffe erwartete. Etwa 900 Studenten hielten eine Versammlung ab, in der sie beschlossen, sich sofort zu bewaffnen; ein Teil von ihnen wurde nach der Dalnitzkaja abkommandiert, der andere stellte sich als Notwache in den Straßen auf. Bis 7 Uhr abends wurde geschossen. Die Lage ist ernst. Die Judenhetze hat die ganze Nacht über angedauert. Die Studenten versuchten die Dalnitzkystraße zu verteidigen, bildeten einen Kordon, quer über die Straße und hielten Revolver und Bomben in Bereitschaft. Da wurden Soldaten gegen sie dirigiert, diese weigerten sich aber, zu feuern. In diesem Augenblick langten hundert Kosaken auf dem Schauplatz an. Da gaben die Soldaten auf die Kosaken Feuer und verwundeten die Hälfte der Kosaken, der Rest der Kosaken galoppierte weg. Heute früh rückten 4000 Arbeiter mit Fahnen und den Bildern der kaiserlichen Familie sowie Heiligenbildern aus unter dem Rufe: „Nieder mit den Juden!" Viele in Zivil gekleidete Polizeimänner stachelten die Arbeiter auf. Der Zug begab sich zum Hause des Generalgouverneurs Baron Kaulbars, der die Leute mit großem Enthusiasmus ansprach. Sodann setzte der Zug seinen Weg durch die Straßen fort, indem er überall die Juden tötete und prügelte. Ihr Korrespondent sah mit eigenen Augen an, wie zwei Juden zu Tode geprügelt wurden. Militär und Kosaken folgten dem Zuge. Die Studenteu gaben von den Balkonen Feuer auf ihn und töteten viele. Die Behörden verhielten sich vollständig passiv. Keine Polizei war sichtbar. Während ich hier schreibe, höre ich draußen schießen. Die Juden find alle bewaffnet in die Dalnitzkystraße gezogen, die zu einem förmlichen Schlachtfeld geworden ist, auf dem Hunderte von Toten liegen. Ein Jude, der eine Bombe geworfen hatte, benützte, als er sich entdeckt sah, eine zweite Bombe, um sich selbst zu töten. In der Stadt herrscht Anarchie. Man darf sich nicht ohne Waffen auf die Gasse wagen. Kiew. In der vergangenen Nacht um Mitternacht brach eine große Judenhetze in der unteren Stadt aus. Kein jüdischer Laden auf dem Marktplatz blieb verschont. Tausende beteiligten sich wild an der Plünderung, auch Kosaken, Polizisten und Soldaten. Für morgen befürchtet man noch A e r g e r e s. Jüdische Spar- und Borschußkasse» in Rußland. Die Lage im Nordweftgebiet. Die jüdische Gesellschaft ist seit Jahren bestrebt gewesen, durch Gründung von Spar- und Vorschußkassen dem kleinen Mann billigen Kredit zu gewähren. Auf diese Einrichtung, die bald bei der ärmeren Bevölkerung, Handwerkern, Kleinhändlern, Arbeitern, sowohl bei jüdischen als auch bei christlichen, beliebt war, erstreckte sich nicht das Wohlwollen des antisemitischen Plehwe, der aber seine Repressivmaßregeln gegen diese nützlichen Kreditanstalten einstellte, als man ihm klar gemacht hatte, daß gerade die Armut zu leiden hätte. Es würde hier zu weit führen, die Schicksale dieser Klaffen, die von seiten Wittes erfreulicherweise gefördert werden, in den verschiedenen Stadien bureaukratischer Verfolgung und Verschleppung darzulegen. Genug, daß der jetzige Chef der Kreditabteilung des Finanzministeriums Geheimrat Birken die Erlaubnis erhalten hat, in einem Zirkular gegen die Spar- und Vorschußkaffen Vorgehen zu dürfen. Nach den üblichen antisemitischen Gemeinplätzen wendet das Zirkular sich an die Gouverneure und andere Autoritäten der Lokaladministration mit der Aufforderung, die Gründung solcher Kassen nicht nur nicht zu fördern, sondern sie nach Möglichkeit zu verhindern. Nur an Orten, wo die jüdische Bevölkerung 80 pCt. der Gesamtzahl der Bevölkerung ausmacht oder wo es nur ganz wenige Juden gibt, z. B. in den Dörfern, sollen die Kaffen nicht in ihrer Wirksamkeit behindert werden. In allen anderen Fällen müssen ihnen nach Möglichkeit Hindernisse in den Weg gelegt werden. Besteht die Bevölkerung trotzdem auf der Eröffnung einer solchen Spar- und Vorschußkaffe, so darf nur ein Vorstand bestätigt werden, wo Juden höchstens ein Drittel bilden. Vom Vorsitz find Juden gänzlich auszuschließen. Noch vor wenigen Wochen hatte Herr Kokowzew beim Empfang einer jüdischen Deputation erklärt, in seinem Ministerium gäbe es kein Ansehen der Partei oder der Konfession. Die ausländische Presse beurteile ihn falsch und tue ihm Unrecht, wenn sie ihm antisemitische Tendenzen zuschreibe. — In der Handelsschule in Minsk, die fast ausschließlich auf Kosten von jüdischen Unterstützungen besteht, hatten nur 40 pCt. Juden Zutritt. Die Minsker Juden petitionierten hierauf bei der Stadtduma darum, daß 50 pCt. zugelaffen werden sollten. Die Duma fand es im Hinblick auf die Abhängigkeit der Schule von jüdischem Gelde