Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 44 (3.11.1905)
- Date
- 1905-11-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 44 Dr. Dlocb's TKHocbenscbrift Seite 695 Juden notwendig, der speziell die weltlichen Interessen des Judentums vertritt. Wir wollen die geistigen Kräfte des Judentums, die in Hunderten von Vereinen zersplittert sind, zusammenzufassen zu einer Einheit. Redner wendet sich weiter gegen die Gefahr des stillen Antisemitismus. Er habe die Inden aus Heer und Verwaltung gestrichen. In der Justiz habe man sie zur Not zugelassen, doch werde hier prozentualiter nach der Elle gemessen. Schlimmer noch sei die Boykottierung der Juden und die Zurücksetzung im gewerblichen Leben. (Sehr richtig!) Sollten die konfessionellen Schulen eingeführt werden, so müssen wir auch Berücksichtigung der jüdischen Interessen fordern. (Sehr richtig!) Dann die Schächtfrage! Hier ist auch der Liberale in seinem religiösen Empfinden verletzt worden. (Sehrrichtig!) Wir können nickt dulden, daß unserer Religion der Vorwurf gemacht wird, daß sie mit der modernen Ethik nicht ganz im Einklang sei. Auftreten müssen wir auch gegen das Obskurantentum, das unter der Maske der Wissenschaft die jüdischen Schriften fälscht. (Großer Beifall.) Dem Vaterlande werden wir zeigen, daß wir gute deutsche Juden sind und gute deutsche Juden bleiben werden und daß unser Tun dem Vaterlande zum Segen gereichen wird! (Minutenlanger, donnernder Beifall.) Im Anschluß an diesen Gegenstand gelangt folgende Resolution des Ausschusses zur Verlesung: „Die Hauptversammlung des Verbandes deutscher Juden siebt in dem Verbände die auf autonomer Grundlage geschaffene Vertretung der deutschen Juden. Zweck des Verbandes ist cs, die geistigen Kräfte der deutschen Juden zu gemeinsamer, planmäßiger Arbeit zusammeuzuschließen, um das Judentum selbst zu kräftigen und die Gletchberechtigung zur Wahrheit zu machen. Aufgabe des Verbandes ist es insbesondere: 1. alle Deutschen jüdischen Glaubens im Bewußtsein ihrer Zusammengehörigkeit zur Abwehr unbegründeter Angriffe und zur gemeinsamen Verteidigung der ihren staatsbürgerlichen Pflichten entsprechenden staatsbürgerlichen Rechte zu vereinen; 2. als berufenes Organ an zuständiger Stelle die berechtigten Wünsche und Beschwerden der Deutschen jüdischen Glaubens vorzutragen und zur Anerkennung zu bringen; 3. alle Angriffe gegen die religiöse Ehre des Judentums und gegen die Freiheit der Religionsübung abzuwenden, insbesondere der Agitation gegen das rituelle Schlachtverfahren entgegenzutreten und auf die Beseitigung der durch staatliche oder kommunale Anordnungen erlassenen Verbote hinzuarbeiten; 4. allen, welche die Bestrebungen des Verbandes zlr fördern bereit sind, mit Nachweisungen dienlich zu sein." Ueber das Judentum im Lichte moderner Kritik sprach Rabbiner Dr. Werner (München). Seine Darlegungen boten mehr eine Reihe religiös-philosophischer und ethischer Gedanken. Besonders führte er aus: Es ist betrübend und bedauerlich, daß selbst der berufenste Vertreter der Wissenschaft sich nicht scheute, vor den höchsten Herrschaften auszurnfen, daß der Gott des Judentums ein Nationalgott sei. Dagegen müssen wir ganz energisch protestieren. (Sehr richtig!) Der Gott unseres Volkes, der einzige Gott, ist der wahrhafte Gott, der Gott des Lichtes und der Wahrheit. Entweder der Gott der Wahrheit oder gar kein Gott! (Stürmischer Beifall.) Von „Bibel und Babel" kann man nur sagen: hier weht Menscheugeist, dort weht Gottesgeist, hier herrscht Menschenkunst, dort haben wir die Sinaihöhe! (Anhaltender Beifall.) Wir wollen Juden sein aus moderner Ueberzeugung. Der modernste Mensch kann und muß sogar der treueste Jude sein! (Anhaltender Beifall.) Und dann die Naffenfrage! Nur der Schädel ist übrig geblieben, und da kam die Rassentbcorie und sagte: der taugt auch nichts! (Große Heiterkeil.) Wir sind stolz darauf. Nachkommen eines Stammes zu sein der der Menschheit das Höchste gebracht hat! Der deutsche Staat hat doch auch erst viele Stämme in sich ausgenommen, ehe er das geworden ist, was er ist. Und uns will man sagen: weil du Jude, weil du Nachkomme der Propheten bist, kannst du nicht ganz deutsch sein!? (Großer Beifall.) Wir kennen doch unser Herz am besten! Wir wollen doch treue Deutsche sein, und der Wille ist der Weg zum Staate. (Stürmischer Beifall.) Treu hat der Jude in den Kämpfen der letzten Jahrhunderte zum Reiche gestanden. Man fragte nicht nach den Stoffen des Blutes, man fragte nach dem Willen. Und da hat der deutsche Jude gezeigt, daß er ein Recht bat, Deutscher zu sein. (Bravo.) Glaubenstreue und Vaterlandsliebe sind aus einer Wurzel herausgewachsen. Das Herz ist weit genug, gleichzeitig Jude und Deutscher zu sein. Drei Sterne sollen deshalb dem Verbände deutscher Juden voranleuchten: 1. Treue zum Bekenntnis. 2. Treue zum Vaterlande und 3. Treue zur Menschheit. ^Minutenlanger Beifall.) Folgende Resolution gelangte anschließend zur Verlesung: „Die Hauptversammlung des Verbandes der deutschen Inden weist aus tiefster Ueberzeugung die gegen die Lauterkeit der jüdischen Religion gerichteten Angriffe zurück und wiederholt die längst bekannte Wahrheit, daß das Judentum, die Mutter der monotheistischen Religion, auf der Grundlage eines einen Gottesglaubens die alle Menschen umfassende Nächstenliebe lehrt, volle Hingebung an das Vaterland gebietet und die Betätigung sozialer Pflichten als religiöses Ideal aufstellt." „Die staatliche Läge der Juden in Deutschland" behandelt hierauf Justizrat Breslauer-Berlin. Er betont die Zurücksetzung und Ausschließung der. Juden von den Verwaltungsstellen des Staates, im Richterstande und im Offizierkorps, die in Preußen eine fast allgemeine geworden sei. Am eklatantesten zeige sich das bei der Justizverwaltung, die doch zum Schutze des Gesetzes und der Gerechtigkeit gerade eingesetzt sei. Juden, die für eine Dienststelle gualifizirt sind, erhalten sie nicht, solange sie ungetanst sind, werden aber sofort nach der Taufe angestellt. Glaubt man, daß ein Mann, der seines Fortkommens halber seinen Glauben wechselt, besonders zuverlässig sei? (Stürmischer Beifall ) Schreckt nicht jeder Bürqer zurück, daß der Staat eine öffentliche Prämie auf die Taufe setzt? (Großer Beifall.) In einigen Bezirken werden die Juden sogar schon vom Schöffen- und Geschworenenamt ausgeschlossen. Wenn wir fest zusammen halten und unser Recht verlangen, so stellen wir uns auf den Boden des Gesetzes. Können wir uns doch auf das Kaiserwort stützen: Deutschland heißt Kultur und Freiheit der Religion für jeden sowohl in Gesinnung als auch Betätigung. (Endloser Beifall.) Rechtsanwalt Dr. Auerbach (Frankfurt a. M.) behandelte die Verhältnisse in Süddeutschland. Hier seien die Dinge günstiger als ui Preußen, aber auch keineswegs ideal. Die volle Gleichberechtigung sei nirgends durchgeführt. Und der E.nfluß der preußischen Bureaukratie gewinne in Süddeutschland immer mehr an Boden. In Süddeutschland können Juden zwar Offiziere werden, aber man schiebt sie an bestimmte Truppenteile ab. Bekannt ist das Scherzwort eines Kommandeurs : Die Herren Katholiken gehen in die Michaelkirche, die Herren Evangelischen in die evangelische Kirche und die Herren von Tram in die Synagoge. (Heiterkeit.) linier Bericht verdichtet sich zu einer Anklage. Redner kritisiert dann die Uebertrilte von Juden als Fahnenflucht. Wir haben auf dem Gebiete des KnltuslebenS Deutschlands mitgearbeitet, wir haben, als das Deutsche Reick geschmiedet wurde, mitgewirkt. Gemeinschaftlich mit unseren christlichen Volksgenossen wollen wir weiter unsere Pflicht tun. Dem Uebermut, der die Gesetze nicht achtet, zollen wir keine Achtung. Wir betteln nicht NM Gnade bei hochgestellten Stetten, sondern wir erheben unseren Ruf nach Recht an diejenigen, welche die Verfassung beschworen haben. (Stürmischer Beifall.) Auch zu diesem Punkt wird folgende Resolution vorgeschlagen : „Verfassung und Gesetz gewährleisten die Gleichberechtigung aller Dcutschen ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses. Gleichwohl findet bei der Besetzung öffentlicher Aemter fast überall eine Zurücksetzung oder Ausschließung von Personen jüdischen Glaubens stakt Die Zurücksetzung entfällt in der Regel, sobald der Uebertritt zum Christentum vollzogen ist. Dieses Verfahren enthält eine Verletzung des bestehenden Recht s. Es verstößt gegen die Gerechtigkeit, denn es schafft Ungleichheit der Rechte bei gleichen Pfbchten. Es bedenket eine sittliche Gefahr, weil von Staatswegen der aus äußerlichen Gründen vorgenommene Religionswechsel gefördert wird. Es widerstreitet dem Staatsintereffe. weil Kräfte ausgeschaltet werden, die dem Staate Ersprießliches zu leisten eewillt und befähigt sind. Der Verband legt gegen diese fortgesetzte Rechtsverkümmerung Verwahrung ein und beauftragt den Ausschuß, alle Maßnahmen zu ergreifen, die zur Beseitigung dieses Zustandes geeignet fein können. Die deutschen Juden hegen zu ihren rechtlich denkenden Mitbürgern das Vertrauen, daß sie ihnen im Kampfe für ihr Recht die Ilnterstützung nicht versagen werden." Die Resolution wurde einstimmig angenommen. Korrespondenzen. Ein jüdischer Ministerialrat in Ungarn. Das Budapester Amtsblatt meldet die Ernennung des Redakteurs und Schriftstellers Josef V e c z i zum Honorar- Ministerialrat im ungarischen Ministerium. Josef Veczi war bisher Abgeordneter und legt fern Mandat zurück. Der neue Ministerialrat ist ein warmer Jude und hatte wiederholt Gelegenheit. öffentlich für das Judentum einzutreten. Er bekämpfte die antisemitischen Lügen mutig im Parlament und in der Presse und mußte wiederholt wegen der Schärfe seiner Polemik Prozesse führen. Als ein klerikaler Gegner ihn höhnisch an sein Judentum erinnerte, reagierte er daraus mit folgenden Worten: „Daß ich als Jude geboren wurde, ist nicht mein Verdienst: daß ich aber Jude bin, das erfüllt mich mit unendlichem Stolze und ich werde mich immer bestreben, dieses Namens würdig zu bleiben." Josef V e c z i ist seinem Worte nicht untreu geworden, dessenungeachtet ist er heute königlich ungarischer Ministerialrat. Josef V e c z i ist am 6. November 1858 in Arad geboren, erwarb sich in jungen Jahren einen guten Namen als ungarischer Dichter und ist seit 1877 berufsmäßiger Journalist und Redakteur bei den hervorragendsten Budapester Tagesblättern. Er war auch bis vor wenigen Tagen Präsident des Budapester Journalistenverbandes: