Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 44 (3.11.1905)
- Date
- 1905-11-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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- Kaunas 1× ep/1000678
- Minsk 1× ep/1000754
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Seite 698 Dr. Vlvch's Wocheustlrrifl. Nr. 44 für angebracht, beim Finanzministerium darum einzukommen, daß die Beschränkung überhaupt ganz in Wegfall komme und der Gouverneur Kurjarow, der sich an seinem früheren Posten durch die reaktionärsten Maßregeln bemerkbar gemacht hatte, fand am Vorschlag der Duma nichts auszusetzen und hieß ihn gut. Trotzdem bestätigte das Finanzministerium das Gesuch nicht und gewährte bloß 50 pCt. Juden den Eintritt in die für jüdisches Geld unterhaltene Handelsschule. Im Nordwest-Gebiet, das zum Ansiedlungsrayon gehört, gärt es ganz bedenklich. Die litthauischen Städte Dwinsk, Minsk, Wilna, Kowno rc. sind, was die jüdischen Arbeiterkreise anbetrifft, ganz unter den Einfluß der verschiedenen politischrevolutionären Parteien geraten. Zu den Parteien der Sozialdemokraten , Sozialrevolutionären, dem sozialdemokratischen „Bund" haben sich neuerdings mit einem etwas verschwommenen Programm die Sozi.il-Zionisten gesellt, auch läßt sich die Organisation einer anarchistischen Partei dort ebenso wie in Petersburg spüren. Der Einfluß dieser Parteien aus die Bevölkerung ist ein sehr großer und da sie für den Boykott der Reichsduma sind und die Wähler mit dem Tode bedrohen,- so dürste sich dieser Einfluß auch bei den bevorstehenden Wahlen stark fühlbar machen. Die Partei der polnischen Sozialisten, deren Einfluß gegenwärtig nicht sehr bedeutend ist, gewinnt jedoch täglich an Terrain. Die Mitglieder dieser politischen Parteien haben ein seltsames Mittel gesunden, um das Verbot der Versammlungen zu umgehen; sie machen einfach allabendlich Spaziergänge, wobei jede Partei ihre Straße oder ihr Trottoir einnimmt. Es ist interessant, zu konstatieren, daß die Polizei sich diesen mit Knütteln rc. bewaffneten Spaziergängern gegenüber mit größter Vorsicht verhält, da die Bevölkerung sich in einem sehr erregten Zustand befindet, der zu Tätlichkeiten führen kann. Die Soldaten und Offiziere fühlen dagegen infolge des Kriegszustandes ihre ganze Macht und benehmen sich dementsprechend, was die Erbitterung immer mehr erhöht. Ueberhaupt ruft der Kriegszustand hier wie überall ganz das Gegenteil von Beruhigung hervor und fördert nur die Konspiration. In allen Städten des Gebietes sind Ausstäude an der Tagesordnung. Alles streikt: die Kontoristen, die Handlungsgehilfen, die Dienstboten, ja sogar die Schüler werden vom allgemeinen Geist des Protestes ergriffen und suchen sich auch zu betätigen, selbst wenn sie eigentlich keinen Grund zur Klage haben. „Geschäftstauserr"? Aus Petersburg berichtet das „Deutsche Volksblatt": „Nach Veröffentlichung des kaiserlichen Toleranzerlass, s ereignete sich hier der unerhörte Fall, daß hundcrtdreißig Familien, welche seit Jahren sich zur christlich-orthodoxen Religion bekannten, zum Judentume übertraten. Natürlich waren das keine geborenen Christen, sondern ehemalige Juden, die sich nur aus Geschäftsrücksichten taufen ließen, um aus diese Weise das Gesetz zu umgehen, welches den Juden den Aufenthalt in Petersburg verbietet." Natürlich ist das eine saftige Niederträchtigkeit, die das Wiener Antisemitenblatt — bekanntlich eines der pöbelhaftesten seiner Art! — seinen Lesern da austischt. Denn Väterchens „Tolcranzerlaß" enthielt lediglich die Gewährung einer gewissen Religionsfreiheit, die z. B. getauften Juden gestatlet, zum Judentum zurückzukehren, was bislang verboten war. Mit dem Rücktritt verliert aber der ehemals Getaufte natürlich alle Rechte und verfällt in die noch immer „zu Recht" bestehende Rechtlosigkeit seiner jüdischen Stammesgenossen. Wenn also die 130 Familien jetzt zum Judentum zurücktreten, obwohl sie dadurch alle Rechte verlieren, so ist das nur ein Beweis für die — werbende Kraft des Christentums, wie es in Rußland und von unseren Antisemiten verstanden wird. Bischof Gllieott von Gloneester. Mit dem Bischof Ellicot, dessen Tod in den Blättern kürzlich gemeldet wurde, ist ein Edler hingegangen, dessen Menschenliebe und Rechtsgesühl ihn stets aus Seiten der unterdrückten Juden getrieben haben. Der Name des Bischofs von Gloucester war mit allen seit 1872 in London stattgehabtcn großen Kundgebungen zugunsten der Juden eng verknüpft. Schon im Jahre 1872, als zum erstenmale die rumänische Regierung eine allgemeine und heftige Judenverfolgung veranstaltete, fand aus Veranlassung eines unter Sir Francis Goldschmidt bestehenden Komitees im Mansion House ein Riesenmeeting statt, in welcher der Bischof von Gloucester folgende Resolution beantragte: Die Gerechtigkeit fordert es, daß alle in ihrer Person oder in ihrem Eigentum geschädigten Juden von der rumänischen Regierung Schadenersatz erhalten. Ferner soll, um die Juden gegen zukünftige Mißhandlungen zu schützen, die rumänische Regierung aus Grund der bestehenden Verträge angehallten werden, diesen die gleichen Rechte mit den anderen Bürgern zu gewähren. Zur Begründung dieses Antrages wies der Bischof daraus hin, daß seine Resolution zweierlei fordert, Schadenersatz für die Vergangenheit und Garantie sür die Zukunst. Die englische Regierung müsse mit dem moldauischen Fürstentum ein deutliches und energisches Wörtchen sprechen. Die geschädigten Juden müssen, soweit ein Mensch sür erlittene Unbill entschädigt werden kann, schadlos gehalten werden. Ferner müsse die englische Regierung daraus bestehen, daß die Juden in Rumänien von den dortigen Behörden in Zukunst wirksam geschützt werden. Die Regierung von Rumänien muß belehrt werden, daß sie sür alle Verfolgungen, die in ihrem Lande gegen die Juden stattfinden, vor Gott und den Kulturvölkern verantwortlich ist. Helsen Mahnungen nicht, so muß man sich an die Oberherrin Rumäniens, an die Türkei, wenden und von dieser Garantie sür den für die Juden nötigen Schutz erhalten. Mögen die Männer an der Spitze der Regierung dieses Landes fest und entschieden auftreten. Mögen Sie alles tun, was in ihrer Macht liegt, ernste und sympathische Engländer, noch mehr aber ehrliche Christen zu sein. Zehn Jahre später brach die erste Judenverfolgung in Rußland aus. Damals war Bischof Ellicot aus Seite der Verfolgten. In dem großen Meeting im Mansion House drückte er seinen Abscheu gegen die Grausamkeit aus, mit welcher ein sich christlich nennendes Land das alte Volk Gottes mißhandelt. Auch in der Versammlung in Guild Hall im Jahre 1890 fehlte Bischof Ellicott nicht. „Alle diese Proteste" haben leider wenig genützt. Der kleine Raubstaat an der Donau steht nicht mehr unter der Oberhoheit der Türkei, sondern ist ein unabhängiges Königreich geworden. Freilich konnte das nur mit Hilfe eines schmachvollen Wortbruches geschehen, indem Rumänien sein im Jahre 1878 gegebenes feierliches Versprechen, die Juden mit den übrigen Bürgern gleichzustellen, frech gebrochen hat. Juden in den Bereinigten Staaten von Nordamerika. Nichts spricht sür den großen Einfluß der Juden in den Vereinigten Staaten von Nordamerika mehr als die Tatsache, daß ihnen die Beamtenlausbahn nicht nur vollständig offen steht, sondern daß diese von ihnen auch in vollem Maße begangen wird. So gibt es in New-Iork allein gegen 900 jüdische Postbeamte. Um so betrübender ist die Tatsache, daß der Generalpostmeister von New-Iork, Cortelyor, seinen jüdischen Beamten bei Strafe der Aussperrung sür mehrere Tage verboten hat, den Jom-Kippur zu feiern. Er, resp. sein Stellvertreter motivierte es mit der großen Zahl der jüdischen Postbeamten, durch deren Abwesenheit am Jom-Kippur das ganze Verkehrswesen leiden würde. So groß aber die Zahl der jüdischen Postbeamten auch ist, sie bilden immerhin einen winzigen Bruchteil der gesamten aus der Post beschäftigten Beamtenschaft, die doch am Weihnachtstag vom Dienste fern bleiben darf, obgleich dadurch der Verkehr in weit höherem Grade gestört wird. Die Taktik des Herrn Cortelyor ist um so ausfälliger, als er im vorigen Jahre seinen jüdischen Beamten am Jom-Kippur ohne Furcht vor Verkehrsstörung sreigegeben hat. Freilich war das Jahr 1904 ein Wahljahr und man mußte die jüdischen Wähler bei guter Laune erhalten. Nunmehr ist es aber nach Tisch und da reden wir anders. Auch bei der Volkszählung, welche in diesem Jahre in New-Iork stattfand, wurde aus die große jüdische Bevölkerung New-Iorks wenig Rücksicht genommen. Die Zählung dauerte drei Tage und gerade der erste derselben fiel aus den Jom-Kippur. Dadurch aber wurden Hunderte von jüdischen Zählern gezwungen, am Jom-Kippur zu arbeiten.