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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-11-03 · 44 (3.11.1905) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
44 (3.11.1905)
Date
1905-11-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 694 tvu Klacb s MocdenscbrlN< Nr. 44. die sich anfangs als begeisterte Anhänger der revolutionären Propaganda anwerben ließen, diese Propaganda im Grunde nicht ganz verstanden und in sich ausgenommen haben. Wenigstens sünszig Perzent sind Analphabeten, die über Politik nur sehr wenig aufgeklärte Begriffe besitzen. Die Agitatoren hatten ihnen in glühenden Farben die Freuden der kommenden Freiheit geschildert, in denen sie natürlich vor allem auch materielle Vorteile für ihre grenzenlos traurige Lage erwarteten; die wirklichen Ideale der Freiheit und der Menschenrechte gipfelten bei ihnen im Protest gegen die furchtbare Ausbeutung, unter der sie unter dem alten Regime zu leiden hatten. Als Konstantin dem Zarenreich eine Konstitution geben wollte, jubelte das Volk in Moskau: „Es lebe Konstantin und die .Großfürstin' Konstitutia!" Und als die revolutionären Studenten jüngst in Moskau von der Universität aus „doloi mon,arcliia!“ (herunter mit der Monarchie) schrieen, da brüllte der Pöbel begeistert, aber verständnislos mit: „doloi monachina!“ herunter mit der Nonne), ein Ruf, der ähnlich klingt. Der Ausdruck „Monarchie" war ihm unbekannt. Von dieser Art Revolutionäre mag es heute noch sehr viele geben, denen es mehr auf das Mitschreien als auf den Sinn der politischen Forderungen ankommt. Auch jene Sorte von braven Leuten mag noch reichlich in den revolutionären Reihen zu finden sein, mit denen der Schreiber dieser Zeilen vor einigen Monaten in Moskau zu verhandeln Gelegenheit hatte. Es waren Kutscher, Fuhrleute usw., die sich mit.roten Schärpen versehen hatten und in den Tavernen Schnaps tranken. Sie kamen gerade von einer großen politischen Demonstration, an der sie teilgenommen hatten. Auf die Frage, was sie denn eigentlich wünschten, erhielt man anfangs die recht vernünftige Antwort, daß sie den achtstündigen Arbeitstag und Lohnerhöhung forderten, dann aber wollten sie auch eine Verfassung, damit es „keine Polizei mehr gebe" und damit man die Juden ungestraft ausplündern könne. In allen gewaltigen Volksl ewegungen hat die Armee der Freiheit und des Rechtes niemals allzu wählerisch in der Aufnahme von Elementen sein können, die das große Werk bewußt oder unbewußt vollbringen halfen. In Rußland ist das ebenso, und so dürfen wir uns nicht wundern, daß sich auch dort unter dem begeisterten Heer der Revolution große Massen von Pöbel befinden, die nun ausgeschieden werden müssen. Charakteristisch für die russischen Verhältnisse ist es, daß wir unter dem Pöbel, der jetzt die Judenhetzen veranstaltet, plündert und raubt, auch einen Teil der kleinen Bourgeoisie finden, die sich gern an den Exzessen beteiligt und im Trüben fischt. Daß Kosaken und Polizeimannschaften an den Ausschreitungen teilnehmen, darf uns nicht wundern, daran sind wir schon lange in Rußland gewöhnt. Geradezu abstoßend aber wirkt es, wenn nun dieser schwankende Mob sich als Stütze des Zarismus aufzuspielen sucht und aus Dankbarkeit für die gelungene Plünderung dem Kaiserbild Ovationen darbringt und ihm die geraubten Seiden- und Samtwaren wie einem Moloch zu Füßen wirft. Die wahre Revolution kann nur froh sein, wenn sich diese Elemente als das entpuppen, was sie sind, das heißt als Mob und sich von ihr ausscheiden; der Zarismus aber darf auf diese Hilfe nicht stolz sein, sie beweist, auf ein wie niedriges Niveau die Autokratie in Rußland gesunken ist. Pfandleichen. Der „Franks. Ztg." wird geschrieben: Die Notiz über die Pfandleiche in der Kirche zu Reval im Abendblatt der „Frankfurter Zeitung" vom 20. v. M. errinert an einen historischen Vorgang, der sich vor fast 600 Jahren in Deutschland abspielte. Im Jahre 1286 machte sich eine Bewegung in der Judenschaft Deutschlands bemerkbar. Infolge verschiedener Drangsalierungen, welche die Juden erfahren hatten,, plante ein Teil eine Auswanderung nach Palästina; in Italien wollten sich die verschiedenen Trupps treffen und von dort aus die gemeinsame Wanderung antrctcn. An der Spitze dieser Bewegung stand der Rabbiner von Mainz, .Meir aus Rothenburg, eine allgemein anerkannte Autorität, der man den Titel „Großrabbiner von Deutschland" beigelegt hatte. Dem Kaiser war diese Auswanderung, die einen Verlust für seine Kasse bedeutete, natürlich höchst unerwünscht, und so traf es sich sehr für ihn günstig, daß Rabbi Meir, in Basel erkannt, auf Veranlassung des Bischofs von Basel von Meinhard v. Görz gefangen genommen und an Kaiser Rudolph ausgeliefert wurde. Dieser ließ den Rabbi zuerst im Schloß Wasserburg, dann in Ensisheim im Elsaß gefangenhalten. Die Haft sollte keine Strafe für den Rabbiner sein, sie war recht mild; der Gefangene durfte Besuche empfangen, Schüler unterrichten, Gutachten erteilen usw. Dem Kaiser war es eben darum zu tun, die allgemeine Auswanderung dadurch zu verhindern, daß er den angesehenen und allgemein verehrten Rabbiner als Geisel zurückhielt. Die deutschen Juden waren bereit, den Gefangenen für hohe Summen auszulösen, aber Meir lehnte das Anerbieten ab, da er die Machthaber nicht reizen wollte, sich auf leichte Weise Geldmittel zu schaffen, denn solche Auslösungen konnten viel Geld einbringen. 1293 starb Meir, seine Leiche wurde aber nicht ausgeliefert; die Nachfolger Rudolfs verlangten viel Geld für die Herausgabe, und da die Summe nicht bezahlt wurde, blieben die Gebeine des Rabbi, gleichsam als Psandleiche, noch 14 Jahre unbeerdigt im Gefängnisse liegen. 1307 gelang es einem Juden aus Frankfurt a. M., Süßkind Alexander Wimpfen, die Leiche gegen eine hohe Summe auszulösen; er ließ den Leichnam in Worms begraben. Wimpfen selbst bat sich von der Gemeinde Worms die Gunst aus, daß man ihm einst ein Grab neben dem des verehrten Lehrers gönnen möge. Auf dem alten jüdischen Friedhof in Worms sieht man gleich beim Eingang linker Hand zwei große Grabsteine, die das Grab dieser beiden Männer bezeichnen. Erster Uerlmrrdstag deutscher Indern Unter Beteiligung von über 400 Delegierten, aus allen Teilen des Reiches wurde Montag früh im großen Saale der Gesellschaft der Freunde in der Potsdamerstraße in Berlin die Hauptversammlung des Verbandes deutscher Juden eröffnet. Die Eröffnung erfolgte durch, den Justizrat Dr. L a ch m a n n (Berlin). Welchen Anklang die Anregung gefunden habe, zeige die Zahl der 400 Vertreter von Gemeinden und Verbänden. Ins Bureau wurden neben Justizrat Dr. L a ch m a n « gewählt: Rechtsanwalt Dr. Blau (Frankfurt a. M.), Stadtrat Hamburger (Karlsruhe), Kommerzienrat G al li n e r (Nürnberg), Rabbiner Dr. K r o n e r (Stuttgart), Professor Lassar-Cohn (Königsberg i. Pr.) und Landesgerichtsrat W o l l st e i n (Breslau). Auf Vorschlag des Ausschusses wird dann unter lebhaftem Beifall ein Huldigungstelegramm an den Kaiser abzusenden beschlossen. Hierauf hielt Rabbiner Professor Dr. M a y b a u m (Berlin) eine Ansprache. Diese Verhandlung bedeute cm lautes und freudiges Bekenntnis zum Judentum. Nicht um Machtfragen, sondern um die Verteidigung der Gerechtigkeit handle es sich hier. Für Religion und Sittlichkeit der Menschheit zu wirken, sei stets die Aufgabe des Judentums gewesen. Mögen auch andere ihnen für Gegenwart und Zukunst diesen Beruf absprechen. Als Juden versammeln wir uns hier und fordern unser Recht, Gerechtigkeit und Wertschätzung (Lebhafter Beifall.) Die ungerechte Behandlung um unseres Bekenntnisses zum Judentum bedrückt ms. (Zustimmung) Die Hoffnung unserer Feinde, daß das Judentum aufgesaugt werden würde/ hat die mehrtausendjährige Geschichte zunichte gemacht Schon der Prophet hat dem jüdischen Volke' eine ewige Aufgabe zugewiesen. Wohl bedauern wir den Abfall einzelner, andererseits aber wird das ausgewogen durch die Steigerung der Opferwilligkeit und Glaubensstärke. (Stürmischer Beifall.) Der erste Punkt der Tagesordnung betraf eine Darlegung der Aufgaben des Verbandes durch Justizrat Dr. Fuchs (Berlin) vom Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Ueber die Entwicklung und die Aufgaben des Verbandes der deutschen Juden sprach als Referent Dr. Eugen Fuchs (Berlin). Er suchte in einer historischen Rückschau darzulegen, daß die Emanzipation den Juden mehr in den Schoß gefallen ist, als daß sie diese errungen haben. Die jüdische Geschichte nahm sich wie ein heldenhaftes Martyrium aus. Im Dezember 1880 wurde der erste Abwehrverein organisiert. Zehn Jahre später trat der Verein zur Abwehr des Antisemitismus zusammen, Nach wiederum anderthalb Jahren entstand der Verein zur Abwehr antisemitischer Angriffe. Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens .hat sich dadurch, daß er den Geist des Zusammenschlusses der deutschen Juden hinausgetragen hat, ein großes Verdienst.erworben. (Bravo! Aber doch ist er nicht der Vertreter des deutschen Judentums, er ist ein Verein von Einzelvertretern. Deßhalb war die Gründung eines Verbandes deutscher

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