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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-11-03 · 44 (3.11.1905) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
44 (3.11.1905)
Date
1905-11-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 44 Dr. Llocb's MoebensLbritt. Seite 693 Sollen die antisemitischen Preßknechte in der Literatur und Geschichte des Griechentums so wenig bewandert sein oder ist vielleicht die bewußte Lüge das Hauptmerkmal eines patentierten Ariers? Die Krupp, Holzinger, Baron Mundi waren doch nicht semitischer Abstammung! Die sexuellen Ausschreitungen und Verbrechen gehörten seit je allerdings zu den ausschließlichen Vorrechten arischer Familien, und wenn Theodor Beer zu einem häßlichen Eingriff in die unantastbaren Privilegien der arischen Rasse sich verirrt hat, so war er leider das traurige Opfer einer falschen „assimilatorischen" Erziehung! Als Sohn eines armen Juden wäre Theodor Beer eine Zierde der Wissenschaft geworden, sein Leben hätte Inhalt und Ziel erhalten, während er, ausgewachsen in Reichtum und Ueberfluß, allerdings eine Gefahr geworden für jede Familie, der er „freundschaftlich" nähergetreten. Indessen gar zu laut schreien sollten die arischen Biedermänner auch diesmal nicht. Es trifft sich gut, daß wir in der Lage find, auf einen netten Bruderzwist im antisemitischen Lager Deutschlands hinzuweisen, welcher helle Schlaglichter auf die gepriesene Moral der herrschenden Rasse wirst. Der Uebergang des konservativen Reichstagsmandats von Pyritz-Saatzig in antisemitischen Besitz hat nämlich zu einem ununterbrochenen Guerillakrieg zwischen den beiden Parteien geführt und eine Reihe von Prozessen zur Folge gehabt, in deren Mittelpunkt der gegenwärtige Vertreter des Wahlkreises, der „Druckereidirektor", ehemaliger Pfarrer Krösell steht. In den Prozessen spielen eine Hauptrolle die bekannten gerichtsnotorischen sittlichen Verfehlungen des Expastors. Das Blättchen des Abg. Krösell, der in Pyritz erscheinende „Mittelstand" bringt am 21. Oktober nachstehenden Artikel: Wer im Glashaus sitzt... Es war einmal ein Reichstagsabgeordneter, der war zugleich Leiter einer Zeitung und Direktor einer Druckerei, er hieb — Freiherr v. Hammerstein. Er war konservativer Abgeordneter und einer der Hauptführer seiner Partei. Und seine Flamme, Flora Gaß mit Namen, mit der er, trotz seiner sonstigen Familienverhältnisse. in zärtlichen Beziehungen stand, kostete ihm so viel, daß er außer dem sechsten dann auch das siebente Gebot vergaß. Die „Unregelmäßigkeiten" — so nennt man das ja bei großen — Herren, wurden so erheblich, daß sich die Sache nicht mehr vertuschen ließ, und das Ende vom Liede ist bekannt. Wir wollen darauf nicht näher eingehen, trotzdem sich die Fälle von Beispielen auch aus hiesiger Gegend vermehren ließen; denn heute soll uns nicht das siebente, sondern das sechste Gebot beschäftigen. Gewundert hat man sich damals nur vielfach, daß der Skandal so weit anwachsen konnte. Vermutlich hatten die Herren, die es anging, zu viel damit zu tun, über anderer Leute Tugend zu wachen, daß sie gar nicht merkten, wie sie der Teufel selbst schon am Kragen hatte. Oder es hieß auch, es seien unter ihnen mehr, die sich für die orientalische Flora oder ähnliche Pflänzchen interessierten. Und daran ist offenbar viel Wahres gewesen. Es war nämlich ferner im Pommerlande ein vlvr. — Du lachst, lieber Leser? Du irrst dich. Wir sprechen einstweilen von bedeutenderen Persönlichkeiten. Es war also im Pommerlande ein vlvr., aber kein gewöhnlicher; er war auch Freiherr und konservativer Abgeordneter. Der hatte ähnliche Neigungen wie sein Parteifreund Hammersteiu. „In den Zelten" zu Berlin, einer hochfeinen Straße im Tiergarten unterhielt er in einem prachtvoll ausgejtatteten Quartier eine jüdische — „Schauspielerin". Und wenn er aus Pommerland nach Berlin fuhr — „in den Reichstag", sagte man den Wählern — dann wurden in den üppigen Boudoirs „in den Zelten" die Fenster dicht verhängt, natürlich nur, um den schlechten Mitmenschen die Untugend der Neugierde abzugewöhnen. Nun möchtest du, lieber Leser, wissen, wie dieser DJUr. usw. hieß? Wir werden aber den Namen für uns behalten, denn er hat sich inzwischen vermählt und lebt, wie man sagt, in glücklicher Ehe. Da wollen wir nicht stören. Bezeichnend für seine Parteigenossen aber ist folgendes: eines Tages wurde diesem edlen Herrn seine große Neigung für verhängte Boudoirfenster öffentlich vorgeworfen und er antwortete unter dem Beifall seiner Freunde höchst kavaliermäßig von oben herab. Auch unter den jetzigen hochkonlervativen Abgeordneten ist mancher, von dem man erbauliche Dinge erzählt. In dem Gutsdorf des einen — er wohnt nicht allzuweit von hier entfernt — war früher in der Kirche eine besondere, ziemlich umfangreiche Bank für gefallene Mädchen, und sie war, wie berichtet wird, dort sehr nötig. In neuerer Zeit ist sie allerdings außer Gebrauch gekommen. Im Parlament aber, wo er im übrigen sehr wenig leistet, ist der betreffende Herr als ein zweiter Mikosch bekannt. Boshafte Menschen wissen auch aus uns mehr benachbarter Gegend manchen Schwank von diesem oder jer^em liebenswürdigen Gutsbesitzer oder sonstigen, in der hochkonservativen Gevatterschaft angesehenen Herrn zu berichten. Auch das Leben verschiedener Geistlicher weist eigenartige Dinge auf, über die wir zunächst nichts berichten; wir sagen nur, bisher haben diese Herren noch nicht den ehrlichen Mut gefunden, deshalb auf die Rechte ihres Amtes zu verzichten, dazu schmeckt das Brot zu süß. Selbst wenn man annehmen will, daß mancher von ihnen „besser sein sollte als sein Ruf", so bleiben gerichtsnotorische und sonstig festgestellte Tatsachen noch genugsam übrig, um ein hübsches Licht auf die Zustände in gewiffen Kreisen zu werfen. Und wenn es uns, wie ein Blatt dieser Partei meinte, an Stoff mangelte, wir könnten Spalten mit diesen Histörchen füllen. Wenn wir uns eine gewisse Zurückhaltung auferlegen, so geschieht es, weil wir unsererseits nicht so niederträchtig sind, das Privatleben der Gegner fortgesetzt in die Oeffentlichkeit zu zerren. Wir haben uns, trotzdem unter unseren gehäffigsten Gegnern Leute genug sind, die keine reine Wäsche am Leibe haben, bisher auf die Defensive beschränkt. Man scheint aber sehr irrigerweise für Schwäche zu halten, was nur der Ausfluß unserer größeren Anständigkeit ist. Deshalb haben wir im vorigen einmal ein Pröbchen davon gegeben, wie wir, wenn man fortfährt, uns zu reizen, antworten können. Die Batterien sind auf unserer Seite aufgefahren, bte Geschütze sind gerichtet, das gröbste Geschoß liegt bereit. Wenn die Herren ein Tänzchen wagen wollen, — nur heran! Aber eins sollten sie nicht vergessen: Wer im Glashaus fitzt, soll nicht mit Steinen schmeißen! Also lauten die Berichte aus antisemitischen Quellen über die deutsche Moral. In Wien ist der Spittelberger Tugendpalast ebenso gerichtsnotorisch wie der Schönerertempel in der Krugerstraße. Vom Zabrnmrkl des Lebens. Der russische Mob. Die letzten Nachrichten aus Kiew und Odessa, aus Kischenew und Kasan und teilweise auch aus Petersburg, aus Twer und aus Moskau belehren uns, daß die russische Revolution gefährliche Erscheinungen zeitigt, daß die Leidenschaften des Pöbels entfacht worden find und daß der Mob in den allgemeinen Wirren eine Befriedigung für seine niedrigen Instinkte sucht. Die blutigen Judenhetzen in den südlichen Provinzen, das Plündern und Morden, das Sichvergreifen an ftemdem Eigentum, das Erstürmen des Semstwopalastes in Twer, in dem einige der liberalsten Männer Rußlands verbrannt wurden, ist gewiß nicht das Werk ehrlicher Revolutionäre, die für Menschenrechte kämpfen und das Beste für ihr Vaterland wollen, nein, es find Pöbelexzeffe der rohesten Art, die überall die vollste Mißbilligung finden. Alle Städte Rußlands, namentlich die Großstädte, bergen eine große Anzahl sogenannter „Huligans", ein englisches Wort, das in seiner Bedeutung der Wiener Bezeichnung „Platten" nahekommt. Diese minderwertigen Existenzen spielen keineswegs eine unbedeutende Rolle in der modernen Geschichte Rußlands, namentlich seit fie von Plehwe organisiert und zu politischen Zwecken ausgenützt werden. Sie waren und find die Söldlinge der Reaktion, die für einige Rubel und ein Faß Schnaps jederzeit zu den rohesten Greueltaten zu haben find. Diese vollständig gesinnungslosen „Huligans" wurden in letzter Zeit noch bedeutend durch die Bildung der sogenannten „Patriotenliga" verstärkt, die von den reaktionären Kreisen Moskaus und Petersburgs geleitet wird und die vollste Unterstützung der Polizei findet. Ihr Ziel ist es, alle Revolutionäre, welcher Partei fie auch immer angehören mögen, zu unterdrücken. Es dürfte einige ehrliche Leute in dieser Patriotenliga geben, der große Teil aber setzt sich nur aus ganz unwissendem Gesindel zusammen. Diele Liga sollte ein Widerspiel jener berüchtigten Patriotenverbindung sein, die am Anfänge der Regierungszeit Alexanders HI. gebildet wurde, um Spionendienste in Privathäusern zu versehen und um die Nihilisten erbarmungslos zu verfolgen und auszurotten. Trotzdem mehrere Großfürsten ihre Namen zu dieser Verbindung hergegeben hatten, erlitt fie doch ein klägliches Fiasko, da sich nur Lumpen zu den geheimen Polizeidiensten anwerben ließen. Die Huligans zusammen mit diesen „Patrioten" bilden in Rußland die „schwarten Banden", die jetzt eine so unheilvolle Rolle zu spielen beginnen. Wir dürfen ferner auch nicht außer acht lasten, daß ein Teil all jener Arbeiter und Proletarier,

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