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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-11-03 · 44 (3.11.1905) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
44 (3.11.1905)
Date
1905-11-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 692 Dr. Mocb's Mocbenscbrlrr. Nr. 44 Soweit Herr Chamberlain, der hier ein zwar selbst verfertigtes, aber doch einigermaßen gut getroffenes Konterfei arischen Dünkels, arischer Selbstgerechtigkeit und der neuen arischen Wissenschaft geboten. In dem biblischen Buche der „Sprüche" findet sich ein Satz, der allbekannt ist, von welchem man aber ruhig behaupten kann, daß er in d.er gesamten klastischen Literatur der Germanen und Griechen seinesgleichen nicht hat, und dieser lautet: „Der Fromme weiß, wie es einem Tiere zu Mute ist". 12, 10. Im Original ist das viel zarter ausgedrückt, es wird vom nefesch, der Seele, dem Gemüt des Tieres gesprochen. Die alten Semiten waren freilich keine Wissenschaftler, und Logik lehrte erst Aristoteles; allein der Semite wußte (jodea) von sich aus, wie es dem Tiere zu Mute ist und Herr Chamberlain selber dankt dieses Wissen der semitischen Erziehung, welche die arischen Völker durch zwei Jahrtausende in der Schule der jüdischen Bibel genoffen. Die Semiten hatten für ihre Tiere mehr inneres Mitgefühl als die Arier für ihre Sklaven und Leibeigenen! Herr Chamberlain zitiert ferner Deufsen's Worte: „Ist bei den Semiten Gott vor Allem der Herr und der Mensch sein Knecht, so herrscht bei den Jndogermanen die Vorstellung Gottes als Vaters und der Menschen als seiner Kinder vor." Herr Chamberlain hätte sich fragen sollen, aus welcher Hand das Christentum das „Vaterunser" erhalten hat? Weiß er nicht, daß das „Vaterunser" zusammengesetzt ist aus biblischen Versen, aus talmudischen, mit anderen Worten aus jüdischen Gcbetstücken? Als Moses den Auftrag erhielt, von Pharao die Freilaffung der semitischen Sklaven zu fordern, da hatte er den Tyrannen, auf Geheiß Gottes, mit den Worten anzusprechen: „Also spricht Gott: Mein erstgeborener Sohn ist Israel. Nun rede ich zu dir: entlasse meinen Sohn, daß er mir diene". Ex. 4,22. Das waren somit die allerer st e n Worte des semitischen Religio ns st ifters. Noch zwei Stellen aus dem Aufsatz in der „Zukunft" mögen hier notiert werden: „Ich wollte die Aufmerksamkeit darauf lenken, daß alles Denken der Arier diesen Weg geht. Man begreift unschwer, welch besondere Färbung eine Weltanschauung erhalten muß, deren Ausgangspunkt nicht die Verwunderung über die äußere Welt, sondern die Verwunderung über die innere Welt, über das eigene Selbst ist, — eine Weltanschauung, die nicht das empirische Universum als das zunächst Gegebene betrachtet, worüber, woraus und wodurch, auf dem Wege dialektischer Erwägungen, zu weiteren Einsichten zu gelongen sei, sondern für die das Unsichtbare, das Unfaßbare, das Unsagbare des eigenen Herzens das einzig ganz Zweifellose bildet." Diese Behauptung ist gewiß zutreffend. Auch der Gottgedanke ist den Semiten gekommen als eine Offenbarung des Alls, der Herr erschien ihnen auf dem Berge Sinai und die ganze Natur war in Aufruhr; bei dem Arier ist sie eine innere Offenbarung, eine Aeußerung des Ich. Die Bibel warnt mit der größten Eindringlichkeit davor, von der Gottheit sich irgend ein Bildnis zu schaffen, „denn du hast kein Bild gesehen am Tage, da der Herr sich offenbarte am Horeb", während dem Arier Gott erst die Gestalt des eigenen Ich annehmen muß, um zum Bewußtsein zu gelangen. Das Zentrum, von welchem das Denken ausgeht, ist bei dem Arier das eigene Ich und wendet sich erst von dem Ich auf das All; bei den Semiten ist das All dieses Zentrum und die Bahn seiner Gedanken führt erst von dem All zu dem eigenen Ich. Bei den Psalmisten findet sich der Satz: „Ich sehe den Himmel, deiner Hände Werk, Mond und Gestirne, die du geschaffen, Herr, was ist der Mensch, daß du sein gedenkest?" Mit dieser Verschiedenheit des Gedankengewebes hängt vermutlich die Verschiedenheit der Schriftform, bezw. der Schreibform zusammen, welche bei den Semiten von rechts nach links geht, bei den Ariern von links nach rechts. Die Gewohnheit des Denkens übte ihren Einfluß auf die Nervenstränge und auf die unbewußten Bewegungen der Hand bei den ersten und ältesten Schreibversuchen. Chamberlain bemerkt: „Hier nun, in dieser Anlage, die Weltanschauung von innen nach außen zu gestalten, liegt der Keim zu der unerhörten Entwickelung der metaphysischen Befähigung, hier liegt der Keim zu allen Großtaten des indoarischen Denkens. So wurzelt zum Beispiel der alte, unverfälschte Pessimismus der Inder, ihre Befähigung, das Leiden in der ganzen Natur zu erkennen, in der Empfindung des Leidens in der eigenen Brust; von hier aus breitet es sich über die Welt aus." Diese Bemerkung ist zutreffend, nur möchte ich sie ergänzen. Der Optimismus ist die Emanation des Altruismus, die Gabe und das Streben, über das eigene Leid hinweg, des eigenen Schmerzes vergessend, an der Schönheit des Alls, an der Harmonie des Ganzen sich zu erheben und zu erfreuen; wem jedoch das Ich das Zentrum des Denkens bildet, der kann über das Leid des winzigen Ich nicht hinweg, und es erscheint ihm vielmehr in Raum und Zeit erweitert zu einem Weltschmerz. Der Optimismus ist die Seele alles Fortschrittes in der Geschichte, hat alle Märtyrer und Kämpfer für Freiheit und Recht begeistert und entflammt, der Pessimismus war seit je die Philosophie der Reaktion. Darum haben die Inder ihre politische Freiheit nicht zu retten vermocht. Die wichtigste Konsequenz des Optimismus ist der starke Glaube an eine sittliche Weltordnung und an eine ideale Zukunft des Menschengeschlechtes. 'Der Jude, ob er noch so schwere Gewitterwolken über seinem Haupte hat zusammenballen sehen, sobald sie sich verzogen, kehrte seine heitere, lebensfrohe Stimmung wieder, um welche seine Feinde oft ihm neid sein dursten. Jahrzehnt um Jahrzehnt, Jahrhundert um Jahrhundert zogen dahin, seine Leiden steigerten sich immer mehr und mehr, ließen keinen frohen Ausblick auf eine Besserung zu, er aber blieb hoffnungsselig und erlösungsgläubig, sprach täglich morgens und abends die Ueberzeugung aus, den Anbruch des Gottesreiches „bald" zu schauen, das Reich der Gerechtigkeit und des Völkerfriedens. Sein Optimismus ging so weit, daß ein Lehrer im jerusalemischen Talmud bis zu der Aeußerung sich versteigt: „Daß jeder Mensch vor den Richterstuhl Gottes wird gefordert werden, für alles Schöne, das er mit seinen Augen gesehen und nicht genossen; das ihm Blick, Sinn und Herz hätte erfreut, davon er aber düsteren und verstockten Gemütes sich abgewendet." In einer jüdischen Familiengeschichte, in dem reizenden „Vögele der Maggid", läßt der Dichter den verliebtem „Koschminer", der sich von seiner Angebeteten verschmäht glaubt, vor lauter Liebesgram zu Kotzebue's Verzweiflung greifen. Sein Freund aber, der „Zempelburger", wehrt ihm die Sünde: „die Verzweiflung ist vom Goi, ein Jud tut gar nicht verzweifeln." Dem Optimismus dankt das jüdische Volk seine wunderbare Lebensenergie. Der Optimismus lehrte es die Kunst, sich über das Geschick zu erheben, um in allen äußern Stürmen die innere Freiheit und Fassung nicht zu verlieren. All das bittere Unrecht, das ihm widerfahren war, alle namenlose Gehässigkeit, die es erduldet hatte, ließen in seinem Herzen keine Verbitterung zurück, waren nicht im Stande, den natürlichen Frohsinn, die Lebensfreudigkeit ihm zu trüben. Das ist das Resultat semitischen Denkens. Arische Moral und Seidstgerechtigkrit. Die journalistischen Anbeter des Spittelberger Kultustempels und der gerichtsordnungsmäßig gesicherten Moral eines K. H. Wolf, die antisemitischen Preßkulis, werden nicht müde, den Prozeß Beer, trotzdem dessen „Held" längst „assimilirt" ist, zur Verunglimpfung des Judentums auszubeuten. Das „Deutsche Volksblatt" sprach von „jüdischer Unmoral und Perversitäten" und erklärte schließlich, „die den asiatischen Eindringlingen angeborenen moralischen Defekte seien bei dieser Rasse unausrottbar, trotz angelernter Bildung". Die „Deutsche Zeitung" wiederum schrieb darüber: „Neben dem Angeklagten Beer hat es in dem Skandalprozeß noch einen zweiten Angeklagten gegeben, dessen Gestalt in unheimlichen, ungreifbaren Umrissen hinter allen Akteuren des Prozesses stand und seine uns abstoßenden Vorgänge innervierte. Dieser zweite Angeklagte ist das Judentum und der stumme Ankläger ist die arischchristliche Weltordnung und Sittlichkeit."

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